Tierhaltung

Auch so kann Massentierhaltung aussehen

In der Milchwirtschaft gibt es immer mehr Großbetriebe, zur großen Sorge vieler Tierschutzorganisationen. Aber wie schlecht ist das Leben großer Kuhherden, die nicht die ganze Zeit über grüne Wiesen springen, wirklich?

von Charlie Taverner
01 Juli 2016, 12:00pm

Die Milchkuh-Farm von Tim Gue im englischen Sussex sieht nach einer ziemlichen „Mega-Farm" aus, allerdings nur auf den ersten Blick. Hier hält er 400 Kühe. Das hört sich erst mal relativ viel an, immerhin das Dreifache des britischen Durchschnitts. Drei Mal pro Tag werden sie gemolken und verbringen die meiste Zeit ihres Lebens im Stall und nicht wiederkäuend auf der Weide.

Aber im Vergleich mit den restlichen Betrieben in Großbritannien und der Welt, ist das eigentlich ziemlich normal. Und er liebt seine Kühe und verwöhnt sie wie Gäste eines Luxushotels.

Tim geht am Stall entlang. Es ist ein lauer Sommerabend, die Kühe sind ganz friedlich. Sie gehen in ihrem Laufstall herum, halten ab und zu an und starren die (ihrer Meinung bestimmt nervigen) Besucher an.

Cow trio 1

Die Kühe auf einem Milchkuhhof in Sussex. Alle Fotos vom Autor

Tim führt mich auf der Farm herum und erzählt mir, was sein Kuhhotel so alles bietet. Fünf Leute kümmern sich um die Herde. Die Kühe können auf weichen Schaumstoffmatratzen liegen, die noch mit Sägemehl ausgelegt sind und der Boden, auf dem die Kühe laufen, ist mit Gummi ausgelegt. Jeden Monat wird ihre Fortbewegungsfähigkeit, also ob sie gut laufen können, genauestens begutachtet, regelmäßig kommen Profis, um ihnen die Klauen zu schneiden. Jede Kuh bekommt auf ihre eigenen Bedürfnisse abgestimmte Nahrung.

Die Größe der Herde interessiert mich. Tim Gue erzählt, dass seine Kuhherde in vier „soziale Gruppen" aufgeteilt ist, die nicht oft geändert werden. Jede Kuh wird hier ganz individuell behandelt: Sie hat einen eigenen Namen und eine Nummer und wird mithilfe verschiedener computergestützter Systeme beobachtet.

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„Niemand wird Milchbauer, wenn er die Kühe nicht liebt", meint Tim. „Eine harter Job mit unbequemen Arbeitszeiten. Alles was man verdient, investiert man eher in Dinge, die die Kühe glücklicher machen, als in den nächsten Urlaub mit der Frau."

Das wissen die wenigsten, gerade auch wo in Großbritannien derzeit viel über solche riesigen Betriebe diskutiert wird, nachdem in einer populären TV-Show Bilder aus einer Farm mit 1.800 Kühen gezeigt wurden, die das ganze Jahr über drinnen blieben. Die Zuschauer waren schockiert.

Milchbauer Tim Gue und ein paar seiner Kühe

Letzten Monat warnte zudem die Tierschutzorganisationen World Animal Protection vor dem heimlichen Vormarsch solcher stark konzentrierten Indoor-Milchviehbetriebe. Laut einem Bericht gibt es mittlerweile mehr als 100 solcher Betriebe, teilweise mit bis zu 2.000 Tieren.

Häufig hat der Bau solcher riesigen Anlagen einen Aufschrei ausgelöst. 2011 sollte in Derbyshire eine Milchviehzucht mit 3.770 Kühen gebaut werden, wegen Bedenken zur Umweltverträglichkeit seitens der Regierung wurden die Pläne jedoch verworfen. 72.000 Leute sprachen sich in einer Petition gegen den Bau aus, ähnlich wie auch bei einer geplanten Schweinefarm für 24.500 Schweine.

Cow trio 2

„Eine Mega-Farm ist meist so groß, dass Kühe nicht weiden können", meint Phil Brooke von der Tierschutzorganisation für Nutztiere Compassion in World Farming. Durch die fest installiertenMelkmaschinen müssen die Bauern ihre großen Herden drinnen halten.

Er fügt noch hinzu: „Oft ist es in solchen Betrieben auch so, dass die Kühe auf Böden gehen, die mit Urin und Dung übersät sind, außerdem lahmen sie häufig."

Eine Definition von solchen Mega-Betrieben ist schwierig, gemeinnützige Landwirtschaftsorganisationen in Großbritannien sprechen vom bis zu Zehnfachen des nationalen Durchschnitts.

„Generell haben wir kein Problem mit großen Farmen", so die Vorsitzende der Soil Association, Emma Hockridge. „Wir finden es wichtiger, wie die Kühe gehalten werden."

Ihrer Meinung nach sollten die Tiere so natürlich wie möglich leben können: ein bisschen Sonnenschein, der ihnen den Rücken kitzelt und begrenzte Größen der Herden.

In Großbritannien sind die Rinderherden definitiv größer geworden: Allein in England gab es 2014 13 Betriebe mit über 1.000 Tieren—2011 waren es noch fünf Betriebe, so der britische Verband für Landwirtschaft. Allerdings liegt die durchschnittliche Größe einer Herde immer noch bei 145 Tieren und zwei Drittel aller Kühe leben auf Farmen mit weniger als 250 Tieren.

Tims Kühe auf der Weide

Auf globaler Ebene sieht es da anders aus: In den USA gab es laut Angaben des Landwirtschaftsministeriums 2012 über 1.800 Herden mit über 1.000 Tieren. Der größte Betrieb steht in Oregon mit über 32.000 Kühen. In China wird derzeit eine Anlage für 100.000 Kühe gebaut, damit brechen sie ihren eigenen Rekord von 50.000 Tieren. Die saudi-arabische Firma Almari hält in der Wüste 93.000 Milchkühe in mehreren Großbetrieben mit 2.750 Angestellten.

Auch bei der Haltung sieht es in Großbritannien etwas anders aus, auch wenn Daten dazu nicht regelmäßig erhoben werden: In zwei Studien heißt es, dass zwischen sechs und acht Prozent der Betriebe die Tiere das ganze Jahr drinnen halten.

So richtig „mega" sind die Betriebe in Großbritannien also nicht. Aber ist die Tendenz zu immer größeren Betrieben nicht besorgniserregend?

Das habe ich John Blackwell, den Vizepräsidenten der British Veterinary Association, gefragt. Seine Antwort: „Landwirte und Viehbauern müssen sich an die wachsenden Größen anpassen. Die Landwirte müssen sich um die Bedürfnisse ihrer Tiere kümmern, ansonsten arbeiten sie nicht wirklich wirtschaftlich."

Seiner Aussage nach hat sich das Tierwohl in den letzten Jahren verbessert. Noch vor 30 Jahren arbeitete er in einem Betrieb, wo die 50 Kühe am Hals fixiert waren. Heute leben große Herden in durchdachten Hallen, ihre Werte werden ständig kontrolliert, mit Thermometern und Schrittzählern, teilweise gibt es sogar Videokameras.

„Was vor 20 Jahren beim Tierwohl noch als gut galt, ist heute eher sub-optimal", fügt er noch hinzu.

Seiner Meinung nach ist die öffentliche Wahrnehmung das Problem: Viele Leute denken fälschlicherweise, dass alle Kühe auf grünen Wiesen leben und Blumen fressen und dass großen Herden, die im Stall leben, überhaupt nicht gepflegt werden, was so nicht ganz stimmt. Oft fehlen auch die notwendigen Informationen, wie die Tiere tatsächlich gehalten werden.

The herd sign outside Tim Gue's farm

Amy Jackson hat sich einmal solche Mega-Betriebe weltweit angeguckt und sich gefragt, ob wir uns wirklich Sorgen um landwirtschaftliche Großbetriebe machen können. Ihrer Ansicht nach ist das Wort Mega-Farm sinnlos.

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„Das ist so ein Bösewicht, den man nicht einmal genau definieren kann." Sie meint, dass man durch richtige Kennzeichnung viel bewirken kann.

Cow face

Damit ist die Milch aus Freilandhaltung auf dem Tisch. Für Eier gibt es das bereits, die EU hat Gesetze dazu erlassen. Bisher gibt es sowas bei Kühen nur in der Bio-Landwirtschaft.

Diese Idealvorstellungen haben sich vor allem dank der großen Unternehmen in den Köpfen der Verbraucher festgesetzt, so die Meinung von Neil Darwent, Gründer einer Bauerninitiative zur Freilandhaltung: „Händler und Milchunternehmen haben dieses Image immer gern hochgehalten."

Darwent erwähnt in unserem Gespräch auch das Wort „natürliches Verhalten". Vor allem will er, dass die Tiere das machen können, wozu sie geboren sind: Gras essen.

„Die Leute finden es einfach nicht natürlich, dass Kühe das ganze Jahr über im Stall sind. Da bringt es auch nichts, wenn man versucht, sie mit Wissenschaft zu überzeugen. Das ist etwas, das sich im Kopf festgesetzt hat."

Ein Bauer wie Tim Gue liebt seine Tiere und hegt und pflegt sie. Aber das ist egal, denn für die meisten Menschen ist so ein Leben—in großen Herden und nicht immer auf der Weide—nicht „natürlich".