Ramadan macht das einfachste Essen zu einem Fest

Heute beginnt Ramadan. Während dieser Zeit darf ich dann nicht lügen, muss zu allen lieb sein und Freunden wie Fremden gegenüber positive Energie ausstrahlen.

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18 Juni 2015, 8:30am

Oberstes Foto: Farmanac | Flickr | CC BY 2.0

Stell dir einfach mal den Coca-Cola-Truck ohne den Weihnachtsmann vor. Dann denk dir auch noch die unentwegt fröhliche Musik weg, die Lichter, den funkelnden Schneefall sowie all die Begeisterung und fertig ist der Ramadan-Zug. Also natürlich nur dann, wenn sich der heiligste Monat des muslimischen Kalenders als trister Zug zeigen würde.

Ich will auf diesen Zug eigentlich nicht aufsteigen und dennoch weiß ich, dass ich es am Ende auch dieses Jahr wieder tun werde. Ich weiß, ich werde mich für die 30 Tage des Fastens und Betens stählen. Während dieser Zeit darf ich dann nicht lügen, muss zu allen lieb sein und Freunden wie Fremden gegenüber positive Energie ausstrahlen. Als Muslim während des Ramadan nicht zu fasten, ist fast genauso, als ob Kim Kardashian morgens kein neues Selfie postet. Träum weiter!

Jedes Jahr während des Ramadan-Monats fasten Muslime auf der ganzen Welt von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang für spirituelle Erleuchtung. Ramadan ist der neunte Monat des islamischen Mondkalenders. Genau während dieser Zeit sollen in der „Nacht der Bestimmung" erste Teile des Koran dem Propheten Mohammed offenbart worden sein. In den folgenden 22 Jahren, stets zur Zeit des Ramadan und bei entsprechenden Offenbarungsanlässen, wurden dann die restlichen Teile der heiligen Schrift des Islams an Mohammed übermittelt. Zum Ramadan dürfen wir während des Tages nichts essen oder trinken, was bedeutet, dass wir für das Frühstück extrem früh aus den Federn müssen, also noch vor Tagesanbruch, während wir für das Abendessen bis zum Sonnenuntergang warten müssen. Ramadan wandert dank des verwirrenden Mondkalenders durch alle Jahreszeiten, und genau dieses Jahr fällt er mitten in den Sommer. Das bedeutet nicht nur extrem lange Fastenzeiten bei heißem Wetter, sondern schiebt auch jeglichem Grillgenuss einen Riegel vor. Aber was ist schon ein BBQ-Verbot gegen die Tatsache, bei Hitze nicht einmal Wasser trinken zu dürfen?

Dieses Jahr würde ich mich gerne davor drücken, aber traurigerweise falle ich in keine der Gruppen, für die eine Ausnahme gemacht wird. Die Rede ist von schwangeren oder stillenden Frauen, Kleinkindern, den Alten und Schwachen, Menschen mit chronischen Erkrankungen, die auf Medikamente angewiesen sind, sowie Personen, die auf Reisen gehen müssen. Dafür bekomme ich wenigstens eine Woche fastenfrei, wenn ich meine Tage habe. Diese Zeit soll ich aber zu einem späteren Zeitpunkt nachholen (was gar nicht in Frage kommt). Wenn für dich aus irgendeinem Grund Fasten nicht möglich sein sollte, musst du für jeden Tag, an dem du nicht fastest, für eine andere Person das Essen zahlen. Diese Zahlung nennt man fidya.

Während du fastest und den ganzen Tag über hungerst, wird jeder Brotkrume zu einem himmlischen Gaumenschmaus verklärt. Ein bloßer Bissen von dem einfachsten Essen kommt dir plötzlich königlich vor, und um genau diese Erfahrung geht es beim Fasten.

Wie du dir vorstellen kannst, hat das Fasten so manch unangenehme Nebenwirkung. Abgesehen von heftigen Magendonnerschlägen in Meetings (solche, die andere wegrutschen lassen, aus Angst, du könntest jeden Moment explodieren), Kopfschmerzen sowie Müdigkeit, ist Mundgeruch die größte Sorge. Dies mag auch erklären, warum sich viele Muslime während der Kaffeepause von dir fernhalten. Oder warum sie vorzugsweise mit einem Megafon sprechen. Ich habe immer eins in meiner Tasche dabei, man weiß ja nie.

Außerdem richtet sich dein Völlereiverlangen leider niemals nach gesundem Essen. Während des Fastens gierst du nach Sachen, die einen schnellen Energiekick geben, mit anderen Worten Nervennahrung mit vielen Kohlenhydraten und sehr viel Fett. In den Momenten der größten Schwäche gibt sich mein Gehirn gern exzessiven Essensfantasien hin, auf deren Speisekarte so gesunde Sachen wie gebratenes Allerlei mit extra viel Käse stehen. Mach dir nichts vor: Während Ramadan bist du den ganzen Tag über hungrig. Er gibt dir keine Ruhepause. Du wirst die ganze Zeit den Sonnenuntergang herbeisehnen, um endlich dein Gesicht in einem Haufen Mozzarellabällchen-Schokocroissants mit fettigen Chips on top zu versenken.

Das Fastenbrechen beginnst du traditionell mit Datteln und einem ordentlichen Schluck Wasser. Und glaub mir, du freust dich darüber wie ein Kind. Genauer gesagt wie ein Kind, das an seinem Geburtstag auch noch Besuch vom Weihnachtsmann und dem Osterhasen bekommt. In diesen Momenten läufst du natürlich Gefahr, dich so schnell vollzustopfen, dass der Magen gar nicht mehr mit dem Registrieren deines Kalorienamoklaufs nachkommt. Bis, ja bis dann der Moment der Reue einsetzt. Denn nichts anderes wirst du verspüren, nachdem du dir grad ein XXXL-Menü mit einem Eimer Fanta dazu reingepfiffen hast.

Mit meinem ersten Fasten für Anfänger begann ich, als ich noch sehr klein war. Das Frühstück aß ich noch vor Sonnenaufgang und wurde erst zum Mittag hin von meinem Hunger erlöst. Zum ersten Mal habe ich als Teenager aus Versehen das Fasten gebrochen. Ich stand in der Küche plötzlich vor einer riesigen Portion Vanillepudding, steckte meinen Finger rein und habe dann komplett die Kontrolle verloren. Ich war ein fettes Kind. Die traumatische Erfahrung, für zehn Stunden am Stück hungern zu müssen, machte aus mir eine kleine Heckenschützin, die nichts anderes im Sinn hatte, als alles Essbare im Umkreis von drei Metern zu erlegen. Wie ein pummeliger Robocop in traditionellem Salwar Kamiz suchte ich jeden Raum nach Essen ab.

Dass ich das zweite Mal ungewollt das Fasten brach, hatte mit einem rührseligen Bollywoodfilm über rotzfreche Kinder zu tun. Ich trank einen Schluck Wasser, in der Hoffnung endlich mit dem dämlichen Heulen aufzuhören. Ich hatte nämlich für einen kurzen Moment geglaubt, meine eigene Zukunft zu sehen. Und was ich dort sah—mich, wie ich einsam unter einer nach Katzenpisse und Tabak stinkenden Decke sterben musste—war wohl einfach zu viel für mein ausgehungertes Nervenkostüm. Hunger kann echt lustige Sachen mit deinen Gefühlen anstellen und die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verwischen lassen. Das dritte ungeplante Fastenbrechen geschah, als ich einen großen Teller Lasagne, der für das Abendessen gedacht war, fallen ließ und mich dabei schnitt. Starkes Bluten erlaubt Fastenbrechen und durch meine tränengetränkten Augen erblickte ich die traurigen und mutlosen Gesichter meiner Familie, die mit dem mittlerweile nutzlos gewordenen Besteck in der Hand erschüttert auf den Tatort des Lasagnemordes herabschauten.

Bei meinem Bruder war der Druck von außen, fasten zu müssen, deutlich größer als bei mir. Nicht zuletzt dank seiner muslimischen Mitschüler, die mit ihren Urteilen über nicht-fastende Muslime nicht gerade zimperlich waren. Mit anderen Worten stand für ihn ein Nichtfasten gar nicht erst zur Wahl. Er erinnert sich aber auch noch daran, wie seine fastenden Mitschüler ihre Essensgutscheine für 50 Cent das Stück verkauft haben. Damit offenbarten sie zwar einen frühen Unternehmergeist, handelten aber nicht wirklich im Sinne der Ramadanbotschaft.

Während du fastest und den ganzen Tag über hungerst, wird jeder Brotkrume zu einem himmlischen Gaumenschmaus verklärt. Ein bloßer Bissen von dem einfachsten Essen kommt dir plötzlich königlich vor, und um genau diese Erfahrung geht es beim Fasten. Denn Ramadan schärft dir die Sinne dafür, dich auch mit dem Nötigsten zufriedenzugeben. Deswegen faste auch ich Jahr für Jahr von Neuem, obwohl ich mich stets davor graue und es mir immer noch schwer fällt. Es gibt einfach keinen besseren Weg, um den Hunger, die Armut und die Einsamkeit nachzuempfinden, die das Leben von so vielen Menschen auf der Welt Tag für Tag bestimmen.

Ramadan hilft dir also dabei, dich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren, und führt dir dabei die wichtigsten Prinzipien der Menschlichkeit, ganz ohne Extrawurst, vor Augen.

Oberstes Foto: Farmanac | Flickr | CC BY 2.0