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Role Models von John Waters Teil 4

In diesem Ausschnitt aus Role Models von John Waters geht es um Der Mann, der seine Kinder liebte von Christina Stead und Zwei ernsthafte Damen von Jane Bowles, bei beiden geht es um Wut.
29.11.10

Wir machen genau da weiter, wo wir letzte Woche aufgehört haben. In diesem Ausschnitt aus Role Models von John Waters geht es um Der Mann, der seine Kinder liebte von Christina Stead und Zwei ernsthafte Damen von Jane Bowles, bei beiden geht es um Wut. Hier sind der erste, zweite und dritte Teil. Der letzte Teil über die literarischen Helden des berühmten Regisseurs folgt bald.
John Waters - Role Models

"Bookworm" - Teil vier

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Keine Lust mehr über merkwürdige Kinder zu lesen? Dann reden wir doch mal über Wut bei Erwachsenen. Ich liebe es über Wut zu lesen. Von einem Buch über "schlechte Gefühle" bekomme ich gute Gefühle. Und kein Buch in der Literaturgeschichte ist deprimierender als Christina Steads Der Mann, der seine Kinder liebte. Dieses niederschmetternde Porträt einer der hasserfülltesten, unangenehmen und unglücklichen Ehen, die sich jemals jemand ausgedacht hat, wurde 1940 veröffentlicht; mit wenig Aufwand und recht doppelbödiger Kritik ("Irgendwann wird Christina Stead die englischsprachige Literatur dazu zwingen sie zu akzeptieren," schrieb Clifton Fadiman im New Yorker. "Und ich sage, zwingen. weil ihre Qualitäten sie nicht gerade für einen sofortigen, warmen Empfang empfehlen"). Die Autorin Mary McCarthy war nicht so freundlich und nannte das Buch eine "hysterische Tirade", erfüllt von "angsterfüllter, unangenehmer Rachsucht." Es ist nicht sehr überraschend, dass Der Mann der seine Kinder liebte schnell in der Versenkung verschwand. Als es 1965 wiederaufgelegt wurde, wurde es endlich so gelobt, wie es es verdient hatte: "ein lang vernachlässigtes Meisterwerk" und ein "großer schwarzer Diamant von einem Buch." Ich wurde ein Fan.

Henny Pollit, unsere wütende Heldin ist in einer Ehe mit einem predigendem Langweiler gefangen, der dafür sorgt, dass sie ständig schwanger bleibt. Und noch schlimmer, er gibt ihr ständig Lektionen über "die Liebe und das Gute." Als er zu einer seiner Predigten  ansetzt und sieht, wie Henny anfängt wie besessen Notizen zu machen, denkt er, dass seine Frau so inspiriert ist, dass sie anfängt mitzuschreiben, aber als er über ihre Schulter schaut kann er lesen: "Sei still, sei still, sei still, sei still, sei still." Henny hasst ihren Mann mit solcher Inbrunst, dass man als Leser vor lauter Galle am liebsten in die nächste Notaufnahme möchte
"Wie kannst du das nur sagen! Wie kannst du nur-" stottert ihr Mann, aber wenn Henny erstmal anfängt, dann kann niemand mehr die Attacken von Henny aufhalten. "Du hast mich genommen und mich schlecht behandelt," wütet sie "und du hast mich fast verhungern lassen, weil du nicht genug Geld angebracht hast, du hast vom Geld meines Vaters gelebt und sein Geld und seinen Einfluss benutzt, um dich über meinen Schmerz und mein Elend zu erheben … du hast nur über deinen eigenen Erfolg geredet und damit angegeben, aber die ganze Zeit war ich es und nur mein Körper, aus dem du deinen Erfolg genommen saht. Du hast meine Knochen und meine Seele gebrochen und mir deine viehische Liebe aufgezwungen … Um mich herum gesabbert und das Liebe genannt und mich Monat auf Monat mit Kindern gefüllt, während ich dich gehasst habe und voll Abscheu war und dich angeschrien habe, mich in Ruhe zu lassen."

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Wir sollten einen Hass-Buchclub gründen und die Dialoge aus diesem großartigem Roman nachspielen. Los du spielst Henny und ich spiele den Ehemann und wir schreien uns mit gemeinen Beleidigungen an und erleben zusammen den gemeinsamen Horror einer gescheiterten Ehe. Los, gib Henny Wut eine Stimme! Beschwer dich laut darüber, womit sie klarkommen musste: "Dein immerwährendes Gerede, Gerede, Gerede, Gerede, Gerede … es hat mich gelangweilt, mich und meine Ohren gefüllt mit Gerede und Geplapper, bis mein einziger Ausweg war, mich umzubringen um dir zu entfliehen. … Ich bin fertig; du kannst deine Koffer packen und abhauen." Ok, super, jetzt kannst du es weiter aufbauen und über seine Familie lästern: "deine vorlaute unangenehme Schwester," und schrei "nimm deine Huren-Schwester mit," wie es Henny tat. Jetzt spiele ich den Ehemann und scheuer dir eine. Und dann kannst du mich mit einem Messer angreifen, genau wie im Buch. . Vielleicht hören die Nachbarn von unten den ganzen Aufruhr aus unserem Hass-Buchclub und kommen hochgelaufen, weil sie Angst haben dass etwas passiert ist. Wenn wir sie in der Wohnung haben, werden wir sie dazu bringen auch Der Mann, der seine Kinder leibte zu lesen und sie können sich auch die furchtbare Stille am Ende dieser Szene vorstellen, wenn Henny geschlagen am Boden liegt und ich als Ehemann, den verletzendsten Satz überhaupt zuflüstere: "Das schlimmste ist dass du mich immer noch auf eine Art liebst; alles was du tust—sogar das hier!—zeigt mir das. Ich weiß es!"

Willst du lieber was lustigeres zu lesen? Vielleicht sogar absurd? Die Autorin war Alkoholikerin und hat eine Menge Zeit in der Psychiatrie verbracht, aber vielleicht wird ja Zwei ernsthafte Damen von Jane Bowles, immerhin das Lieblingsbuch von Tennessee Williams, deine Laune verbessern. Ich erinnere mich noch gut daran, als Elloyd Hanson, der mittlerweile verstorbene, großartige Besitzer des Provincetown Bookshops mir diesen Roman empfahl, als er 1966 wiederaufgelegt wurde. Nachdem ich es gelesen hatte, war ich unglaublich dankbar dafür, die Welt der literarischen geistigen Gesundheit zugunsten dieser vollständigen Verneinung emotionaler Realität verlassen zu haben. Und ich bin nie wieder zurück gekommen. Zwei ernsthafte Damen hast mich zu einem echten Leser gemacht und wenn du es lässt, wird es dasselbe für dich tun.

Jane Bowles

Zunächst 1943 veröffentlicht, verwirrte es die meisten Kritiker ("Die Handlung zu entwirren … würde vermutlich bedeuten, die eigene geistige Gesundheit in Frage zu stellen," schrieb der Kritiker der New York Times) und fand sich dann jahrelang in einem Fegefeuer der Ergriffenheit, wobei aber die Kredibilität dieses Romans nie verblasste. "Selten ist die Reputation so glamourös wie die Untergrund-Reputation die sie (Bowles) genießt, seit dieser Roman … veröffentlich wurde," schreib ein anderer Kritiker der New York Times, nachdem das Buch wiederbelebt wurde. "Die extreme Seltenheit des Buches, nachdem es nicht mehr gedruckt wurde," fährt er fort, "hat seine Legende nur vergrößert. Als ein Verleger aus London es neu drucken lassen wollte … war sogar Mrs. Bowles nicht dazu in der Lage eine Ausgabe aufzutreiben." Ich wollte seit Jahren eine Erstausgabe der gebundenen Version auftreiben und irgendwann habe ich es geschafft. Manchmal, wenn ich mich schlauer fühlen will, schleiche ich mich an dieses Buch auf meinem Regal an und küsse es.

Zwei ernsthafte Damen ist die parallele Geschichte von zwei äußerst exzentrischen Frauen die verrückte Abenteuer und eine Art von innerem Frieden suchen. Ihre unvorhersehbaren sexuellen Vorlieben sind vollkommen merkwürdig. Mrs. Copperfield muss mit ihrem Mann in Urlaub fahren, spaziert herum und verliebt sich aus unerfindlichen Gründen in eine weibliche Prostituierte namens Pacifica, die die Gefühle zwar nicht erwidert, aber für Geld immerhin halbherzig mitspielt. "Du kannst dir gar nicht vorstellen, wieviel Angst ich davor habe, dich zu verlassen," sagt Mrs. Copperfield zu ihrer erstaunten neuen Freundin kurz nachdem sie sie kennengelernt hat. "Ich weiß ehrlich nicht, wie ich das schaffen soll … Ich habe solchen Angst, dass du einfach verschwindest." "Sie will aufhören zu denken," sagt Pacifica als sie versucht, Mrs. Copperfield einem männlichen Kunden zu erklären. Als Mrs. Copperfield plötzlich ihren Kopf zurück wirft und anfängt ein Lied zu grölen, fragt der Freier höflich, "Haben Sie mal in einem Club gesungen?" Sie antwortet fröhlich, "Eigentlich nicht. Aber wenn ich in der Stimmung war, habe ich früher laut in einem Restaurant gesungen und ziemlich viel Aufmerksamkeit erregt."

Als eine Freundin der Copperfields, die reiche Witwe Mrs. Goering, ihren Familiensitz verkauft um mit ein paar Leuten in ein runtergekommenes Haus auf dem Land zu ziehen um ihre "kleine Idee von Erfüllung" zu verwirklichen, merkt si, dass selbst dieser impulsive Schritt nicht genug ist. Deshalb macht sich sich auf den Weg um die Unterseite des halbseidenen Nachtlebens, nah und fern zu erkunden.  Aber Mrs. Goering scheint in anderen Leuten unerwartete Feindschaft zu wecken. Als sie versucht mit einer Dame in ihre Zugabteil Konversation zu betreiben, reagiert die Fremde mit unerwarteter Wut. "Ich werde das keine Minute länger ertragen," sagt sie. "Ich habe bereits genug echte Probleme in meinem Leben, ich brauche nicht noch Verrückte." Sogar der Schaffner mischt sich ein und sagt "Sie dürfen mit niemandem in diesem Zug reden, ausser sie kennen die Person. Wenn sie nochmals mit dem Zug fahren, bleiben sie sitzen … und sagen sie das auch ihren Freunden und ihrer Familie."  Unbeeindruckt verlässt Mrs. Goering den Zug und betritt eine alte Bar, wo sie Andy trifft, einen Penner, in den sie sich sofort verliebt und bei ihm einzieht. "Du bist eine Verrückte," murmelt Andy und er hat recht. Nach nur acht Tagen verkäst sie Andy und brennt mit einem fetten Geschäftsmann namens Ben durch, der ein Leichenwagen-mäßiges Auto fährt und fälschlicherweise denkt, dass sie als Prostituierte arbeitet. Andy stöhnt, "Du, eine normaler Mensch, kannst mir doch so etwas nicht antun." "Doch, das kann ich leider, Andy," antwortet Mrs. Goering. "Ich muss meinem eigenen Stern folgen."

Als sich Mrs. Goering und und Mrs. Copperfield am Ende des Buches in einer Hotelbar wiedertreffen, jeweils begleitet von ihren unpassenden Liebschaften, erlebt das Herausplappern unangenehmer Wahrheiten dieser zwei ernsthaften Damen einen weiteren verrückten Höhepunkt. "Ich bin vollkommen befriedigt und zufrieden," erklärt die verwirrte und immer loyale Mrs. Copperfield, noch während ihre angebliche Partnerin Pacifica wegläuft um, wie angekündigt, ihren Freund zu heiraten. Als der fette Geschäftsmann die verliebte Mrs. Goering vollständig ignoriert und sie im Hotel stranden lässt, bemerkt er nur am Rande ihr Unbehagen. "Hey, du," ruft er, als er in sein Auto steigt, um weg zu fahren, "Dich habe ich ganz vergessen. Ich muss weit weg, um eine wichtige Sache zu regeln. Ich weiß nicht, wann ich wieder zurück bin. Auf Wiedersehen." Beide Frauen reagieren mit bewundernswerter Logik. "Es stimmt, ich bin auseinander gefallen," erklärt Mrs. Copperfield, "was genau das ist, was ich schon seit Jahren machen möchte." "Ich bin auf jeden Fall näher daran, eine Heilige zu werden," reflektiert Mrs. Goering, und ich glaube ihr.

Foto: Greg Gorman