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Interview

Unprätentiöse Imbisse mit Anton Spielmann (1000 Robota)

Eine Hommage an das wahre Street Food Berlins. Ada Blitzkrieg spricht mit Künstlern über geheime, unprätentiöse Imbissbuden in der Hauptstadt. Heute verrät uns der Musiker Anton Spielmann, wo er glücklich is(s)t.
26 Januar 2015, 4:03pm
Alle Bilder von der Autorin.

Saray - Friedrichshain

Street Food ist meine Schwester und ich schütze ihre Ehre. Das ist derzeit wohl auch bitter notwendig, wenn man den Blick auf Mitte, Kreuzberg oder Neukölln wirft, wo der Trend sein Myzel bis in die abgelegensten Ecken ausstreckt. Die Tendenz zu ,,High-Class" Street Food, so will ich es vorsichtig bezeichnen, schwappte in den letzten Jahren aus den USA nach Europa über und infizierte letztlich auch Berlin. Inzwischen scheint es so, als sei der Name ,,Street Food" zu einem vielversprechenden Marketinginstrument herangewachsen.

Dadurch sind einige Probleme entstanden: Die Speisen, die von Anbietern durch das heilige ,,Street Food"-Label gesegnet werden, sind im Wesentlichen für ein schmales Portemonnaie zu teuer, in der Zubereitung zu langsam und haben mit dem Grundgedanken von Street Food und Imbisskultur meist so viel gemein wie eine stattliche Pizzawampe mit einer Schwangerschaft. Der Spaßfaktor am Essen ist dabei natürlich dennoch erhalten geblieben, zudem schmecken die Speisen, zugebenermaßen, meistens wirklich hervorragend. Allerdings trifft man an den besagten Trendspots, und das ist der Wermutstropfen, nicht mehr auf eine Kundschaft aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten, sondern bleibt im Allgemeinen eher unter sich, und das ist schade.

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Was einst als kleine Mahlzeit für einfache Leute und Arbeiter entstand, richtet sich heute in erster Instanz an Besserverdiener und interessierte Foodies. Wer aber möchte ständig 12 Euro für einen Burger bezahlen, nur um ihn dann in einem Kessel junger Kreativer, aufgebrezelter Modejournalisten, Start-Up-Angestellter und aufgeregter Menschen aus der Medienbranche zu verzehren, die einen bei jedem Bissen wie hungrige Hyänen umkreisen und mit Blicken traktieren, die BMI, Kleidungswahl und Job scannen? Es gibt Tage, an denen möchte man keine 87 Stunden in Single Malt marinierte Edelbirne, auf glutenfreiem Brioche mit Kobe und Trüffel-Citrus-Mayonnaise haben, sondern einfach nur seine Ruhe und einen Burger. Welche Orte machen also satt und glücklich? Ich möchte es herausfinden.

Dafür habe ich die Ehre mit einigen Künstlern über ihre Geheimtipps zu sprechen und daraus eine Interviewreihe zu formen, die sich den unprätentiösen Orten für Imbisskultur in Berlin widmet. Eine Hommage an das wahre Street Food Berlins. Back to the roots!

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Per Twitter erreichte mich kürzlich eine Mention von Anton Spielmann mit der Bitte, ich möge doch schnell Abhilfe schaffen. Man sei gerade im Soho House Molekularküche am speisen, es gehe gut soweit, es sei äußerst köstlich, aber man wäre geneigt später unterwegs einen einfachen Imbiss als Gegenpol einzunehmen, der wieder etwas erdet.

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Anton Spielmann ist Mitglied der Hamburger Band 1000 Robota und verwirklicht gerade die Musik zur Neuinszenierung des Klassikers Die Tragödie von Romeo und Julia unter der Regie von Jette Steckel am Hamburger Thalia Theater. Im Mai startet der Tausendsassa mit seinem neuen Projekt am Burgtheater in Wien: Musik für die Inszenierung von Antigone. Nebenbei besucht Anton Berlin und ist einem Imbiss nicht abgeneigt. Deshalb antwortete ich ihm prompt und bat ihn, seinen Snack fotografisch für Munchies zu dokumentieren. Dann stellte ich ihm einige unentbehrliche Fragen.

Ada: Bist du ein guter Esser?

Anton: Ich esse gerne, ja! Ich bin der Typ, der am liebsten nur warm isst. Suppen liebe ich gleich morgens. Bei mir gibt's oft klare Rindersuppe oder Zwiebelsuppe. Ich probiere aber so ziemlich alles gerne aus. Da mein Leben keinem konservativen oder klaren Rhythmus folgt und ich sehr viel reisen muss, könnte man auch meinen, ich hätte ein gestörtes Essverhalten. Auf Tour habe ich mir das oft sagen lassen müssen.

Ada: Welchen unprätentiösen Imbiss kannst du uns in Berlin ans Herz legen und warum zieht es dich dorthin?

Anton: Das Saray in Berlin hat sich zufällig als mein Spot enttarnt. Mir war das lange gar nicht so bewusst, doch dann merkte ich, dass ich doch ziemlich oft, wenn ich denn in Berlin bin, dort schnell was zieh', denn um die Ecke konnte ich mit meiner Band immer gut unseren Bus parken. Egal was ich sonst zu tun habe, ich werde ausschließlich ins Michelberger Hotel gebucht. Universal, mein Verlag, ist auch gleich um die Ecke.

Im Sommer find ich es gut, den Skatern dort beim Rollen zuzuschauen. Da gibt es, glaube ich, so einen berühmten Spot für Skater mit Sitzbänken an denen die rumgrinden. Ich glaube, Berliner wissen, was ich meine.

Ich hab sonst eigentlich ein recht unentspanntes Dasein und in den wenigen Augenblicken, in denen ich kann, versuche ich mich zu entspannen so gut es geht. Da finde ich Skater, Döner und Sommer eine mögliche Komposition.

Ada: Was kannst du mir empfehlen? Was ist das Must-Have?

Anton: Ich esse immer Classic Kebab. That's it! Bin als kleiner Junge öfter mit meinem Vater Kebab essen gegangen und habe bis heute eine Verbindung dazu. Er hat seinen Döner immer mit Scharf gewählt, was ich mittlerweile auch mache. Aber natürlich immer noch nicht so doll wie er.

Ada: Und wenn es dann doch mal etwas teurer und aufwendiger sein darf, wohin zieht es dich in Berlin dann?

Anton: Ich gehe gerne in die Paris Bar in Berlin. Es ist wirklich angenehm dort. Michel Würthle ist eine Erscheinung, so auch sein Laden. Das hält mich fest, ganz ohne Druck. Ich mag so ein Gefühl. Das Essen ist auch gut. Das geht aber nicht immer, wegen meiner Kohle. Ich lasse mich aber auch gerne einladen. Andererseits lade ich auch gerne ein, wenn ich kann, denn mein Taschengeld pflegt starke Unterschiede. Also wenn du willst, das wäre jetzt mein Angebot, ein Besseres kommt dann...

Ach, ansonsten kann ich noch Zula in Prenzlauer Berg empfehlen, da kann man wunderbar Hummus essen. Ist auch preislich tragbar, glaube ich.

Also bin ich losgezogen um mir selbst ein Bild darüber zu verschaffen, ob die Gerüchte stimmen und es bei Saray das versprochene Street Food der "alten Schule" gibt.

Der Ort:

,,Scheiße!", das ist der erste Gedanke, der mir in den Kopf schießt, als ich erfahre, dass mich Anton zu Saray schickt. Ausgerechnet Saray! Drei Jahre Friedrichshain in Kombination mit einem mickrigen Studentenbudget haben mich doch sehr geprägt. Mittags Döner. Abends Döner. Weihnachtsdöner. Frühstücksdöner. Feierdöner. In suffintensiven Nächten bin ich zwischenzeitlich immer irgendwie dort gestrandet, um die Akkus wieder aufzuladen, eine Fanta zu trinken, einen Döner zu schlingen und um wieder etwas klarzukommen.

Irgendwann fiel dann durch einen blöden Zufall ein Kebab bei Saray mit dem Ausbruch einer langwierigen Magenschleimhautentzündung zusammen und ich lernte den Döner, ich muss es leider in aller Deutlichkeit sagen, so intensiv kennen wie meine Westentasche—von innen wie außen.

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Ich finde Anton also insgesamt supermutig, auch hinsichtlich der schlechten Bewertungen von Saray auf vielen Portalen. Ein echter Draufgänger, denke ich mir, und fahre los um meine Bestellung aufzugeben und mich möglicherweise zu revidieren. Anton, du Teufelskerl! Irrer Typ und das schätze ich sehr an ihm.

Die Klientel:

Heute ist die Lage eher ruhig, fast schon entspannt. Samstagnachmittag 16 Uhr, es dämmert gerade, als ich den blitzblanken Dönerladen an der Warschauer Straße im lauten Verkehrslärm betrete. Es ist überraschend leer. Der Laden profitiert offenbar von den Stoßzeiten der unzähligen Clubs in der Nachbarschaft sowie von der Rush Hour der Arbeiter, deren Verbindung nach Hause die S- oder U-Bahn Warschauer Straße darstellt. Den Innenraum teile ich mir heute lediglich mit dem Kopf eines speckigen Hundes, der sehnsuchtsvoll durch die halboffene Türe auf sein Herrchen schielt sowie mit einem verkifften Studenten, der stoned nach schnellen Kohlehydraten giert und einem britischen Touristenpärchen Mitte 40, die beide Kebab ohne Knoblauch und Zwieblen bestellen. Von mir aus. Neben Döner gibt es hier auch eine Auswahl an asiatischen Nudeln. Das nenne ich nun wirklich eine wagemutige Kombination.

Die versprochenen Parkplätze gibt es im Umkreis hingegen nicht. Mein Auto parkt an diesem Tag quasi in Kreuzberg. Wer sich allerdings in eine Feuerwehreinfahrt stellt oder einfach zweite Reihe parkt, findet auch hier leicht ein Plätzchen. Wo zur Hölle hat Anton also mit seinem blauwalgroßen Tourbus gehalten? Es bleibt geheimnisvoll.

Ich gebe meine Bestellung auf. Niemand der Anwesenden scheint mich weiter zu beachten. Alle sind in ihren Döner vertieft. Das Essen steht klar im Mittelpunkt. Salat fällt zu Boden. Zu Saray kommt man zur Sättigung. Die freundliche Bedienung drückt mir den Kebab in die Hand und ich beschließe wegen der Unfallgefahr vor der Türe zu speisen.

Das Gericht:

Kebab Classic mit scharfer Sauce. Ich kann Anton schon verstehen, denn für ein paar Euro bekommt man einen kindsgroßen Döner mit einer unmenschlichen Menge Fleisch. Es handelt sich dabei um den klassischen Döner: Lammspieß, keine Kartoffeln, wenig Gemüse. Kein unnötiger Schnickschnack. Die geschmacklichen Feinheiten wie Koriander oder eine Zitrusnote fehlen zwar, aber man vermisst sie nicht wirklich, denn die Masse überfordert in ihrer bloßen Handhabung. Der Käse schmeckt nach nichts und stört folglich auch nicht weiter. Eine riesige Tomatenscheibe vermittelt den Eindruck einer leichten Zwischenmahlzeit. Das Fleisch schmeckt wider Erwarten echt richtig gut und ich lasse es mir munden. Die Würzung scheint zu stimmen und das ist maßgeblich, denn der Döner ist krass fleischlastig. Das Brötchen fällt dabei kaum ins Gewicht, sodass die Fleisch-Brot-Ratio als echtes Preisschnäppchen durchgeht. Leider schmeckt die scharfe Sauce sehr stark nach Ketchup und ich tendiere dazu zukünftigen Besuchern die Knoblauch- und Kräuternummer in Sachen Sauce ans Herz zu legen. Gut ein Fünftel Döner fällt mir beim Essen zu Boden, aber ich kann es ohne Schmerz verkraften und bin nachher ordentlich zufrieden und eingesaut. Ich komme bestimmt bald wieder. Und feiern gehen könnte ich ja schließlich auch nochmal...

Preis: 3,50 Euro. Anton ist hier bei [Twitter](http://twitter.com/Anton_Spielmann 1000robota.com www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/die-tragoedie-von-romeo-und-julia).

Saray Revaler Straße/ Ecke Warschauer Straße 10245 Berlin