Vier ehemalige Obdachlose erzählen von ihrer Zeit auf der Straße

"Menschen schauen weg, weil es seelisch belastend ist, hinzusehen."

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17 März 2017, 11:20am

Fotos bereitgestellt von Anja-Therese Salomon

Dass es in Wien – der angeblich lebenswertesten Stadt der Welt – nicht für alle Swarovski-Ketten und Wiener Schnitzel gibt, sondern auch hier Menschen in Armut und Obdachlosigkeit leben, lässt sich leicht ausblenden. Wohnungslose sind ein blinder Fleck auf der Karte des viertreichsten Landes der EU. Tatsache ist allerdings, dass in Wien rund 22,7 Prozent der Bevölkerung akut armutsgefährdet sind.

Im Zuge eines Forschungsprojekts über Obdachlosigkeit haben Studierende der Wirtschaftsuni Wien genau hingesehen und Obdachlosen vor allem zugehört. Das Ergebnis ist ein Film mit dem Titel Obdachlos – Zuhause am Rande der Gesellschaft.

"Wenn ich heute nach diesem Projekt an einem Obdachlosen vorbeigehe, dann nehme ich sie oder ihn als Person wahr", erzählt Anja-Therese Salomon, die den Film gemacht hat. "Nicht nur als eine farblose Möblierung meines Alltags. Die vielen Begegnungen mit obdachlosen Menschen haben meine Sicht auf viele Dinge verändert." Das No-Budget-Filmprojekt der Studierenden zeigt, wie schnell man auf der Straße landen kann.

Vier Menschen und ihre Geschichten aus dem Film:

Rudolf

"Menschen haben auch andere Bedürfnisse, nicht nur fressen."

"Wenn man nicht kämpft, dann geht man unter, und zwar bis in den Kanal hinunter. Dann bist du verloren, richtig verloren". Rudolf wohnte sieben Jahre lang in einem aufgelassenen Schacht hinter dem Wiener Rathaus und verkaufte gegenüber Zeitungen. Seinen wenigen Besitz trug er ständig mit sich herum.

Auf der Straße ist er nach einer Scheidung gelandet. Zuvor arbeitete er bei einem Computerkonzern – aber nachdem er seine Wohnung verloren hatte und nicht mehr so "gepflegt" aussah, wurde er aus der Firma hinausgeworfen, erzählt er. Dann folgte ein schwerer Magendurchbruch, der eine 12-stündige Operation erforderte.

Nach einigen Jahren bekam Rudolf durch Glück eine Wohnung in der Obdachlosenunterkunft Neunerhaus. Mit seinem Gesundheitszustand hätte er nicht länger auf der Straße überlebt. "Dort kann ich wohnen, bis der Deckel drauffällt", sagt er.

"Mit jedem Tag versinkt man mehr. Viele trinken bereits morgens den ersten Wein, gefolgt von literweise Schnaps. Wenn man dem Alkohol einmal verfällt, geht es nur noch abwärts. Man versinkt. Viele wollen gar keine Hilfe mehr und dann ist es bereits zu spät. Die sagen: Mir ist lieber, ich bin heute weg als morgen."

Nicole und Rudolf im Gespräch mit Anja-Therese Salomon

Rudolf erzählt, dass ihm einmal ein obdachloser Professor der Uni Wien begegnet ist. "Bei einem Verkehrsunfall hat er seine Frau und drei Kinder mit einem Schlag verloren. Er hat aufgegeben. Obwohl er eine riesige Wohnung hatte, wollte er nicht mehr zurück. Die Rente verschenkte der Professor an andere Obdachlose. Er ist auf die Straße gegangen, nach dem Motto: Ich möchte sterben."

Rudolf sagt, dass es nicht genug Notschlafstellen gibt, und nicht genug Essensausgaben. "Aber Menschen haben auch andere Bedürfnisse, nicht nur fressen." Ein großes Problem für ihn war das Tierverbot in Notschlafstellen. "Niemals geb' ich meinen Hund her, da schlaf ich lieber auf der Straße", sagt er. Sein Hund sei der einzige Wegbegleiter ohne Vorurteile.

Nicole

"Scheitern gehört zum Leben dazu."

Obdachlosigkeit bei Frauen ist im öffentlichen Raum immer noch weit weniger präsent. Frauen versuchen viel häufiger, ihre Situation zu kaschieren – man spricht daher auch von versteckter Obdachlosigkeit. Obwohl es inzwischen auch Einrichtungen gibt, die sich speziell obdachlosen Frauen verschrieben haben und ihnen einen Schutzraum bieten, sind Wohnungslosigkeit und das Leben auf der Straße nach wie vor ein großes Tabuthema.

Auch für Nicole war das lange Zeit so. Zuerst verlor sie ihre Wohnung, dann kam sie in ein Übergangsquartier. Im Zuge ihrer Alkoholabhängigkeit kam dann auch noch eine schleichende Depression dazu. Heute sei sie trocken.


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"Es ist nicht mehr notwendig, sich in der heutigen Zeit zu schämen", meint sie inzwischen. "Es ist wichtig, dass man sich selbst gegenüber eingesteht: 'Ja, ich habe ein Alkoholproblem. So bin ich, das ist so, und ich bin trotzdem ein Mensch.' Ich denke, das schafft die erste Erleichterung. Scheitern gehört zum Leben dazu."

Sie wünscht jeder Frau, "dass sie den Absprung rechtzeitig schafft". Ihr Sohn sei versorgt, sagt sie. Er ist fast erwachsen und wird demnächst 18. Er ist das Wichtigste für sie. "Aber ich selbst wäre beinahe untergegangen."

Immer wieder betont sie, dass der Weg aus der Obdachlosigkeit heraus ohne Dritte nicht möglich sei. Nur durch die Beratung habe sie wieder zurück ins Leben gefunden. Inzwischen lebt auch sie in einer kleinen Wohnung im Neunerhaus. Aber nach zwei Herzinfarkten und mit einem Schrittmacher finde man schwer ins Leben zurück. Sie würde liebend gerne wieder arbeiten, erzählt sie etwas wehmütig. Ihre Erklärung, warum viele Menschen wegsehen? "Weil es seelisch belastend ist hinzusehen."

Dieter und Robert

"Nicht jeder Obdachlose ist automatisch ein Junkie oder ein Psycho."

Dieter und Robert haben sehr unterschiedliche Biografien und Hintergründe und trotzdem eins gemeinsam: Sie wollen wieder in ihre eigene Wohnung, weg von der Straße. Robert stammt aus Deutschland und kommt aus schwierigen Familienverhältnissen; er hat studiert, wollte ursprünglich Lehrer werden. Ohne familiären Rückhalt hätten sich aber schnell große Schulden aufgestaut, bis er auf schließlich der Straße landete. Die Liebe verschlug ihn dann nach Wien.

Trotz Schuldenabbau fand er hier aber keinen Job. "Und plötzlich war ich obdachlos und stand vor dem Labyrinth von Sozialeinrichtungen, ohne zu wissen, wo ich eigentlich hingehöre", sagt er. "Zwei Jahre lang war es schon Luxus, beim Schlafen nur die Schuhe und Socken ausziehen zu können, wenn es draußen noch wärmer war – mit der ständigen Angst, dass meine Schuhe geklaut werden."

Dann traf er auf Shades Tours, die Touren durch Einrichtungen der Obdachlosenhilfen unter der Führung von Obdachlosen anbieten. So konnte er sich zumindest geringfügig etwas dazuverdienen und sich wieder ein Bankkonto anschaffen. Außerdem hatte er eine gewisse Tagesstruktur – und lernte seinen Kollegen Dieter kennen.

Nachdem er eine klassische Militärkarriere durchlaufen hatte, studierte Dieter zuerst Kommunikation, arbeitete dann beim Bundesministerium für Sport und landete nach einem schweren Burnout auf der Straße. Dort wurde das Nachtnotquartier U63 sein neues Zuhause – laut Dieter "das Hilton unter den Notschlafstellen". Warum er bei Shades Tours als Guide mitarbeitet, beschreibt er so: "Ich finde es ist notwendig, den Menschen die Vorurteile zu nehmen und zu zeigen, dass nicht jeder Obdachlose automatisch ein Junkie oder ein Psycho ist. Hinter jedem Fall steckt eine Geschichte."

Genau diese weitere Stigmatisierung und Unterteilung würden außerdem zu noch mehr Probleme führen. "Ich bin ja zum Beispiel nicht betreuungswürdig, weil ich kein Penner, Junkie oder Psycho bin", ärgert sich Dieter. Gemeinsam mit Robert hat er nun aus seiner Situation herausgefunden; die beiden wohnen gemeinsam in einer WG.

Mehr Infos zum Film findet ihr auf der Website und auf Facebook.

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