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Der Staat bestimmt, was du essen darfst

Du denkst, du lebst in einem freien Land und hast die freie Wahl, genau das zu essen, was dir gut tut und dir am besten schmeckt. Aber das ist falsch.
7.8.13

Du denkst, du lebst in einem freien Land und hast die freie Wahl, genau das zu essen, was dir gut tut und dir am besten schmeckt. Aber das ist falsch.   Was in den Supermarktregalen liegen darf, unterliegt festen Vorschriften. Angeblich gelten diese Vorschriften zu unserem eigenen Schutz. Aber die Wahrheit sieht etwas anders aus: Durch die Lobby der Agrarindustrie stark beeinflusst, führt die Europäische Union einen Katalog, in dem genau festgelegt wird, was im Handel verkauft werden darf, und was nicht.

Dabei geht es zu einem großen Teil darum, dass die großen Agrarkonzerne versuchen, sich mit Patenten und Rechten ihre Kontrolle über die Märkte zu sichern, erzählt Carlo Polland—ein Kleinbauer, der sich auf seinem Hof auf die Erhaltung alter und seltener Gemüsesorten spezialisiert hat. Es ist nicht so, als ob Bauern nicht anbauen dürften, was sie wollten. Doch wenn sie ihre Gemüse und Früchte später offiziell im Handel verkaufen wollen, müssen sie sich strikt an die Regeln halten, ansonsten finden sie keine Abnehmer. Also, was hilft einem die Freiheit, anbauen zu können, was man möchte, „man muss ja, um zu überleben, auch sehen, dass man damit Geld verdient“, erklärt Carlo. Er darf seine Produkte zwar im Direktverkauf auch Restaurants und Endverbrauchern anbieten—doch damit seinen Unterhalt zu bestreiten, ist nicht leicht. Wir Konsumenten sind in diesem Spiel aber nicht nur Opfer. Ursprung und Qualität scheinen dem Endverbraucher nämlich nicht so wichtig zu sein: Das Hauptkriterium in Sachen Lebensmittel ist „Hauptsache billig!“. Während wir heute im Schnitt nur noch 14 Prozent unseres Einkommens für Ernährung ausgeben, waren es 1950 noch 45 Prozent. Gleichzeitig konsumieren wir heute soviel Fleisch pro Woche wie die meisten Menschen 1950 im ganzen Monat nicht. Ob dafür nun der Handel, die Verbraucher, oder alle zusammen verantwortlich sind, lässt sich nur schwer feststellen. Fakt ist, dass der Discountwahn in unserem Land und der damit verbundene Verlust an Qualitätsbewusstsein und Esskultur eine starke Rolle in der momentanen Entwicklung spielen. Aber wir sollten an dieser Stelle erstmal etwas weiter ausholen und erklären, worin das eigentliche Problem bei der beschriebenen Entwicklung besteht. Denn man könnte ja auch die Überlegung anstellen, dass es letztendlich egal ist, welche Gemüsesorten auf unseren Tellern landen, solange nur sichergestellt ist, dass wir von allen Gemüse- und Obstsorten genug bekommen. Doch Tomate ist nicht immer gleich Tomate und Apfel nicht gleich Apfel.

Zum Beispiel: Damit Winzer ihren Weinen das höchste Qualitätslabel „Grand Cru“ geben dürfen, erfüllen sie einige selbst auferlegte Kriterien. Ein interessanter Punkt ist, dass sie auf ihren Äckern nicht über einer bestimmten Menge an Trauben ernten dürfen. Dies wird nicht etwa getan, um die Menge dieser edlen Tropfen künstlich zu verknappen. Der Grund ist, dass die Qualität der einzelnen Früchte steigt, wenn die Pflanze die ihr verfügbaren Nährstoffe und Mineralien aus dem Boden auf weniger Früchte verteilen muss. Deshalb werden von den Rebstöcken schon im frühen Stadium ein Teil der noch grünen Trauben entfernt.   Im Obstanbau kennt man dieses Phänomen ebenfalls. Unter Bauern ist bekannt, dass an alten Bäumen zwar weniger Früchte wachsen, dafür deren Qualität aber um so höher ist. Auch gibt es Sorten von Obst und Gemüse, die grundsätzlich weniger Ertrag bringen als andere, aber dafür oftmals ganz besondere Eigenheiten in Geschmack und Nährstoffgehalt haben. Dies sind zumeist alte Sorten und genau diese sind es, welche uns—wenn es nach der europäischen Saatgutindustrie ginge—zunehmend vorenthalten werden sollen. Der offizielle Saatgut Katalog wird derzeit erneuert. Die Agrarindustrie möchte das Aufnahmeverfahren für diesen Katalog verändern und sehr aufwendig und kostspielig machen. Dies würde zur Folge haben, dass hauptsächlich große Konzerne finanziell in der Lage wären, Sorten in den Katalog aufnehmen zu lassen. Die Kosten würden sie natürlich nicht für alte Sorten auf sich nehmen, die die Menschen schon seit Hunderten oder Tausenden von Jahren anbauen und deren Saatgut Jahr für Jahr von der Ernte eingehalten wird, um im nächsten Jahr wieder neu gesät zu werden. Das Interesse der Konzerne ist es, das Saatgut der Sorten in den Katalog zu bringen, die sie selbst entwickelt haben und auf die sie Patente und Vertriebsrechte halten, um so die Bauern von sich abhängig zu machen.

„Das System der Industrie ist vollkommen durchstrukturiert“, erklärt Carlo. Zum einen sind die Konzerne daran interessiert, ihre eigenen Düngemittel und Pestizide zu verkaufen. Um dies zu erreichen, entwickeln sie Saatgut, das gegen ihre Mittel resistent ist. So können die Bauern die Chemikalien spritzen, ohne sich Sorgen machen zu müssen, dass es den angebauten Pflanzen etwas ausmacht. Dem selbstentwickelten Saatgut wird außerdem auch die Fähigkeit genommen, sich natürlich fortzupflanzen. Das bedeutet, dass die Bauern nicht einen Teil ihrer Ernte einbehalten können, um sie im nächsten Jahr wieder neu auszupflanzen. Sie müssen sich jedes Jahr neues Saatgut kaufen. Sollten irgendwann einmal alle Bauern aufgehört haben, ihr altes Saatgut Jahr für Jahr zu sichern und sich von den alljährlichen Lieferungen der Konzerne komplett abhängig gemacht haben, führt dies „zur kompletten Versklavung der Menschheit“, sagt Carlo. Ob es so drastisch kommt, sei dahingestellt. Fakt ist, dass die Welt, was die Sicherung ihrer Ernährung angeht, im Begriff ist, sich von einem Oligopol weniger Großkonzerne abhängig zu machen. Laut der Künstlerin und Biologin Nicole Meyer ist es eine „evolutionäre Katastrophe“, wenn Pflanzen systematisch die Fähigkeit zur Fortpflanzung genommen wird. Die Fähigkeit zur Reproduktion und Selbsterhaltung sei schließlich das entscheidende Merkmal, an welchem Leben als solches definiert werde. Hauptsache wir bekommen unser Essen, mag sich der eine oder andere an dieser Stelle immer noch denken, doch leider ist es nicht so leicht. Für die Industrie geht es in erster Linie darum, Geld zu verdienen. Sie entwickeln neue Sorten nach Kriterien wie Ertragssteigerung oder einer lager- und transportfreundlichen Form und Beschaffenheit. Ob in der Tomate im Supermarktregal am Ende auch tatsächlich soviel Tomate enthalten ist, wie es von außen den Eindruck macht, ist dabei nicht von primärem Interesse. Aber wie das alte Sprichwort schon sagt: „Der Mensch ist, was er isst.“ Industriell erzeugte Nahrung mag zwar satt machen, aber das bedeutet nicht, dass sie für unser Wohlbefinden die beste Wahl ist. Pestizide und andere Agrochemikalien können gefährliche Folgen für unsere Gesundheit haben. Die Artenvielfalt spielt eine wichtige Rolle bei der Abdeckung des durch uns benötigten Nährstoffspektrums, da unterschiedliche Sorten innerhalb einer Pflanzenart oftmals unterschiedliche bioaktive Substanzen enthalten. Dass die Konsequenzen der Marktentwicklung auf die Artenvielfalt und damit auf den vermeintlich größten Schatz auf unserem Planeten verheerend sind, ist schon jetzt klar. Heute spielen nur noch eine kleine Zahl an Nutzpflanzen und Sorten eine Rolle. Umso unverständlicher scheint es, dass von den öffentlichen Stellen nicht alle Anstrengungen unternommen werden, die vom Aussterben bedrohte Arten zu retten, indem man ihnen möglichst einfachen Zugang zum Handel und damit zu den Endverbrauchern verschafft. Die Politik deckt die Monopolisierung der Agrarindustrie unter der populistischen Begründung, es gäbe keine andere Möglichkeit, den Hunger der exponentiell wachsenden Weltbevölkerung zu stillen. Das Problem mag komplexer sein, und mit Sicherheit gibt es auf sämtlichen Seiten zahlreiche Argumente, die hier noch nicht berührt werden konnten. Doch vor allem drängt sich einem der Eindruck auf, dass es an der Zeit ist, ein wenig grundlegender über unsere Ernährungskultur nachzudenken. Es macht keinen Sinn, der immer schneller wachsenden Weltbevölkerung den Überfluss bieten zu wollen, den die westliche Welt im Moment erlebt, mit all seinen Folgen für die soziale und natürliche Umwelt. Anstelle dessen könnten die Anstrengungen doch darauf ausgerichtet werden, den Menschen verständlich zu machen, dass ein bisschen weniger oftmals ein bisschen mehr sein kann. 
 
Text und Fotos von Ludwig Cramer-Klett

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