Wer macht eigentlich den 'Infoscreen'?
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Popkultur

Wer macht eigentlich den 'Infoscreen'?

Der 'Infoscreen' auf den Bildschirmen von Wiens Öffis erreicht mehr Menschen als so manche Tageszeitung. Zeit, unsere Straßen- und U-Bahn-News als eigenständiges Medium zu begreifen.
2.5.17

Jedes Mal, wenn ich auf die Ankunft einer modrigen U-Bahn warte und dabei herausfinde, dass Renée Zellweger heute Geburtstag hat, freue ich mich ein bisschen. Das Schönste am Infoscreen ist wahrscheinlich dieses kollektive Anstarren, das alle Fahrgäste, die nicht gerade mit ihrem Handy beschäftigt sind, kurzzeitig miteinander verbindet. Denn für einen Augenblick lang beschäftigen sich vollkommen fremde Menschen innerlich mit demselben Thema: Renée Zellweger. Oder eben Marine Le Pen. Oder Fußball. Die wichtigen Dinge.

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Selbst wenn es mal nicht um Promi-Geburtstage oder Wahlergebnisse geht, liefert uns der Infoscreen kontinuierlich Antworten auf Fragen, von denen wir nie wussten, dass wir sie überhaupt hatten: Kann ein Nilpferd wirklich schneller laufen als Usain Bolt? Wie viele Zähne hat eine Schildkröte? Ist diese Popcornmaschine in Form eines Todessterns womöglich genau das, was mir in meinem Leben noch fehlt? Was wurde eigentlich aus Mischa Barton? Wie kommt der Regen in die Wolken? Und überhaupt: Was zur Hölle?

Die eine Frage, die auf den Bildschirmen von Infoscreen nicht beantwortet wird, obwohl ich sie mir seit geraumer Zeit stelle, ist diese: Wer macht das eigentlich? Gibt es irgendwo da draußen eine Gruppe von Menschen, deren Job es ist, im Internet nach ulkigen Gadgets zu suchen? Wer entscheidet darüber, dass das 105-jährige Jubliäum der Titanic eine Nachricht wert ist?

Wem darf ich für mein Wissen über Schildkrötenzähne einen Blumenstrauß schicken? Und wessen Aufgabe ist es, eine Star Wars-Popcornmaschine zu promoten?

Wer denkt sich diese absurden Quizfragen aus, bei denen man nur heimlich mitfiebert, wenn die falschen Antworten nacheinander verpuffen? Wem darf ich für mein neu erlangtes Trivia-Wissen über Schildkrötenzähne einen Blumenstrauß schicken? Und wessen Aufgabe ist es, eine Star Wars-Popcornmaschine zu promoten?

Antworten finden sich in einem Großraumbüro im 3. Wiener Gemeindebezirk: Von dort aus wird der Infoscreen befüllt – und ja, dahinter stecken tatsächlich echte Menschen. Zu den Hard Facts: Den Infoscreen gibt es in Österreich seit 1998. Anfangs nur mit Bildflächen in Wiener U-Bahn-Stationen vertreten, folgten schließlich Straßenbahnen, Busse und später auch öffentliche Verkehrsmittel in Graz, Klagenfurt, Linz, Innsbruck und Eisenstadt. Entgegen dem weitverbreiteten Irrglauben, der Infoscreen wäre das mediale Sprachrohr der Wiener Linien, handelt es sich vielmehr um eine Tochterfirma des Werbeunternehmens Gewista. Die genutzten Flächen müssen bei den Wiener Linien angemietet werden. Rund 30 Prozent des Programms besteht aus Werbung, erreicht werden eigenen Angaben zufolge täglich 709.000 Menschen – und damit ist der Infoscreen de facto größer als die Österreich. Trotzdem ist der Infoscreen als Medium nicht mal ansatzweise so stark in unseren Köpfen verankert.

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Neo-Geschäftsführer Sascha Berndl hat diese Position zum Zeitpunkt unseres Gesprächs seit geschlagenen 48 Tagen inne und lässt gleich zu Beginn die erste Bombe platzen: Die Infoscreen-Screens in den U-Bahn-Stationen sind gar keine richtigen Screens, sondern lediglich ein paar popelige Leinwände. Enttäuschung pur! Nicht, dass ich mir je wirklich Gedanken über die Echtheit der Bildschirme gemacht hätte, aber dass dort in der Station riesige Beamer über meinem Kopf schweben, und ich theoretisch Schattenspiele auf Mischa Barton hätte werfen können, kam dann doch irgendwie überraschend.

Insgesamt rund 50 Mitarbeiter sind im Infoscreen-Büro auf drei Stockwerke aufgeteilt. Die Redaktion stellt 8 davon. Ich möchte wissen, ob man in Anbetracht der hohen Reichweite auch eine Form von redaktioneller Verantwortung für die veröffentlichten Inhalte spürt – Überschriften wie "Handelt es sich bei diesem Lebewesen um einen Schweinedämon?" à la oe24 gibt es hier zumindest nicht. Redaktionsleiterin Stefanie Pfaffendorf bejaht: "Zwar ist die Kronen Zeitung einer unserer Medienpartner – aber wir achten darauf, dass unsere Nachrichten nicht reißerisch sind."

Auch weil der Infoscreen keiner Altersbeschränkung unterliegt und dementsprechend kinderfreundlich auftreten muss, überlegt man bei manchen Formulierungen oft zweimal. Das erklärt übrigens auch die vielen Kinderbuch-Tipps und Antworten auf Rat-auf-Draht-Fragen wie "Bin ich uncool, wenn ich nicht rauche?" Mit Meldungen wie etwa der Explosion in der U-Bahn von St. Petersburg geht man darüberhinaus zusätzlich sorgfältig um: "Schließlich senden wir ja auch in U-Bahn-Stationen."

"Wir achten darauf, dass unsere Nachrichten nicht reißerisch sind."

Für ein herkömmliches, kahles Großraumbüro sind die Infoscreen-Räumlichkeiten fast schon beunruhigend gemütlich. Inmitten einsamer Schreibtischinseln sprießen tropische Urwälder empor, die es den Angestellten teilweise ermöglichen, einander nicht permanent im Blickfeld haben zu müssen – man kann sich während der Arbeit wortwörtlich hinter einem Baum verstecken. Ein wahr gewordener Büro-Traum.

Und als wäre das nicht schon genug, bekommt im verglasten Konferenzraum gerade ein Mitarbeiter eine Shiatsu-Massage verpasst. Ich schwöre. Spätestens jetzt ergibt auch die Auszeichnung zu einem von "Österreichs besten Arbeitgebern" plötzlich Sinn. "Wir waren auch schon gemeinsam Klettern!", wird mir gegenüber beiläufig erwähnt. Normal.

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Schließlich treffe ich auf die Redakteurin, die für die Todesstern-Popcornmaschine und eigentlich das ganze lustige Zeug verantwortlich ist: Evi, auf deren Schreibtisch richtigerweise ein Buch mit dem Titel Warum können Elefanten nicht hüpfen? rumliegt. Zu ihren Aufgaben gehören unter anderem das Format "Ding-o-mat", in dem regelmäßig Sinnlosigkeiten vorgestellt werden, und die Entwicklung von unnützen Wissensfragen – also all die Dinge, die einem am Infoscreen dauerhaft in Erinnerung bleiben. Gleichzeitig aber auch Dinge, die man zugegebenermaßen nicht sofort als Arbeit einer Journalismus-Absolventin erkannt hätte.

Tatsächlich besteht ein Teil ihres Jobs daraus, das Internet nach komischen Sachen zu durchforsten. Aber dabei immer fündig werden, parallel ungewöhnliche Quizfragen recherchieren, mittelgute Computerspiele rezensieren, passende Bildinhalte für Instagram erstellen, nebenher vielleicht noch Rezepte für Grillsoßen erfinden und alles auf die richtige Zeichenanzahl bringen – stressfrei ist das nicht gerade. Evi ist die Heldin, die diese Stadt verdient.

Beschwerden erreichen den Infoscreen trotz seiner Größe nur selten. Hier und da gebe es ein paar besorgte Elternteile, die sich telefonisch über Kriegsberichterstattung beschweren – für Kinder sei diese nämlich ungeeignet. Viele sind es laut Redaktionsleiterin Pfaffendorf aber unterm Strich nicht: "Letztes Jahr waren das vielleicht insgesamt 10 Anrufe."

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Auf Einwände via Social Media reagiert man hingegen meist schnell und empfänglich. Als beispielsweise Anfang des Jahres der Hitlergruß des norwegischen Terroristen Anders Behring Breivik prominent auf den Bildflächen zur Schau gestellt wurde, gab es Beanstandungen via Twitter – die vom Infoscreen in der Folge als "berechtigt" anerkannt wurden.

Für weitere gemischte Reaktionen sorgte erst kürzlich ein knallharter Lifehack. Thema: "Katzen verjagen". Die Problematik fremder Miezen im eigenen Garten sei während der wöchentlichen Redaktionssitzung aufgebracht worden, also wurden kurzerhand Tipps für deren Fernbleiben gesammelt. Der Infoscreen empfahl augenzwinkernd die Anschaffung eines Hundes – und machte damit sein wohl größtes Problem deutlich: Durch die fehlende Wahrnehmung als eigenständiges Medium weiß man eben nie so richtig, was ernst und generell wie etwas gemeint ist.

Hat man erst mal begriffen, dass hinter all den weirden Gadgets, hinter den ganzen Tierfotos mit den gewollt lustigen Sprechblasen, hinter all diesen seltsamen Wissensfragen echte Menschen stecken, die ihre Plattform nicht für Stimmungsmache nutzen, weiß man die Öffi-News erst richtig zu schätzen. Der Infoscreen tut keinem weh – das ist seine Stärke und gleichzeitig auch seine größte Schwäche. Themen, die anecken oder eine kritische Gegenöffentlichkeit wird man hier nicht finden. Aber wenn ich das nächste Mal auf die U-Bahn warte und dabei eine wärmende Bartmütze ans Herz gelegt bekomme, werde ich daran denken, dass Evi wahrscheinlich ziemlich viel Zeit investiert hat, um diesen Scheiß für uns zu finden.

Franz auf Twitter: @FranzLicht

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