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Ein Sonntagsbummel auf dem analogen Internet-Schwarzmarkt Yami-Ichi

Zum Abschluss der transmediale hat das okkulte japanischen Internet-Kollektiv exonemo einen Offline-Darknet-Markt mit absurd-analogen Waren in Berlin organisiert.
04 Februar 2014, 11:10am

Bild mit freundlicher Genehmigung von exonemo

Endlich wieder gute Nachrichten nachdem die Behörden Silkroad dichtgemacht haben und das FBI Tormail geknackt hat. Voller Vorfreude auf einen freieren Cyberort machte ich mich auf zum Yami-Ichi — einem Internet-Schwarzmarkt, der sich am vergangenen Sonntag auf der Berliner transmediale in der Offline-Welt reterritorialisiert haben soll.

Internet-Schwarzmarkt! Das verspricht die Möglichkeit Glock 7 Porzellanpistolen und nepalesisches Opiumhaschisch zu kaufen, um später wieder mit guten Freunden russisches Chat-Roulette zu daddeln. Obwohl ich relativ schnell feststelle, dass Yami-Ichi eher Flohmarkt als Schwarzmarkt ist, bin ich nur kurze Zeit enttäuscht: Das japanische Künstlerkollektiv exonemo hat eine bizarre Mischung an Marktständen zusammengestellt, die ähnlich schillernd ist, wie die epileptische Website des Kollekivs oder ihre ausschweifenden Google-Doc Partys.

Im Chaos der Ausstellungshalle des Haus der Kulturen der Welt wurde eine spirituelle Reinigungsapp verkauft.

Das exonemo Kollektiv möchte mit diesem Format, welches zum ersten Mal außerhalb Japans stattfindet, ein authentisches Face-To-Face-Browsing-Erlebnis erschaffen. Auch wird das Fehlen der im Darknet feilgebotenen Nieren wett gemacht durch einfallsreiche Webspillovers, wie staubtrockene Backcookies, abgefüllte Macbook Air Luft, und obskure Hard-Drive-Schrottpartikel aus einem Google-Datencenter in Belgien.

Für die Gründer von exonemo, Sembo Kensuke und Akaiwa Yae, ist Yama-Ichi eine Umkehr von Marshal McLuhans Medientheorie, und soll an den Geist einer freieren Internet Kultur der 1990er Jahre erinnern: „Schalt ab, log dich aus, und schau zur Abwechslung mal wieder in der echten Welt vorbei“, wie sie meinem Kollegen DJ Pangburn vor dem Berliner Event erzählten.

Der Flohmarkt ist damit auch eine Kritik des heutigen Mainstream-Internet mit seinen zentralisierten Megaplatformen, das Sembo viel zu verklemmt findet. Das Melden von unkorrektem Verhalten schließt hier Meinungen aus, während der Apple Store bestimmt, welche App gesellschaftlich akzeptabel und marktfähig ist. Yama-Ichi hingegen soll einen anderen, freieren Geist zelebrieren.

Berliner Kulturwissenschaftlerinnen gucken grimmig und ernsthaft.

Um davon zu kosten, kaufe ich mir daher zum Einstieg direkt einmal den Service von einem Typen Namens „Original“ und seinem ihn permanent filmenden Freund „Copy Paste“ — zwei enthusiastische Japaner in weißen Body-Suits die gebrochen Englisch sprechen um mir und meiner Begleiterin in „real life ... zu followen“, wie sie mir erklären. So soll uns endlich direkt die Aufmerksamkeit gespendet werden, die wir sonst nur über narzisstische Social Media Tools mit pathetischen, zu persönlichen und nach Aufmerksamkeit bettelnden Posts erhaschen.

Zu viert erkunden wir dann eine unterhaltsame Mischung aus einigen politisch inspirierten Arbeiten (Snowden Schneekugeln), und verschiedenen Versuchen Internetmemes zu kommodifizieren und Kaprow-esque in die Offline-Welt zu überführen. Während sich meine Begleiterin also einen Tweet in japanischer Kalligraphie kauft, lasse ich mir von einer Japanerin in glänzender Plastikjacke erklären wie ihre unterschiedlich umgekippten Reisschüsseln verschiedene Internetbrowser symbolisieren (wtf?!?).

In einer anderen Ecke der Ausstellungshalle des Haus der Kulturen der Welt präsentiert sich ein von der PARTEI initiertes Börsensystem an, in welchem man Freiheitsaktien erwerben kann um damit echtes Geld (aka Freiheit!) zu gewinnen. Währenddessen bemühen wir uns einen sonderbaren Akademiker zu ignorieren, der mit freudomarxistischem Vokabular (hoffentlich erfolglos) versucht eine vestörende App zu vertreiben, bei der man mit durch Bildschirmberührung seine Erektion wachsen sieht.

Weitere Highlights unseres Rundgangs: Das Erwerben eines „extrem kurzen und unglaublichen schönen“ Sounds (war wirklich toll!!) durch einen Ryan Gosling lookalike, kitschige Internetbrowserrubbeltattoos und unglaublich enthusiastische Real-life Likes, die ich von „Chin Stroke“ kaufe, um zu merken wie lange ich mich nach etwas gesehnt hatte, was mir Facebook nie so recht hat bieten können.

Daneben gibt es noch inspirierende Angebote des Typen mit dem Exhibtionistenmantel, der die Digitalisierung von Alltagsobjekten anbietet oder die beiden süffisant lächelnden Kulturwissenschaftlerinnen mit dem ostentativ trockenen Heideggerreklamheft auf ihrem Tisch, die überteuerte Sticker mit dem verschwommenen Logo eines 1970er Avantgardemagazins verticken und damit die Veranstaltung in Sachen obskurer Dinstinktion anführen.

Doch trotz des übelkeitserregenden Geruch von geschmolzenem 3D-Printerplastik und zu Ernst vorgetragenen real-life-Dislike-Schreien eines hageren Nerds im goldenen Bodysuit, amüsiere ich mich tatsächlich auf diesem Flohmarkt — ein Format der Freizeitgestaltung, welches bei mir sonst nur Flashbacks an fade und endlos langweiligen Touren mit traumatisierenden Exfreundinnen triggert.

3D-Drucker produzieren nicht nur, sie riechen auch und nebeln gerne mail eine Ausstellungshalle ein.

Yama-Ichi ist also ein Erfolg und ein beinahe nostalgisch machender Hort von Weirdness, der wie kaum ein anderer die Freiheit demonstriert mit welchem das Internet durch seine Funktion als Expressions- und Legitimationsort für Verschrobenheit und Randgruppendasein unsere Realität erweitert, verfeinert und bereichert hat.

Umso schlimmer und unverständlich sind all die Bestrebungen diese Biotope von Seltsamkeit durch die immer wieder aufkommenden Bestrebungen zum Beenden von Netzneutralität wieder einschränken zu wollen. Zu schade, auch weil die Zeiten des echten Schwarzmarkts ja gezählt sind. So bekomme ich dann auch keine Antwort als ich den zwielichtigen Typen der geklaute Kreditkartenpins verscheuert frage, ob es nicht auch unter der Theke wie in alten Zeiten noch irgendwo ein paar kleine unschuldige Auftragsmorde zu erstehen gibt „Diese Zeiten sind vorbei“ — Glück für meine alten Fehden. Da helfen auch die freundlichen Likes von „Original“ und des mich immer noch filmenden „Copy Paste“ Stalkers mit erhobenen Daumen und obligatorischen Lächeln nichts mehr. Das Internet, ob Online oder in der offline Version, ist heute eben doch nur noch ein (wenn auch amüsanter) staatlich regulierter Einkaufsbummel.

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Der Online-Schwarzmarkt Atlantis hat sogar einen Pressesprecher