Wenn der Rave ins Museum kommt—das Frankfurter MOMEM will trotzdem kein "Techno-Museum" werden

FYI.

This story is over 5 years old.

Thump

Wenn der Rave ins Museum kommt—das Frankfurter MOMEM will trotzdem kein "Techno-Museum" werden

Ein exklusiver Abstecher zum neuen Wallfahrtsort der Szene in Deutschland, der 2017 eröffnen soll und an dem auch zahlreiche Wegbereiter des Technos mitwirken.
8.11.16

Dieser elektronischen Musiklabels dieser Welt sollen alle im MOMEM ihren Platz finden. Foto: Thomas Venker

Frankfurt, Deutschland. Besuch bei einem Museum, das noch gar nicht existiert, aber schon einen Namen hat: MOMEM.

MOMEM? Das wirft sofort die Kontextualisierungsmaschine an. Sophisticated geeicht muss man bei dem Kürzel natürlich an das MoMA denken, das Museum of Modern Art in New York. Das MoMA sei tatsächlich Taufpate gewesen, erzählt der MOMEM Direktor Alex Azary bei unserem Treffen in Frankfurt am Main. Da man sich mit dem Museum explizit der elektronischen Musik seit Ende der 70er Jahre widmen wolle, passe das ja ideal: Museum of modern electronic music.

Anzeige

Dass sich Azary plötzlich so intensiv mit der Geschichte elektronischer Musik​ auseinandersetzen muss, hat er seinem alten Kumpel Talla 2XLC zu verdanken, mit dem er seit nunmehr 32 Jahren den Technoclub betreibt, eine der einflussreichsten Frankfurter Partyinstitutionen.

Andreas Tomalla, wie Talla bürgerlich heißt, erhielt 2011 die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt und bereiste mit dieser und einem Vortragsskript im Gepäck im Anschluss im Auftrag des Goethe Instituts als "History of Techno"-Repräsentant die Welt. Naheliegender Schluss: Warum nur in der Ferne den Leuten von der eigenen Vergangenheit berichten, wo es doch auch Zuhause ein Publikum dafür gibt. Eine Idee, die bei Azary nicht sofort auf pure Beisterung stieß—zu groß sind die Schatten von zweifelhaften Eventsynergien zwischen Musik und Kunst, die in den letzten Jahren wie Unkraut aus dem Boden geschossen sind. Überzeugt habe ihn letztlich der Blick zurück auf die eigene Geschichte, berichtet er. Denn der Technoclub ist unmittelbar mit der Ursuppe des Genres Techno in Deutschland verbunden: Aus dem A5-Flyer zu den frühen Partys erwuchs  Frontpage, Deutschlands wichtigste Rave-Publikation zur Hochzeit der Bewegung; und Talla war es auch, der das erste Fach in einem deutschen Plattenladen mit "Techno" beschriftet hat (1983 im City-Music) und somit gemeinsam mit Juan Atkins als Originator des Begriffs gilt.

Der doppelte Urknall: Moog & Rave (und Gentrification)

Aber damit sind wir auch schon beim ersten und bestimmt nicht dem letzten Problem, das den Machern des MOMEN bei der Genese ihres Museums begegnet. Dass vielerorts bereits vom Techno-Museum die Rede ist, passt Azary gar nicht. "Es wird kein Techno-Museum", stellt er klar und führt das Gespräch zurück zum diesbezüglich aussagekräftigen Museumsnamen: "Es geht uns auch um andere Spielarten elektronischer Musik, von Ambient und Chill-Out über Electronica zu House und…"

An dieser Stelle springt Azarys Partner in Crime beim MOMEM, Stefan Weil bei, indem er die programmatische Timeline markiert: "Vom Urknall, den Rob Moog mit seinem ersten Synthesizer ausgelöst hat, über den nächsten Urknall, die Entstehung der Ravekultur, bis heute." Weil Weil hauptberuflich als CEO der Agentur Atelier Markgraph agiert, übernimmt er passenderweise die Rolle des Musikologen und Gestalter im Museumsteam.

Anzeige

So soll es im MOMEM aussehen, wenn es 2017 eröffnet

Wir haben uns zum Gespräch im Büro eben dieser Agentur Atelier Markgraph getroffen, das leicht außerhalb zwischen den Stadtteilen Rödelheim und Bockenheim liegt. Wie so viele andere Städte hat auch Frankfurt mit Gentrifizierung und der daraus resultierenden kulturellen Abwanderung aus der Innenstadt zu kämpfen, führt Azary aus. "Waren in den 90er Jahren noch alle Clubs zentral in einem Bermudadreieck von wenigen hundert Metern angesiedelt, so sind sie seit dem Millenniumswechsel alle aus der Innenstadt verdrängt worden, da sie sich die Mieten nicht mehr leisten konnten."

Umso bedeutender wiegt die Tatsache, dass das MOMEM mitten im Zentrum an der Hauptwache entstehen wird. Möglich wurde dies durch ein offenes Ohr bei der Politik, die ihnen die durch die Abwanderung des Kindermuseums, das in den Neubau des Historischen Museums ziehen wird, frei gewordenen Räumlichkeiten zur Verfügung stellt. Einziges Manko: Leider verschiebt sich der Auszug auf den Herbst 2017, so dass der eigentlich angedachte Softlaunch im kommenden Sommer sich nicht umsetzen lässt.

Frankfurt als der Nabel der elektronischen Welt?

Besucht man die Homepage des MOMEM, stößt man auf den Satz "Den Mittelpunkt bildet Frankfurt"—und bekommt es natürlich mit der Angst zu tun. Kommt hier eine weitere lokalpatriotische Fehllesung der Geschichte auf uns zu? Doch die beiden winken sofort ab. "Man wolle", so Weil, "kein Heimatverein für Frankfurt am Main werden." Es würde zum Start eine kleine Sonderausstellung zur besonderen Rolle der Stadt geben, ansonsten sei man sich aber der Historie des "Battles der Städte" bewusst, wie er es ausdrückt, und wolle keinesweges den "alten Zwist" mit anderen wieder aufköcheln: "Frankfurt steht keineswegs über Berlin, Manchester, Detroit, Düsseldorf, Chicago, New York …"

Die Sonderausstellung mache aber schon Sinn, merkt Alex Azary an. Schließlich seien in den 90er Jahren die Leute ja von weit her in die Stadt gepilgert, um beim Sven im Dorian Gray und Omen zu raven. Und mit der Frontpage und Groove seien gleich zwei einflussreiche Magazine in Frankfurt gegründet worden, ebenso wie die Ursprünge der Red Bull Music Academy in Frankfurt liegen.

Anzeige

Neben der Achse Azary-Weil, die sich im Vorstand des eigens für das MOMEM gegründeten Vereins Friends of MOMEM die Bälle zuspielen, gibt es als Impulsgeber einen Beraterzirkel. Zu diesem gehören bislang Jean-Michel Jarre, Dieter Meier und natürlich Sven Väth.​ Eine Liste, bei der nicht nur bei Stefan Weil die Alarmglocken der potentiellen Überalterung des Teams klingeln—angedacht ist deswegen die Erweiterung um Sascha Borchardt (aka Monoloc) und Roman Flügel.

Das Echtzeit-Erlebnis Museum

Roman Flügel steht der musealen Zukunft seiner Musik jedenfalls positiv gegenüber, wie er am Rande eines Noisey-Besuchs​ erzählt. Er verweist auf den hohen Erfahrungsschatz von Stefan Weil und der Agentur Atelier Markgraph, wenn es darum geht, Musik und Jugendkultur ins Museum zu bringen, betont aber auch, dass alles mit dem richtigen Zugang steht und fällt: "Man muss abstrahierend herangehen. Es gibt ja so viele Dinge, die uns umgeben, die mit der Bewegung zu tun haben und daraus entstanden sind, die es zu berücksichtigen gilt." Als positives Leitbeispiel verweist er auf die 2015 in Antwerpen durchgeführte Raveaustellung "Energy Flash: The Rave Moment".

Diese fällt auch im Gespräch mit Weil und Azary. Es gebe Pläne, die Ausstellung in ihrer Komplettheit im MOMEM zu zeigen, berichten die beiden, ebenso stehe man im Austausch mit anderen musealen Projekten wie dem Underground Resistance Museum im Submerge Plattenladen in Detroit, dem von Dimitri Hegemann derzeit von Berlin aus angedachten Tresor Onlinemuseum oder auch Musikfestivals wie dem ADE und Sonar, die sich mit ihren Panels und Vorträgen um eine adäquate Historisierung von elektronischer Musik bemühen.

Anzeige

"Es ist uns wichtig, dass das MOMEM kein klassisches Museum wird", führt Azary aus. Vielmehr sei es die Intention, das spielerische Moment elektronische Musik aufzugreifen und einen wechselseitigen Erlebnisprozess zu generieren, einen, der die Besucher sensibilisiert für all die Falllinien der elektronischer Lebensaspekte wie Architektur, Mode, Apps und natürlich auch Events. "Es soll ein Kulturzentrum mit täglichen Veranstaltungen jeglicher Art werden: Vorlesungen, Filmabende, Dj-Sets, Konzerte." Weil ergänzt: "Alle Museen sind derzeit auf der Suche nach mehr Echtzeit-Erlebnisqualität. Alle wollen lebendiger werden und weg vom reinen Senderformat hin zu einem interaktiven, die Besucher einbindenden Programm. Wenn es ein Sujet gibt, welches das MOMEM von Anfang an bedienen muss, dann dieses."

Zwei der führenden Köpfe hinter dem MOMEM: Alex Azary (vorne) und Stefan Weil. Foto: Thomas Venker

"Music is the Key to Technology"

Hinein ins MOMEN gelangt man im aktuellen Entwurf durch ein sogenanntes "Sonic Gateway", das im Look an den schwarzen Würfel angelegt ist, auf dem Jeff Mills sein Album  The Jungle Planet 2013 in limitierter Auflage veröffentlichte. Hier erwartet die Besucher ein audiovisuelles Erlebnis mit prägenden Charakteren der elektronischen Musik wie Björk, Nina Kravitz, Aphex Twin, Monolock und Roman Flügel. "Es soll gleich deutlich werden, wo die "Reise hingeht", so Weil. Innen angekommen öffnet sich der Reigen der Ausstellungsbereiche mit Namen wie "Electronic Music Styles", "History Influences", "Instruments, Technology", "Global Movement", "Graphic, Design, Arts" und die bereits angesprochene Sonderausstellung zu Frankfurt, "FRM DJ´s, Clubs, Media".

Wie tief sie in ihrem Thema mittlerweile angekommen sind, merkt man Alex Azary und Stefan Weil spätestens jetzt an. Kaum mehr zu bremsen, klicken sie sich durch die vorbereitete Powerpoint-Präsentation ihres Museums und erzählen mit übersprühender Begeisterung von Robert Henkes (Monolake und Ableton) aktuellem Laserprojekt "Lumière III", dem belgischen R&S Records Label, das mit James Blake auch in seinem dritten Jahrzehnt noch am Puls der Zeit sei, erinnern an die extravagante Ravemode der 90er, als Taucherflossen und Staubsauger auf dem Rücken völlig normal waren und sorgen für den Transfer ins Jetzt und zum aktuellen Trend der in die Kleidung integrierten Soundsystems. Nicht umsonst stellt Brian Enos Satz von der Musik als Schlüssel zur Technologie ("Music is the Key to Technology") ein wichtiges Axiom des MOMEM dar. "In der Musik, wie leider auch im Militär, werden immer wieder neue Technologien forciert, die später auch für andere Lebensaspekte verwendet werden", wirft Weil ein.

Anzeige

Zum Schluss berichten Alex Azary und Stefan Weil von dem bereits intensiv laufenden weltweiten Suchprozess nach den ersten MOMEM Ausstellungsobjekten. Auf der Wunschliste stehen unter anderem ein Helm von Daft Punk, einer der Roboter von Kraftwerk und das Auto von KLF. Weil kommt einmal mehr etwaiger Kritik zuvor und warnt selbst, dass man das Museum nicht zur "Rumpelkammer" machen dürfe. Aber ein bisschen Popappeal müsse schon drin sein, "schließlich freuen sich im Filmmuseum in München auch alle, wenn sie vor dem Darth Vader Helm stehen und wissen, dass der Schauspieler monatelang unter diesem durch die Wüste von Marokko laufen musste."

Ein ganz schönes Schlussbild, denn den ausgetrockneten Mund, den kennen natürlich auch die potentiellen Besucher des, upsi, Techno-Museums nur zu gut.

Hier, Mitten in Frankfurt, hat das MOMEM seinen Platz bereits gefunden. Foto: Thomas Venker

Jeff Mills' The Jungle Planet- Würfel erwartet demnächst eine überlebensgroße Reinkarnation. Foto: Thomas Venker

Ein Modell des künftigen Museums. Foto: Stefan Weil, bearbeitet

Der Grundriss. Foto: Thomas Venker

Header: Stefan Weil, bearbeitet. Thomas ist freier Autor und betreibt das Magazin Kaput mit. Dieser Artikel ist zuerst bei THUMP erschienen.

**

Folgt Noisey bei FacebookInstagram und Twitter.