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Das gesetzliche Tanzverbot in Japan wird endlich aufgehoben

Der Grund: die erwartete Touristenschwemme der Olympischen Spiele 2020 in Tokio und deren Drang zum Vergnügen.

von VICE Thump
03 November 2014, 4:00pm

Illustration von Satoshi Hashimoto (via)

In den letzten vier Jahren lag auf Japan ein sonderbarer Fluch. Von Tokio bis Kyoto war das Tanzen in Clubs und Bars (und anderen öffentlichen Plätzen) gesetzlich strikt verboten. Nur ein paar Läden mit „Tanzlizenz" durften weitermachen aber selbst dort musste um ein Uhr nachts Schluss sein. Wer es wagte, diese Regel mit einem Hüftschwung zu missachten, sah sich der surrealen Erfahrung ausgesetzt, vom Personal mit erhobenem Finger ermahnt oder noch schlimmer, im Rahmen einer Polizeirazzia aus dem Club geworfen zu werden. Dieses Tanzverbot, das auf japanisch „fueiho" heißt, hat die sonst so aufstrebende Elektro-Szene des Landes extrem gebremst. Auch das Geschäft von Clubbesitzern hat darunter gelitten, da sie gezwungen waren, ihre Dancefloors zu beseitigen—um sie nicht beschuldigt zu werden, Leute zum Tanzen zu bringen.

Das alles ist bald vorbei.

Mit einem Schritt, der Dance-Liebhabern im ganzen Land sicherlich Glück und Erleichterung bringen wird, hat Japans Ministerrat am Freitag beschlossen, das Tanzverbot aufzuheben. Ihre Entscheidung folgt einer Komitee-Empfehlung, die Anfang des Jahres ausgesprochen wurde und muss nur noch vom japanischen Parlament ratifiziert werden. Es wird jedoch nicht erwartet, dass dies der Entscheidung noch Steine in den Weg legt. Der Tourismus-Schub, den die Olympischen Spiele 2020 in Tokio bringen werden, gilt als Hauptgrund dieser Entscheidung der japanischen Regierung. Denn man erwartet zu den Spielen auch eine Welle von ausländischen Clubgängern, die Tokios Szene-Viertel wie Roppongi und Shibuya sicherlich überschwemmen wird.

Diese Veränderung wird Clubs ermöglichen, in denen die Leute die ganze Nacht tanzen dürfen. Trotzdem gibt es einen kleinen, aber bedeutenden Zusatz: Das Licht in den Clubs muss heller sein als 10 Lux, was der Menge an Licht entspricht, die zehn Kerzen ungefähr 90 cm entfernt produzieren. (Oder ungefähr der Helligkeit in einem Kino vor Vorstellungsbeginn.) Diese neue Regel soll vor Kriminalität und zwielichtigem Verhalten abschrecken.

Das Tanzverbot geht in Wirklichkeit auf die „fuzoku" genannten Anti-Prostitutions-Gesetze von 1948 zurück. Die Polizei hat 2010 damit angefangen, dieses veraltete Gesetz wieder durchzusetzen, nachdem es eine Reihe an Skandalen im Zusammenhang mit Nachtclubs gab; zum Beispiel den Tod eines Studenten vor einem Club in Osaka im Jahr 2010. Wegen der daraus resultierenden Angst vor der „verdorbenen Moral" der japanischen Jugend, angeheizt von panikmachenden Berichten in den Medien, mussten viele Nachtclubs schließen.

Ein virales Video, das der Rapper Shing02 als Antwort auf das Tanzverbot gedreht hat.

Der Kampf gegen dieses Gesetz war ein langwieriger. Er wurde von bekannten Aktivistengruppen in Japan angeführt (THUMP hat bereits im Dezember 2013 davon berichtet). Ein Zusammenschluss aus Clubbesitzern, Musikjournalisten und DJs mit dem Namen „Let's Dance" hat im Mai letzten Jahres eine Petition mit mehr als 150.000 Unterschriften im Parlament eingereicht. Andere haben mit viralen Videos, Festivals, Dokumentationen und Partys für die Sache gekämpft. Anwälte sind ebenfalls die Schlacht gezogen und haben ihr Fachwissen eingebracht, denn im Prinzip war es hauptsächlich eine rechtliche Auseinandersetzung. Auch Regierungsangehörige stellten sich auf die Seite der Bewegung. Diese Allianz aus Abgeordneten wurde von Kenji Kosaka angeführt, einem Mitglied der Liberal-Demokratischen Partei, die in Japan regiert. Kosaka verhalf der Bewegung dazu, in den oberen Rängen der bekanntermaßen bürokratischen Regierung Japans gehört zu werden.

„Besucher aus Übersee würden hier nach Japan kommen und sich wundern, warum sie nicht tanzen können, obwohl man bei ihnen doch überall jeden Abend tanzen kann", sagte Kosaka in einem Interview mit Reuters. „Die einzige wirkliche Umwälzung, die dieses Gesetz hervorbringt, ist, dass du nachts tanzen kannst."

Endlich können Hunderttausende von Clubgängern, Clubbesitzern und Künstlern aufatmen. Ihr unermüdlicher Einsatz hat sich bezahlt gemacht. Weder die japanische Polizei noch die Regierung war in der Lage, dem effektivsten Argument überhaupt zu widersprechen: Geld.

Michelle Lhooq ist Redakteurin bei THUMP und hat früher in Tokio gelebt - @MichelleLhooq

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