10 Fragen an einen Metzger, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Macht Töten Spaß? Schonmal einen Korb wegen deines Berufes bekommen? Schmeckt frittierter Schweine-Anus wirklich wie Calamari?

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07 Dezember 2016, 5:00am

Titelfoto: privat

Manche Kinder spielen mit Lego, Benjamin spielte mit Schweineknochen. Sein Vater betreibt die Landfleischerei Koch in Calden bei Kassel und hält auch selbst Schweine. Benjamin, 35, half, seit er klein war, in der Metzgerei aus und machte nach der Schule eine Ausbildung zum Fleischer. Dann krempelte er sein ganzes Leben um, zog nach Berlin, wurde Veganer und studierte Modemanagement. Nach ein paar Jahren in einer Berliner PR-Agentur kehrte er aber doch in den Familienbetrieb zurück: "Ein PR-Fuzzi kann jeder sein, Fleischer nicht", sagt er. Benjamin legte die Fleischermeister-Prüfung ab ("das ist eine Art Master für Metzger") und hat inzwischen über 1.000 Schweine geschlachtet. Auch seine Schwester kehrte nach ihrem Studium in Paris in die Heimat zurück, zusammen wollen sie den Betrieb übernehmen.

Was bringt zwei junge Menschen dazu, Berlin und Paris gegen Schweine in Calden einzutauschen? Wir waren neugierig. Und zugegeben auch inspiriert von den 10 Fragen an einen Bäcker, die du dich niemals trauen würdest zu stellen derTitanic. Vielleicht fehlt es Bäckern und Metzgern genau deshalb an Nachwuchs, weil die Menschheit nicht genug über diese Ausbildungsberufe weiß? Vielleicht sollten wir alle aufhören, hinter unseren Macs darüber zu seufzen, dass wir viel lieber "was Echtes" mit "unseren Händen" machen wollen, und einfach mal Fleischer werden? Wir haben bei Benjamin nachgefragt.

VICE: Macht Töten Spaß?
Benjamin Koch: Spaß macht das nicht, aber es macht mich auch nicht mehr traurig. Mein erstes Schwein tötete ich mit 18 und ich weiß schon seit klein auf, wie das abläuft. Als 5-Jähriger habe ich schon geweint, als ich zum ersten Mal mitbekommen habe, was Tod bedeutet und dass das Schwein nie mehr quieken wird. Aber dann wurde es zur Gewohnheit. Nur einmal hat es mich getroffen. Mit 15 hatte ich zwei Hausschweine, Pinky und Brain, sie waren wahnsinnig schlau—übrigens sind alle Schweine ungefähr so intelligent wie Hunde. Pinky und Brain haben sich immer gefreut, wenn ich mit Äpfeln ankam. Aber als ich aus dem Urlaub zurückkam, waren sie nicht mehr da. Papa sagte, wir haben Platz gebraucht. Ich war zuerst sauer, habe es dann aber doch eingesehen. Seitdem versuche ich, keine Beziehung zu unseren Tieren aufzubauen.

Hast du dir beim Zerteilen von Tieren schon einmal vorgestellt, wie leicht es bei einem Menschen wäre?
[Lacht] Bis jetzt noch nie, aber bei der nächsten Schlachtung werde ich jetzt garantiert darüber nachdenken. Ein Schwein ist der menschlichen Anatomie sehr ähnlich und ist ungefähr so groß wie ich. Einen Menschen zu zerteilen, wäre wahrscheinlich nicht körperlicher anstrengender als ein Schwein. Unsere Tiere betäube ich zuerst mit einer Elektrozange. Wir tun alles, damit sie keine Angst haben. Wenn sie Stress haben, stimmt der PH-Wert des Fleisches nicht. Das betäubte Schwein hänge ich an einen Haken und steche ihm mit einem Messer in den Hals. Das Blut sammeln wir für die Blutwurst auf. Das Schwein zerteile ich mit einer Elektrosäge, dann mit scharfen Messern. Ich habe auf jeden Fall mehr Muckis als zu meiner Zeit in Berlin.

Wie riecht der Tod?
Die Dämpfe, die vom toten Schwein aufsteigen, sind wirklich ein ganz spezieller Geruch. Schwer zu beschreiben, wenn man es nicht kennt. Muffliger Keller kommt dem wohl am nächsten. Mir fällt es meistens nicht mehr auf, aber wenn ich länger im Urlaub war, schlägt es mir in die Nase.

Schon einmal einen Korb von einer Vegetarierin bekommen, nachdem du erzählt hast, dass du Fleischer bist?
Ja, eine hat schon mal direkt gesagt: Ich finde das eklig. Und als ich in Berlin eine Affäre mit einer Veganerin hatte, habe ich drei Monate lang verschwiegen, was ich für eine Ausbildung habe. Als ich es dann aber gestand, war sie nicht sauer. Sie meinte: Du kannst da nichts dafür. Früher habe ich mich für meine Ausbildung geschämt und lebte in zwei Welten. Aber inzwischen stehe ich dazu. Ich war auch schon einmal mit unserem wurstverziertem Lieferwagen bei einem Date. Das fand die Dame ganz lustig.

Benjamin ohne Kittel | Foto: privat

Sagst du auf Tinder, welchen Beruf du hast?
Ich habe inzwischen eine Freundin, tindere also nicht. Aber auf Instagram und Snapchat schreibe ich, dass ich Metzger bin. Ich glaube nicht, dass eine Beziehung zwischen einer Veganerin und einem Fleischer unmöglich wäre. Ich kann Veganer gut nachvollziehen und entwickle jetzt auch eine vegane Wurst. Wenn meine Kinder alt genug sind und Veganer werden wollen, hätte ich großes Verständnis.

Welches Fleischprodukt würdest du selbst auf keinen Fall essen?
Kirmes-Burschen—das sind bei uns in der Gegend Männer, die die traditionelle Kirmes organisieren—kommen zu uns, um einen Becher warmes Schweineblut zu trinken. Manche kotzen davon, aber so ist ihr Aufnahmeritual. Das wäre nicht so meins, obwohl ich schon warmes Blut probiert habe, als beim Schlachten ein paar Tropfen auf meiner Lippen gelandet sind. Ansonsten würde ich persönlich keine Billigwurst aus dem Supermarkt kaufen. Ich verstehe, dass die meisten sich nicht immer Bio leisten können. Aber dann lieber nur einmal die Woche Fleisch.


Ist es schwer, als Metzger nicht fett zu werden?
Ja. Man arbeitet körperlich hart und hat deshalb ständig Hunger. Mein Tag beginnt um 4:30 Uhr und geht bis mindestens 17 Uhr. Außerdem bin ich ständig vom Essen umringt. Ich bin jetzt kein grober, dicker Fleischer. Aber ich bringe schon mehr auf die Waage als zu meiner Zeit in Berlin.

Als du in Berlin gelebt hast, warst du Veganer. Jetzt schlachtest du Tiere. Wie geht das zusammen?
Im Studium konnte ich mir kein Bio leisten und Produkte aus Massentierhaltung wollte ich nicht essen. Heute esse ich ab und zu ein Stück Biorind und unsere eigene Ware. Ich weiß, dass unsere Schweine ein gutes Leben hatten. Sie können auf der Wiese buddeln, sich suhlen und werden mindestens anderthalb Jahre alt­. Ein normales Mastschwein frisst sich in den ersten vier bis sechs Monaten 90 Kilo an und wird dann geschlachtet. Meistens hat es in seinem ganzen Leben kein Tageslicht gesehen. Fressen, Kacken, Sterben—das ist ihr Leben. Aber wenn die Tiere artgerecht gehalten wurden, habe ich kein schlechtes Gewissen, sie zu essen. Generell wäre es nicht schlecht, wenn jeder dazu imstande wäre, das Tier, das er isst, auch selbst umzubringen.

Ich habe gelesen, dass frittierte Schweine-Ani schmecken wie frittierte Calamari-Ringe. Urban Legend?
Die Textur und der Eiweißgehalt sind auf jeden Fall ähnlich. Und frittiert schmecken auch Ziegelsteine ganz gut .

Denkst du, dass der Domian-Anrufer, der sich eine Frau aus 60 Kilo Hack zum Vögeln baute, es ernst meinte?

Wundern würde es mich nicht. In meinen 35 Jahren habe ich gelernt: Denk dir das Perverseste aus, was du dir vorstellen kannst, und es kommt nicht daran heran, was Menschen geil finden. Ich war öfter im Berghain und im Kitkat. Ich kann mir einiges vorstellen, was man mit Würsten macht.

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