
Ich gehe echt gerne abends mal weg (wie ihr wisst), aber Festivals hasse ich. Mir fällt spontan keine gute Erfahrung ein, die ich dort je gemacht hätte. Ich hasse Camping, Dosenbier, Strohhüte und etwa 90 Prozent der Musik, die dort gespielt wird.
Darum habe ich auch nie wirklich den Reiz des Glastonbury Festivals im Südwesten Englands verstanden. Aber es hat den Ruf, das Festival schlechthin zu sein; jeder liebt Glastonbury. Selbst die Leute, die noch nie da waren, lieben es. Genau wie die, die ständig darüber reden, als ob es Walhalla wäre, nur mit Phill Jupitus und Steampunks auf Einrädern.
Als sich also die Gelegenheit ergab, bei diesem Partywochenende dabei zu sein, ignorierte ich also meine Vorurteile und warf mich in die „Glasto-Experience".

Das erste Klischee, das dir bei Glastonbury begegnet, ist der Schlamm. Es ist buchstäblich der Kleber, der das Festival zusammenhält, und das Fundament für die billigen Zelte, deren Heringe jedes Jahr hastig in den Boden geschlagen werden.
Bereits Donnerstagnachmittag, als es in Strömen regnete, sah es nicht so aus, als ob mein beschissenes Zelt und meine sauberen Kleider lange erhalten bleiben würden. Ich musste wohl einkaufen gehen. Zum Glück war es äußerst eindrucksvoll, was so alles verkauft wurde—ich meine, wer kauft sich ein Yin-Yang-Print auf einem Musikfestival?

Die gesamte Gegend war voller geschäftiger Unternehmer, die alleinig mit der Intention angereist waren, mich und andere Großstadtbewohner übers Ohr zu hauen, deren einziger Kontakt mit der Natur normalerweise von Dokumentationen im Fernsehen kommt, die man sich verkatert anschaut.
Sicher, es gab auch sinnvolle Dinge wie Regenmäntel und Gummistiefel, aber auch eine wahre Lawine von nutzloser Scheiße. Fast so, als hätten sich die schlechtesten Verkäufer der Umgebung entschlossen, übers Wochenende kulturverwirrten, italienischen Touristen nur Bob-Marley-Feuerzeuge und Taschen von The Nightmare Before Christmas anzudrehen.

Vor allem aber wurde die Festival-Kultur durch den Strohhut definiert. Ein Kleidungsstück, das seine Wiedergeburt in den Händen von Pete Doherty begann, nur um dann von The Kooks kopiert zu werden. Mit diesen Hüten sieht jeder, wirklich jeder, aus wie ein Fan von Mumford & Sons.

Das ist mein erstes Mal. Ich habe also kein Recht, mich zu beschweren. Aber ich wette, ich könnte einen alten Hippie finden, der hier herkam, als hier noch Anti-Atomkraft-Demos und psychedelische Viehausstellungen stattfanden, und jetzt von diesen Typen ziemlich verwirrt wäre. Die im Übrigen alles repräsentieren, wofür das Festival seit ein paar Jahren steht: ein massives Besäufnis für Typen, die aussehen wie walisische Cage-Fighter und stolz ihre Armani-Hosen und Tribal-Tattoos zeigen. Ich denke, das Gute ist, dass das Glastonbury groß genug ist, damit einem diese Kerle nicht auffallen.

Auf der anderen Seite gibt es auch noch die Traditionalisten, die scheinbar für das Festival leben und vermutlich die restlichen 360 Tage des Jahres in einem Dorf in einem Umreis von 100 Kilometern verschimmeln.
Das ist Glastonburys Äquivalent zu den Leuten, die mit der britischen Flagge beim Nationalfeiertag auflaufen; die omnipräsenten, professionellen Rumtreiber, die eher da sind, um Gott zu sehen und nicht HAIM.

Es sah so aus, als ob viele Leute auf dem Festival für ihr Ticket arbeiten. Das hatte etwas Romantisches, war erfrischend neu und anders als meine bisherigen Erfahrungen mit den Sicherheitskräften, die bisher immer alle so aussahen, als ob sie aus derselben Familie menschenhassender Hinterwäldler stammen. Im Vergleich dazu waren dieses Mädchen im Foto hier und ihr Beduinen-Piraten-Kumpel wahre Schutzengel—willkommene und freundliche Gesichter im Chaos.

Natürlich gab es auch die klassischen, urbanen Exzentriker, die vermutlich nicht für Drogen (außer vielleicht Schnupftabak und Laudanum) da waren, sondern um sich den kostümierten Prunk der Veranstaltung zu gönnen. Schau sie dir an, wie stolz sie dort mit ihrem Zylinder und den Netzstrumpfhosen herumstehen, als ob das Ganze eine komplett überlaufene Steampunk-Swinger-Gartenparty wäre. Ich wette, insgeheim verachten sie Leute in Gummistiefeln.

Wie so oft sind die lächerlichsten Kostüme für die scheinbar langweiligsten Typen reserviert. Ich verstehe sowieso nicht so ganz, warum man bescheuerte Kostüme auf einem Festival tragen muss. Es scheint, als machen die Leute das nur, um ihre Geschichten hinterher noch etwas ausschmücken zu können. Als ob man eine Anekdote nur dadurch verbessern könnte, dass man die ganze Zeit wie eine Comicfigur rumläuft oder eine Pferdemaske trägt.

Das Verstörendste, das ich gesehen habe, waren wohl die Jauche-Trucks, die tuckernd und piepend über das Gelände krochen; fast so, als ob sie jederzeit bereit wären, ihre stinkende und giftige Ladung über die ahnungslosen Benga-Fans an der Silver-Hayes-Bühne zu kippen. Ihnen wohnte eine Bedrohung inne, die Erwachsene verstummen ließ und Babys zum Weinen brachte, wenn sie wie Panzer in einem ungeliebten Krieg an dir vorbeirollen.

Letztendlich musste ich mein egoistisches Verlangen, das gesamte Wochenende bei den Pantomimen zu verbringen, unterdrücken und mir ein paar Bands ansehen. Und wo fängt man da besser an als bei der Pyramid-Bühne? Glastonburys Hauptveranstaltung—das Herz und die Seele. Es ist hier genau so, wie das Festival im Fernsehen anzuschauen, nur so als würdest du im eigenen Garten stehen und von Weitem einen Fernsehbildschirm betrachten. Der Sound, der tatsächlich bei einem ankommt, wird über das Feld verteilt und sorgt dafür, dass sich jede Band wie verträumter Gitarrenpop anhört. Was großartig wäre, wenn man ein gesamtes Festival lang nur kaum erkennbare, ferne Echos hören wollen würde.

Ich glaube auch nicht, dass ich ein Hater bin, wenn ich das sage. Aber es sah nun mal so aus, als ob alle Leute bei der Hauptbühne nur da waren, weil sie das Gefühl hatten, sie seien dazu verpflichtet; freundliches Mitnicken und halbherzige Körperbewegungen, die eher zum Rapper Professor Green und Rufus Wainwright passen würden. Mal abgesehen von den Fans der Headliner, die sich auch nur minimal bewegten, sahen alle immer so aus, als würden sie einfach nur auf die nächste Band oder einen späten Bus warten.

Die anderen Bühnen waren da etwas besser in Sachen Qualität und Intimität, aber wie immer hängt wirklich alles vom jeweiligen Künstler ab. Ich schätze, es ist einfach etwas sehr Herzerwärmendes, wenn Leute so sehr auf Live-Musik stehen, dass sie um 14 Uhr bei einer Bühne stehen und einen ganzen Auftritt von Everything Everything mitklatschen. Allerdings hat es auch etwas Deprimierendes. Aber vielleicht ist es so, dass einer es liebt, wenn The Vaccines ein kraftloses Rihanna-Cover spielt, während Andere ihr „Glasto-Moment" irgendwo anderes finden.
„Glasto-Moment"! Wenn diese Redewendung nicht verdammt gut zusammenfasst, warum man mache Journalisten nicht erlauben sollte, über Jugendkultur zu berichten, dann weiß ich es auch nicht.

Es wurde bereits gesagt, aber das Glastonbury ist einfach zu groß. In London würde ich viel Geld dafür zahlen, Kerri Chandler zu sehen. Auf dem Glastonbury habe ich es einfach irgendwie vergessen. Letzten Endes war es, wie ein wirres iPod-Shuffle-Festival zu sehen, das ich mir selbst zusammengestellt habe. Nicht weil ich das so wollte, sondern weil das der merkwürdige, wechselhafte Weg war, den mich Glastonbury entlanggeführt hat.

An dieser Stelle sollte ich auch erwähnen, dass sich das Festival wegen der schier undurchdringlichen Masse von Menschen auch hervorragend dazu eignet, Drogen zu nehmen; so wie diese jungen Menschen auf MDMA es hier demonstrieren. Gott allein weiß, warum man auf der Pyramid-Bühne Pillen oder sonstwas schmeißen sollte; es ist nicht 1995. Es sei denn, man ist versessen darauf, Ben Howards ernsthaftes Geschwafel mit dem Geräusch der eigenen knirschenden Zähne zu ersetzen. Die Hauptbühne ist die Zentrale für schlechte Vibes für jede Art von Droge.

Es wirkt auch mich äußerst desorientierend an einem Ort zu sein, wo es so groß und abwechslungsreich ist. Hier zum Beispiel gab es eine voll funktionsfähige Drag-Bar, deren Größe für jede europäische Stadt vollkommend ausreichend ist. Auf dem Glastonbury findet man so etwas irgendwo in der hintersten Ecke des Shangri-La-Felds.
Ich kann mich dunkel daran erinnern, irgendwann auch auf dem Latin-Feld gewesen zu sein. Auf dem gerade stattfindenden Notting Hill Carnival—das einzige Event, das mit dem Glastonbury in Sachen Größe und Bevölkerungsanzahl mithalten kann—ist der Latin-Teil ein Truck inklusive Soundsystem. Auf dem Glastonbury ist dieser so groß wie der Spielplatz meiner ehemaligen Schule, vielleicht sogar größer.

Als die Bands sich so langsam verabschiedeten und sich die Familien in ihre angestammten Gebiete zurückzogen, kam etwas Seltsame übers Glastonbury. Die Drogen begannen bei so ziemlich jedem zu wirken, der noch unterwegs war und eine Menge unterschiedlichster Gestalten versammelte sich in einem Paintball-Park. Eine Zusammenstellung, die eher an einen äußerst bizarren Bandenkrieg erinnerte: Crust-Punks mit komischen Frisuren, shirtlose Junkies auf Speed und Koks, kostümierte Cirque du Soleil-Typen und die Londoner Unterschicht.
Alle waren kräftig unterwegs, auf so vielen Chemikalien wie sie im ganzen letzten Jahr konsumiert hatten, und veranstalteten diese unglaubliche, unheilige Verbindung unter dem klaren Himmel Westenglands. Trommelschläge und Feuerwerk auf dem Feld waren bis in die frühen Morgenstunden zu hören. Es war der Niedergang Saigons für die unfertige Generation.

Wie in jeder Schlacht gab es Opfer. Der harte Schlammteppich unter dem Publikum war schon bald mit Körpern übersät. Um sie herum Menschen, die ihre iPhone-Blitzlichter abfeuerten und sie freudig in diesen schrecklichen Momenten einfingen, wie Amateurfotografen des Hedonismus.
Würde man das in der Londoner Innenstadt machen, würde man verhaftet werden. Auf dem Glastonbury hingegen, bleiben die wirklich abgefuckten Leute einfach liegen und erinnern an öffentliche Kunstinstallationen, während die Sicherheitskräfte und Mitarbeiter sie nur müde belächeln wie Busfahrer in einer Kunstgalerie. Ich schätze, es hat einfach etwas Beruhigendes, Leute in dem ganzen Chaos so friedlich und betrunken kuscheln zu sehen.

Als die Sonne anfing, ihre graue Dämmerung auf die Felder des Todes zu werfen, begaben sich viele Leute auf die nahen Hügel, so wie es die Tradition des Festivals verlangt. Es schien, als ob der Großteil der vollkommen zerstörten Flüchtlinge sich entschied, dass das Festival ihren Ansprüchen nicht mehr genügte, und sich in Splittergruppen in die Einöde zurückzog—um merkwürdige Klamotten zu tragen, auf Steinen zu sitzen und zu philosophieren.

Es war so, als ob sich in dieser Phase des Festivals jeder in einen Hippie verwandelte. Ich bin mir sicher, dass sich die Typen mit den Armani-Hosen und den Tribal-Tattoos ebenso von diesem nebligen Wahnsinn hätten anstecken lassen—wenn sie es denn zum Steinkreis geschafft hätten, anstatt schon um Mitternacht ins Koma zu fallen. Überall wo man hinsah, fanden Leute in Straßenklamotten den Weg zurück zur Natur, umarmten Bäume und sangen Lieder. Sie sammelten alles mögliche, um kleine Festungen um sich herum zu bauen, während sie an Balloons sogen und versuchten, 2CB von Typen in Jogginganzügen zu kaufen.

Es schien, als handelte es sich bei allem um eine Art kontrollierten Wahnsinn. Eine halblegale Möglichkeit für Menschen, die ihren Verstand dort verlieren wollten, wo es alle anderen auch taten.

(Foto von William Coutts)
Erst in diesen Höhen hatte ich mit erweiterten Pupillen meine Erleuchtung fürs Glastonbury meinen Moment des Verstehens. Man realisiert plötzlich, dass trotz des ganzen Trubels um Mumford & Sons oder darum, ob Tyler, the Creator irgendwelche Grenzen des guten Geschmacks übertritt, das Ganze nichts bedeutet. Die Musik ist nur schmückendes Beiwerk für diese transzendentale Massenerfahrung.
Ich bin immer noch nicht vollends von Festivals überzeugt, bin aber auch nicht sicher, ob das Glastonbury nur ein Festival ist. Es ist vielmehr ein Mikrokosmos der Gesellschaft, in dem jeder ständig drauf ist. Ein Festival, bei dem die Leute eher ihr Leben in diesem bunten Haufen leben als sich nur ein paar Bands anzuschauen und Drogen zu nehmen—wie bei jedem anderen Festival.
Das Glastonbury ist eine unglaubliche Erfahrung, eine großräumige Ansammlung von Wahnsinn, die unerklärlicherweise das 21. Jahrhundert überlebt hat und dabei zumindest einige radikale Ideale intakt lässt. Aber versucht dabei zumindest, anständig zu zelten.
Fotos: Jake Lewis
