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Vice Blog

Warum wird anti-muslimische Gewalt erst jetzt als Terrorismus eingestuft?

Seit dem Mord an einem britischen Soldaten Ende Mai gab es viele Aggressionen gegenüber der muslimischen Gemeinde: anti-islamistische Aufrufe in den sozialen Netzwerken; Versuche, muslimischen Frauen ihren Hidschab, auf der Straße herunterzureißen...

Foto von Tom Johnson

Vergangenen Freitag ist vor einer Moschee im britischen Tipton eine Nagelbombe explodiert. Der Anschlag ereignete sich ungefähr eine halbe Stunde nach der Beerdigung des Soldaten Lee Rigby—es war der letzte Anschlag einer ganzen Serie von Anschlägen auf die muslimische Gemeinde Großbritanniens. Alles begann, nachdem Lee Rigby, ein Mitglied der Königlichen Füsiliere, im Mai vor einer Kaserne in London von zwei Männern auf offener Straße ermordet worden war. Großbritanniens Islamgegner haben nicht nur Nagelbomben in ehemaligen Industriestädten deponiert. Seit dem Mord von Rigby Ende Mai gab es viele Aggressionen gegenüber der muslimischen Gemeinde: anti-islamistische Aufrufe in den sozialen Netzwerken; Versuche, muslimischen Frauen ihren Hidschab, die Körperbedeckung, auf der Straße herunterzureißen; Morddrohungen per Telefon sowie Attacken gegen Moscheen—von rassistischen Schmierereien bis hin zu Brandstiftung mit Benzinbomben. Gebe ich Rigbys Mördern—beides Muslime—die Schuld für diese anti-muslimische Hasswelle? Nein. Die Islamphobie existierte bereits vor dem Mord. Aber erst jetzt, gestärkt durch die Nachrichten vom grausamen Tod eines britischen Soldaten, kommen die Islamhasser aus ihrem Versteck, verwechseln Sikh-Tempel mit Moscheen und können das Wort „Koran“ in ihren Twitter-Meldungen nicht richtig buchstabieren. Bis 1812 war es gegen das britische Gesetz, ein Moslem zu sein—jedoch wurde ihre Gemeinschaft in diesem Land nie als etwas anderes als „die Anderen“ gesehen. Natürlich waren es die Anschläge vom 11. September, die jeden, der rechtsorientiert ist, dazu brachten, Muslime auf die selbe Art und Weise wie die Flugzeugentführer zu behandeln. Und seither breitet sich die anti-muslimische Haltung der islamophoben „Patrioten“ aus. Im Vereinten Königreich ist das am Aufstieg von Säuferzirkeln wie der English Defence League (EDL), die politisch rechtsaußen einzuordnen sind, erkennbar.

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Die Polizei nach der Nagelbombe von Tipton, Foto von Assed Baig

Die Medien sind mitschuldig—sie definieren die Charakteristika, unter denen ein Moslem als „gut“ oder als „böse“ eingestuft wird. Ein guter Moslem ist demnach jemand, der Mitglieder der muslimischen Gemeinschaft kritisiert und den britischen Reportern erzählt, dass die Radikalisierung nichts mit der britischen Außenpolitik zu tun hat oder mit dem Gefühl, innerhalb des Vereinten Königreichs keine Stimme zu haben. Der schlechte Moslem ist derjenige, der ausspricht, was er denkt, protestiert, Mängel an der britischen Außenpolitik aufzeigt und im Grunde alles tut, was einen reißerischen Kommentar in den Boulevardblättern des Landes provoziert. Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem, was die muslimischen Gemeindechefs in den Medien sagen, und den wahren Gefühlen auf den Straßen in Gegenden wie Tipton, Birmingham und Bradford. Die Moslems auf den Bildschirmen sind mediengefällig und entschuldigend; in der Hoffnung, gehört zu werden, schmeicheln sie sich ein bei den Mächtigen. Zur selben Zeit herrscht auf den Straßen Wut und Frustration. Am Freitag habe ich ein paar junge Muslime in Tipton nach ihrer Meinung zu dem Nagelbomben-Anschlag befragt. „Das waren die Goreh“, sagten sie mir. „Goreh“ bedeutet „die Weißen“, kann aber—wenn man es richtig betont—auch mit „die Rassisten“ übersetzt werden. Ich sprach auch an, dass die English Defence League am 20. Juli eine Rallye in Birmingham plant (ca. 15 km von Tipton entfernt). „Die wollen, dass wir zu Hause bleiben, während diese Rassisten über uns herziehen. Das können die vergessen! Ich werde nicht zu Hause bleiben“, sagte mir einer der Jugendlichen. Diese Meinung hat folgenden Hintergrund: Die Polizei und lokale muslimische Gemeindechefs haben die muslimische Jugend davon abbringen wollen, gegen die rechte EDL zu demonstrieren. Der offensichtliche Fehler ist hier jedoch, dass sie, anstatt ihnen zu erlauben, ihrem Ärger Luft zu machen, den Ärger künstlich anstauen. Sie erlauben einer Gruppe zu demonstrieren, während sie eine andere zum Schweigen bringen wollen. Die Polizei bezeichnet den Angriff auf die Moschee in Tipton als Terrorismus, was—nachdem sie mit dem Anwohner Amar Khan gesprochen haben—absolut Sinn macht. „Wenn diese Bombe hoch gegangen wäre, während dort Menschen sind, hätte es Opfer gegeben“, erzählte er mir. „Für die Freitagsgebete gehen 300 bis 400 Leute in die Moschee.“

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Eine muslimische, solidarische Demonstration für Lee Rigby nach seiner Ermordung, Foto von Jack Delf
  
Dennoch ist es gefühlt das erste Mal, dass die britische Polizei einen Angriff von Weißen auf Muslime als terroristischen Akt einstuft. Nachdem zum Beispiel Ende letzten Monats eine selbstgebastelte Bombe nahe einer Moschee in Walsall gefunden worden war, sagte die Polizei, es sei kein Verbrechen mit einem terroristischen Hintergrund. Ich schrieb die dortige Polizei via Twitter an und stellte ihre Sicht der Dinge in Frage. Am nächsten Tag haben sie dann einfach die betroffene Zeile aus ihrer Pressemitteilung entfernt. Es ist offensichtlich—wenn ein Moslem es macht, ist es Terrorismus; wenn ein Nicht-Moslem es macht, ist es „nur“ ein Verbrechen. Und solche Vorfälle werden selten als Hasstaten bezeichnet, geschweige denn als terroristische Anschläge. Ein Farbbomben-Angriff auf eine Moschee in Belfast, eingeworfene Fenster einer Moschee in Brixton, Brandstiftung bei einem islamischen Internat in Bromley, Brandstiftung in einem islamischen Zentrum in Nord London (welches komplett zerstört wurde), Hakenkreuze an der Wand einer Moschee in Redditch und mit Graffiti beschmierte Gräber von Moslems in Wales—das sind nur ein paar Beispiele für die Hasstaten seit dem Mord an Rigby. Es sind Verbrechen, die geplant und durchgeführt werden, um eine bestimmte Gemeinschaft zu terrorisieren, jedoch nicht als solche anerkannt werden—jedenfalls nicht im selben Maße wie die Verbrechen eines Moslems. Wieder sind die Medien mitschuldig. Journalisten berichten ständig über Islamisten, aber sie haben Angst vor dem Begriff der Islamophobie. Die Religion eines Kriminellen wird nur erwähnt, wenn er ein Moslem ist. Muslimische Frauen werden pauschal „unterdrückt“, sobald sie es bevorzugen, einen Hidschab zu tragen. Der Imam ist ein Extremist, Moscheen sind eine Bedrohung, das Minarett ist ein Zeichen von zunehmender Islamisierung und anscheinend gibt es einen „geheimen“ Sharia-Richter, der einen barbarischen Prozess führt, in dem Leuten die Hände abgehackt werden. Und während Moscheen weiterhin zur Zielscheibe werden und die muslimische Bevölkerung in der Presse für die Taten von ein paar wenigen verunglimpft wird, muss die Gemeinschaft das mit künstlicher Würde und Ehre ertragen—eine „Sei-still-und-nimm-es-einfach-hin-Methode“, zu der ihr aus Angst geraten wird, um nicht noch mehr Benzin in das lodernde Feuer zu schütten.

Foto von Henry Langston

Natürlich löst das innerhalb der muslimischen Gemeinden eine wachsende Frustration aus. Ich höre das, wenn ich ins Fitnessstudio gehe, wenn ich im Park sitze und wenn ich die Straße runterlaufe; muslimische Politiker sind unrepräsentativ—sie haben ihre Herkunft vergessen, sobald sie es ins Parlament geschafft haben. Sie verhalten sich wie die Stimme des britischen Islam, ohne ein einziges Mal die Stimmen und Meinungen von den Leuten da draußen zu berücksichtigen. Wo war etwa Sajjad Karims Stellungnahme, die die Empörung seiner Wählerschaft zu den Twitter-Hetzen nach Rigbys Mord widerspiegelt? „Zieht ihre Kinder aus den Moscheen und tötet sie“, schrieb zum Beispiel ein Twitter-Nutzer. Und was schlägt die Regierung für den weiteren Umgang mit dieser Sache vor? Ich warte noch auf eine Stellungnahme von David Cameron zu dem Angriff auf die Moschee in Tipton—eine Tat, die, wäre sie eine Stunde später verübt worden, Hunderte Menschen hätte töten oder verletzen können. Stell dir vor, die Situation wäre umgekehrt—ein Moslem hätte eine christliche Kirche angegriffen; es würde dann die Erwartung geben, dass sich die muslimische Gemeinde entschuldigt und die Taten, die von ein paar einzelnen verübt worden sind, verurteilt. Das wird jedoch nicht erwartet, wenn Muslime angegriffen werden: Es gibt keine Sondersitzungen, kein Gefühl von Dringlichkeit, kein Interesse. Muslime, so scheint es, sind überflüssig. Je länger die Regierung so weitermacht, desto größer wird das Problem. Jahrelang wurden unschuldige Muslime im Ausland bombardiert und getötet—Muslime, die wie Muslime in diesem Land aussehen; Muslime mit den gleichen Namen, Muslime mit den gleichen Kleidern und der gleichen Sprache. Und wieder: Stell dir die Empörung der weißen Briten vor, wenn Cameron Truppen aussenden würde, um schamlos die Hälfte der unschuldigen Expat-Gemeinschaft in Costa del Sol abzuschlachten und so zu tun, als ob das ein Kollateralschaden bei der Jagd auf ein paar extremistische Christen ist. Die muslimische Gemeinschaft macht nur 4,8 Prozent der Bevölkerung Großbritanniens aus. Sie sind bereits eine viel schikanierte Minderheit und die Hetzjagd wird ständig schlimmer. Seit dem Tipton-Attentat haben Anti-Terror-Einheiten Moscheen in West Midland besucht und den Leuten gesagt, sie sollen wachsam sein und Verdächtiges sofort melden. Wir müssen uns daran erinnern, dass die Muslime die Opfer und nicht die Armeen von Rassisten, die schlecht informiert und gewalttätig sind und mit Georgs-Kreuz-Faggen durch die Straßen Großbritanniens ziehen.