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Sport

Jeff Grosso hat interessante Dinge über das Skate-Business und Drogen zu sagen

Große Konzerne im Skateboarding sind so etwas wie dein kleiner Bruder, der mit dir zum Slayer-Konzert will. Nach langem Betteln können sie mitkommen, aber nur solange sie dabei ruhig sind.

von Chris Nieratko
06 Juni 2013, 3:03pm


Jeff Grosso und sein Sohn, Oliver. Foto von Chris Nieratko

Eines der meistdiskutierten Themen im gegenwärtigen Skateboard-Business ist der Kannibalismus durch Großkonzerne, denn die Einbindung von Outsider-Firmen in Skateboarding ist derzeit so groß wie noch nie. Marken, die bisher niemals Interesse an der Aktivität Skateboarding gezeigt haben, riechen jetzt das schnelle Geld und wollen ein Stück vom Kuchen.

Nun schreibe ich diesen Artikel nicht, um die Gier im Skateboarding herabzwürdigen—sie war schließlich von Beginn an ein Teil des Business. Die Gier nach mehr ist eine menschliche Eigenschaft. Ist es da noch überraschend, dass der erste dokumentierte Skater ein Nazi war? (0:32)

Bis zu einem gewissen Punkt genieße ich sogar die Einbindung dieser großen Konzerne, weil sie dicke Kohle in die Taschen meiner asozialen Skateboard-Freunde bringt. Sie verdienen das. Schließlich nehmen sie mehr Schmerzen in Kauf als NFL-Spieler und sie investieren mit Sicherheit mehr Arbeit in ihre Aktivität als Tiger Woods. Also bin ich dankbar, dass sich meine Schulabbrecherfreunde nun ein Dach über dem Kopf und eine Krankenversicherung leisten können, so lange sich diese Firmen für Skateboarding interessieren.

Ich denke, dass diese Outsider-Firmen immer im Skateboarding involviert sein werden. Die meisten von uns bekommen Kohle von irgendwelchen dieser Firmen. Es ist, was es ist. Ich arbeite selbst für Vans. Und obwohl diese Firma zu einem großen Konzern gehört, der nichts mit Skateboarding am Hut hat, war ihre Philosophie immer: „Skateboarding hat Vorrang.“ Es geht uns einfach hauptsächlich um die Skate-Kultur. Und diese Kultur muss erhalten bleiben. Wenn wir als Skate-Community es also erlauben, dass uns diese Konzerne irgendwelche Verhaltensregeln vorschreiben, dann geht das einfach zu weit. Das klingt jetzt vielleicht idealistisch, aber ich denke nicht, dass der Typ mit dem meisten Geld bestimmen sollte, wer wir sind und was uns erlaubt und nicht erlaubt ist zu tun und zu sagen. Es ist in etwa so, als würde dich dein kleiner Bruder nerven, weil er will, dass du und deine Freunde ihn zu einem Slayer-Konzert mitnehmt und wenn er dich lang genug nervt sagst du: „Gut. Komm mit, aber du sagst kein Wort!“

Alle Outsider dürfen mit ihrem Geld mitkommen, aber sie sollen ihre stinkenden Mäuler dabei geschlossen halten.

Vor Kurzem hat ein Hersteller von Basketball, Fußball und Golfschuhen sich dazu entschlossen, sein Maul aufzureißen und seinen Teamfahrern gesagt, dass es nicht OK ist, sich wie Skater zu benehmen und nicht wie Vorbilder à la Kobe Bryant, Tiger Woods oder Lace Armstrong. In einem Interview mit mir sprach der besagte Skater über (vom Arzt verschriebenes) Weed und erzählte einige Geschichten aus seiner Teenager-Zeit, die nun rund 25 Jahre her ist. Irgendein hohes Tier in der Firma fand das nicht gut und feuerte den Skater daraufhin sofort. Seine Haupteinkommensquelle war dadurch von einem Tag auf den Anderen versiegt.


Foto von Chris Nieratko

Ich habe mittlerweile schon viele Diskussionen zu diesem Thema geführt und mitverfolgt, aber die traurigsten Argumente kommen von einer neuen Generation von Skateboardern, die sagen, der Skater hätte es besser wissen sollen oder der Konzern hätte ihm ein Medientraining geben sollen oder, dass er für diese Firma unterschrieben hat und deshalb nach ihrer Pfeife tanzen muss.

DARAUF SCHEISSE ICH.

Das ist Skateboarding. Diese Firmen haben sich entschieden, bei diesem Spiel mitzuspielen. Skateboarding ist nun einmal eine „jugendliche“ Aktivität; wenn es das nicht wäre, hätten wir keine über 50-Jährigen, die es machen und es als gottverdammten Jungbrunnen bezeichnen. Die Natur von Skateboarding ist rebellisch. In jeder Generation gibt es neben Saubermännern wie Paul Rodriguez, Tony Hawk oder Stacy Peralta immer auch Skater wie Jay Adams, Tony Alva, Jason Jessee, Jeff Grosso, Mike Vallely oder Ricky Oyola. Das ist die Art von Typ, der die Problemkinder inspiriert und sie zu Skatern fürs Leben macht. Ich habe übrigens gar nichts gegen diese „braven“ Skater in der Geschichte—ich liebe es, sie skaten zu sehen—, aber für jemanden wie mich und meine Freunde aus kaputten Familien waren es immer die Weirdos, die Außenseiter und die Fuck-ups, zu denen wir aufsahen. Wenn die etwas sagten, war es ehrlich und von Herzen und keine eingelernte Phrase. 

Als ich jung war, liebte ich Jason Jessee, während alle Anderen die Bones Brigade anhimmelten. Und zwar deshalb, weil er die grauslichsten Geschichten überhaupt erzählen konnte. Die heutige Skateboard-Welt würde um einiges beschissener sein, wenn jemand Grosso vor Jahren gefeuert hätte, weil er das ausgesprochen hat, was er dachte oder ihn wegen seiner Drogeneskapaden aus dem Team geworfen hätte.

Wie ihr wahrscheinlich bemerkt habt, habe ich ein großes Problem mit alldem. Nicht nur mit der Tatsache, dass das moderne Skateboarding zwei Persönlichkeiten besitzt, sondern vor allem damit, dass das auch noch akzeptiert wird. Es gab zu dieser Geschichte kaum offizielle Erwähnungen in den „objektiven“ Skateboard-Medien. Warum? Weil jeder Konzern viel Werbegeld investiert, während die Budgets schrumpfen und die Printmagazine aussterben. Freie Meinungsäußerung ist also dem Geld zum Opfer gefallen.

Und ich finde das Scheiße. Um es mit den Worten des Dudes zu sagen: „This aggression will not stand, man!“

Ich bin mehr als glücklich, mich mit den Konzernen einzulassen und dass meine Freunde damit gutes Geld verdienen können, aber ich mag keine Menschen, die mir vorschreiben, wie ich mich zu verhalten habe. Ich will nicht, dass mir jemand sagt, wie ich fahren soll. Ich will nicht, dass mir jemand vorschreibt, wie ich meine Kinder erziehen soll und ich werde niemanden in meinem Haus dulden, der mir vorschreiben will, wie ich meine Frau zu ficken habe. Und ich werde sicher nicht dabei zusehen, wie das Ding auf der Welt, das ich am meisten liebe (außer Muschis), von demjenigen kastriert wird, der die fetteste Geldbörse hat.

OK, das war's. Ich dachte nur, dass ich es ein bisschen Aufrichtigkeit in die Diskussion bringe, weil jetzt gerade die vierte Staffel der Vans-Webserie Grosso´s Loveletters To Skateboarding herausgekommen ist.

Und außerdem war es an der Zeit, mit meinem Kindheitshelden Jeffrey Blain Grosso zu sprechen und ihn zu fragen, ob er jemals wegen Drogen aus einem Team geflogen ist.

Hier kannst du dir letzten Staffeln von Jeff Grosso´s Loveletters to Skateboarding ansehen

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