Wenn die Geräusche deiner Mitmenschen blanken Hass in dir hervorrufen
Illustration by Tuesday Bassen
Psychologie

Wenn die Geräusche deiner Mitmenschen blanken Hass in dir hervorrufen

Bis zu 20 Prozent der Bevölkerung leiden an Misophonie – einer Störung, die bestimmte Geräusche wie Kauen oder Schnarchen unerträglich macht. Doch was, wenn man den Partner nicht mal atmen hören kann?
31.3.17

Die Wenigsten dürften Schmatzgeräusche beim Essen oder röhrendes Husten angenehm finden. Bei Menschen mit Misophonie kann die Antipathie gegenüber bestimmten Geräuschen allerdings zu Wutanfällen oder Panikattacken führen.

Der "Hass auf Geräusche" erscheint weder in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD), noch im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM), weshalb es auch keine offiziell anerkannte Definition der Störung gibt. Laut Judith Krauthamer, der Autorin von Sound-Rage: A Primer of the Neurobiology and Psychology of a Little Known Anger Disorder, handelt es sich dabei um "eine entwicklungsbedingte, neurobiologische Störung, bei der überwiegend akustische Trigger zu einer emotionalen Wutreaktion und einer körperlichen Kampf-oder-Flucht-Reaktion führen können".

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Tom Dozier, Direktor des Misophonia Treatment Institute in Kalifornien, bezeichnet die Störung als "körperliches Problem klassischer Konditionierung", was der Kontrolle des vegetativen Nervensystems unterliegt. Paul Dion, der Betreiber der Seite misphonia.com, hat hingegen eine knappere Erklärung: "Misophonie ist die Hölle."

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Tatsächlich sind sich Experten einig, dass Misophonie zu unangenehmen körperlichen Reaktionen führen kann – von zwanghaftem Kratzen über Zähneknirschen bis hin zu den bereits erwähnten Wutanfällen und Panikattacken. Laut einer 2013 erschienen Studie gehören zu den häufigsten Triggern Essgeräusche wie Schmatzen oder Kauen und Atem- und Mundgeräusche wie Schniefen oder Husten. Es gibt aber auch noch andere Geräusche wie mit den Nägeln über eine Tafel zu kratzen und visuelle Signale wie andauernd mit dem Bein zu wackeln, die denselben Effekt haben können. Die meisten Forscher nehmen an, dass zwischen 15 und 20 Prozent der Bevölkerung von dieser Störung betroffen sind – Frauen sogar noch öfter als Männer.

Allerdings sind sich Wissenschaftler noch immer nicht einig, wodurch Misophonie verursacht wird. Einige Forscher gehen davon aus, dass das Ganze mit einer neurologischen Fehlzündung im limbischen System zusammenhängen könnte, welches unsere grundlegenden Emotionen (wie Angst, Freude und Wut) und andere Bedürfnisse (wie Hunger und Sex) steuert. Es gibt aber auch Forscher, die die Störung mit einer Synästhesie vergleichen – einer Wahrnehmungsstörung, bei der ein einzelner sensorischer Reiz ungewollt einen anderen auslöst. In anderen Worten: Bestimmte Geräusche triggern das limbische System, was wiederum eine unfreiwillige Reaktion wie Wut oder Angst nach sich zieht.

Sie sind nicht einfach nur zickig. Misophonie ist eine echte körperliche Qual.

Misophonie wurde erst vor relativ kurzer Zeit als Störung identifiziert. Vielen Menschen, die den neurobiologischen Aspekt hinter dieser Störung nicht kennen, erscheint es allerdings oft belanglos, dass sich Betroffene an dem Schmatzen anderer stören. Das trägt auch dazu bei, dass die Störung in der Popkultur vollkommen falsch dargestellt und zum Teil sogar verspottet wird. Krauthamer sagt, dass die meisten Menschen Misophonie mit dem einfachen Gefühl verwechseln, dass nervige Geräusche manchmal ziemlich irritierend sein können. Doch das hat nichts miteinander zu tun. Wenn jemand in einem Klassenzimmer Kaugummi kaut, wird es vermutlich jedem so gehen, dass er sich von den schmatzenden Kaugeräuschen des anderen gestört fühlt. Menschen mit Misophonie hätten in so einem Fall allerdings ernsthafte Schwierigkeiten, sich auf den Unterricht zu konzentrieren, weil die Geräusche Panik oder Wut in ihnen auslösen.

"Misophonie beeinträchtigt das tägliche Leben", sagt sie. "Menschen mit Misophonie erleben eine Kampf-Flucht-Reaktion, wenn sie jemanden kauen hören. Sie hören ein Geräusch und denken: 'Ich hasse diese Person. Diese Person ist widerlich.' Ihre Angst nimmt zu und sie werden immer wütender."

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Dozier hat auch den Eindruck, dass Misophonie oft missverstanden wird. Viele Menschen, mit denen er Kontakt hatte, seien "extrem erleichtert" gewesen, als sie erfahren haben, dass es einen Namen für ihre Störung gibt. "Dadurch wurde ihnen klar, dass sie nicht verrückt sind. Sie sind nicht einfach nur zickig", sagt er. "Misophonie ist eine echte körperliche Qual. Außerdem bekommen viele von ihnen über Jahre hinweg falsche Diagnosen. Den meisten wird immer wieder gesagt: 'Das ist alles nur in deinem Kopf.'"

Natürlich leidet auch das soziale Leben darunter, wenn einen scheinbar kaum wahrnehmbare Hintergrundgeräusche zur Weißglut bringen können. Krauthamer erzählt mir, dass sie Angst hat, ins Ballett zu gehen, obwohl sie das eigentlich gerne tut. Das liegt vor allem daran, dass die anhaltende Stille im Theater besonders anfällig gegenüber Störungen ist. Es reicht schon, wenn sich jemand im Publikum räuspert. Manche Menschen mit Misophonie meiden alle Arten von Verabredungen, die potenzielle Angstquellen wie Essen oder Trinken miteinschließen. "Unter Menschen zu sein, ist immer riskant", sagt Dion. "Leute machen eben Geräusche und das macht mich wütend."

In intimen Beziehungen können solche Erfahrungen noch viel schlimmer werden. Wenn man jemanden liebt und so viel Zeit wie möglich mit ihm verbringen möchte, gleichzeitig aber die Geräusche überlebenswichtiger menschlicher Funktionen wie Essen oder Atmen abstoßend findet, was soll man dann tun? In einschlägigen Foren und Selbsthilfegruppen findet man unzählige Nutzer, die sich über die Geräusche ihrer besseren Hälften beschweren. Viele von ihnen haben ein schlechtes Gewissen, weil es sie so wütend macht. Experten sagen allerdings, dass sie überhaupt keine Kontrolle darüber haben.

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"Ich habe keine Lust mehr, mich über meinen Freund zu beschweren. Er ist eine echte Stütze und gibt sein Bestes, um mir das Leben etwas einfacher zu machen, aber ich merke, dass es ihn nervt, wenn ich ständig so launisch bin", schreibt eine Frau in einer privaten Misophoniegruppe auf Facebook. "Mir ist auch klar, dass ich immer anstrengender werde. Es reicht schon, wenn ich jemanden aus dem Augenwinkel Kaugummi kauen sehe und ich könnte platzen. Das stresst mich wirklich … Ich muss mich total zusammenreißen, um nicht auf der Stelle in Tränen auszubrechen." (Natürlich gibt es auch viele, die einfach nur genervt sind und sich abreagieren wollen. "Mein Vater kaut einfach alles. Ich habe ihn sogar mal dabei erwischt, wie er Suppe gekaut hat. Ich musste dann einfach den Raum verlassen", schrieb eine andere Nutzerin, die damit auf großen Zuspruch stieß. Innerhalb einer Stunde antwortete ein anderer Nutzer: "Ich hasse das so sehr. Warum muss man etwas kauen, obwohl es eigentlich schon vorgekaut ist? Mal ehrlich …")

Ich wusste einfach, dass ich meinen Ex blinzeln hören konnte!!!

Krauthamer schreibt aktuell ein Buch über Misophonie in Beziehungen und hat im Zuge dessen schon knapp 100 Interviewstunden hinter sich gebracht. "Wenn man sich durch Geräusche wie Kauen, Schnarchen, Schniefen, Nägelkauen, Schlürfen oder Schlucken gestört fühlt, kann das Beziehungen stark belasten", bestätigt sie. Was hörbare Reize angeht, neigen Menschen mit Misophonie generell dazu, überaus vorsichtig zu sein. Sie halten unterbewusst ständig Ausschau nach den Geräuschen, die sie so wütend machen. "Wenn sie von dem Schnarchen ihres Partners erst einmal wach werden, ist es komplett egal, wie laut er tatsächlich schnarcht", sagt Dozier. "Normalerweise würde man Ohrstöpsel benutzen, um den Geräuschpegel so weit zu senken, dass niemanden mehr stören würde. Sie schaffen es aber selbst dann nicht, das Geräusch auszublenden."

Auch in den entsprechenden Selbsthilfegruppen stößt man auf Beiträge, die diese Aussage bestätigen. Ein Beitrag von misophonia.com trägt den vielsagenden Titel: "Ich wusste einfach, dass ich meinen Ex blinzeln hören konnte!!!" In einem anderen Beitrag beschreibt ein Mann in aller Ausführlichkeit, welche Probleme er mit seiner Freundin hat: "Wenn meine Freundin atmet, schluckt und kaut, könnte ich ausrasten." Auch eine andere Frau schreibt, dass sie sich das Bett nicht mit ihrem Mann teilen könnte, weil sie es hasst, wie er atmet. "Ich kann ihn nicht ständig anstupsen oder ihm einen Schubs geben, nur weil er atmet. Stattdessen liege ich stundenlang wach und werde immer frustrierter und wütender", sagt sie. "Es kommt auch öfter mal vor, dass ich weine."

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Wenn Menschen mit Misophonie mit unbelehrbaren Suppenkauern oder unerbittlichen Schnarchern zusammenleben, dann ist die Beziehung vermutlich zum Scheitern verurteilt. Allerdings sind Forscher momentan dabei, vielversprechende Ansätze zur Behandlung von Misophonie zu entwickeln – von Apps über Konfrontationstherapie bis hin zu psychosomatischen Heilverfahren. In der Zwischenzeit scheint ein verständnisvoller und geduldiger Partner noch immer die beste Medizin zu sein. "Mein Mann merkt, wenn ich wegen meiner Misophonie mal wieder wütend werde", sagt Krauthamer. "Wenn er in der Küche sitzt und Cornflakes isst und ich in die Küche komme, um mir Kaffee zu holen, dann macht er mit dem Löffel – ungelogen – wenige Zentimeter vor seinem Mund Halt und wartet, bis ich wieder weg bin. Dafür bin ich ihm sehr dankbar."

Auch Doziers Tochter zeigte in ihrer Kindheit Anzeichen von Misophonie. "Sie hatte eine ganz genaue Tischordnung, die jeder einzuhalten hatte, um möglichst weit weg von mir zu sitzen", sagt er. "Mein Kiefer hat damals immer geknackt und sie hat sich ständig darüber beschwert. Ich habe ihr dann immer versucht zu erklären, dass ich nichts dagegen tun kann." Als ich ihn frage, ob ihn das verletzt hat, zuckt er nur mit den Schultern und sagt: "Nein, ich meine: So ist das eben."