Ich habe mir die Musik angehört, für die Schweizer Künstler auf Facebook werben

"Hör dir jetzt meine neue Single an. Bitte! Bitte!"

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13 April 2017, 12:03pm

Montage Noisey: Foto links Screenshot Youtube | Foto mitte Screenshot Youtube | Foto rechts Screenshot Youtube

Du kennst es: Du schaust dir auf Zalando ein T-Shirt an und plötzlich ist überall in diesem Internet nur noch Zalando-Werbung für T-Shirts. Du schaust dir auf YouTube eine Kochanleitung an, plötzlich will dir jeder Kochbücher verkaufen. Du magst Videospiele? Hier nimm noch mehr Videospiele. Online-Werbung und Zielgruppentargeting anhand von Browserverläufen ist etwas verflucht Böses. Und auch ich bleibe nicht davon verschont.

Wenn du dich tagtäglich mit Musik auseinandersetzt und aus journalistischem Interesse so ziemlich jedem relevanten Schweizer Künstler auf Social Media folgst, bist du das perfekte Opfer für Musik-Werbung – besonders auf Facebook. So besteht die Werbung in meinem Feed fast ausschliesslich aus Schweizer Musik. Für euch habe ich mir diese beworbenen Stücke mal angehört – mögen die Künstler ihre fünf Sekunden Fame geniessen und meine Kritik ertragen.

Landro – "Holunderblüetesirup"

Von Landro habe ich noch nie gehört. Ein kurzer Blick auf sein Facebook-Profil gibt mir auch direkt die Erklärung dafür: Knapp 150 Fans hat der Bieler Rapper bis jetzt. Über Facebook-Werbung soll es also zum Fame reichen. Und der Titel seiner Single ist ja schon mal catchy. "Holunderblüetesirup" hört sich nach Sommer am Bielersee an und so will der Track auch klingen: Ein eingängiger Refrain – "De mache mir e… Holunderblüetesirup, Holunderblüetesirup / mir bruche etze... Holunderblüetesirup, Holunderblüetesirup" – wird von einem Tropical-House-Beat in bester Justin-Bieber-Manier untermalt. Alles in allem ist der Song nicht schlecht aber haut mich nicht aus den Socken. Die Produktion ist für einen Newcomer aber überraschend sauber. Dasselbe gilt für den Videoclip. Von der ersten Sekunde an ist klar, dass Landro eine kreative und nette Idee hat, aber ihm kein riesiges Budget zur Verfügung steht. Das Bestmögliche streift dann eben knapp an der professionellen Produktion vorbei und sieht etwas hobbymässig aus. Aber da ist Potenzial.

Fazit: Ganz nett

Cilia Hunch – "A Little Closer"

Für Cilia Hunchs erstes Musikvideo kam bei uns in der Redaktion eine Anfrage für eine Videopremiere rein. Der Clip ist gut produziert, der Song auch. Aber musikalisch passt das halt nicht so zu Noisey. "Zu poppig", war meine Antwort. Dazu stehe ich noch, auch wenn der Song in unserer Spotify-Playlist für Schweizer Musik gelandet ist. "A Little Closer" ist am Ende des Tages einfach ein guter, wenn auch nicht super origineller Song, den ich auch privat hören würde und der mehr als 1.000 Plays auf YouTube verdient hätte. Mich belastet nur etwas am Video – und das sehr: Was sollen diese Hühner? Gibt es eine Message, eine Story, die ich nicht verstehe? Was will Cilia Hunch sagen? Mag die Band Chicken Wings? So viele Fragen.

Fazit: guter Pop mit Originalitätspotenzial

Ab Arel & SiLi – "Abglenkt"

Zu Ab Arel muss ich etwas ausholen: Ab Arel schaffte es am vergangenen Wochenende am m4music in der Democlinic unter die engere Auswahl im Bereich Urban. Eine Kritik, über die ich sehr schmunzeln musste, kam von Virus-Host Pablo Vögtli: "Ihr vertretet schon ein sehr konservatives Bild." Bei Ab Arel sollte nämlich klar deklariert werden, dass er aus Kreisen der Freikirche ICF stammt. So spielen christlich-religiöse Werte immer eine Rolle in seinen Texten. Auch auf "Abglenkt": "Glaube", "Die Schuld lastet auf mir", "Kraft haben" sind Ausdrücke, die in "Abglenkt" fallen. Gleichzeitig darf gefragt werde, woher ein kompletter Newcomer das Geld für ein Video hernimmt, das mehr finanzieller Mittel bedarf, als viele etablierte Künstler zur Verfügung haben. Insgesamt ist mir "Abglenkt" etwas zu langweilig auf Schweizer Pop-Rap getrimmt. Talent will ich Ab Arel aber keineswegs absprechen – auch wenn er an seinen Dancemoves arbeiten sollte.

Fazit: mit Vorsicht zu geniessen

We Invented Paris – "Looking Back"

Ich will das nicht mehr hören. Das ist so langweilig. Das ist so unoriginell. Das ist so 1900 und irgendwas. Es erinnert mich irgendwie an Modern Talking und an einen Schweizer Act, an dessen Namen ich mich nicht erinnern kann. Und die Backgroundsänger sagen definitiv zu oft "Looking back for me". Das Video ist an und für sich gut. Nette Storyline, gute Visualisierung, produktions Value hoch. Aber neben der Musik nerven mich so Kleinigkeiten: Wieso trägt die ehemalige Schweizer Olympiateilnehmerin eine Jacke des japanischen Teams? Englische und amerikanischeMedien feiern eine Schweizer Eiskunstläuferin sicher nicht mit Titelstorys ab. Wieso zeigen sie uns nicht am Schluss, was der Sänger auf den Zettel geschrieben hat? Voll nervig, ey!

Fazit: AUFHÖREN!

Bossnak – "Houdini"

Bossnak sagt zwar, er würde den Lambo durch die City driven, seine City – bis auf das songtitelumschreibende Zürcher Kino Houdini – sieht aber mehr nach Agglo-Vorort, Bauernhöfe und Gülle-Felder aus – und das ist nicht so ein dopes Gangster-Life, wie es uns Bossnak gerne vorspielen würde. Vielleicht ist das aber eben auch einfach ironisch gemeint, weil kein Schweizer Rapper einen Lambo hat und unsere Citys eben auch mehr nach Vorort als nach Skyscapern aussehen – schön schweizerisches Bossgetue also. Wenn dem so ist, respekt für die Ironie. Und auch der Track ist eigentlich recht easy: Bossnaks Flow stimmt, die typische trapartige The-Rookiez-Produktion mit Autotune Ad-Lib ist recht fett und der Style ist fly am been. Aber dann ist es eben auch nur ein weiterer inhaltsloser Represent-Track, auf dem ein Schweizer Rapper sich selbst feiert. Kann man ahnen. Muss man aber nicht.

Fazit: Represent the Agglo-Bossstyle

I Made You A Tape – "Shards"

Ich mag den Track eigentlich sehr. Der Stimmungsumschwung von trägem und melancholisch-bluesig zu aufbrausendem und dröhnend-epischem Post Rock ist I Made You A Tape gelungen. Wäre da ein anderes Video, hätte "Shards" bei Noisey sicher schon vorher stattgefunden. Ich glaube, bei der Grundidee sind sie hier schon etwas gescheitert. Theater ist schön und gut, funktioniert aber nicht als Musikvideo. Mir ist das zu artsy, zu kompliziert, ich verstehe es nicht.

Fazit: Musik top, Video flop

Tompaul – "Ocean"

Hier darf ich meine Expertenmeinung zum Videoclip leider nicht abgeben – den gibt es nämlich nicht. Schade, weil der Song ein richtiges Musikvideo verdient hätte. Tompaul hat da einen richtig guten Mix zwischen Zürcher Techno-Sound und Songwriting gefunden. Und ich kann gar nicht so richtig sagen, wo der Track besser hinpasst: An eine Party oder auf die Tagträumer-Playlist, die doch jeder hat. "Ocean" kann die Beine antreiben und die Seele treiben lassen. Mehr davon!

Fazit: Perle im Ozean

Luuk – "Nirwana"

Luuk sagt: "Ich gang ufs eis mit dem Beat wie Nirvana."Rappt dann aber in der Hook: "Für mis Album fändi Gold nice / please!". Luuk scheint selbst noch nicht genau zu wissen, ob er das Broke Life feiern soll oder schon das nächste grosse Ding ist. Ich glaube, von zweiterem ist er noch weit entfernt. Hier haben wir einfach mal wieder einen Represent-Track, der mir wie die 1.000 davor und die 1.000 danach nicht egaler sein könnten. Der Track wird mir nicht in Erinnerung bleiben, wie das Gesicht von Luuk, das im Clip eigentlich nie wirklich erkennbar ist. Man schiesst einfach keine Low-Budget-Clips in der Nacht. Aber es gibt sicher Leute, denen es gefällt – meins ists nicht.

Fazit: schon wieder vergessen

Andy S. – "I Gib Uf"

Stell dir vor, du bist Hobbymusiker, stellst ein Video auf YouTube und machst dann etwas Werbung auf Facebook dafür – das machen ja viele Musiker heute so. Und dann erreichst du damit genau einen Noisey-Redaktor, der gerade einen Artikel über Facebook-Werbung von Musikern schreibt. JACKPOT! Jetzt nur noch Talent haben und die Karriere bekommt einen Kickstart. Das fehlt Andy S. aber leider. Sorry.

Fazit: Niete gezogen


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