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Die Waffen der Frauen

Eine Waffenrechtsaktivistin fordert liberalere Gesetze, damit Frauen sich vor Ereignissen wie in Köln schützen könnten. Wir haben sie in ihrem Laden besucht, um herauszufinden, welche Ängste eine bewaffnete Gesellschaft mit sich herumträgt.

von Laura Ewert
28 Februar 2016, 7:00am

Alle Bilder: Grey Hutton

Vor fünf Wochen tauchte auf Change.org eine Petition auf, die den Bundestag zu einer Lockerung des Waffengesetzes aufforderte. Begründet wurde die Forderung mit den Ereignissen der Kölner Silvesternacht. Einmal mehr hätte sich gezeigt, dass besonders Frauen Waffen zu ihrem Schutz benötigten.

„In kaum einer europäischen Demokratie haben Menschen, insbesondere Frauen, weniger Rechte sich zu schützen als in Deutschland.", hieß es. „Frauen, insbesondere Vergewaltigungs- und Stalkingopfern, ist eine besondere Gefährdung anzuerkennen, die (...) die Grundlagen für die Ausstellung eines Waffenscheines legt."

Die Argumentation erinnert an den an Frauen gerichteten Werbeslogan der NRA: „Weigere dich, ein Opfer zu sein". Hierzulande verkaufen sich bereits Pfefferspray und Gaswaffen sehr gut. Nun sollen sich also speziell Frauen bewaffnen, um nicht zum Opfer zu werden. Schießkurse gibt es mittlerweile auch exklusiv für Frauen. Ist die Bewaffnung von Frauen plötzlich en vogue? Und was ist dran an der Behauptung, scharfe Waffen könnten tatsächlich zum Opferschutz beitragen?

Wir haben eine Waffenrechtsaktivistin besucht, die Frauen zu Waffen verhelfen will und uns von einem Sicherheitstrainer, dessen Institut auch „Schießlehrgänge speziell für Frauen" anbietet, das Schießen zeigen lassen, um im Kleinen herauszufinden, wie Schießen mit scharfer Munition das eigene Sicherheitsgefühl verändert—und welche Ängste eine bewaffnete Gesellschaft mit sich herumträgt.

Alle Bilder: Grey Hutton

Irgendwo im Wald in der Nähe von Wandlitz empfängt uns Herr Sezer, der auch im Impressum seiner Website nur knapp mit „Herr Sezer" geführt ist. Er hat einen Vertrag vorbereitet, den wir wegen der Vertraulichkeit gegenzeichnen müssen. Herr Sezer führt uns in eine Art Hangar. Es riecht nach Schwefel. Vier Zielscheiben, leere Patronen auf dem Boden, überall Löcher und ein Tisch, auf dem Gehör- und Sichtschutz liegen.

Die Waffe immer so behandeln, als sei sie geladen. Mit dem Lauf nur auf das deuten, was man zerstören möchte.

2013 gründete er die Sicherheitsinstitution Berlin. Über seine Kunden mag er nicht sprechen. Diskretion ist wichtig, zu seinen Kunden sagt Herr Sezer nur so viel: Es sind einerseits Dienstwaffenbesitzer, die ihre Kenntnisse auffrischen, also Polizisten, Personenschützer oder Geldtransporteure, genauso wie „Privatleute mit Ambitionen im Schießsport oder erhöhtem Sicherheitsbedürfnis"; Schauspieler oder Menschen, die beruflich in Krisengebiete reisen oder Wertgegenstände transportieren wollen.

Herr Sezer ist Ausbildungsleiter, hat das Schießen erst beim Militär, dann in vielen weiteren Schulungen gelernt. Er ist auffällig kontrolliert, achtet auf jede Bewegung, erklärt ruhig jeden Schritt. „Waffe teilladen", „Waffe fertig laden" und „Feuer frei".

Herr Sezer reicht mir eine Glock 17, die meistgenutzte Behördenpistole und eine der Tatwaffen beim Amoklauf von Erfurt. Er fragt, ob ich geistig und körperlich fit bin. Nur auf den Boden zielen, nur nach Aufforderung handeln. Die Waffe immer so behandeln, als sei sie geladen. Mit dem Lauf nur auf das deuten, was man zerstören möchte und den Hintergrund des Zieles kennen. Das sind die Hauptregeln. Und dann drückt man ab und es knallt wirklich sehr laut, es ist ein fast organischer Klang, einer der alles ausfüllt und das gibt ein gutes Gefühl. Noch ein Schuss bitte.


Sezer gibt etwa ein bis drei Lehrgänge am Tag, manchmal auch nur drei die Woche. Dass sich nach Köln die Anfragen von Privatpersonen erhöht haben, möchte er nicht bestätigen. Nur im Bereich der Sicherheitsfirmen gab es einen leichten Anstieg. Vor zwei Jahren, erzählt er, hätten sich mehr Frauen gemeldet, die eine Einführung an der Waffe wünschten. Mit einem Ereignis in Zusammenhang bringen kann er das nicht, sagt er. Frauen seien die besseren Schützen, hat er beobachtet. „Sie haben oft den nötigen Respekt vor einer Waffe und sind ruhiger am Abzug." Ziel visieren, ab 21 hoch zählen, dabei den Abzug langsam drücken, rät er. Bumm. Ins Schwarze. Schießen ist ein Sport mit schnellem Erfolgserlebnis.

Sowieso, Frauen und Schießen. In ländlichen Schützenvereinen gibt es schon lange Damengruppen. Und auch im Jagdbereich gibt es viele Frauen. In den USA seien 40 Prozent weiblich, sagt Katja Triebel am Telefon, als wir uns mit ihr verabreden. Etwa 20 Interviews habe sie in den letzten Wochen gegeben, erzählt sie. Denn Triebel hat einen Waffenladen in Berlin Spandau, seit Generationen familiengeführt.

Sie ist eine der umtriebigsten Waffenbefürworterinnen, obwohl sie selbst keine Schützin ist, nicht mal auf Säugetiere schießen mag sie.

Seit letztem Winter ist der Laden fast leer gekauft—zumindest im Bereich der legalen Waffen, also Gaspistolen und Tränengas. Angefangen hat die vermehrte Nachfrage im Herbst, erzählt sie. Frühe Silvesterkundschaft, dachte sie, war es auch zum großen Teil, doch die Nachfrage ebbte nicht ab. Vor allem ältere Frauen und Männer, die sich um ihre Frauen sorgen, seien es, die in ihren Laden kommen. Triebel rät Frauen zu einem Revolver, den muss man nicht laden. Die Polizei rät dagegen zu Taschenlampen, die mit Strobolicht ins Auge geleuchtet werden sollen. Und der Opferschutzverband Weisser Ring schreibt uns nur sehr nüchtern: „Generell rät der Weisse Ring davon ab, in brenzligen Situationen Waffen einzusetzen. Denn diese könnten unter Umständen vom Täter gegen das Opfer selbst verwendet werden."

Katja Triebel hat auf ihrem Blog dazu aufgerufen, die Petition für die Bewaffnung für Frauen zu unterzeichnen. Sie ist eine der umtriebigsten Waffenbefürworterinnen, obwohl sie selbst keine Schützin ist, nicht mal auf Säugetiere schießen mag. In den 70ern überfiel die RAF mal Triebels Mutter, um an Waffen zu kommen. Wie ihre Mutter damals im Gerichtssaal von Otto Schily behandelt wurde, das hat sie noch im Kopf. Natürlich will sie zum einen ihr Geschäft erhalten. „Das kennt man aus England. Da ist nach der Verschärfung des Waffenrechts der Markt weggebrochen. Ich glaube, es haben sich sogar 15 Waffenhändler umgebracht".

Aber Triebels Engagement fing erst richtig an, als sich nach dem Amoklauf in Winnenden die Initiative „Keine Mordwaffen als Sportwaffen" gründete, deren Ziel es war, Sportwaffen zu verbieten. Triebel bekam das Gefühl, sie wurde mitschuldig gesprochen. Deswegen wohl auch der Versuch der Reinwaschung durch Imagearbeit.

„Bei uns hat die Nachfrage seit Dezember angezogen. Bei Pfefferspray sehr stark, im Bereich Gaswaffen ist eine Verdopplung aber immer noch (zahlenmäßig) auf kleinem Niveau. Deutschland rüstet nicht auf, aber mehr Leute suchen Schutzmittel"—so nennt Triebel die Waffen.

Der Onlinehandel scheint vom Ausverkauf der Gaswaffen nicht betroffen, wie eine kleine Stichprobe zeigt. Der Spiegel berichtete aber, dass seit November 21.000 Menschen einen Kleinen Waffenschein beantragt haben. „600 Prozent Umsatzsteigerung sind es beim Pfefferspray, glaube ich", sagt Triebel. Das hat sie in der Zeitung gelesen. In ihrem Laden gibt es eine Steigerung von 300 Prozent.

Wenn man Triebels Blog liest, scheint es vor allem zwei Gruppen zu geben, vor denen man sich schützen muss: Gewalttäter und der Staat, der immer mehr Macht erlange. „Ja", lacht Frau Triebel, darauf angesprochen. Und erzählt, dass sie das Vertrauen in den Staat verloren hätte, „als die Waffengesetze 2002 und 2009 erlassen wurden"; nach Erfurt und Winnenden also. „Es war in den Sommerferien, als alle im Urlaub waren". Allein: Zumindest für 2002 trifft das nicht zu, die Gesetzesnovelle kam im Oktober.

„Ich habe das Gefühl, die Eliten nehmen uns nicht mehr ernst."

„Nur eine Handvoll Leute besitzen die Medien. Sie bestimmen, was IHR wissen sollt und was nicht", schreibt Triebel auf ihrem Blog. Auf Nachfrage sagt sie: „Ich glaube schon, dass es so ist." Die Presseagenturen gehörten nur fünf Eigentümern. „Ich habe das Gefühl, die Eliten nehmen uns nicht mehr ernst", sagt sie auch.

Vielleicht habe das ja alles mit der Angst der Leuten vor Waffen zu tun, versucht man die kritische Berichterstattung der Medien zu erklären. Mit der Angst vor tödlichen Waffen und vor Menschen mit Waffen. „Wenn ich sage, dass ich dafür plädiere, heißt das nicht, das ich des Wahrheits (sic) letzten Schluss habe. Es ist nur ein Lösungsansatz. Den muss man untersuchen."

„Wenn der Staat dem Bürger nicht vertraut, entwaffnet er sie. Das ist ein Anzeichen für ein ungesundes Verhältnis", meint Frau Triebel. „Ist es nicht auch ein Anzeichen für ein ungesundes Verhältnis, wenn der Bürger aufrüsten will?", hake ich nach. „Ich will ja keinen Aufstand. Das Problem ist, dass es zu wenige Polizisten gibt und die mit anderen Aufgaben zu tun haben. Zum Beispiel Flüchtlingen. Deswegen haben sich ja schon vor dem Flüchtlingsstrom Bürgerwehren gebildet."


Alle Zahlen sprechen doch dafür, dass es keine erhöhte Kriminalitätsrate gibt, die man mit Flüchtlingen in Verbindung bringen kann, werfe ich ein. „Viele Straftaten werden ja nicht mehr angezeigt, weil die Imame alles regeln. Und die Stadt Kiel hat ja auch zugegeben, dass Straftaten von Flüchtlingen nicht notiert würden trotz Anzeige", erwidert Triebel.

Trotzdem erklärt die Waffenladen-Besitzerin, sich nicht unbedingt eine Waffe zuzulegen, wenn das Gesetz sich nach ihren Vorstellungen änderte, sondern nur, wenn sie sich bedroht würden fühle. Auch eine Gaswaffe hat sie nicht in der Tasche. „Also haben Sie keine Angst?", frage ich.

Triebel: „Nein, zur Zeit nicht. Ich bin doch privilegiert. Ich habe ein Auto, mit dem ich zur normalen Zeiten zur Arbeit fahren darf. Ich bin nicht gezwungen, in eine U-Bahn zu steigen, ich bin keine Kassiererin."

Das wirkt etwas paradox, deswegen frage ich weiter nach: „Aber wenn ich Sie richtig verstehe, müsste zumindest der Flüchtlingszuzug Sie sorgen?"—„Nein, ich habe ja keine Berührungspunkte mit Flüchtlingen.", erklärt Frau Triebel. „Ich kann verstehen, wenn andere sich bedroht fühlen, weil sie mir erzählen, was ihnen passiert ist. Wenn ich das Gefühl bekomme, Angst zu haben, dann werde ich auch etwas dagegen tun."

„Eine Waffe hält doch nicht dem Stalker von seinen Annäherungen ab.", werfe ich ein. „Sie haben Recht, das ändert nichts an der Stalking-Situation, aber am Gefühl der Angst."

Katja Triebel war mal Wählerin der Grünen, dann Mitglied bei den Piraten. Mit AfD-Frau von Storch hat sie sich mal getroffen. Ich sage, dass mir Triebels Nähe zur AfD etwas Sorgen bereitet. „Ja, das macht mir auch Sorgen. Ich mag Lucke und Höcke nicht."

In ihrem Blog schreibt sie noch schärfer und provokanter, als sie in unserem Gespräch argumentiert. „Muss man ja!" sagt sie, „Sonst bekommt man keine Aufmerksamkeit." Nur wer scharf schießt, kommt ans Ziel.

Die Munition zu laden ist schwerer als gedacht, der Rückschlag leichter als vermutet. Das Gefühl der Stärke ist geil.

Auf der Website der Sicherheits-Instituts von Herrn Sezer sind die aktuellen Polizeimeldungen eingebunden. Im Infotext der Firma heißt es: „Sicherheit ist ein Grundbedürfnis und sollte selbstverständlich sein, doch der Zeitenwandel, die Industrialisierung und viele Faktoren führen dazu, dass viele Menschen einer erhöhten Gefahr ausgesetzt sind und somit ein Schutzbedürfnis haben." Sicherheit ist eben auch ein Geschäft.

Zurück im Schießstand. Die Munition zu laden ist schwerer als gedacht, der Rückschlag weniger heftig als vermutet. Das Gefühl der Stärke ist geil. „Wollen Sie ein Experiment machen?", fragt Sezer.

Ich soll eine geladene Waffe im Holster tragen, um ein Gefühl zu bekommen. Ich bewege mich anders am Anfang, achte darauf, dass der Fuß nicht unter den Lauf gerät, als eine Patrone runterfällt, will ich mich nicht bücken. Doch dann habe ich die Waffe schon vergessen, feuere eine andere ab.

Erst später fällt mir die Waffe wieder ein. Mein Gang hat sich verändert, so als ob ich neue Schuhe trage oder der geilste Typ der Stadt gerade angerufen hat. Vielleicht brauche ich ja auch eine Gaswaffe.

Update: In einer früheren Version des Textes hieß es, dass allgemein 40 Prozent aller Jäger weiblich seien. Tatsächlich bezieht sich die Zahlenangaben auf die USA. In Deutschland sind lediglich 10 Prozent aller Jäger weiblich.