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1000 Polizisten schlagen gegen deutschen Online-Schwarzmarkt zu

Waffen, Drogen, geklaute Daten und Viren – auf crimenetwork.biz wurde fast alles gehandelt. Nun könnte es für die Betreiber eng werden.

von Theresa Locker
13 März 2017, 3:23pm

Titelbild: imago

Die Website crimenetwork.biz war jahrelang eine der wichtigsten Anlaufstellen für deutsche Cyberkriminelle – bis die Seite im Mai des vergangenen Jahres aus dem Netz verschwand. Doch die Polizei interessierte sich weiterhin brennend für die Seite, wie eine groß angelegte Aktion in der vergangenen Woche zeigte: Am Dienstagabend sind deutsche Ermittler mit rund 120 Hausdurchsuchungen gegen Mitglieder und die Führungsriege des Online-Schwarzmarkts crimenetwork.biz vorgegangen.

Der Razzia waren monatelange Ermittlungen vorausgegangen: Eine vom BKA koordinierte Gruppe wertete in vier Monaten über eine Million Posts und Nachrichten des Forums aus. Angesichts des ruppigen Umgangstons und der konfusen Posts der User dürfte das in der Tat harte Arbeit gewesen sein. Doch die Recherche hat sich aus Ermittlersicht gelohnt: Bei den Beschuldigten wurden nicht nur Stichwaffen und Drogen gefunden, sondern auch gefälschte Kreditkarten und haufenweise Datenträger – „typische Cybercrime-Beweismittel", so ein Sprecher des LKA Bayern gegenüber Motherboard.

Auf dem Forum crimenetwork.biz konnten Mitglieder nach einer Anmeldung neben Waffen und Drogen gestohlene Kreditkartendaten und Schadsoftware austauschen und zu Geld machen. Nebenbei konnten Betreiber externer Marktplätze gegen Tausende von Euro für ihre Produkte mit einem Banner im Forum werben. Bezahlt wurde per Bitcoin oder anonymen Treuhanddienst. Rund 84.000 angemeldete Mitglieder machten das Forum zum wohl größten deutschen Online-Umschlagplatz für Illegales aller Art.

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Elf ermittelte Mitglieder sollen sich in der Führungsebene bewegt haben. Sie seien als Admins und Moderatoren des Boards aufgetreten, so der federführende Staatsanwalt Daniel Vollmer aus Köln gegenüber Motherboard, „wobei wir nicht ausschließen können, dass sich die Angeschuldigten nicht auch zusätzlich als Mitglieder angemeldet hatten".

Ob die Festnahmen mit dem vergangene Woche gestarteten Prozess gegen die Betreiber des Drogen-Shops Chemical Love zusammenhängen, wollte das an der Ermittlung beteiligte LKA Bayern auf telefonische Nachfrage „weder bestätigen noch dementieren". Crimenetwork.biz „ist eines der größten Underground-Economy Foren im deutschsprachigen Netz", so Pressesprecher Strobel vom LKA Bayern weiter, „und die große koordinierte Aktion lässt sich damit begründen, dass wir die Verfahren bündeln wollen". Tatsächlich markiert der Schlag gegen crimenetwork.biz die wohl größte Aktion gegen Internetkriminalität in Deutschland. Allein der Einsatz von 1000 Ermittlern für deutschlandweite Razzien und die Analyse einer Datenmenge von einer Millionen Posts im Forum dürften einmalig sein in der noch jungen Geschichte deutscher Cybercrime-Abteilungen.

BKA gelingt großer Schlag gegen Internetkriminalität: Ermittler schalten mehrere Cybercrime-Foren ab

Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, wurden zwei Verdächtige in Saarlouis und Saarbrücken festgenommen, denen Computerbetrug in 452 Fällen beziehungsweise der illegale Verkauf von Potenzmitteln in mehreren hunderten Fällen vorgeworfen wird. Sie gehören aber, wie uns Staatsanwalt Vollmert mitteilte, nicht zur Führungsriege, sondern zur Nutzerbasis.

Auch in mindestens einem anderen Fall führten die Ermittlungen auf Crimenetwork bereits zu einer Festnahme: Am Dienstag wurde ein 27-jähriger Delmenhorster durch SEK-Kräfte festgenommen, der über das Schwarzmarktforum Spielkonsolen zu verlockend günstigen Preisen angeboten haben soll. Der Besitzer des sogenannten Fakeshops versendete die Ware natürlich nie und soll mindestens 200 Kunden um rund 430.000 Euro geprellt haben.

Die festgenommenen elf Personen stammen aus mindestens fünf Bundesländern: Fünf aus Nordrhein-Westfalen, zwei aus Niedersachsen, jeweils einer aus Hessen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein sowie ein Festgenommener, bei dem die Angabe der Herkunft in den Akten fehlt. Bis auf einen mutmaßlichen Foren-Betreiber, der wegen Wiederholungsgefahr weiterhin in Haft bleibt, sind alle mutmaßlichen Foren-Bosse vorerst wieder auf freiem Fuß, wie die Kölner Staatsanwaltschaft, die Ermittlungen gegen die Führungsriege führt, bekannt gab.

Die Ermittler hoffen jedoch, dass sich die Verdächtigen bald wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung, Drogen- und Waffenhandel, Datenhehlerei und Kreditkartenbetrug vor Gericht verantworten müssen.

Ein kleiner Ausschnitt aus der vielfältigen Themenwelt auf der Nachfolge-Version von crimenetwork.biz.  Bild: Screenshot

Im vergangenen Mai war die erste Version der Website offline gegangen. Kurz zuvor kursierte im Internet eine Datei, die die Datenbank von crimenetwork.biz darstellen soll. Die Daten in dem rund 10 GB großen Archiv-Leak sollen sämtliche Forenbeiträge sowie private Chats auf dem Forum beinhalten. Ob sich die Ermittler dieses Leak zu Eigen gemacht haben oder die Seiten selbstständig archiviert hatten, wollten die angesprochenen Behörden aus ermittlungstaktischen Gründen nicht präzisieren.

Währenddessen geht das Geschäft auf einer Ausweich-URL weiter. Auf dem Schwarzmarkt, der als „CNW v2" bezeichnet wird und der ein identisches Design wie die erste Version aufweist, hat ein Moderator unter dem Alias Mr. White ein Statement zu den Razzien am Mittwoch veröffentlicht. Darin heißt es: „Die aktuelle Lage ist soweit in Ordnung. Der Führungsstab von CNWv2 ist nicht betroffen. (…) Ich halte es auch für extrem unwahrscheinlich, dass das BKA Zugang zu Datenbanken von CNW.biz hatte. Allem Anschein nach wurden öffentliche Postings ausgewertet."

Ob auch gegen das neue Forum ermittelt wird, konnten BKA, Staatsanwaltschaft Köln und LKA Bayern auf Nachfrage nicht sagen. Da es sich um eine andere Website handelt, würden solche Ermittlungen aber ohnehin gesondert geführt werden.