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Ethik

Über das Schmerzempfinden von Krabben

Aktuellen Studien zufolge soll die Neurologie von Schalentieren der Neurologie der Menschen sehr ähnlich sein. Nur weil die Krabbe nicht schreit, wenn sie bei lebendigem Leibe auseinandergerissen wird, heißt das nicht, dass sie nichts spürt.
19.10.15
Foto von bigbirdz via Flickr

Für sein Essay Consider the Lobster wird David Foster Wallace zum Maine Lobster Festival geschickt, wo er dabei zusieht, wie Hummer bei lebendigem Leibe gekocht werden—scheinbar um ihren natürlichen Geschmack zu erhalten. Das wirft unweigerlich die größere Frage auf, ob ein Hummer die neurologische Kapazität besitzt, Schmerz zu erfahren und wie komplex dieses Schmerzempfinden ist. Kürzlich veröffentlichte Studien zeigen, dass die Neurologie von Schalentieren der Neurologie von Wirbeltieren sehr ähnlich ist, was auf ein ähnliches Schmerzempfinden wie beim Menschen hinweisen könnte. Da man sich aber nicht in das Bewusstsein eines Hummers einnisten kann, schreibt er sich selbst und den Leser in ein tiefes Loch der Glückseligkeit.

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Ab wann ist der Punkt erreicht, an dem tierisches Leiden auf absurde Weise anthropomorphisiert wird; zu einem menschlichen Dilemma von philosophischer und moralischer Dimension? Ist diese Frage im Gegenzug nicht nur eine schäbige rhetorische Ausrede für eine eindeutige Tatsache—dass alles Leiden gleich ist?

Sein älterer Bruder, mein Onkel, ein noch härterer Mann, riss die gesamte Schale runter und legte so die inneren Organe frei, während das Tier durchdrehte. Sobald ich irgendeinen Kommentar dazu abgab, nannten sie mich schwul.

Wenn mein Vater früher eine klassisches Pfannengericht zubereitete, riss er der Krabbe immer die Beine ab, während sie noch am Leben war. Ich fragte ihn vorsichtig, ob er die Krabbe nicht zuerst töten könnte—nach kulinarischer Anweisung schnell das Gehirn mit einem Messer halbieren. Er antwortete (und viele Chinesen glauben daran), dass wenn man ein Tier umbringt, sein Tod das Fleisch durchdringt wie eine Art spirituelles Gift, deshalb sollte man es so spät wie möglich in der Zubereitung töten. Laut dieser verqueren Logik waren die abgetrennten Beine der Krabbe, die sich noch leicht auf dem Schneidebrett regten wie Finger, die sagen „komm her", genau genommen noch lebendig. Sein älterer Bruder, mein Onkel, ein noch härterer Mann, riss die gesamte Schale runter und legte so die inneren Organe frei, während das Tier wie wild zappelte. Sobald ich irgendeinen Kommentar dazu abgab, nannten sie mich schwul.

Dieser Artikel könnte sich darum drehen, wieso ich diese Krabbe nicht anrührte, wieso ich aus Solidarität gegenüber der Gefallenen aus Protest fastete. Ich erinnere mich, wie mir vor jeder ihrer mürrischen Bewegungen in der Plastiktüte neben mir auf dem Rücksitz im Auto graute, während wir nach Hause fuhren. Aber als die Krabbe ihren letzten Auftritt hatte—von der Plastiktüte zum Schneidebrett, in den Wok, auf den Teller—, war sie in Frühlingszwiebeln, Ingwer, Zwiebeln und einer Sauce aus ihrem Rogen in Cognac reduziert gehüllt. Ich brach die Schale auf und sog das Fleisch heraus.

Aus Sicht des Darwinismus ist die wichtigste evolutionäre Eigenschaft von Katzen und Hunden der anhaltende Augenkontakt mit Menschen, durch die sie eine Art Verbindung mit uns aufbauen. Dadurch wurden sie domestiziert und zu Haustieren, anstatt zu Nahrung. Das ist jedoch kulturell bedingt. Die Ethik des Essens erklärt manche Tiere würdig der Schlachtung, andere nicht. In seinem Buch Kollaps: Warum Gesellschaften überleben oder untergehen erwähnt der Anthropologe Jared Diamond die Normannen in Grönland, die verhungerten und manchmal sogar zu Kannibalen wurden, weil Fisch und Meeresfrüchte in ihren Augen eklige alienartige Monster aus den tiefen, dunklen Gewässern waren. Ihre Xenophobie hielt sie davon ab, von den benachbarten Inuit zu lernen, die sich in Fisch sonnten und florierten. Ich persönlich versuche die Tatsache zu verdrängen, dass Hummer eigentlich riesige Insekten sind.

Im Wok gebratene Krabbe ist ein traditionelles kantonesisches Gericht, das von der vietnamesischen und der thailändischen Küche interpretiert wird. Man kocht die Krabbe über extrem heißer Temperatur, sodass das Fleisch in der Schale dampft und es unglaublich weich und zart wird. Ich zog immer an der Sehne der Scheren, sodass das Gelenk sich bewegte. Es war schon grotesk—aber gleichzeitig eigenartig aufregend, ja sogar intim—, dass diese Krabbe früher seine Scheren verwendete, um in seiner eigenen Welt nach Beute zu jagen, um zu überleben. Jetzt lag sie in meinen öligen Händen, während ihr Rogen an meinen Lippen klebte.

Wenn sie Schmerz empfand, während mein Onkel ihre Schale abriss und die Drüsen, die Kiemen, das Herz, die Arterien und das Gehirn auf die heiße Luft trafen, dann spielte sich dieses Gefühl der extremen Qual für uns unsichtbar in ihrem winzigen Gehirn ab. Schmerz ist etwas Hermetisches, das der Körper ans Gehirn sendet und das kein anderer fühlen oder gar verstehen kann. Geschweige denn andere Spezies. Leiden ist der Kollateralschaden, der das Überleben anderer nach sich zieht. Wir sind an die Nahrungsmittelkette gebunden.

Wann immer es dieses Gericht gab, ging meine Großmutter mit einer Plastiktüte herum, um die übrig gebliebenen Schalen auf dem Tisch einzusammeln, von denen einige kleine Stücke immer noch in unseren gierigen Gesichtern klebten. Sie war alt und langsam, unsere gebrechliche Matriarchin, und manchmal fummelte sie mit der Öffnung der Tüte herum. In der universellen Sprache des Knurrens sagten wir ihr, sie solle sich beeilen, während schon die nächste Krabbe an den Tisch gebracht wurde. Wir hatten nur wenig Mitleid mit ihr. Was sich in ihrem Kopf abspielte, war ihre eigene Sache.