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Reisen

Kenias wachsendes K-Hole

In Kenia bekommt man für 3,50 Euro eine Flasche reines Ketamin. Das ist eine sauberere Option, als Klebstoff zu schnüffeln.
20.8.14

In Kenia, wo die Arbeitslosenquote hoch und die gesetzlichen Hürden niedrig sind, erfreut sich Ketamin bei den höheren und niedrigeren Bevölkerungsschichten von Nairobi großer Beliebtheit. Im Allgemeinen wird das Arzneimittel ohne Rezept in einer Apotheke gekauft und dann mit einem Löffel und einer Kerze von einer Flüssigkeit in ein Pulver umgewandelt—fast wie bei Heroin, bloß genau andersrum.

Auf einem Balkon im westlichen Teil von Nairobi flackert eine Kerze. Ein paar Freunde sitzen dort auf Polstern unter einem wolkenverhangenen Himmel und warten darauf, dass der Mond etwas Licht spendet. Naree, der inoffizielle Anführer der nächtlichen Geschehnisse, nimmt das kleine, dunkle Fläschchen und gießt ein paar Milliliter einer sirupartigen Flüssigkeit in einen metallenen Esslöffel. Danach träufelt er etwas Wachs auf den Boden, damit die Kerze fest und aufrecht auf den Fliesen steht. Er hält den Löffel knapp über die Flamme, so das diese ganz leicht dessen Unterseite berührt.

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„Das ist der dubiose Teil“, lacht Naree. „Hier werden die Leute normalerweise abgeschreckt. Weißt du, sie sehen den Löffel und denken dann automatisch an Heroin.“

Nicht von alledem ist illegal. Wir haben das Ketamin sogar ganz ohne Rezept bei einer kleinen Tankstellen-Apotheke die Straße runter gekauft. Die ganze Flasche hat ungefähr 3,50 Euro gekostet, was viel weniger ist als eine Runde Bier in einer kenianischen Straßenkneipe.

Nach ein paar Minuten fängt die Flüssigkeit an zu zischen und unter dünnem, weißem Rauch bilden sich die ersten Kristalle, die nach bitterer chemischer Sublimation riechen.

„OK, bleib ganz ruhig und bewege es ein bisschen hin und her, damit das bereits Gekochte nicht verbrennt“, sagt Naree und lässt Nana weitermachen. Ich kann nicht genau sagen, ob er den Löffel oder die Flamme anstarrt, aber seine Augen sind fixiert und er blinzelt nicht. Die kleine Menge Flüssigkeit wird immer weniger und verschwindet schließlich mit einem letzten Zischen—jetzt wissen wir, dass die Prozedur fertig ist.

Naree zieht eine stumpfe Klinge aus seiner Tasche und schabt das Pulver auf den glänzenden Umschlag eines Notizbuchs. Er teilt den Haufen in ein paar dünne Lines auf und schnappt sich einen zusammengerollten Geldschein. Er hält mir das Notizbuch hin, schaut mich an und lächelt. Ketamin in ein starkes Beruhigungsmittel, das normalweise bei der menschlichen Anästhesie oder beim Tierarzt Anwendung findet.

Naree formt ein paar Lines aus dem Ketamin, das er gerade gekocht hat. Normalerweise hängt die Dauer deines Rausches von der Menge und der Art des Konsums ab. Zum Glück ist die Reinheit in Kenia kein Problem, da das Arzneimittel legal erworben werden kann.

Die kenianische Hauptstadt Nairobi ist eine geschäftige Ansammlung von aufragenden Finanzgebäuden in der Innenstadt, neben denen sich einige von Ostafrikas größten urbanen Slums befinden. Die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch, weshalb viele dieser Jugendlichen zum Party-Machen auf illegal gebrannten Schnaps zurückgreifen oder eine kreative Anwendung für das finden, was sie legal erwerben können. In den vergangenen Jahren erreichte der Freizeitkonsum von Ketamin durch junge Kenianer einen Höhepunkt—sie wollen damit entspannen und der Langeweile entgegenwirken. Es macht vielleicht einen riskanten Eindruck, ist aber immer noch besser als das Schnüffeln von Klebstoff—eine weitere beliebte Freizeitbeschäftigung der ostafrikanischen Jugend.

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Die Wirkung von Ketamin unterscheidet sich von der Wirkung anderer Club-Drogen, da es ein Anästhetikum und kein Amphetamin ist. Es stellt sich ein unbändiges Gefühl von Ruhe und Entspannung ein—dabei behältst du aber die kognitive Kontrolle, obwohl du nur noch undeutlich sprechen kannst und deine Bewegung eingeschränkt sind. Es ist fast so, als würdest du gleichzeitig alles und nichts kontrollieren. Konsumenten fühlen sich betrunken und high, aber noch klar im Kopf, und selbst inmitten des Chaos einer EDM-Show verspüren sie noch eine allgemeine Ruhe.

In Nairobi findet man Ketamin aber nur selten in einem Club. Es passt auch gar nicht in ein Nachtleben, in dem Afro-Beat-Pop und eine Tanzkultur vorherrschen, die sich auf heiße Rhythmen und sexuelle Annäherung fokussieren. Deshalb konsumieren es die Leute eher zu Hause oder in Gruppen und erleben einen ruhigen Rausch.

Die Wirkung von Ketamin dauert zwischen 30 und 60 Minuten an, je nachdem wie viel du nimmst. Es ist eine günstigere Alternative zu Alkohol und weniger offensichtlich als das Anzünden eines Joints in einem Club (was in Ostafrika allerdings auch nicht so ungewöhnlich ist).

Wenn die Dosis hoch genug ist, kommt das „K-Hole“: ein Zustand, in dem man sich von seinem Körper trennt, sich nicht mehr orientieren und sich an nichts mehr erinnern kann und dazu noch audiovisuelle Halluzinationen erlebt. Du fällst plötzlich rückwärts um, vergisst dabei aber, auf dem Boden aufzuschlagen. Irgendwo deckt dich jemand mit einer warmen Decke zu und du bist dir deiner Umgebung bewusst, es ist dir nur völlig egal, was passiert.

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Wie bei den meisten anderen synthetischen Drogen unterliegt auch der Freizeitkonsum von Ketamin in der westlichen Welt den Problemen von Reinheit und Legalität. Hier in Nairobi ist das Besorgen von medizinischem K so einfach wie der Kauf von Aspirin. Die meisten der kleinen Apotheken (bekannt als „Chemiker“) verkaufen es offen und ohne Rezept. Sie sind zufrieden mit jedem Grund, den sich die Leute ausdenken können. Wenn das Produkt aus der Tür ist, dann schert es sie nicht mehr wirklich, wohin es jetzt geht und es wird auch nicht nachverfolgt.

Naree nahm mich mit zu einer örtlichen Apothekerin namens Rafiki. Sie sagte, dass die letzte Person, die Ketamin gekauft hat, ein Junge war, der sich alle paar Wochen eine neue Flasche besorgt.

„Er sagte, dass er es für seinen Hund bräuchte oder so“, erzählte sie uns. „Aber er war jetzt schon eine ganze Zeit lang nicht mehr hier. Vielleicht ist dem Hund etwas passiert?“

Der häufige und langwierige Konsum wurde mit neurokognitiven Schädigungen und Gedächtnisdefiziten in Verbindung gebracht. Die Suchtquote ist niedrig, aber wie es immer der Fall ist, gibt es auch hier Spielraum für Missbrauch und psychologische Abhängigkeit.

Dr. Pierre Blier ist einer der führenden Ketaminforscher in Nordamerika und Professor in der Abteilung für Psychiatrie und Zellular-/Molekular-Biologie an der Universität von Ottawa. Seit Jahren erforscht er schon die klinische Verwendung von kleinen Dosen Ketamin als ein schnellwirkendes Mittel gegen schwere Depressionen und bipolare Störung—dabei hat er großen Erfolg.

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„Wenn man eine illegale Droge von der Straße konsumiert, dann weiß man nicht, was diese alles enthält. Es besteht immer die Möglichkeit, dass da etwas Ketamin drin ist, aber es ist wahrscheinlich vermischt mit anderen Sachen“, sagt Blier. „Wenn die Leute es also in ihrer Freizeit zu sich nehmen, dann konsumieren sie durch die Mischung vermutlich auch noch andere nicht erlaubte Drogen.“

Wenn es allerdings um das frei verkäufliche K geht, das wir auch in Nairobi finden, dann sagt Blier, dass der Körper die Droge durch das Schnupfen zu schnell aufnimmt. Da man nie genau sagen kann, wie viel man zu sich nimmt, besteht immer die Möglichkeit, dass der Blutdruck künstlich hochschnellt, was zu geplatzten Blutgefäßen und sogar zum Tod führen kann.

Niemand weiß genau, wann der Ketamin-Wahn in Nairobi aufkam, aber es scheint nicht so, als würde dieser in nächster Zeit wieder verschwinden. Wenn überhaupt, dann scheint er eher noch größer zu werden.

Zurück auf dem Balkon beginnen die Köpfe zu zucken und wieder wach zu werden, als die Wirkung des Ketamins langsam nachlässt. Das hysterische Lachen verstummt und jeder kommt langsam wieder zu Sinnen—genau so lange, um zu realisieren, dass wir eine neue Ladung brauchen, um den Rausch aufrecht zu erhalten. Es wird benommen rumgekramt und der ganze Vorgang wiederholt. Die Unterseite des Löffels hat dabei schon eine eklige schwarze Farbe angenommen.

„Weißt du, das ist nichts Besonderes“, sagt Naree, als er die Flüssigkeit wieder über der Flamme balanciert und auf das Feuerwerk wartet. „Es ist genau wie alles andere—einfach nur ein weiterer Weg, um sich abzuschießen und eine gute Zeit zu haben.“