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Exzess gegen das Trauma

Wie verletzte, junge libysche Rebellen es in Berlin ordentlich krachen lassen.

Vor einem Jahr noch hätte man sie als stinknormale Typen, als Zivilisten bezeichnet, doch heute sind sie Veteranen. Sie sind junge Libyer, die im Bürgerkrieg gekämpft haben und aufgrund ihrer schweren Verletzungen momentan in Europa und den USA behandelt werden. Ihre Heimat wurde im Zuge des Arabischen Frühlings von Februar bis Oktober 2011 von einem brutalen Bürgerkrieg heimgesucht. Laut der neuen libyschen Regierung sollen ihm rund 10.000 Menschen zum Opfer gefallen sein. Die meisten der Rebellen, die gegen das Militär unter Gaddafis Führung kämpften, waren junge Männer zwischen 18 und 30 Jahren. Im Oktober 2011 sagte Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler bei einem Besuch in Tripolis die Behandlung von verletzten libyschen Rebellen in Deutschland zu. Das Geld dafür stammte zunächst von Konten, die Gaddafi hier in Deutschland hatte. Nach Ausbruch der Konflikte wurden sie eingefroren, und die Bundesregierung stellte sie der libyschen Übergangsregierung für humanitäre Hilfe zur Verfügung. Auf Initiative des Auswärtigen Amts flog die auf Krankentransporte spezialisierte Münchner Firma Almeda ab diesem Zeitpunkt Verwundete in deutsche Krankenhäuser aus. Das Ziel dieses Vorgehens sei es, „schnell und unbürokratisch dringend benötigte Hilfe zu leisten", verlautete ein Sprecher des Auswärtigen Amts.


An einer U-Bahnstation zeigt uns Majeed, wie gut er mittlerweile mit seinen Krücken zurechtkommt. Alle Fotos von Grey Hutton


Gaddafi ist mittlerweile tot und seine Konten leer, also hat nun die libysche Botschaft die Behandlungs- und Lebenshaltungskosten übernommen. Insgesamt wurden in Deutschland bisher 2.500 libysche Rebellen behandelt. Bei einigen ist die Behandlung bereits abgeschlossen und sie wurden zurück nach Libyen geflogen, bei anderen dauert sie noch an. Ihre Verletzungen reichen von Schusswunden, Verbrennungen, Granatsplittern, bis hin zu amputierten Gliedmaßen. Viele verloren Familienmitglieder und Freunde, sie waren Folter ausgesetzt und die meisten haben nun körperliche Behinderungen. Doch trotz all dem kosten sie die Vorzüge der Freiheiten in Deutschland nun voll aus. Jedes Kriegsopfer, das in Deutschland behandelt wird, bekommt monatlich 1.050 Euro zur freien Verfügung. Was sie mit diesem Geld anstellen, ist ihnen überlassen, Miete und Arztrechnungen begleicht die Botschaft zusätzlich.

Ein Freund von mir, der sowohl in Deutschland als auch im Nahen Osten aufwuchs und seinen Lebensunterhalt als Dolmetscher verdient, wurde damals von der Firma Almeda eingestellt, um den Libyern als Übersetzer zur Seite zu stehen. Später wurde er von der libyschen Botschaft übernommen. Als ich durch ihn von diesen Libyern erfuhr, wollte ich sie unbedingt kennenlernen. Es gestaltete sich von großem Vorteil, dass er ein kumpelhaftes und vertrautes Verhältnis zu ihnen hat und mit ihnen auch oft außerhalb seiner Pflichttermine etwas unternimmt. Er konnte mir viele Dinge erklären, die ich im ersten Moment nicht recht verstand, und hatte eine Menge Geschichten parat, die er mit diesen Typen erlebt hatte. Zu Beginn ihres Aufenthalts wurden die Libyer in Hotels untergebracht, doch mittlerweile leben sie alle gemeinsam in zwei Appartementblocks in der Nähe des Brandenburger Tors auf der Potsdamer Straße. Pro Haus leben hier um die 40 bis 50 Libyer zusammen, die meisten von ihnen haben eine Einraumwohnung für sich. Ich erinnere mich nicht daran, jemals einen von ihnen alleine in seiner Wohnung angetroffen zu haben. Die Türen zum Flur sind generell immer offen, sodass jeder der möchte, ins Zimmer kommen kann. Während der zahllosen Interviews, die ich mit ihnen führte, verbrachte ich viel Zeit in ihren Wohnungen. Meistens bin ich nach den Gesprächen noch länger geblieben und habe mit ihnen weiter gequatscht. So wurde ich regelmäßiger Gast in diesen beiden Häusern und traf auf die unterschiedlichsten Charaktere—alle verbunden dadurch, dass sie etwas Furchtbares durchgemacht haben.


Der dreijährige Jadalla hat großen Spaß am Tablet seines Vaters.

Ich lernte den dreijährigen Jadalla kennen, dessen Körper zu 65 Prozent verbrannt ist. Ihm wurden Zehen und Finger weggebrannt. Ich redete hauptsächlich mit dem Vater des kleinen Jungen, während dieser auf dem Bett rumtollte und Mangostücke aß. Mit seinem minimalen Wortschatz behauptete der Kleine, er sei stolz darauf, was ihm passiert ist. Ich unterhielt mich mit einem 23-jährigen Studenten aus Bengasi, dessen Mutter vergewaltigt und der selbst Opfer einer Gruppenvergewaltigung von zehn Männern wurde. Ich traf einen libyschen „Kriegshelden", der von sich selbst behauptete, dass ihm der Krieg die Menschlichkeit genommen hat, dass er während der Gefechte etwa 200 von Gaddafis Soldaten getötet habe und sich nun fühlte, „als hätte er kein Herz mehr". Der Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen lässt sich von mir nicht nachprüfen, und ich kann sie bloß so wiedergeben, wie sie mir erzählt wurden.



Wie auch immer, ich will gar nicht infrage stellen, dass diese jungen Menschen Grausames erlebt haben. Aber jetzt genießen sie hier in Deutschland erst mal ihre Freiheit und den ungewohnten Geldsegen der libyschen Regierung. Viele von ihnen wissen scheinbar nicht so richtig, was sie mit ihrem Geld anstellen sollen und lassen es daher Nacht für Nacht ordentlich krachen. Wir fragten sie also, ob wir sie einen Abend lang mit einem Fotografen begleiten dürften und sie hatten nichts dagegen.


Scharfschützen trafen den Arm des 24-jährigen Mohamed. Die einzige Möglichkeit, seinen Arm nicht amputieren zu müssen, bestand darin, den Arm für einige Wochen an den Bauch zu nähen, um so die Nerven zu regenerieren.

Wir verabredeten uns mit ihnen in einer Shisha-Bar. Nach der unvermeidlichen Verspätung, an die ich mich mittlerweile schon gewöhnt hatte, tauchten dann Mohamed im Rollstuhl, Majeed auf Krücken und Ben auf. Ben ist ein Freund, der in Düsseldorf Medizin studiert und extra nach Berlin kam, um seine Kumpels zu besuchen. Eigentlich hat keiner der Jungs Lust, Shisha zu rauchen, also beschließen wir, zurück in ihr Appartement zu gehen. Wir trinken unsere Cola schnell aus, Alkohol wird hier nicht verkauft. Um unsere Zeche zu begleichen, stürme ich zum Tresen und reiche dem Barkeeper mit ausgestrecktem Arm einen 20-Euro-Schein entgegen. Neben mir tauchen einige aus der Gruppe auf und reden auf den Barkeeper ein. Alle winken mit Geldscheinen und schreien auf Arabisch. Jeder will jetzt zahlen. Geldscheine wirbeln durch die Luft und ich weiß gar nicht, wie mir geschieht. Als wir den Laden verlassen, habe ich mein Geld und einen 50-Euro-Schein von irgendwem in der Hand.

Zurück in der Wohnung gehen wir in das Zimmer des 18-jährigen Mohamed. Obwohl er selbst mit uns in der Shisha-Bar war, gibt es kaum noch Platz zum Sitzen, denn hier treffen wir auf eine andere Gruppe junger Libyer. Sie sind damit beschäftigt, Playstation zu zocken, zu trinken, zu rauchen, zu lachen und zu quatschen. Ohne mir etwas dabei zu denken, setze ich mich auf den Teppichboden. Daraufhin springen alle auf, die keine Probleme mit den Beinen haben, um mir gestenreich und lautstark ihre Plätze anzubieten. Ich bleibe auf dem Boden sitzen und kann sie letztendlich damit besänftigen, dass ich mich auf die von ihnen angebotenen Kissen setze. Das Zimmer ist klein, aber vollgestopft mit Sachen. Mohamed, der aus seinem Rollstuhl geklettert ist, sitzt nun vor seinem großen Flachbildfernseher. Er hat dazu eine Playstation mit unzähligen Spielen, blinkende Lichterketten, ein Regal voll mit leeren Wodkaflaschen, Laptop, Verstärker und einer E-Gitarre, die eigentlich dem 30-jährigen Abdalkhalig gehört. Nachdem die Jungs ihn mit einem lauten „Ab-dal-khalig, Ab-dal-khalig" auffordern, stöpselt er einige Kabel um und greift sich die Gitarre. Abdalkhalig war in Libyen bei einer Angriffstruppe und hatte daher zahllose Unfälle. Er kann zwei Riffs auf der Gitarre: Das erste habe ich nicht erkannt und das zweite ist das bekannte „Seven Nation Army"-Riff von den White Stripes. Es klingt trotzdem einfach nur verzerrt und keiner von uns kriegt sich mehr ein vor Lachen. Das macht dem stämmigen Abdalkhalig, der wegen Granatensplitter im Körper hier in Behandlung ist, jedoch nichts aus und er schrammelt weiter auf seiner Gitarre. Es klinge bloß so komisch, weil die Gitarre verstimmt sei, behauptet er. In Libyen hat er Akkordeon gespielt, Gitarre noch nie zuvor. Er versucht, sich das Spielen autodidaktisch beizubringen. Nachdem er sein teures Stück weggelegt hat, spielt er für uns wieder am Laptop DJ.

Jeder der jungen Libyer, die hier behandelt werden, bekommt im Monat 1.050 Euro. Das Geld steht ihnen zur freien Verfügung, es ist jedoch ziemlich unterschiedlich, wie sie damit umgehen. Es gibt da die Gewissenhaften, die es für ihre Rückkehr nach Libyen sparen. Und dann gibt es diejenigen, die sich nicht um morgen scheren und es hier in Berlin auf den Kopf hauen. Letztere haben meistens schon nach zwei Wochen ihre gesamte Barschaft ausgegeben. Sie wollen immer alles bezahlen und jeden einladen, erklärt mir der Dolmetscher.

Von Oktober 2011 bis April 2012 hatten sie sogar noch mehr Geld zur Verfügung. Zu dieser Zeit bekamen sie monatlich 1.800 Euro—das Geld von den eingefrorenen Gaddafi-Konten in Deutschland. Für den Großteil der jungen Männer ist dieser Wohlstand so was wie ein Geschenk des Himmels, weil die meisten von ihnen aus ärmlichen Verhältnissen kommen. Für viele war der Bürgerkrieg das erste Mal, dass sie eine Waffe in den Händen hielten, geschweige denn auf jemanden schossen. Aber einige wenige waren auch vorher schon Soldaten der Gaddafi-Armee und desertierten beim Ausbruch der Kämpfe zu den Rebellen. Die Gründe, warum sie zur Armee gingen, waren damals für viele rein wirtschaftlich. „Die Armee bezahlte halt gut", meint beispielsweise Mohamed, der schon mit 15 Jahren zur Armee ging. Als normaler Soldat bekam man monatlich umgerechnet etwa 300 bis 400 Euro. Davon mussten sie noch ihre Familien und ihren Lebensunterhalt finanzieren. Mit dem Geld der libyschen Botschaft steht ihnen nun ein ziemlich hoher Betrag zur Verfügung, mit dem sie machen können, was sie wollen. Als Erstes legte sich fast jeder einen Laptop, einen iPod und ein iPhone zu. Die meisten schafften monatlich ein wenig Geld beiseite und kauften fast den gesamten Berliner Gebrauchtwagenmarkt leer, oder zumindest einige besonders beliebte Modelle. Die Libyer waren zeitweise so besessen von BMW-Modellen aus den 90er Jahren, dass sie in Berlin und Umgebung bald keine mehr fanden und ihre Autos in Dresden einkauften. Durch die starke Nachfrage stieg sogar der Preis bestimmter Modelle, behauptet zumindest mein Freund, der Dolmetscher. Er war bei vielen Käufen dabei, um die Verhandlungen zu führen. Hatten sie dann den gewünschten Benziner ergattert, brachten sie ihn nach Hamburg und verschifften ihn von dort aus nach Libyen, wo er von ihren Familien in Empfang genommen wurde. Meistens legten sie sich gleich zwei bis drei alte Wagen zu.

Das monatliche Geld bekommt eine Art gewählter Gruppenführer, der für sein Engagement auch Lohn von der libyschen Botschaft erhält. Er teilt es dann unter den jungen Männern auf. Ich hatte den Eindruck, dass besonders die jüngeren unter ihnen einfach nicht so richtig wissen, wohin mit ihrem Geld. Auf dem Kurfürstendamm spielte ein 18-jähriger Libyer bei einem dieser beschissenen Hütchenspieler mit und verlor so an einem Tag 500 Euro. Er nahm die Abzocke mit einem Lachen und einem Schulterzucken hin. Ein anderer verlor im Taxi seinen Reisepass, der ihm auch als Portemonnaie diente. An jenem Tag hatte er 1.500 Euro dabei. Den Pass bekam er wieder, das Geld nicht. Keine Ahnung, woran genau es liegt, dass die meisten nicht wirklich mit ihrem Geld umgehen können. Vielleicht ist es einfach zu viel Kohle. Vielleicht ist es auch die Langeweile, die sie umgibt. Sie haben hier eben keine Aufgaben, abgesehen davon, ihre Arzttermine einzuhalten. Vielleicht gibt es für sie mittlerweile auch einfach Wichtigeres als Geld. So wie sie es mir geschildert haben, grenzt es bei jedem Einzelnen fast an ein Wunder, dass sie noch am Leben sind. Der Gitarrenliebhaber Abdalkhalig meinte einmal lachend zu mir: „Sechs Mal bin ich ganz, ganz knapp mit dem Leben davon gekommen und jetzt denke ich, ich bin unsterblich." Wenn man solche Extremsituationen durchlebt hat, wird einem manches einfach ziemlich egal. Einige wollen ihr Geld eben einfach verprassen. Besonders, als die Libyer gerade in Deutschland angekommen sind, waren sie viel shoppen. Denn „sie kamen ja mit quasi nichts her und an den meisten ihrer Klamotten klebte noch Blut", erzählt mir der Dolmetscher, der sie zu dieser Zeit oft mit seinem Auto durch die Gegend chauffierte. „Manche gehen halt in Puffs. Ein beliebter ist das Artemis. Dort geben sie dann 500 bis 600 Euro pro Nacht aus und kommen dann wieder nach Hause", sagt er. „Die können eben nicht richtig mit ihrem Geld umgehen, das sie ja quasi umsonst bekommen."


Suhil (links) und Mohamed spielen manchmal bis zum Morgengrauen Xbox, um dem Schlaf zu entgehen.

Für viele spielt es keine Rolle, warum das Geld für den Monat weg ist. Ob sie sich eine Nutte aufs Zimmer bestellen, ob sie morgens früh mit Joint und Bier in der Hand an der libyschen Botschaft vorbeigehen, oder ob sie sich mit einer riesigen Whiskyflasche und Shisha bewaffnet in eine Hofeinfahrt setzen—die Geschichten, die der Dolmetscher mir erzählt, zeigen mir, dass diese Libyer auf Zwänge und Konvention scheißen, sie wollen einfach Spaß haben und zwar hier und jetzt. Wer könnte es ihnen verübeln, wenn sie ihr Geld in Cafés, Bars, Clubs und Puffs ausgeben?

Als ich mit einem Bier in der Hand mit den gut gelaunten Jungs anstoße, sage ich unüberlegt „Bismillah", eine Floskel, die man unter anderem vor dem Essen und zum Anstoßen benutzt. Mit einem Mal blicken mich alle Augen streng an. Abdu, der in Leipzig wohnt und seinen ehemaligen Nachbarn Majeed besucht, stellt klar, ich dürfe dieses Wort nicht in Bezug zu Alkohol benutzen. Wir bleiben dann bei „Prost". Für viele Libyer, mit denen ich gesprochen habe, ist Alkohol nach wie vor „haram". In Libyen war es sehr schwer, an Alkohol zu kommen. Daher ist Berlin für diejenigen, die sich hier regelmäßig die Kante geben wollen, ein wahres Paradies. Dennoch stehen viele der Libyer dem Alkohol zwiegespalten gegenüber. Einige trinken ziemlich viel und oft, denken jedoch jedes Mal, wenn sie was trinken, dass sie sündigen, weil der Koran Alkohol nicht erlaubt. Dass eine ganze Menge auffällig viel trinkt, verwundert mich wenig nach den Geschichten, die sie mir erzählten. Einem Artikel des Journal of the American Medical Association von 2012 zufolge, missbrauchen Veteranen—bei denen es aufgrund des Erlebten häufig zu posttraumatischen Belastungsstörungen kommt—Alkohol und andere Drogen oft für eine Art Selbstbehandlung. Die Libyer erzählten mir in den zahlreichen Gesprächen, wie sehr der Krieg noch in ihren Köpfen steckt. Der 24-jährige Mohamad, der bei unseren Treffen immer besonders den Charmeur raushängen lässt, wurde von Scharfschützen, die auf Dächern lagen, angeschossen. Wenn er heute durch dunkle Berliner Straßen geht, muss er „immer nach rechts und links kucken, ob da Scharfschützen auf den Dächern sind", erzählte er mir.

Außerdem haben die wenigsten dieser kriegstraumatisierten jungen Männer einen ruhigen Schlaf. Der 18-jährige Mohamed erzählte mir: „Manchmal schaffe ich es, in Schlaf zu versinken, aber nach spätestens fünf Minuten wache ich wieder schreiend auf. Ich kiffe in letzter Zeit sehr viel, denn das verschafft mir ein wenig Ruhe und Entspannung. Damit kann ich mich hinlegen, ohne zu träumen. Normalerweise bin ich, sobald ich meine Augen zumache, wieder im Gefängnis." Immer wenn ich ihn in einem der Häuser antraf, hatte er dunkle Ränder unter den Augen und auch heute zeichnen sich tiefe Schatten unter seinen großen braunen Augen ab. Eigentlich ist Mohamed der Clown in der Truppe, der ständig lacht und alle anderen zum Lachen bringt. Doch sobald er mir davon erzählt, wie er gefoltert wurde, verfinstert sich seine Miene und seine Stimme wird ernst. Sobald er die Augen schließt, erlebt er die Qualen, die ihm angetan wurden aufs Neue, und sieht Bilder, die er endlich vergessen will. Das erzählt er mir, während er eine Zigarette nach der anderen raucht, bis das Zimmer aus dickem Nebel besteht.

Auch Ahemad, dem ein Bein amputiert werden musste, fällt es nach wie vor schwer, Ruhe zu finden. Er wurde schwer verletzt, als das Auto explodierte, in dem er saß. Seine Hände schmolzen an das Lenkrad und seine Haut brannte. „Manchmal, wenn ich einfach nur so da sitze und ein bisschen träume, passiert es: Dann höre ich, wie Raketen angeflogen kommen. Ich kann einfach fühlen, wie sie kommen. Meine Haut beginnt dann wieder Feuer zu fangen und ich erlebe für einige Augenblicke die Höllenqualen von damals." Eine weitere Situation, die bei dem religiösen Ahemad Spuren hinterlassen hat, war, als er von einer Moschee hinab auf den Rücken fiel, während sich Rebellen und Gaddafi-Anhänger von rechts und links über seinen Kopf hinweg 15 Minuten lang aufs Ärgste beschossen. Er hat daraufhin einen hysterischen Anfall bekommen. „Ich habe nur noch gezittert und gelacht", berichtete er mir, während seine Augen unentwegt hin- und herzucken.


Suhil, Abdalkhalig und Ben in der Kneipe. Fast jeder der jungen Männer legte sich in Deutschland als erstes ein iPhone zu.

Es ist unverkennbar, dass der Krieg diesen Menschen etwas angetan hat. Einer, der es gut auf den Punkt brachte, war der schlanke, ehemalige Lkw-Fahrer Elsoori. Er sagte: „Egal was ich gerade sehe, wie grausam es auch sein mag, es ist normal für mich. Schlimm ist für mich, dass ich kaum Mitgefühl empfinden kann."

Der Rausch durch Alkohol oder Haschisch kann ihnen zumindest für einen Augenblick dabei helfen zu vergessen. Doch auch schon während des Krieges setzten sich einige der Kämpfer unter Drogen. Die Soldaten konsumierten Diazepam, das von ihnen bloß „Roche" oder „plus zwei" genannt wird. Bei geringer bis normaler Dosierung wirkt Diazepam beruhigend, enthemmend und angstlösend. Häufig wurde es von den libyschen Rebellen in Kombination mit Tilidin und Captagon konsumiert, welches zur Wirkstoffklasse der Amphetamine gehört. Die Wirkung dieses Cocktails wurde mir von Mohamed folgendermaßen beschrieben: „Die lassen dich halluzinieren. Die meisten Soldaten, ob Freiheitskämpfer oder Gaddafi-Anhänger, haben die vor der Schlacht genommen, damit sie starken Herzens in den Kampf ziehen konnten. Du bekommst davon ein totes Herz. Du merkst dann gar nichts mehr. Man fühlt sich sehr groß und man sieht alle Menschen nur noch wie Insekten, ganz klein, und du willst nur noch auf sie rauf treten und sie zerquetschen. Diese Droge gibt dir sehr viel Macht. Du kannst so viel töten und so viel Blut sehen und dir passiert nichts dabei. Du hast dann einfach keine Angst mehr, vor nichts. Du würdest dann unbewaffnet auf eine ganze Armee zu rennen können. Du bist dann in einem regelrechten Blutrausch und du möchtest nur noch töten. Der Geruch von Blut turnt dich richtig an. Im Nachhinein denkst du, du warst ein Monster." Es ist ein 18-Jähriger, der hier vor mir sitzt und mir diese Dinge erzählt, wobei er unaufhörlich mit seinem Bein zuckt. Ich weiß nicht, ob aus Nervosität oder weil seine Nerven durch die erlittene Stromfolter in Mitleidenschaft gezogen wurden.

In der Wohnung der Libyer in der Potsdamer Straße macht sich Aufbruchsstimmung breit, doch die Hälfte von ihnen will lieber weiter im Zimmer abhängen. Sie diskutieren lautstark auf Arabisch, bis letztendlich doch alle mitkommen. Wir besorgen uns noch ein Wegbier und treten den Weg zur U-Bahn-Station an. Alles dauert ein bisschen länger, weil Mohamed im Rollstuhl unterwegs ist. Alle kümmern sich rührend um ihn und wechseln sich damit ab, ihn zu schieben. Als wir auf die U-Bahn warten, laufen drei Schwarze an uns vorbei. Einer der Libyer sagt: „I will shoot them", und die anderen lachen. Er erzählt uns, er habe im Krieg viele Schwarze erschossen. Gaddafi hatte damals Söldner aus afrikanischen Ländern angeworben. Sie sollen mit Abstand am grausamsten und brutalsten vorgegangen sein, behaupten die Libyer. Viele von ihnen hätten heute noch ein Trauma bezüglich Menschen mit schwarzer Hautfarbe. Der 24-jährige Mohamed mit seiner angenehm tiefen Stimme gehört einer ethnischen Minderheit eines Berberstammes an und erzählte mir: „Ich habe eine richtige Phobie. Immer wenn ich hier in Deutschland einen Schwarzen sehe, kann ich nichts dagegen tun und kucke den böse an. Das kommt daher, da ich gegen so viele brutale Söldner kämpfen musste." Die meisten wissen, dass dieses Verhalten nicht gerechtfertigt ist.

Nach diesen Erzählungen bin ich überrascht, als wir an dem Abend in der U1 auf einen schwarzen Rastafari treffen, der mit seiner Gitarre die Passanten in der Bahn mit Bob-Marley-Songs bespaßt. Vielleicht liegt die plötzliche Gelassenheit dem Rastafari gegenüber an den Reggae-Songs, die er zum Besten gibt, weil die Libyer, mit denen ich unterwegs bin, allesamt große Bob- Marley-Fans zu sein scheinen. Alle sind gut drauf, singen aus vollen Kehlen mit und tanzen in der Bahn. Die übrigen Fahrgäste freuen sich über die kleine U-Bahn-Party und einige filmen das Spektakel sogar. Als der Musiker aussteigt, wird er von den Libyern mit Highfives und Umarmungen verabschiedet und auch wir steigen kurze Zeit später am Kotti aus. Wir gehen in eine beliebte und dementsprechend überfüllte Bar. Oft kommen die jungen Libyer nicht an Türstehern vorbei, doch diesmal haben sie Glück. Drinnen ist es so voll, dass keine Chance besteht, Mohamed in seinem Rollstuhl reinzufahren, also stützen ihn Ben und Abdul. Auch Majeed hat Schwierigkeiten, sich drinnen auf Krücken zu bewegen. Obwohl es nicht sonderlich gemütlich ist, teilen wir uns noch schnell ein paar Bier. Die Jungs scheinen keine Gelegenheit auszulassen, ihr Leben zu feiern, was verständlich ist, wenn man Monate lang immer mit der Ungewissheit aufwacht, ob man den Tag überleben wird.

Die libysche Botschaft würde die jungen Libyer am liebsten so schnell es geht zurückschicken, doch kaum einer von ihnen will jetzt zurück in die Heimat. Sie vermissen zwar ihre Familien, sofern diese noch leben, doch der Aufenthalt, die Freiheit und das Geld in Deutschland bedeuten auch einfach eine verdammt gute Zeit für sie. Ihr Bleiberecht beruht auf ärztlichen Visa, die meistens nur für drei Monate ausgestellt werden können. Dafür brauchen sie eine ärztliche Bescheinigung, dass die Behandlung noch nicht abgeschlossen ist.

Von dem Dolmetscher erfuhr ich, dass sich einige der Berliner Ärzte bestechen lassen. Für einen bestimmten Betrag bescheinigen sie ihren Patienten, dass die Heilung noch nicht beendet ist, obwohl dies der Fall sei.

Er berichtete mir von einem konkreten Fall, den er miterlebt hatte: Ein Berliner Arzt macht bei bestimmten Patienten bewusst Termine außerhalb der Öffnungszeiten. So musste der Dolmetscher mit seinem Klienten um 21 Uhr in die Arztpraxis. Der Arzt öffnete persönlich. Er servierte Kaffee. Der Dolmetscher zählte die Leiden des Patienten auf, sowohl die physischen als auch die psychischen. Daraufhin fragte der Arzt unvermittelt, was er denn gerne für Medikamente hätte. Bereitwillig stellte er dann die gewünschten Rezepte aus und fragte wie viele Monate er bescheinigen soll. Woraufhin der Patient „drei Monate" antwortete. Dann ging es an das Verhandeln. Der Arzt fragte, was der Patient bereit wäre zu zahlen, war mit dem angegebenen Betrag jedoch nicht einverstanden, da seine Verhandlungsbasis bei 500 Euro begann. Irgendwann einigten sie sich auf 200 Euro und der Patient bekam starke Beruhigungsmittel sowie ein Visum für drei Monate.

In den meisten Fällen, die mir berichtet wurden, läuft es bei den verschiedensten Ärzten jedoch indirekter ab. Sie geben von Anfang an bekannt, dass die Kosten für die Visite sehr hoch sein werden. Außerdem müssen die Patienten wöchentlich zur Behandlung, obwohl sie körperlich bereits geheilt sind. Die Kosten hat die libysche Botschaft zu tragen, die von diesem Problem mittlerweile weiß, und versucht, dem entgegenzuwirken, indem sie die Ärzte selbst aussucht.

Bei einigen geht der Wunsch, hierbleiben zu können, sogar soweit, dass sie ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Sie vernachlässigen bewusst ihre Behandlungen, um nach drei Monaten bescheinigt zu bekommen, dass sie noch nicht geheilt sind. In ein paar konkreten Fällen, von denen mir die Libyer erzählten, rieten Ärzte dringend zu einer Physiotherapie, die die Patienten dann bewusst nicht in Anspruch nahmen. Bei einigen sind mittlerweile Nerven abgestorben, die eine rechtzeitige Physiotherapie vielleicht hätte retten können, mutmaßt der Dolmetscher. Die Hoffnung, länger bleiben zu können, ist einigen vielleicht wichtiger als die Chance auf Heilung. Jeder der Libyer genießt momentan das Leben hier in Deutschland, was man auch nachvollziehen kann, denn kaum einer hat die Gewissheit, dass ihm ein weiteres Drei-Monats-Visum ausgestellt wird. Vielleicht müssen einige von denen, die heute mit dabei sind, schon nächsten Monat in ein Land zurück, das sie so, nach dem Krieg, noch gar nicht kennen.

Als wir das Bier geleert haben, drängen wir aus der Bar nach draußen. Den ganzen Abend diskutieren einige der Jungs schon, wer von ihnen was zu kiffen besorgt. Letztendlich finden sich zwei, die in eine andere Richtung marschieren, und wir übrigen gehen in eine weitere Kneipe. Hier finden wir endlich einen großen Tisch, an dem wir alle Platz haben. Wir bestellen unsere Getränke und Abdul bestellt ohne zu fragen eine Runde Tequila für alle. Die Rechnungen werden nie geteilt, einer bezahlt immer für alle. Die anderen sind mittlerweile mit ihrer Marihuanabeute wieder zu uns gestoßen. Im hinteren Raum gibt es einen Billardtisch. Die Jungs beschließen, dass sie spielen wollen. Sie spielen gegen einen jungen Mann aus Angola und einen Spanier. Ich schaue vom Rand aus zu und muss regelmäßig in Deckung gehen, weil die Kugeln einfach nicht auf dem Tisch bleiben wollen oder vielleicht auch, weil keiner mehr so recht zielen kann.

Mich hat es während der Gespräche mit den jungen Veteranen sehr schockiert, dass der Großteil von ihnen nach Ablauf ihrer Zeit hier in Deutschland nach Syrien gehen will, um dort die Rebellen zu unterstützen—vorausgesetzt natürlich, sie haben noch beide Beine. Sie wollten ungern über dieses Thema sprechen, da sie fürchteten, ich könnte sie als blutrünstige Monster wahrnehmen, die nichts anderes mehr können, als töten. Trotzdem konnte ich nach einer Weile mehr darüber herausbekommen, was sie antreibt. Der stämmige Abdalkhalig beispielsweise begründet den Drang vieler Libyer, in Syrien weiter kämpfen zu wollen mit der arabischen Mentalität: „Wenn wir den arabischen Raum betrachten, sehen wir keine Nationalstaaten, sondern wir sehen eine einheitliche Gemeinschaft. Assad, Gaddafi und Hitler, das sind doch alle dieselben. So ist eben unsere Ideologie. [...] Ich kann da einfach nicht tatenlos zusehen."

Und Ali, der sagte, er habe während seiner Tätigkeit als Bodyguard für Gaddafi-Leute als Spion den Rebellen zugearbeitet, erzählte mir: „Ich kann mitfühlen, wie schlimm alles dort drüben gerade ist, deswegen würde ich da gerne helfen. [...] Syrien, die brauchen kein Geld, die brauchen Kämpfer, die brauchen Waffen und Leute die Erfahrung haben. Libyen beim Wiederaufbau zu helfen, das hat Zeit. Lieber ein Menschenleben in Syrien retten, als bei irgendeinem Projekt in Libyen mitzuhelfen."

Ich habe wirklich versucht, ihre Argumente zu verstehen, doch trotz allen Nachdenkens seit unseren Gesprächen leuchten sie mir immer noch nicht wirklich ein.

Es gibt unter ihnen allerdings auch solche wie Abdo, vor dessen Augen eine Bombe das Bein seines Freundes Magdi zerfetzt hat, der zu mir meinte: „Ich hasse die Waffe und will nie wieder eine sehen."

Eigentlich wissen sie alle, dass sie trotz ihrer Bemühungen, hierbleiben zu können, früher oder später zurück in ihre alte Heimat müssen. Zwar ist der Krieg beendet, doch friedlich geht es dort noch lange nicht zu. Lamen, der zu meiner Verwunderung Deutsch sprach, da er eine deutsche Mutter hat, und dessen Vater mittlerweile für das neue Innenministerium arbeitet, meinte mit großen hellen Augen zu mir: „Es ist Krieg. Der libysche neue Staat, gegen die Gaddafi-Anhänger. Aber in Wirklichkeit existiert der neue Staat noch gar nicht. Die Leute bringen sich jetzt gegenseitig um. Es gibt viele Leute, die durch den Krieg total kaputt sind. Es hat sich überhaupt nichts verändert in Libyen." Wie es scheint, sind die Aussichten, die diese jungen Männer in Libyen erwarten, nicht besonders rosig. Zwar wird ihnen, wenn sie zurück in ihre Heimat gehen, eine Art Veteranenrente gezahlt, doch es steht in den Sternen, wie lange sie diese erhalten werden und ob sie überhaupt ausreicht. Vielleicht ist eben diese ungewisse Zukunft der Grund dafür, warum sie momentan so sehr im Hier und Jetzt leben.


Ahemad machte diese Fotos von seinen Kameraden, während sie in einer Autokarawane von Stadt zu Stadt zogen, um sie von Gaddafis Truppen zu befreien. Wenige Tage später verlor er bei einem Raketenangriff sein Bein.

Irgendwann beschließen wir, die Kneipe zu verlassen. Als wir aus der Tür stolpern, entdeckt der übellaunige Wirt eine Kotzlache unter unserem Tisch und ruft uns noch einige Beleidigungen hinterher. Wie gut, dass die Libyer in Hörweite kein Deutsch verstehen, denke ich mir, als ich versuche, Taxen anzuhalten. Doch kaum eines bleibt bei unserem Anblick stehen. Einem Taxifahrer, der angehalten hat, versuche ich zu erklären, dass sie gar nicht so betrunken sind, sondern dass sie bloß torkeln, weil sie auf Krücken gehen. Es ist keine große Hilfe, dass in diesem Moment einer von ihnen an das Taxi kotzt. Letztendlich findet sich doch noch ein Taxi, das sie mitnimmt. Ich umarme sie und wünsche ihnen noch eine gute Nacht. Dann fährt das Taxi in die Nacht hinaus.