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Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
The Fashion Issue 2012

Schuhe machen Leute

Igor Dewe ist genau die richtige Dosis an Spaß, die der verdrießlichen, humorlosen Modebranche fehlt: der Franzose schustert nämlich Schuhwerk aus allerlei Zeug zusammen.

von Milene Larsson
03 April 2012, 7:00am

Archivbilder mit freundlicher Genehmigung von Igor Dewe


Igor in Montmartre, Paris, in seinen Konservendosenschuhen, gefundenen Stoffen und einer traditionellen kroatischen Weste als Highlight

Igor Dewe ist genau die richtige Dosis an ausgelassenem Spaß, die der verdrießlichen, humorlosen Modebranche fehlt: ein bärtiger 21-jähriger Franzose, der bekannt wurde, als er in regenbogenfarbenen Lycra-Batik-Shorts, absatzlosen Plateaupumps und Fez mit sexy Hüftschwung die Limousinen blasierter Journalisten einseifte, die gerade auf der Pariser Fashion Week eintrafen. Igor ist Tänzer, Performer, Modeaktivist und Designer, und er stellt die originellsten und verrücktesten Schuhe her, die wir je gesehen haben. Wir sprechen hier über etwa 40 cm hohe Plateauschuhe aus Obst, Konservendosen, Sandburgen, Kerzenwachs und Blättern. Er stellt nicht nur eigenhändig Schuhe her, sondern entwirft auch ebenso spektakuläre Outfits und Performance-Art-Utensilien. Einmal befestigte er zum Beispiel eine Obstpresse über seinen Genitalien und forderte die Zuschauer auf, die aus einem damit verbundenen Plastikschlauch tröpfelnde süße Leckerei zu schlürfen. Natürlich mussten wir mit Igor sprechen, zum Wohl all der traurigen Seelen in der Modebranche—und der Welt ganz allgemein.

VICE: Hallo, Igor. Woher hast du die Ideen für deine verrückten Schuhe?
Igor Dewe:
Ich weiß nicht. Ich spiele einfach herum und arbeite viel mit Konzepten. Ich habe mit dem Schuhemachen angefangen, weil ich es mir nicht leisten konnte, ständig Schuhe von Yves Saint Laurent und Christian Louboutin zu kaufen. Ich baute mein erstes Paar aus einer Holzpalette, und dann habe ich ein Paar aus Konservendosen gemacht. Mein Vater hat eine Werkstatt, in der er Flugzeugteile zusammenschweißt. Ich benutze sein Werkzeug, um stabile, architektonische, maskuline Schuhe zu bauen.

Du glaubst also, Männer können Absätze tragen und dabei noch maskulin wirken?
Ja! Sieh dir doch mal orthopädische Schuhe an. Sie wirken Wunder bei Menschen mit deformierten Füßen. Ich finde das Konzept hinter diesen Schuhen interessant. Man kann nicht erkennen, wo der Fuß ist. So kann man unmerklich die Gestalt verlängern. Ich finde das genial—, dass man seinen Körper so seinen Wünschen entsprechend verändern kann. Ich hätte total gerne superlange, schöne Beine, aber ein Paar maßgefertigte orthopädische Schuhe würden über 4.000 Euro kosten! Also mache ich mir stattdessen selbst welche.

Wie läuft es sich denn auf etwa 40 cm hohen Absätzen?
Das ist eigentlich ziemlich einfach, aber manchmal sind die Schuhe schwer, und manchmal schneide ich mich daran. In meinen Schuhen zu laufen, ist eine Herausforderung, und das mag ich. Ich habe keine Angst davor umzufallen, ich gehe einfach los. Manchmal muss ich allerdings umkehren, weil alles voller Blut ist und ich nicht mehr laufen kann.

Verkaufst du deine Schuhe?
Ich glaube nicht, dass ich sie verkaufen könnte; sie sind ja ziemlich empfindlich, und es dauert eine Ewigkeit, sie herzustellen.

Aber wenn es keinen wirtschaftlichen Nutzen gibt, wozu dann die ganze Mühe?
Wenn ich Fotos meiner Performances sehe, frage ich mich: „Bin ich verrückt? Warum bin ich da hingegangen und habe das getan?!“ Ich schätze, es ist mir ein seelisches Bedürfnis, zu performen und zu kreieren. Wenn ich mich nicht selbst herausfordere, wenn ich die Schuhe, die ich entworfen habe, nicht baue und keine Performance oder kein Video mache, bin ich deprimiert und fühle mich wie ein Versager. Es ist ein Bedürfnis, ein sexueller Trieb. Du weißt nicht, was passieren wird, wenn du auf der Straße performst, und das ist der Adrenalinkick, den ich brauche. Dann fühle ich mich lebendig.

Igor behauptet, er trage seine metallenen Plateauschuhe (oben rechts) bei Orgien mit seinen Roboterfreunden. Danach ziehe er seine Kerzenschuhe an (oben links) und bete um Vergebung für seine Sünden. Er brauchte zwei Tage, um die Obstschuhe zu kreieren (unten), die ihr in seinem Video Selling My Juice sehen könnt.

Wirst du vermarktet? Über einen Agenten oder eine Galerie?
Nein. Ich würde schon gern bekannter werden, aber ich bin wirklich nicht gut in dem ganzen Kommunikations- und Marketingkram.

Komm schon, du bist ein Marketinggenie. Deine Performance draußen vor Gallianos Abschlussshow für Dior, bei der du wie ein römischer Kaiser gekleidet warst—auf irrsinnig hohen Plateausohlen mit Blumen in der Hand und dem Schild „Der König ist tot“—war ein brillanter Publicity-Stunt. Das hattest du doch gründlich durchdacht.
Obwohl Galliano furchtbare Dinge gesagt hat, und das, was ihm passiert ist, auch wirklich verdient, wollte ich ihm dennoch für alles, was er geleistet hat, meinen Tribut zollen. Galliano und Jean Paul Gaultier sind meine Lieblingsdesigner, weil sie Folklore und vergessene Kulturen in einem modernen Ethno-Glamourmix wieder lebendig machen. Ein paar von Gallianos Freunden kamen auf mich zu und bedankten sich bei mir. Ich weiß nicht, ob Galliano mich gesehen hat, aber ich war in vielen Zeitungen. Selbst Boy George hat in seinem Blog etwas über mich gepostet.

Warum hast du mit diesen Performances angefangen, wenn nicht, um deine Schuhe zu promoten?
Ich habe vor ein paar Jahren neue Leute kennengelernt, und wir haben viel zusammen gefeiert. Schließlich zogen sie bei mir ein. So habe ich Maja Bergström getroffen, die meine Videos macht. Wir brauchten Geld für die Miete, also haben wir mit Performances unter dem Namen House of Drama angefangen. Wir haben in Clubs performt, auf Kunstmessen, Mode-Events und sogar bei den Filmfestspielen in Cannes.

Was war deine erste Solo-Performance?
Money Mercy. Da habe ich während der Pariser Fashion Week neben den Laufstegen in einem Gipsy- und Folklorestil-Outfit und auf Nina-Ricci-Plateauschuhen um Geld gebettelt. Ich liebe Mode, aber die Fashion Week ist zu einem verlogenen, kommerziellen Mega-Event mit Polizeiüberwachung verkommen. Ich musste einfach protestieren, dieses perfekte Luxus- und Schönheitsuniversum, zu dem nur die Elite geladen wird, ein wenig aufmischen und es in die Realität zurückholen. Ich wollte die Leute daran erinnern, dass Mode auch draußen stattfindet, auf der Straße. Meine zweite Performance war ein Protest gegen die Redakteure und Modejournalisten, die sich selbst für Stars halten und in Limousinen vorfahren. Ich hab mir überlegt: „Denen werd ich die Autos demolieren!“

Meinst du die Performance, die du in dem Video Fashion Carwash dokumentiert hast? Ich liebe dieses Video! Besonders den Teil, in dem der Bodyguard den Eimer mit Seifenwasser über dir ausgießt.
Ja, der Bodyguard und ich hatten eine kleine Auseinandersetzung. Mode ist so ernst und langweilig geworden. Ich wollte etwas Humor hineinbringen. Die Interaktion mit der Öffentlichkeit ist mir wichtig. Ich arbeite gerne auf der Straße und teste die Reaktionen der Leute. Ob sie sich aufregen, wütend werden, sich freuen oder neugierig werden, wenn sie mich sehen. So entsteht eine Verbindung, und das gefällt mir gut.

Komisch, dass alle deine Performances in Paris stattfinden. Die Pariser sind ja bekanntlich ziemlich gnadenlos gegenüber allen, die sich absichtlich von der Masse abheben.
Das stimmt. Die Atmosphäre in Paris ist nicht gerade freundlich. Ich merke, dass die Menschen unfreundlicher werden, und das macht mir Angst. Als komme etwas Bedrohliches auf uns zu. Vielleicht ist es nur die Wirtschaftskrise, aber ich habe das ungute Gefühl, dass der Faschismus wiederkommt. Ich performe nur, wenn ich den Mut dazu finde. Ich bin oft deprimiert und habe das Gefühl, dass niemand mich braucht.

Es hat ewig gedauert, bis Igor genug Muscheln für diese Schuhe gesammelt hatte, und er brauchte jede Menge Sekundenkleber, damit sie hielten. Aber selbst damit lösten sie sich auf, als er das dritte Mal durchs Wasser watete. Jetzt existieren sie nur noch in seinem Video The Little Sand Castle.

Wir brauchen dich unbedingt.
Ich performe aber immer, wenn ich auf Reisen bin. Das ist toll, um ein neues Land kennenzulernen. Das letzte Mal war ich in New York. Ich habe jeden Tag performt, und es war unglaublich, weil die Leute so positiv waren. Ich habe mich wirklich wie Mickey Mouse gefühlt. Ich würde gern noch mal hin. Allerdings kann ich zurzeit nicht in die USA einreisen, weil ich neulich, nach einer meiner Performances auf der Art Basel in Miami, für eine Nacht im Gefängnis gelandet bin.

Du wurdest eingesperrt? Weswegen?
Ja, das war schrecklich. Ich sollte an einem von Le Baron [ein Pariser Nachtclub] ausgerichteten Abend in einem Hotel performen, aber es standen so viele Menschen davor, dass ich nicht hineinkam. Ich versuchte es mit dem Personaleingang, aber die Wachleute haben mich brutal auf den Bürgersteig geworfen. Dann kamen sechs Security-Typen und hielten mich fest. Als die Polizei kam, versuchte ich zu erklären, was passiert war und dass ich dort auftreten sollte. Aber sie entgegneten, es sei ihnen egal und „in dieser Stadt hier tragen wir draußen auf der Straße nicht solche Absätze“. Dann warfen sie mich in den Knast.

Du bist wegen der Absätze im Knast gelandet?
Ja, das war schon verrückt.

Wirst du bei deinen Performances öfter von der Polizei oder Security-Leuten belästigt?
Ja, immer! Das ist wirklich ärgerlich und nervig. Ich brauche jetzt auch immer eine Genehmigung, wenn ich performen möchte.

Kann man nicht einfach das tragen, was man möchte?
Nein. Selbst wenn ich einen Teppich und einen Minirock tragen würde, würden sie mir mit dem Knast drohen, da ich ja „nackt“ bin. Aber ich bin nicht nackt! Ich setze mich auch gern für politische Themen ein, aber ich habe dabei ständig Ärger mit der Polizei. Mein letzter politischer Protest war meine Performance Grève de Vêtements Pour Sauver la Grèce [Kleiderstreik zur Rettung Griechenlands], bei der ich in Blätter und Blumen gehüllt auf Plateausohlen herumlief, ganz im antiken griechischen Stil.

Was hast du als Nächstes vor?
Ich weiß noch nicht. Darüber zerbreche ich mir gerade den Kopf. Aber es ist schwierig. Wenn ich mir die Schuhe anschaue, die ich kreiert habe, denke ich, dass ich daraus eines Tages eine Ausstellung und ein Video machen könnte. Das wäre schön.

Mehr über Igors Schuhe und einige seiner extrem lustigen Videos findet ihr auf: www.igordewe.com.

Fotos von Maciek Pozoga