Was würde passieren, wenn Nordkorea einen Atomangriff gegen die USA startet?
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Was würde passieren, wenn Nordkorea einen Atomangriff gegen die USA startet?

Obwohl dieses Szenario recht unwahrscheinlich ist, lohnt es sich doch, das Ganze mal durchzuspielen.
25 Dezember 2016, 4:45am

Titelfoto: Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0

Falls du 2016 Nordkorea nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt hast, weil mit Russland, den USA, Großbritannien und China eher andere Nuklearmächte das globale Rampenlicht für sich beansprucht haben, dann lass dir eins gesagt sein: Das Einsiedlerkönigreich hat auch dieses Jahr immer wieder damit gedroht, seine Feinde mit Atomwaffen anzugreifen.

OK, diese Drohung haben wir jetzt vielleicht schon so oft gehört, dass sie nur noch wie leeres Geschwätz klingt, aber Nordkorea hat 2016 tatsächlich neue Nukleartechnologien entwickelt und getestet, die die Drohworte wieder untermauern. Hervorzuheben ist hier vor allem die doch sehr beeindruckende Interkontinentalrakete namens Unha-3, die es wohl auch bis nach Los Angeles schafft.

Aktuellen Analysen zufolge könnte Nordkorea im Jahr 2020 eine "zuverlässige" Atomrakete besitzen, die die USA treffen kann. Laut Rodger Baker, dem führenden Nordkorea-Experten des in Austin, Texas beheimateten Informationsdienstes Stratfor, ist es jedoch keine Frage, wann die nordkoreanischen Raketen zuverlässig sein werden. "Sie sind wahrscheinlich jetzt schon in der Lage, die USA anzugreifen", sagt er und fügt hinzu, dass die Analytiker der US-Militärs inzwischen mit der Annahme arbeiten, dass Nordkorea die Möglichkeiten besitzt—auch wenn sie diese noch nicht komplett demonstriert haben.

Nordkorea ist also genauso bereit für einen richtigen Atomkrieg wie dein Kumpel mit den musikalischen Ambitionen für einen Auftritt bei der Grammy-Verleihung bereit ist: Das Ganze würde sehr wahrscheinlich nicht gut für ihn ausgehen, aber wer weiß?

Anfang des Jahres hat Bakers Team eine detaillierte Analyse darüber veröffentlicht, wie die USA versuchen könnten, Nordkoreas Waffenarsenal zu zerstören, und wie Pjöngjangs Vergeltung aussehen würde. "Es ist wichtig, über solche Szenarien nachzudenken", meint Baker.

Deshalb hat sich der Experte auch zusammen mit mir ausgemalt, was passieren würde, wenn Nordkorea tatsächlich einen nuklearen Angriff auf die USA startet—von den Vorbereitungen bis hin zum Kriegsausbruch. Und einige Aspekte seiner Prognosen sind doch recht überraschend. Aber seht selbst.

Schritt 1: Die USA wissen wahrscheinlich schon lange vor dem Abschuss Bescheid

In Anbetracht der Technologie, über die Nordkorea derzeit verfügt, kann man mit Sicherheit sagen, dass eine Rakete mit nuklearem Sprengkopf nicht einfach so aus einem unterirdischen Silo an die Oberfläche schießen würde. Es gibt im Einsiedlerkönigreich zwar mehrere potentielle Abschussmethoden, aber die bewährteste wäre wohl eine fest installierte (und sehr offensichtliche) Startrampe. Laut Baker ist das jedoch die schlechteste Option, denn die Geheimdienste der Feindesländer hätten hier genügend Zeit, um alles zu bemerken. "Hier dauert es mehrere Tage oder sogar mehrere Wochen, die Rakete aufzustellen und vorzubereiten", erklärt er.

Nordkorea hat zwar auch schon von U-Booten aus startende Raketen erfolgreich getestet, aber die haben nur eine Reichweite von ein paar Hundert Kilometern. Und Nordkoreas minderwertige U-Boote schaffen es wohl kaum bis vor die Westküste der USA.

Eine bessere Option wäre der Abschuss von einer mobilen Rampe. "Die kennt man aus Film und Fernsehen. Im Grunde handelt es sich dabei um einen riesigen Laster mit einer Vorrichtung oben drauf", erzählt Baker. "Hier dauert es ungefähr eine Stunde, die Rakete aufzustellen und abzufeuern." Nordkorea besitzt solche mobilen Rampen übrigens wirklich: 2012 hat das Land nämlich ein paar davon von China abgekauft und stellt damit die Raketen bei den Paraden in Pjöngjang zur Schau.

Baker ist jedoch optimistisch, dass selbst ein einstündiges Zeitfenster ausreichen würde, um zu bemerken, dass Nordkorea drauf und dran ist, eine Rakete in den Himmel zu schießen. Grund für dieses Optimismus ist die ständige Überwachung des Gebiets durch ein internationales Netzwerk mit Radarscans, Satelliten und Wärme-Tracking-Equipment. "Immer wenn Nordkorea einen neuen Test durchführt, folgen direkt Statements von Seiten der USA und Japan in Bezug auf den Erfolg des Tests. Das ist nur möglich, weil sie alles beobachten—selbst dann, wenn Nordkorea einen Spontantest mit mobilen Abschussrampen durchführt", erklärt Baker.

Kurz gesagt: So etwas wie ein Überraschungsangriff ist hier nicht möglich. "Zuerst würden alle Raketenabwehrsysteme in eine höhere Alarmbereitschaft versetzt werden", sagt Baker. "Und dann würden sich die japanischen Raketenabwehrschiffe in Position begeben."

Schritt 2: Die USA und Japan denken über einen möglichen Präventivschlag nach

Natürlich gilt auch hier: Angriff ist die beste Verteidigung. Laut Außenpolitik-Analytikern der George Washington University Law School könnten die USA einen Präventivschlag durchführen und später vor der UNO als "Antwort auf einen bevorstehenden Angriff" rechtfertigen, wenn sich Spione sicher wären, dass Nordkorea eine Rakete mit einen nuklearen Sprengkopf ausstattet und damit auf die USA zielt.

Für eine solche Entscheidung wäre Baker zufolge unter Umständen nicht mal ein Anruf von US-Präsident Trump nötig.

"Ich glaube, dass das letztendlich die Entscheidung des Militärs wäre", meint er. Und das Militär bevorzugt Präventivschläge, denn auf den Angriff zu warten und dann zu hoffen, dass er abgewehrt wird, birgt ein hohes Risiko. Wenn man jedoch zuerst angreift, "wird die Gefahr zu 100 Prozent zerstört—und das ist natürlich bevorzugt."

Die Rechtfertigung eines Präventivschlags wäre allerdings trotz allem eine heikle Angelegenheit, denn der Angriff selbst könnte für eine Verstimmung bei China, bei Russland und selbst bei Südkorea sorgen. "Politisch gesehen", sagt Baker, "wäre es wahrscheinlich besser, Nordkorea den Abschuss durchführen zu lassen und die Rakete dann abzufangen, als selbst anzugreifen, wenn sich die Rakete noch auf der Abschussrampe befindet." Es steht also nicht außer Frage, dass die USA eine nordkoreanische Rakete wissentlich starten lassen würden.

Schritt 3: Eine Rakete fliegt los

Aber selbst wenn der Abschuss gelingt, ist noch lange nicht gesagt, dass es eine nordkoreanische Rakete auch nur in die Nähe der USA schafft. Langstreckenraketen sind im Grunde selbstmörderische Raumschiffe, die während ihrer Reise die Erdatmosphäre verlassen. "Die Nordkoreaner haben zumindest in einem Test bewiesen, dass sie in der Lage sind, den Sprengkopf einer Rakete zu lösen, die wieder in die Erdatmosphäre eingetreten ist", erzählt Baker. Der Wiedereintritt ist jedoch nutzlos, wenn die Bombe an Bord der Rakete dabei beschädigt wird. "Sie haben auch schon Bodentests durchgeführt, bei denen die Beständigkeit der Sprengköpfe beim Wiedereintritt in die Atmosphäre bewiesen wurde."

Dann stellt sich aber natürlich auch noch die Frage, was das Ziel unserer hypothetischen Rakete wäre. Baker zufolge kann man nicht mit Sicherheit sagen, wo genau Nordkorea die USA treffen will. Erreichbare Ziele wie etwa Hawaii oder Los Angeles sind dabei nicht die einzigen Gegenden, die Kim Jong-un schon bedroht hat. "Vor ein paar Jahren hat Nordkorea vielleicht ungewollt eine Karte veröffentlicht, auf der Linien zu sehen waren. Eine dieser Linien könnte direkt nach Austin geführt haben", sagt Baker.

Schritt 4: Die USA und Japan versuchen, die Rakete vor ihrem Einschlag abzufangen

"Es gibt sowohl stationäre Radarsysteme als auch Satelliten, die ständig nach selbst den geringsten Hitzespuren eines Abschusses suchen", erklärt Baker. Zudem planen die USA schon seit einiger Zeit, ein Raketenabwehrsystem namens THAAD in Südkorea zu installieren. Aufgrund der dortigen politischen Unruhen ist dieser Plan nun jedoch vorerst in den Hintergrund gerückt.

Falls die Rakete dieses erste Abwehrsystem übersteht, dann schafft sie es wahrscheinlich nicht über Japan hinaus. Dort patrouillieren nämlich Aegis-Marineschiffe, die mit Abfangraketen ausgestattet sind.

Falls diese Maßnahme jedoch ebenfalls fehlschlagen sollte und die nordkoreanische Rakete den Pazifik überquert, dann wäre das US-amerikanische Raketenabwehrsystem in Alaska für den Abfang verantwortlich. Dieses System ist Baker zufolge jedoch nicht perfekt und wird auch niemals perfekt sein. Wenn Nordkorea also unglaubliches Glück hat, ist eine pilzförmige Wolke über einer US-Metropole nicht ausgeschlossen.

Laut Bakers professioneller Meinung ist es allerdings sehr unwahrscheinlich, dass die Nordkoreaner es schaffen, mehr als eine oder zwei Raketen abzuschießen. Und die würden ihr Ziel letztendlich niemals erreichen. Es ist aber gut möglich, dass Nordkorea schon bald bessere Möglichkeiten zur Verfügung stehen.

Baker erwähnt in diesem Zusammenhang Raketen mit mehreren Sprengköpfen (einige davon sind angsteinflößende, hochkomplizierte Superwaffen) zur Umgehung der US-Raketenabwehrsysteme. "Diese Sprengköpfe können in verschiedene Richtungen abgeschossen und beim Runterkommen noch weiter gelenkt werden. Außerdem besteht die Möglichkeit von Dummys", erklärt der Experte. Falls sich Nordkorea diese Technologie zulegt—und das ist nur eine Frage der Zeit—, dann ist die Androhung eines Atomschlags gegen die USA sehr schnell mehr als nur heiße Luft.

Schritt 5: China antwortet

Es gibt einen guten Grund, warum Donald Trump in Sachen China lieber nichts anbrennen lassen sollte: Baker zufolge ist es nämlich sehr gut möglich, dass China im Falle eines grundlosen Angriffs Nordkoreas einen zweiten Koreakrieg verhindern will.

"Die chinesische Regierung hat verlauten lassen, dass sie tatsächlich in Pjöngjang einschreiten würde, falls Nordkorea einen militärischen Konflikt auslöst. China würde dann den nördlichen Teil des Landes kontrollieren und dem nordkoreanischen Regime die militärische Unterstützung verweigern", sagt Baker. "Ich gehe nicht davon aus, dass die Chinesen bei dieser Art der Konfrontation noch auf Seiten der USA sein würden."

Aber nicht alle Experten sind der Meinung, dass sich China gegen seinen Bündnispartner Nordkorea wenden würde. So schrieb Joel S. Wit vom U.S.-Korea Institute an der Johns Hopkins School of Advanced International Studies zum Beispiel in der New York Times, dass China Nordkorea zwar zur nuklearen Abrüstung dränge, sich die allgemeine Einstellung aber nicht wirklich geändert habe: "Ein vereintes Korea in einer Allianz mit Washington direkt an der Grenze zu China wäre für Peking im Anbetracht des fortwährenden Konkurrenzkampfs mit den USA in Asien fatal."

Schritt 6: Die USA schlagen zurück—wahrscheinlich aber ohne Atomwaffen

Trump hat bereits angedeutet, dass er dazu bereit sein könnte, nukleare Waffen gegen den IS einzusetzen. Da liegt es doch nicht fern, dass er bei einem Vergeltungsschlag gegen Nordkorea ebenfalls so vorgehen würde, oder? Baker ist da anderer Meinung.

"Ich halte das für sehr unwahrscheinlich, weil die Nordkoreaner nur sehr wenige Waffen besitzen und weil aufgrund der Größe der Halbinsel auch Südkorea in Mitleidenschaft gezogen würde—und das wäre natürlich Gift für den Stabilisierungsprozess in der Gegend."

Stattdessen rechnet Baker mit einem großen Marschflugkörper, gefolgt von Luftschlägen gegen die gesamte nordkoreanische Front-Artillerie. Das Ziel dieser Aktion wäre es, sowohl die Artillerie als auch die mobilen Raketensysteme auszuschalten. Und währenddessen positionieren die USA noch weitere Truppen und Waffen in der näheren Umgebung.

Schritt 7: Ein Krieg, den Nordkorea sehr wahrscheinlich nicht gewinnt

Beide Seiten haben einen Angriff ausgeübt und es kommt nun nicht mehr so sehr darauf an, wer angefangen hat. Jetzt wird Stratfors Analyse zum Ausbruch eines Konflikts zwischen Nordkorea und den US-Truppen in Südkorea besonders interessant. "Die ersten Stunden der Auseinandersetzung sind im Grunde das einzige Zeitfenster, das Nordkorea hat, um alle seine Waffen und Mittel einzusetzen", erklärt Baker. Seiner Meinung nach würde das Regime auf "traditionelle Werkzeuge"—also vor allem chemische und biologische Waffen—zurückgreifen, um die Bodentruppen der USA zumindest zeitweise zu behindern und um dem nördlichen Teil Südkoreas ernsthaften Schaden zuzufügen.

Danach herrscht Krieg und Baker räumt Nordkorea dabei keine wirklichen Chancen ein: Wenn es nicht gerade zu einem politischen Umdenken der Südkoreaner kommt, dann ist es laut dem Experten sicher, dass die Nordkoreaner in einer Auseinandersetzung mit den USA—und vielleicht selbst nur mit den direkten Nachbarn im Süden—als Verlierer enden.

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