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Evolutionsbiologisch erklärt: Warum haben Menschen noch immer Haare am Hintern?

Warum eine ästhetische Präferenz viel über Selektionsverfahren und unsere evolutionäre Genese verrät.
23.9.15
Orang-Utan
Bild: Imago

Wir bei Motherboard widmen uns gerne den Sorgen und Interessen unserer Leser. Und so zögerten wir auch keine Sekunde, eine serviceorientierte Erklärung auf diese tiefschürfende Anfrage eines anonymen Internetfreunds zu verfassen:

„Hey Derek, Hier ist Bev,
Eigentlich bin Ich zu 99.999999999999999999999999 Prozent von der Evolution überzeugt. Aber dann fällt mir ein, dass in unserer Arschritze noch immer Haar wächst. Was geht da ab?"

Tatsächlich ist es aus biologischer Sicht eine berechtigte Frage, warum sich der Homo Sapiens auch nach zehntausenden Jahren Evolution noch immer mit einer Behaarung am unteren Rücken schmückt, wenn Pobehaarung doch in modernen Gesellschaften gemeinhin gar nicht als Krone der Ästhetik gilt. Warum schleppt der Mensch sie noch immer mit sich herum, wenn er genetisch doch eigentlich nach seiner Fortpflanzungskompatibilität streben sollte? Die Erklärung über das biologische Durchhaltevermögen dieses Phänotpys sagt einiges über Selektionsverfahren und evolutionäre Mechanismen aus, die wir als Spezies während unserer Genese bis in die Neuzeit entwickelt haben.

Weitere spannende evolutionsbiologische Fragen: Warum sind die Gene für psychische Krankheiten noch nicht verschwunden?

Da die Geschichte der Gesäßhaare eine komplexe evolutionsbiologische Angelegenheit ist, werde ich mich auf einige der wichtigsten Aspekte konzentrieren: Wo liegt biologisch der Unterschied zwischen gesellschaftlichem Gruppendruck, kulturellen Präferenzen, sozialen Tricks und tatsächlichem genetischem Selektionsdruck? Und wie gelingt es Tieren und Menschen, evolutionäre Vorteile und kulturelle Trends mit Tricks zu umgehen?

Damit sich ein spezifischer Phänotyp in einer Population durchsetzen kann, braucht es zunächst bestimmte effektive Auswahlkriterien, die für die Eliminierung der anderen genetischen Anlagen sorgen. Solche Selektionsprozesse können ökonomische Gründe haben, wie zum Beispiel im Falle der Sherpas, die wegen der Lebensumstände in den Höhen des Himalayas besser Sauerstoff aufnehmen können als andere Menschen. Die Gründe können aber auch sexueller Natur sein, wie sich bei den weiblichen Vögeln zeigt, die sich nur mit solchen Männchen paaren, die ihre bezirzenden Tanzschritte perfektioniert haben.

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Aus Sicht der Evolution sind behaarte Hintern etwas ganz anderes als jene genetischen Eigenschaften, die sich innerhalb des menschlichen Genpools aufgrund von externem Selektionsdruck ausdifferenziert haben. Arschhaare sind schlicht keinem solch starken genetischem Anpassungsdruck unterworfen, dass sie die gesamte menschliche Spezies zum Handeln zwingen würden.

Er muss sich keine Sorgen um möglichen Gruppendruck zur Rasur machen. Bild: Stephen Kruso,

FlickR

. Lizenz:

CC BY-SA 2.0

Wir können es uns noch immer leisten, den Phänotyp Gorilla-Hintern als Geschmacksache zu behandeln, was bedeutet, dass der Look unter Menschen zwar umstritten ist, aber bei weitem kein biologisches No-Go darstellt. Während Gesäßhaare für manche abstoßend sein mögen, stellen sie für andere vielleicht sogar ein geheimes Schönheitsideal dar—auch biologisch spricht wenig dagegen. Genetisch gesehen existieren behaarte Hintern schlicht noch immer, weil sie in der gesamten Population nie zu einem absoluten Ausschlusskriterium für eine Paarung geworden sind und die entsprechenden Gene so fröhlich weitergereicht wurden.

Die kulturellen Kriterien, nach denen wir bestimmte Schönheitsideale oder Körperbilder bevorzugen, verändern sich kontinuierlich. Es gab eine Zeit in der Übergewicht als ästhetisch schönste Figura galt, während in den 90er Jahren zum Beispiel der Heroin Chic das Vorbild darstellte und sich die Meinungen aktuell irgendwo in der Mitte bewegen.

Nehmen wir mich als Anschauungsexemplar. Full Disclosure: Ich habe einen recht wohlbehaarten Hintern in ziemlich heller Hautfarbe. Wäre ich mit diesen Eigenschaften in Zeiten vor der Erfindung des Sonnenschutzes nahe des Äquators geboren worden, so wäre ich verstorben, bevor ich überhaupt alt genug gewesen wäre, um Kinder haben zu können. Meine Pohaargene selbst allerdings würden mich nie vor ein solch existentielles Problem stellen: Auf meine Gesundheit oder meine Überlebenschancen wirken sie sich nicht nachhaltig aus und so halten sie mich auch nicht davon ab, kleine Versionen von mir zu produzieren. So leben die Gene für einen behaarten Hintern weiter.

Der Mensch hat allerdings im Laufe seiner Zivilisationsgeschichte viel dafür getan, Selektionskriterien mit technischen Fähigkeiten künstlich umgehen zu können. Eines der schönsten Beispiele für diese Kunst sind Silikonbrüste: Viele Mitglieder der menschlichen Population pflegen eine Vorliebe für große Brüste—allerdings unabhängig davon, ob sie natürlich sind oder nicht. Dank der Leistungen kosmetischer Chirurgie können somit auch Menschen ohne eine entsprechende genetische Anlage mit großen Brüsten leben, was wiederum verhindert, dass sich die Gene der Weltbevölkerung an einen bestimmten Phänotypen anpassen.

Solch Betrug an genetischen Anlagen ist auch in der Natur äußerst beliebt. So haben verschiedene Tierpopulationen Taktiken entwickelt, um für den Genpool benachteiligter Abweichler (die mit Tricks die Verwandtenselektion von Hamiltons Law unterlaufen) durch Bestechungen wieder auf Linie zu bringen. Auch in Bakterienpopulationen konnten Forscher nachweisen, wie „soziale Betrüger" entgegen den für die Spezies idealen biologischen Regeln egoistische Züge entwickeln (wofür sie von einer kleinen Bakterienpolizei dann wiederum abgestraft werden).

Solche genselektiven Kontroll- oder Regulationsprozesse können allerdings ausgeprägter Gesäßbehaarung nichts anhaben. Niemand lässt sich auf der Höhe eines leidenschaftlichen Vorspiels von dem rektalen Behaarungsgrad des Gegenübers aufhalten, oder beginnt eine evolutionsbiologische Debatte über die Unnatürlichkeit von Intimrasuren. Der Selektionsdruck gegen behaarte Hinterteile ist also schlicht nicht hoch genug, und so wird dieser liebenswerte Phänotyp noch viele Jahre genetisch von Generation zu Generation weitergereicht.