Sexismus

"Mein Chef sagt, er kann Frauen in flachen Schuhen nicht ernst nehmen"

Blutige Zehen, gefolterte Füße: Auch in Deutschland zwingen Arbeitgeber Frauen, hohe Absätze zu tragen. Wir haben Anwälte gefragt, ob sie das überhaupt dürfen.
13.12.16

Foto: Helga Weber | Flickr | CC BY-ND 2.0

Gibt man in der Google-Bildersuche das Wort "Damenschuh" ein, bekommt man den Eindruck, flache Schuhe für Frauen seien eine seltene Kuriosität. Schwindelerregende Pumps, Peeptoes und Plateaus, und kaum ein Turnschuh in Sicht. Offensichtlich ist eine gewisse Vorstellung tief in unserer Gesellschaft verankert: Frauen gehen nicht, sie stöckeln.

Diese Vorstellung haben auch einige Arbeitgeber. Etwa für Hostessen und Flugbegleiterinnen sind hohe Schuhe oft Pflicht. "Die gut bezahlten Jobs waren immer die mit hohen Absätzen", sagt Juliane, 28, die sieben Jahre bei einer Berliner Agentur gearbeitet hat, die Hostessen vermittelt. "14 Stunden lang auf 10 Zentimetern stehen, das war richtig schmerzhaft. Und wenn man das fünf Tage nacheinander auf einer Messe machen muss, muss man richtig die Zähne zusammenbeißen. Einmal waren die Füße einer Messe-Kollegin so angeschwollen, dass sie zum Arzt musste und am nächsten Tag nicht stehen konnte." Für die hohen Absätze zahlten die Kunden zwar eine Art Schmerzensgeld—ein paar Euro mehr die Stunde—, aber "es gab absolut keine Notwendigkeit dafür, außer dass man sexy aussieht."

Foto: imago

Juliane hat sich damals nie beschwert: "Was der Kunde wünscht, wurde nie in Frage gestellt." Was aber passieren kann, wenn eine Frau sich dem Absatz-Zwang widersetzt, zeigt der Fall der Londonerin Nicola Thorp. Als sie in eleganten flachen Businessschuhen zu ihrem Job als Empfangsdame erschien, sagte ihr eine Vorgesetzte, sie müsse fünf bis zehn Zentimeter hohe Absätze tragen. Als Thorp sich weigerte, schickte man sie unbezahlt nach Hause. Schockiert darüber, dass eine solche Diskriminierung in Großbritannien legal ist, startete sie eine Petition an die Regierung, in der sie verlangte, unterschiedliche Kleiderordnungen für männliche und weibliche Angestellte zu verbieten. Innerhalb von kürzester Zeit hatte sie mehr als 150.000 Unterschriften gesammelt und einen internationalen Medienrummel ausgelöst.

Die britische Regierung hielt zwei Untersuchungen mit Betroffenen und Expertinnen ab und richtete ein Online-Forum für Erfahrungsberichte aus der Bevölkerung ein. In den Berichten der Frauen liest man wieder und wieder von Blasen, Blut, fehlgestellten Zehen sowie grauenhaften Schmerzen in Beinen und Rücken, verursacht durch hohe Absätze. "Es fühlte sich jeden Tag an, als würde ich gefoltert", schreibt eine Verkäuferin, deren Chef ihr nicht einmal erlaubte, sich ab und an hinzusetzen. "Wenn ich abends nach Hause kam, musste ich weinen und konnte mich nicht bewegen." Dass deutsche Arbeitgeber von Frauen verlangen können, in schmerzhaften, gesundheitsschädigenden Schuhen zu arbeiten, ist eigentlich unvorstellbar, doch genau das tun sie immer wieder. "Mein Chef sagt immer, er kann Frauen in flachen Schuhen nicht ernst nehmen", schreibt eine Forum-Userin. Direktionsassistentin Patrizia sucht in einem anderen Forum Rat, weil sie im neuen Job High Heels tragen muss und darin nicht laufen kann.

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Die Erwartung, dass Frauen ästhetisch gehbehindert zu sein haben, ist noch nicht so besonders alt. Als hohe Absätze um 1600 Westeuropa erreichten, waren sie sogar für ein paar Generationen Männern vorbehalten. Heute gilt ein Mann in High Heels eher als Witzfigur (wie die Demo-Reihe "Walk a Mile in Her Shoes"
beweist), während Frauen oft gar nicht um sie herumkommen. Bei den Filmfestspielen in Cannes 2015 (Motto: "Year de la Femme") hielt Festivalpersonal die Produzentin Valeria Richter, der Teile des Fußes amputiert wurden, ganze viermal auf dem roten Teppich auf, um sie für ihre flachen Schuhe zu rügen. Mehrere flach beschuhte weibliche Gäste wurden sogar von der Premiere des lesbischen Liebesfilms Carol ausgeschlossen. (Am selben Tag stolperte Hauptdarstellerin Rooney Mara in ihren Absätzen auf dem roten Teppich.) Dass die abgewiesenen Frauen allesamt über 50 waren und Valeria Richter eine Amputation hinter sich hat, spielte bei der Empörung, die durch die Medien ging, sicherlich eine Rolle. Doch auch junge, fitte Frauen leiden weltweit unter dem Absatz-Zwang.

Eine männliche Entsprechung für derlei Vorgaben existiert nicht. Sakko und Krawatte, so unangenehm sie im Sommer sein können, führen nicht zu schwerwiegenden Gesundheitsschäden. Neben Knochenbrüchen, Verstauchungen, Bänderrissen und anderen unfallbedingten Verletzungen können High Heels auch Langzeitschäden verursachen, zum Beispiel eine Schiefstellung des großen Zehs oder eine (reversible) Sehnenverkürzung in der Wade, die es der Frau erschwert, überhaupt noch in flachen Schuhen zu gehen.

Links: Der Fuß einer Patientin mit Schiefstellung des großen Zehs (Hallux valgus) und Krallenzehe. Rechts: Der Fuß derselben Patientin nach einer operativen Korrektur | Foto: Angela Simon | WikimediaCommons | CC BY-SA 3.0

"Gott hat den Menschen nicht dazu geschaffen, auf High Heels herumzulaufen", sagt Tanja Kostuj, leitende Oberärztin der Orthopädie im St. Josef Hospital in Bochum. Sie muss viele Frauen mit fehlgestellten Zehen und Mittelfußschmerzen behandeln. Welche davon von High Heels kommen und welche vererbt sind, ließe sich zwar nicht genau sagen—dafür müsste man eineiige Zwillinge in einer randomisierten Studie jahrelang beobachten. Doch dass es zu Schäden kommt, liege eigentlich in der Natur der Sache. "Ein High Heel drückt wie eine Rutsche auf dem Kinderspielplatz den Fuß nach vorne. Vorn ist der Schuh in der Regel eng, das heißt, der gesamte Vorfuß wird hineingedrückt. Durch das Überstrecken stehen die Frauen mehr auf dem Mittelfußknochenköpfchen, und das löst Beschwerden aus." Außerdem begünstigen hohe Schuhe Hohlkreuz, Krallenzehen und Krampfadern, sagt Kostuj.

Liest man die lange Liste von Schäden, die durch hohe Absätze entstehen, scheint es unwahrscheinlich, dass Arbeitgeber Frauen am Arbeitsplatz High Heels vorschreiben können. "Bei Fragen der Kleidung am Arbeitsplatz muss zwischen dem Persönlichkeitsrecht der Arbeitnehmerin und dem Weisungsrecht der Arbeitgeber abgewogen werden", sagt die Rechtsanwältin Livia Menthel von der Berliner Kanzlei für Arbeitsrecht Lindenberg & Witting. Wenn eine Arbeitnehmerin das Unternehmen nach außen hin repräsentiere, "darf der Eingriff in den Persönlichkeitsbereich stärker sein, als wenn diese lediglich im Innendienst ohne Kundenkontakt steht". Heißt das, die Rezeptionisten Nicola Thorp müsste sich in Deutschland mit hohen Schuhen anfreunden oder den Job wechseln?

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Nicht unbedingt. Der Arbeitgeber darf Frauen nicht zwingen, hohe Schuhe zu tragen, wenn es um Tätigkeiten geht, "bei denen das Tragen von High Heels in keinerlei Zusammenhang mit der Ausübung des Berufes erforderlich ist". Aber was ist mit Berufen, in denen ein bestimmtes Erscheinungsbild zum Berufsprofil gehört—also Stewardessen oder Models?

Der Anwalt Benedikt Sommer sagt, in Fragen der Kleidung müsse man zwischen den Interessen der Arbeitnehmerin und denen der Firmenleitung abwägen: "Aber was bezwecken High Heels? Sie sollen die Frau für manche Männer attraktiver, sexyer machen. Letzteres ist ein ganz schöner Eingriff in die Privat- und Intimsphäre, weil Sexyness im Beruf eigentlich nichts zu suchen hat."

Und was ist mit Berufen, in denen Sex-Appeal tatsächlich zum Job gehört—also Stripperinnen und Hostessen? Selbst hier, meint Sommer, sei es nicht zulässig, Frauen 10-Stunden-Schichten in hohen Absätzen vorzuschreiben—immerhin besteht kein zwingender Zusammenhang zwischen Attraktivität und dem Balancieren auf Mittelfußknochenköpfchen. Käme es zum Streitfall zwischen einer Hostess und ihrem Arbeitgeber, würde die Entscheidung zugunsten der Arbeitnehmerin ausfallen, so Sommer.

Und was, wenn ein Arbeitgeber versucht, sich mit subtilem oder offenem Druck über das Gesetz hinwegzusetzen? Hier gebe es das sogenannte Schikaneverbot, erklärt mir Sommer. Wenn ein Chef zum Beispiel sagt: "Wenn Sie keine hohen Schuhe tragen, stehen Sie eben nur noch am Kopierer und haben keinen Kundenkontakt", greife das Schikaneverbot. Gleichzeitig könne sich die Arbeitnehmerin auch auf das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) berufen, das geschlechtsbasierte Diskriminierung verbietet. Wenn Arbeitgeber Sonderregeln für Frauen aufstellen und behinderndes Schuhwerk vorschreiben, kann es sich durchaus um eine solche Diskriminierung handeln.

Es sieht tatsächlich so aus, als stünden High Heels an deutschen Arbeitsplätzen auf sehr wackligem Boden. Sollte ein Arbeitgeber Druck ausüben, High Heels zu tragen, empfiehlt Menthel, "umgehend anwaltlichen Rat in Anspruch zu nehmen". Wenn es in der Firma einen Betriebsrat gibt, kann man auch dort Hilfe suchen: Eine Kleiderordnung, die ohne die Mitbestimmung des Betriebsrats eingeführt wird, ist nicht bindend.

Sich zu wehren, ist natürlich anstrengend und oft furchteinflößend. Doch die Geschichte zeigt, dass es notwendig ist. Frauen dürfen heutzutage in der Öffentlichkeit Hosen tragen, weil mutige Vorkämpferinnen die Nase voll von der sinnlosen Ungleichbehandlung hatten—genau wie die Rezeptionistin Nicola Thorp. Die britische Regierung hat das Arbeitsrecht noch nicht angepasst, aber die Londoner Firma, die Thorp ohne Gehalt nach Hause schickte, hat bereits ohne staatlichen Eingriff ihre Kleiderordnung geändert: Weibliche Angestellte dürfen nun auf dem ganzen Fuß stehen. Ein kleiner Schritt für eine Frau …

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