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Dieser britische Club tüftelt am besten politischen System für den Mars

Was tun, wenn wir den Mars besiedeln und uns dabei einen schrecklichen Despoten heranzüchten? Ein eingeschworener Verband in London diskutiert solche Fragen mit heiligem Ernst.

von Theresa Locker
30 Juni 2015, 6:00am

Hier wird die Mars-Revolution geprobt. Bild: BIS

„Glaubst du, dass die Grenzen des Weltraums dazu da sind, entdeckt zu werden? Haben sich deine Nackenhaare aufgestellt, als der erste Mensch den Mond betreten hat? Dann bist du schon einer von uns…"

Eine Club-Mitgliedschaft, die mit so viel Verve und Feierlichkeit angepriesen wird, muss etwas ganz Spezielles sein. Und die British Interplanetary Society (BIS) ist tatsächlich ein sehr besonderer Verein: Sie ist ein einmalig schrulliger interdisziplinärer Verbund, der sich über die politischen Fragen der weltraumerforschenden Menschheit abseits der technischen Machbarkeit Gedanken macht. Mars-Revolutionen, Todesstrafen an Luftschleusen und interstellare Verfassung inklusive.

Vorvergangene Woche haben sich die Wissenschaftler, Sozialwissenschaftler, Philosophen und Science-Fiction-Autoren der BIS in London auf der dritten Konferenz zum Thema interstellare Freiheit versammelt und beherzt über unsere Zukunft gestritten. Ging es im vergangenen Jahr noch um die Details einer Verfassung für eine zukünftige Besiedelung fremder Planeten (ich fasse den Beschluss der Mitglieder mal zusammen: Die Bill of Rights der Vereinigten Staaten ist das solideste, was wir Menschen bislang hervorgebracht haben, für Details sollte sich die außerirdische Verfassung wegen der geographischen Isolation ansonsten möglichst nah an Island orientieren), stand das Programm in diesem Jahr komplett im Zeichen einer drohenden Marsdiktatur und verschwörerischen Revoluzzer-Gedankenspielen.

Die Bücherei der British Interplanetary Society. Oben: Zwei Mitglieder der BIS. Bild: BIS

Ein Witz? Keineswegs, der Verbund aus Weltraum-Enthusiasten meint es todernst. Das Problem, so erzählten die BIS-Mitglieder der BBC, sei die Lebensfeindlichkeit auf dem Mars. Daher müssten in die Verfassung irdische Selbstverständlichkeiten wie ein Recht auf Atemluft gesondert eingeschrieben werden. Und: Das Recht, abzuhauen. Denn sollte sich ein Despot zum interplanetaren Alleinherrscher aufschwingen, gäbe es kaum eine Möglichkeit, ihm diese Macht zu nehmen. Die Elemente sprechen ohnehin gegen ein Leben auf fremden Planeten wie dem Mars—das macht das Rennen um Ressourcen nur noch gefährlicher für alle.

Wer jetzt glaubt, dass das komisch klingt, darf nicht vergessen, dass ebenjener schrullige Forscherverbund die ersten Marsmissionen Mitte des verganenen Jahrhunderts vorhersagte. Ein paar Jahre später plant Mars One die erste Kolonie Mutiger (oder Leichtsinniger, je nach Sichtweise) auf dem Mars. Auch Elon Musk versucht mehr oder weniger dasselbe, nur mit kalifornischer Hartnäckigkeit, und selbst die NASA ist zuversichtlich, bis 2033 den Roten Planeten besiedeln zu können.

Je mehr Player in Form von Interessenverbänden, Regierungen oder Unternehmen sich aber aufmachen, den Weltraum zu erobern, desto drängender werden Fragen des Besitzes und der Kontrolle. Ansprüche stellt jeder schon früh genug.

Die Hauptaufgabe einer Regierung ist die Verwaltung aller Ressourcen, die zum Überleben notwendig sein könnten. Das läd natürlich (wir Menschen streben nun mal nach Macht) zum Größenwahnsinn ein: Eine Weltraumkolonie ist an allen Fronten begrenzt, allein schon räumlich. Eine Glaskuppel mit ein paar Hundert Bewohnern, isoliert und fragil, und verdammt weit weg von zuhause: Da liegt die Idee nahe, alle uns bekannten Systeme über den Haufen zu werfen und etwas radikal Neues auszuprobieren.

Juri Gagarin mit einer Medaille, die ihm die BIS überreicht hat. Bild: imago

Ein Junge schaut sich ein Modell einer der ausgestellten Raketen der British Interplanetary Society an. Bild: imago

Genau das, so findet die BIS, wäre aber ein fataler Fehler, den es tunlichst zu vermeiden gelte: Das lehre die Geschichte mit ihren Radikalexperimenten (siehe die Herrschaft der Roten Khmer, Nazis oder Kommunisten). Denn wie stürzt man eine unliebsame Mars-Regierung? Das größte Problem ist, dass so ziemlich jede uns hier bekannte Form der Revolte ziemlich sicher zum Tod führen würde (mal abgesehen von ein paar kämpferischen Weltraum-Grafittis). Gewalt auf der Erde ist ziemlich schlimm, aber steht in keinem Vergleich zu der verursachten Zerstörung durch Gewalt in einem fragilen Umfeld, das bei einer zerbrochenen Glasscheibe durch den Druckverlust sofort alles Leben auslöschen würde. Also, mahnen die Briten, sollten wir uns verdammt nochmal gut benehmen und ein bisschen zusammenreißen.

Die Siedler bräuchten also, so sagt der Astrobiologe und BIS-Mitglied Charles Cocknell, nicht-gewaltausübende, außerstaatliche Institutionen, die die Bildung einer Diktatur und die daraus resultierende Gewalt einer Revolte erst gar nicht ermöglichen können. Dafür schlägt er Gewerkschaften vor, NGOs, Journalisten, die die Machthaber beobachten und über ihre Handlungen berichten, und das verfassungsrechtlich eingeräumte Recht auf Opposition.

Schafft es ein Marsdiktator, sich die Luftvorräte unter den Nagel zu reißen, hat die junge Kolonie ein Problem.

Der Experte für extreme Lebensbedingungen hat aber auch ein paar ganz praktische stadtplanerische Vorschläge, die durchaus an die Bemühungen autoritär geführter Staaten erinnern, die sich in einer Transitionsphase in Richtung Demokratie befinden: Wasservorräte und Stromaggregatoren an mehreren Orten, kurz: Dezentralisierung, um das System zu entlasten, falls mal etwas an einer Stelle kaputt geht oder lahmgelegt wird.

Doch auch Privatunternehmen stellen eine Gefahr für den extraterrestrischen Frieden dar: Was, wenn du streiken willst und deine Firma dich in Richtung Luftschleuse schiebt, um dich dem Vakuum im Weltraum zu überlassen? Derjenige, der seine Umwelt kontrolliert, sitzt insbsondere unter diesen Extrembedingungen eindeutig am längeren Hebel.

Schafft es nun ein Diktator, sich beispielsweise Luft- oder Wasservorräte unter den Nagel zu reißen, hat die junge Kolonie ein Problem. Weil dieserlei Schwierigkeiten hauptsächlich von Science-Fiction-Autoren in ihren Werken durchdekliniert werden, werden auch solche Texte als fruchtbare Beiträge zur hypothetischen Diskussion zu Rate gezogen. Die BIS sieht sich dabei als Think Tank—eine Mischung aus Künstlern, Träumern und Wissenschaftlern—mit eigenem Merchandising-Store, in dem man experimentelle Airbrush-Seidenkrawatten sowie die schönsten britischen Raumfahrzeuge immerhin als kleines Modell nachgebaut kaufen kann.

„Wäre hier vielleicht noch Platz für meinen Schlafsack?" Schon in den 60er Jahren stellte die British Interplanetary Society hier in einer Ausstellung ihre Ideen zum Raketenflug vor. Bild: imago

Die British Interplanetary Society wurde bereits 1933 in Birmingham gegründet. Den Ingenieur Philip E. Cleato beeindruckten die Bemühungen der USA und Deutschland, mit Raketen zu expermentieren. Also gründete er ein englisches Pendant einer Raketengesellschaft. Das Ziel: Die Erkundung des Weltraums mit besonderem Fokus auf dem Besuch und letztlich auch der Besiedelung fremder Planeten. Ihr Wappen sind zwei stilisierte Raketen zwischen weißen Sternen auf nachtblauem Grund. Getreu ihrem Motto auf dem darunterstehenden Banner halten sich die Mitglieder in ihren Gedanken nicht in engen Grenzen auf: „From Imagination to Reality". Das Hausmagazin Spaceflight ist vielleicht das älteste Zeitschrift zum Thema Weltraum und erscheint kontinuierlich seit 1956.

Seit der ersten BIS-Modellrakete, dem zerbrechlich anmutenden Moonship, ist eine lange Zeit vergangen. Das aktuelle Projekt heißt Sentinel und will die erste britische Rakete werden. Mittlerweile hat die Gruppe rund 30 Mitglieder.

Das Projekt Sentinel als Konzept. Bild: imago

Bei ihren Zusammenkünften wie der jährlichen Internationalen extraterrestrischen Freiheits-Konferenz müssen die Mitglieder sich natürlich auch immer in Welten denken, die wir noch nicht kennen. Das vielleicht Interessanteste an diesen zunächst sehr abgefahren und hypothetisch klingenden Themen ist, dass die Mitglieder sich als Best-Practice-Beispiel für die extraterristische Politik bislang immer auf Systeme einigen konnten, die wir Menschen mehr oder weniger erfolgreich schon heute umsetzen. Ob das an mangelnder Fantasie liegt oder daran, dass Systeme wie Gewaltenteilung einfach verdammt clever sind und wir uns deren Wichtigkeit erst nach vielen schlimmen totalitären Zeiten bewusst geworden sind, diese Einschätzung bleibt euch überlasen.

Natürlich kann man sich trefflich darüber streiten, ob wir uns nicht lieber darüber Gedanken machen sollten, wie unser eigener Planet noch ein paar Jahrhunderte lebenswert bleibt. Doch schrankenloses Pionierdenken außerhalb der eigenen Box, so würde die BIS vermutlich argumentieren, ist unbedingte Voraussetzung für jede wissenschaftliche Leistung und der Erforschung von Neuland.

„Wir haben die Möglichkeit, uns Gedanken über wichtige Fragen zu machen, bevor wir ins Weltall aufbrechen", wird Cocknell bei der BBC Earth zitiert. Es bleibt zu hoffen, dass die Menschheit etwas aus der Epoche der Kolonialisierung gelernt hat und sich diesmal etwas sozialer und fairer mit der politischen Aufteilung der neu eroberten Gebieten beschäftigt. Sollten wir tatsächlich neue Welten besiedeln müssen (und momentan behandeln wir die Erde schließlich, als hätten wir noch drei in Reserve), dann wird es höchste Zeit, dass wir uns entsprechend vorbereiten.

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