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Wir sind alle Afrikaner: So eroberten unsere Vorfahren die Welt

Dank neuer Gen-Analysen wissen wir endlich mehr darüber, auf welchem Weg die Menschen die Welt besiedelt haben. Die neuen Erkenntnisse bestätigen auch: Alle heutigen Nicht-Afrikaner stammen größtenteils von ein und demselben Grüppchen ab.

von Johannes Hausen
23 September 2016, 8:58am

Jocelyn Camille Lomax und David Woolwine bei den Fifth Star Awards. Foto: Imago

Die Out-of-Africa-Theorie ist so etwas wie das kleine Einmaleins der Paläoanthropologie: Ihr zufolge gilt der Kontinent als die Wiege der Menschheit. Dass die direkten Vorfahren der heutigen Menschen in Afrika geboren wurden und den Kontinent irgendwann in ferner Vergangenheit verließen, um die ganze Welt zu erobern, gilt als Konsens unter Wissenschaftlern.

Ob es dabei nur eine oder mehrere Auswanderungswellen des Homo sapiens hat und wann genau diese stattfanden, ist allerdings unklar. Gleich drei Forscherteams liefern nun aber anhand genetischer Analysen neue Erkenntnisse darüber, wie der moderne Mensch die Weltherrschaft übernahm. Die Genetiker haben ihre Ergebnisse allesamt in Nature veröffentlicht: Sie legen nahe, dass es nur eine einzige Migrationsbewegung aus Afrika gegeben hat und im Grunde genommen alle nicht-afrikanischen Menschen, die heute auf der Erde leben, aus dieser einen reisenden Population hervorgegangen sind.

Die Verbreitungswege des Homo sapiens von Afrika in den Rest der Welt. Grafik: Urutseg, Public Domain

Die Forscher stehen damit im Widerspruch zu einer konkurrierenden Theorie, die davon ausgeht, dass die erste Migration des afrikanischen Homo sapiens in den südostasiatischen und australasiatischen Raum bereits vor 120.000 bis 130.000 Jahren stattgefunden hat und es anschließend eine zweite Migrationswelle in den eurasischen Raum gegeben hat.

Zusätzlich kommen die Forscher zu dem überraschenden Ergebnis, dass nicht allein genetische Veränderungen für die intellektuelle Entwicklung des Menschens eine Rolle gespielt, sondern auch Faktoren wie Umwelt und Lebensstil unsere Evolution geprägt haben. „Es scheint, als hätte es nicht die eine oder ein paar zentrale Mutationen gegeben, die plötzlich bei unseren Vorfahren auftauchten und ihnen ermöglichte, auf völlig andere Art und Weise zu denken", heißt es bei Autor Reich.

Gruppen aus Südwest- und Nordost-Australien unterscheiden sich genetisch stärker voneinander als Amerikas Ureinwohner und Menschen aus Sibirien.

Zunächst einmal wäre da das Simons Genome Diversity Project unter Leitung von David Reich von der Harvard Medical School. Sein Team sequenzierte die Genome von insgesamt 300 Individuen aus 142 Populationen, die bei bisherigen Studien eher selten berücksichtigt worden waren, darunter indigene Völker aus Südamerika, Afrika und Australien. Das menschliche Referenzgenom wurde so um knapp sechs Millionen neuer Basenpaare bereichert, was der zukünftigen Erforschung von Therapien für spezifische Krankheiten dieser in der Forschung unterrepräsentierten Populationen dienlich sein dürfte. Unter allen Individuen entdeckten die Forscher dabei Gemeinsamkeiten in der DNA, was darauf schließen lasse, dass sie einer gemeinsamen Ahnengruppe abstammen, die sich bereits vor rund 200.000 Jahren in Afrika formierte. Die Wissenschaftler legen dar, dass sich diese Gruppe von Homo sapiens vor etwa 100.000 Jahren gespalten in Afrika gespalten haben muss.

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Ein Teil von ihnen siedelte der Studie zufolge über auf die eurasische Landfläche, wo sich die Gruppe noch einmal teilte und nach Westen bzw. Osten zog. Letztere besiedelte den ostasiatischen und australischen Raum. Trifft diese Theorie zu, wären heutige Aborigenes in Australien und Papua-Neuguinea Nachfahren dieser Gruppe, alle anderen heutigen Nicht-Afrikaner stammten dagegen von der Gruppe ab, die nach Westen zog.

Dass sich der Schlüssel zum Verständnis des menschlichen Werdegangs vor allem in exotischen, kleineren Populationen verbirgt, erklärt David Reich: „Als Menschen sind wir nicht nur die Leute, die in großen Gruppen in Industrienationen leben. Wenn wir verstehen wollen, wer wir wirklich sind, müssen wir begreifen, dass sich einige der interessantesten Aspekte des menschlichen Werdegangs bei unterrepräsentierten, kleinen Populationen zu finden sind."

Gruppen aus Südwest- und Nordost-Australien unterscheiden sich genetisch stärker voneinander als Amerikas Ureinwohner und Menschen aus Sibirien. Foto: Imago

Swapan Mallick, Bioinformatiker und Haupt-Autor der Studie ergänzt, dass das Team genau aus diesem Grund um die ganze Welt reiste, um „so viele ethnisch, linguistisch und anthropologische unterschiedliche Proben wie möglich" zu sammeln. „Natürlich gibt es tausende von ethnisch unterschiedlichen Populationen auf der Welt, da muss noch jede Menge Arbeit getan werden", räumt er ein. Das mysteriöse Puzzle des Homo sapiens wird sich also in den kommenden Jahren nur durch akribische Detailarbeit vervollständigen lassen.

Die These, dass es nur einen großen Exodus gegeben hat, wird auch von Eske Willerslev von der Universität Kopenhagen und seinem Team unterstützt. Willerslev untersuchte ausschließlich die Gene von 83 Aborigines und 25 Papua. Er datiert ihre Trennung von der ostwärts ziehenden eurasischen Gruppe, die auch Reich ausgemacht hat, 58.000 Jahre zurück. Gut 20.000 Jahre später hätten sich dann die Entwicklungslinien von Papua und Aborigenes voneinander getrennt. Letztere zählen heute zu den diversesten menschlichen Populationen der Erde.

„Die genetische Vielfalt unter den australischen Aborigines ist erstaunlich, vielleicht weil der Kontinent schon so lange besiedelt ist, finden wir, dass sich Gruppen aus den südwestlichen Wüstengebieten Australiens genetisch stärker von Gruppen des nordöstlichen Australiens unterscheiden als zum Beispiel Amerikas Ureinwohner und Menschen aus Sibirien - und das auf einem Kontinent", so Anna-Sapfo Malaspinas, ebenfalls von der Universität Kopenhagen.

Eine weitere Studie des Estonian Biocentre Human Genome Diversity Panel, die gestern auf Nature veröffentlicht wurde, hatte bei der Untersuchung des Erbguts von Papua herausgefunden, dass mindestens 2 % ihrer genetischen Informationen aus einer Population anatomisch moderner Homo sapiens stamme, die bereits vor mindestens 75.000 Jahren aus Afrika ausgewandert sein muss, was wiederum auf mehrere große Auswanderungswellen schließen lässt.

Sind wir also alle zusammen aus Afrika aufgebrochen oder gab es doch mehrere Auswanderungswellen? Auf den ersten Blick wirken die Ergebnisse der ersten beiden Studien diesbezüglich widersprüchlich zur letzteren, doch schließen auch Reich und Willerslev die Möglichkeit, dass es mehrere Migrationsbewegungen gegeben haben könnte, nicht kategorisch aus. „Tatsächlich sind ihre Modelle auch mit früheren Migrationsbewegungen vereinbar, so lange diese frühen Reisenden wenig oder gar nichts zum Genpool heutiger nicht-afrikanischer Populationen geleistet haben",
kommentieren Joshua Akey und Serena Tucci von der University of Washington.