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Der Klugscheißer-Guide to Italo Disco

Versuch dir mal vorzustellen, jemand hätte das Disco Genre in ein B-Movie verwandelt.

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Juli 16 2015, 11:35am

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Du bist der erotische Halbgott unter den Weltraumfahrern. Du bist so unglaublich schön und dein Haar so fest und dick wie dein Herz. Du räkelst dich in einer lindgrünen Badehose am Strand. Du ziehst Koks von den schwarz-weißen Kacheln deines Badezimmers. Auf deinem Kaminsims, neben den Champagnergläsern und dem gepflegten Bonsai, steht die Marmorbüste eines griechischen Philosophen. Du träumst von farbenfrohen hors d'oeuvres. Du bist ein verdammter Roboter. Du bist einfach unglaublich Italo.

Stell dir vor, jemand hätte das komplette Disco-Genre zu einem B-Movie gemacht—Musik, die so unglaublich emotional ist, dass es von ihr kein Entkommen gibt. Genau das ist Italo und seine Magie, die von deinen innersten Gefühlen zehrt. Nein, es ist kein Disco. Tatsächlich ist es in den meisten Fällen technisch viel schlechter gemacht, strahlt dafür aber einen unbeschreiblichen Charme aus.

Italo Star Sabrina chillt ein bisschen. Alle Bilder via Discogs.

Am wichtigsten ist es wahrscheinlich zu verstehen, dass Italo in keiner einfach zu definierenden Form vorliegt—und das tat es ganz sicher auch nicht zu der Zeit, als die Musik entstanden ist. Tatsächlich bekam die Musik, die wir heute Italo nennen, den Namen erst Mitte der 80er von dem deutschen Label ZYX aufgedrückt. Es war eine Bewegung ohne einen richtigen Anfang oder ein richtiges Ende. Tatsächlich wurde die Musik damals von den meisten Hörern in Italien einfach als 80er Pop wahrgenommen. Das schwer zu erfassende und umstrittene Wesen von Italo macht es einem zwangsläufig ziemlich schwer, einen konkreten Guide darüber zu schreiben, ohne etwas zu übersehen, zu überspringen oder ganz generell irgendwelche Leute anzupissen. Da ich aber voll der Draufgänger bin, mache ich es einfach trotzdem.

Also die Story, die natürlich komplett falsch in die Annalen der Musikgeschichte eingegangen ist, beginnt mit dem Tod von Disco in den USA. Das Genre hatte die 1970er dominiert, aber im Zuge dessen eine beispiellose Abscheu auf sich gezogen—vor allem in der Mitte der USA. Das gipfelte dann in einem rapiden Einbruch der Disco-Verkäufe und letztendlich der berüchtigten Disco Demolition—einem unglückseligem Versuch, nach einem Spiel der Chicago White Sox kistenweise Discoplatten in die Luft zu sprengen. In Europa hatte der Glitzer der Disco-Kugel aber durchaus noch treue Anhänger, die neuen Stoff aus dem Land wollten, das dem Genre den Rücken zugekehrt hatte. Das Versiegen neuer Produktionen und die steigenden Kosten für den Import von Platten, die seltener und seltener wurden, führte zu der Geburt einer neuen Musikindustrie—vor allem in Italien. Die dortigen Produzenten fingen an, selber eigene Discoplatten zu machen, trafen dabei jedoch nicht wirklich den Stil und erschufen dafür aber etwas Neues und Wildes.

Von diesem Punkt an teilte sich Italo in zwei unterschiedliche aber gleichwertige Kategorien. Einerseits gab es Tracks, die von gestandenen Disco-Musikern produziert wurden—Komponisten und Producern mit erstklassigem Equipment und jahrelanger Erfahrung, die neue synthetische, Space Age Sounds mit dem Glamour-Glitter des Ursprungsgenres verbanden. Gleichzeitig gab es aber auch Tracks, die mit der gleichen Intentionen von Produzenten gemacht wurden, die weder über das Equipment noch die Erfahrung verfügten. Es waren vor allem die Letzteren, die Italo seine bis heute zu eigene Liebenswürdigkeit verliehen. Refrains nur so triefend vor romantischen Klischees, gesungen in schlechtem, englischem Akzent über ARP Synths und beschwingten, repetitiven Bass-Spuren. Es ist der Sound einer Fantasie-Welt—eines Fantasie-Amerikas, eines Fantasie-Sportwagens mit dem man einen Fantasie-Highway entlang rauscht, bevor man seine Fantasie-Sonnenbrille weit unter die Augen zieht und in einem Fantasie-Kosmos verschwindet.

Ja, vielleicht ist Italo noch trashiger als Bruce Willis Debütalbum, aber diese bunte Welt des Euro-Clubbings und leuchtender, ehrlicher Selbstdarstellung beeinflusste so ziemlich alles, was wir heute Dance-Musik nennen.

KÜNSTLER

Italo ist jetzt kein Genre, das maßgeblich von irgendwelchen Künstlern angeführt wurde. Es war mehr ein unablässiger Strohm obskurer One Hit Wonder, die sich aus verschiedenen Glückspilzen und Träumern zusammensetzten. Ein paar besonders herausstehende Künstler gibt es aber trotzdem.

Giorgio Moroder

Ok, Giorgio ist jetzt nicht unbedingt ein Italo Disco-Künstler im wahrsten Sinne des Wortes, aber er lieferte dem Genre einen entscheidenden Anstoß. Sein Einfluss beruht tatsächlich weniger darauf, dass er Italiener ist, sondern vielmehr auf der ganzen Pionierarbeit, die er für die elektronische Musik geleistet hat. Moroders Werk steht für diesen Moment, in dem der glattgeleckte Teil von Disco anfing, in synthetischere Gefilde abzudriften. Diese vermeintliche Erkenntnis liegt natürlich noch mehr auf der Hand, als zu sagen, dass Oasis von den Beatles beeinflusst wurden, aber Donna Summers „I Feel Love" ist schlicht und einfach die Produktion, die eine neue Vorlage schuf. Und wenn du immer noch zweifeln solltest, schau dir mal das Video zu „Together In Electric Dreams" an und sag mir, dass das nicht so was von Italo ist.

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Klein & MBO

Klein & MBO waren ein Italiener (Mario Boncaldo) und ein Amerikaner (Tony Carrasco)—also quasi die geographische Vereinigung Italos musikalischer Wurzeln. Ihr größter Einfluss bestand wohl darin, Italo in die Gefilde der Dance-Musik zu bewegen, da viele ihrer Tracks zu Hits im New Yorker und Chicagoer Underground avancierten.

Kano

Kano waren eine der anderen Vorreitergruppen, die Italo in der Welt verbreiteten, und sie gehörten auch zu den Ersten, die internationale Erfolge einfahren konnten—viele ihrer Singles kamen vor allem in den USA gut an. Sie veröffentlichten aber auch vollständige Alben, was in der schnelllebigen und auf billige Produktionen setzende Welt des Italo eine echte Seltenheit darstellte. Jeder aufmerksame Kano-Kenner wird außerdem hören, wie ihr Hit „Now Baby Now" von Felix Da Housecat in „Glitz Rock" gesampelt wurde.

Sabrina/Clio/Valerie Dore

Diese drei stehen für einen wichtigen Aspekt von Italo: den Popstar. Diese Sängerinnen waren allerdings nie solche Stars, wie es die Diven der damaligen Disco-Ära waren. Namen wie Valerie Dore waren oftmals nur Projekte von Producern, die die Identität der Stars als Meta-Vehikel für ihre Tracks benutzten. Einfach gesagt: Italo war schon PC Music, bevor Danny L. Harle überhaupt auf der Welt war. Vielleicht ist dir auch aufgefallen, dass Italo Disco, was das Frauenbild anging, nicht gerade das vorbildlichste Genre war.

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LABELS

ZYX

Aus internationaler Perspektive betrachtet, war ZYX wahrscheinlich das wichtigste Label. Nicht nur erfand die deutsche Plattenfirma den Namen Italo, sondern zeigte sich auch verantwortlich für die unglaublich wichtigen Best of Italo-Disco Compilations. Wie so oft brauchte es einen Außenstehenden, um ein Phänomen auch als solches zu erkennen—und ZYX größte Leistung bestand genau darin. Sie erkannten Italo als einen Mikrokosmos, steckten es in eine ansprechende Verpackung und verkauften es der Welt.

Goody Music


Jacques Petrus.

Eines Tages werde ich einen Spielfilm über Goody Music machen. Angeführt von dem größenwahnsinnigen, unzuverlässigen, aber unglaublich ambitionierten Jacques Petrus war Goody Music eins der wenigen in Italien beheimateten Labels, das sich tatsächlich gegen die internationalen Schwergewichter behaupten konnte. Machos Platte „I'm a Man" ist ein besonders erwähnenswertes Exemplar, da es die erste Disco-Scheibe war, die komplett aus der Hand von italienischen Musikern stammte und ein weltweiter Erfolg wurde. Sie dominierte die Charts von Amerika über Japan bis nach Brasilien. Nichtsdestotrotz führte Petrus zweifelhafter Ruf und seine Unfähigkeit, sich Fehler einzugestehen, zu Geschäftsentscheidungen, die ihn immer tiefer in die kriminelle Unterwelt führten, wo er sich offensichtlich mehr Geld lieh, als er jemals zurückzahlen konnte. 1986 wurde er im Alter von 47 Jahren in seiner Villa in Guadalupe ermordet.

Power Records

Power war ein weiteres italienisches Label, das sich auf die Fahne schreiben kann, einige großartige Italo-Hits veröffentlicht zu haben. Auch wenn es nur zwischen 1986 und 1987 existierte, schaffte es in dieser Zeit, mehr erstklassiges Kitschmaterial rauszuhauen, als Duran Duran in ihrer ganzen Karriere.

TRACKS

Klein & MBO - „Dirty Talk"

Das ist quasi der „klassische" Italo-Track. Veröffentlicht 1982 erschien er genau in dem Zeitfenster, in dem die Drumcomputer des Disco verklungen waren, aber noch nicht alles nur noch Techno, Techno, Techno rief.

Baby's Gang - „Happy Song"

Ja, du hast recht, „Everybody, let's go to the gig, we can dance there, dance and eat an ice-cream, everybody dancing all night long, try to do it, sing a happy song" sind die besten Lyrics, die je in einem Dance-Track zu hören waren.

Paciscopi - „Love's Harmony"

Dieser hier gilt nicht unbedingt als Italo-Klassiker, ist aber einfach einer meiner persönlichen Favoriten. Einmal gibt es da diese tuckernde Bassline, die quasi vorausahnte, wie viel Zeit wir in den nächsten dreißig Jahren alle zu blinkenden Lichtern in verschwitzten Kellern verbringen würden. Und dann ist da natürlich noch diese Popcorn-esque Hook, die fast schon unauffällig über allem schwebt. Einfach magisch.

Casco - „Cybernetic Love"

Casco (Salvatore Cusato) war einer der richtig großen Italo-Producer und dieser Track ist sein absolutes Meisterstück. „Cybernetic Love" wurde 1983 veröffentlicht und ist definitiv am kosmischen Ende des Italo-Genres anzusiedeln. Wenn du genau hinhörst, wirst du quasi Zeuge der Geburt von Detroit Techno und Acid House.

Caron - „Out of the Night"

OK, das hier ist ein weiterer persönlicher Favorit. Hier haben wir Italo auf seinem überemotionalen Herzschmerz-Höhepunkt. Allein der Anfang! Es klingt, als würdest du in einem Cabrio durch Mailand fahren und eine Zigarette nach der anderen rauchen, während du darauf wartest, dass dich deine Ex auf deinem großen, schwarzen Autotelefon anruft.

Clio - „Faces"

Das hier ist das beste Beispiel dafür, warum Italo die bessere Popmusik ist. Ich habe wirklich keine Ahnung, warum dieser Song nicht 12 Jahre lang die Charts an allen Enden der Welt anführte.

Riky Maltese - „Warrior"

Der grandioseste Refrain im ganzen Italo-Genre und die beste Platte, die Power je veröffentlicht hat.

Dr Martini - „You are the One"

Diese Kick Drum! Sie haut dir Löcher in den Renaissance-Stuck deiner Decke, rüttelt deinen Dali-inspirierten Spiegel von der Wand, zieht dir deinen Zebrateppich unter den Füßen weg.

Mr Flagio - „Take a Chance"

Eine allzu offensichtliche Wahl, aber ich würde meinen Job nicht vernünftig machen, wenn ich den Song hier nicht erwähnen würde. Dieses Lied ist erfüllt von schwelender Ekstase—eine kleine Erinnerung daran, wie sexy Dance-Musik sein kann. Das gilt natürlich nur, wenn du Hooks mit Gospelgesang, Hi-Hats und Roboter mit Schnauzbärten sexy findest—ich für meinen Teil tue das jedenfalls.

Firefly - „Love is Gonna Be on Your Side"

Das hier ist ein schönes Beispiel, um die Verbindungen zwischen Italo und dem klassischen Disco-Sound zu zeigen. 1981 erschienen markiert er die Periode, während der sich Italo noch mehr als Studio 54 Abklatsch definierte—einfach wundervoll!

Valerie Dore - „Get Closer"

Das ist Musik, zu der du die Ermordung deines Freundes rächst.

COMPILATIONS UND MIXE

Best of Italo - ZYX

Wie eben schon erwähnt, diese Compilations liefern das Beste, was Italo zu bieten hatte.

Essential Italo Disco Classics - Strut

Im Zuge des vor Kurzem wiedererwachten Interesses an Italo hat Strut diese ziemlich großartige Compilation zusammengestellt, in der sowohl gestandene Italo-Vertreter wie Kano, als auch unveröffentlichte Raritäten vertreten sind. Bester Track? Wahrscheinlich der hier.

Mixed Up in the Hague Vol.1 - Panama Records

Dieser von I-F zusammengestellte Mix bringt es einfach. OK, er ist nicht 100% Italo, aber es ist genug davon vertreten, um ihn gleichermaßen als Einführung für unerfahrene Hörer und dynamische Interpretation der Klassiker für diejenigen zu sehen, die mit dem Genre schon bestens vertraut sind.

DIE NACHKOMMEN

Eigentlich gehören dazu alle Bereiche der Dance-Musik. Am direktesten ließ sich die Übersiedlung des Sounds in die New Yorker Paradise Garage beobachteten, wo die Italo-Tracks ein elektronisches Gegenstück zu Levans eher Soul-lastigen Mixen bildeten. Die Drumtracks wiederum fanden ihren Weg in den Chicago House und die Synthesizer und das ganze Space-Age-Thema in den Detroit Techno. In Großbritannien bauten New Order, die Pet Shop Boys und letzten Endes auch Acid House (ob bewusst oder nicht) alle auf dem gleichen schmierigen, von dichtem Brusthaar überwucherten Fundament auf. Hör dir noch einmal „Cybernetic Love" von Casco an und dann denk mal kurz an alles, was Daft Punk je fabriziert haben. So, wie ich das sehe, hat selbst Kanye West ein Italo-Album gemacht.

Was das Genre selbst angeht, wurde alles etwas deeper. Mit der Entwicklung in Chicago, fing die Inspiration wieder an, in die andere Richtung zu fließen. Italo House war geboren. Der Schwerpunkt verlagerte sich auf Piano-geschwängerte Produktionen und euphorische Refrains—sehr schön zu hören in „Ride On Time" von Black Box. Versteh mich nicht falsch, der Song ist großartig, aber die Zeit der Champagner trinkenden Roboter war einfach vorbei.

Italo ist heute eigentlich so beliebt wie eh und je, es gibt in jeder größeren Stadt Clubabende, die fast exklusiv diesem Genre gewidmet sind und DJs wie Bicep spielen Italo Disco und House Sets, wie sie das zum Beispiel auch beim Glastonbury gemacht haben. Das ist alles schön und gut, aber wir sollten nicht eine Sekunde auf die Idee kommen, dass Italo bloß eine Kitschbewegung ist—eine Kuriositäten-Ecke der Populärkultur, zu der wir ironisch tanzen, nachdem wir ein paar Drinks zu viel hatten. Ja, Italo hat ungefähr so viel Klasse wie ein Hawaiihemd aus Polyester, aber es veränderte damals einfach alles.

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