eisprinzessin

Angst, Disziplin und Gehirnwäsche: Ein Sadist sollte mich zur Eisprinzessin machen

Unsere Autorin bekam als Mädchen einen Eiskunstlauf-Trainer, der in den 90ern zu einem Berufsverbot wegen sexueller Nötigung und Misshandlung verurteilt worden war. Erst Jahre später konnte sie die Ereignisse aufarbeiten.

von Anonyme Autorin
04 August 2016, 12:55pm

Foto: Privat

Vor einigen Wochen bekam unsere Redaktion diesen Text von einer Autorin zugespielt. Sie möchte aus verständlichen Gründen anonym bleiben.

Seit es das Fernsehen gibt, haben viele junge Mädchen einen gemeinsamen Traum: „Eisprinzessin" werden. Denn schon vor Jahrzehnten setzten die über das Eis schwebenden TV-Idole Wünsche nach Schönheit, Kraft und Eleganz in den Köpfen dieser Mädchen fest. Meine Mutter war eines dieser Mädchen, das vor 50 Jahren in Polen gespannt vor dem Fernseher saß, sich von ihren Eltern Schlittschuhe schenken ließ—und aus deren Traum nie etwas wurde. Ein Traum, den ich ihr später um jeden Preis erfüllen sollte. Auch auf Kosten meiner Gesundheit.

Meine Mutter ließ aber auch nicht locker, was ihre eigene „Karriere" betraf, ging auf eigene Faust weiter aufs Eis, träumte ihren Traum weiter, selbst als sie mit Mann und zwei Kindern als Mitte-30-jährige Spätaussiedlerin nach Deutschland kam. Als ich dann geboren wurde und es meiner Familie finanziell besser ging, muss meine Mutter ihre große Chance gewittert haben. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das erste Mal auf dem Eis stand, aber ich weiß, dass das Training im Verein mit vier Jahren begann.

Die ersten Jahre

Im Eissport ist das ein völlig normales Alter. Je früher man anfängt, desto besser kann man werden. Mädchen, die erst mit acht, neun Jahren loslegen, haben in der Regel selbst auf nationaler Ebene keine Chance. Überhaupt wird das Durchschnittsalter immer jünger und viele SpitzensportlerInnen im Eiskunstlauf sind heute sogar zu jung, um bei großen internationalen Wettbewerben teilzunehmen, obwohl sie bereits als 14- und 15-Jährige starke Konkurrenz für die „alten Hasen" wären.

Meine ersten Jahre auf dem Eis haben noch Spaß gemacht. Wir haben in Gruppen trainiert, bei den Galas war ich nicht auf mich alleine gestellt. Meine erste eigene Kür durfte ich mit sieben Jahren laufen, zu der Zeit begann ich auch mit den ersten Wettbewerben. Doch in dieser Zeit zeigten sich auch die ersten Schattenseiten. Der Verein, für den ich lief, war kein Profiverein, sondern nur ein Hobbyclub. Und dennoch: Mit acht oder neun durfte ich mir bereits zum ersten Mal von einer Trainerin anhören, dass ich nichts wert bin, dass meine Eltern ihr Geld nur verschwenden und dass ich zu fett bin. Und das alles nur, weil ich an diesem Tag einen schlechten Lauf hingelegt hatte. Ich kann mich noch genau an diesen Tag erinnern, obwohl aus dieser Zeit bis auf ein paar Erinnerungsfetzen nichts mehr übrig ist.

Ich erzählte meinen Eltern nichts davon. Ich hatte schnell gelernt, dass man in diesem Sport besser den Mund hält. Schon damals trainierte ich bis zu viermal in der Woche. Dazu kamen dann noch Ballettstunden und natürlich die Schule. Als ich auf das Gymnasium wechselte, wurde alles noch viel komplizierter. Viele Lehrerinnen zeigten aber Verständnis für meinen Sport, was ich mittlerweile auf den feuchten Traum meiner Elterngeneration schiebe. Meine Eltern prahlten vor Freunden und Familie schon immer mit meinem Talent, mit meiner Disziplin und dem Prestige des Sports.

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Als ich in ein Leistungszentrum wechselte—zu dem ich fast jeden Tag, alleine, eine Stunde mit dem Zug fahren musste—, war das für sie natürlich die Erfüllung eines Traums: Ihr kleines Mädchen würde eine echte Eisprinzessin werden. Hätten sie sich auch so gefreut, wenn sie gewusst hätten, wie es einige Jahre später um mich stand?

Isoliert im Leistungssport

Das ständige Training hatte negative Auswirkungen auf meine frühe Jugend. Ich hatte nie die Gelegenheit, echte Freundschaften zu schließen. Die engsten Bindungen hatte ich zu anderen Eiskunstläufern, meiner direkten Konkurrenz. In einem Sport, der so sehr von fanatischen Eislaufmamas, erfolgsorientierten Trainern und manipulierten Kindern dominiert wird, sind echte Freundschaften einfach nicht möglich. Man kann nicht wirklich über seine Gefühle und Sorgen sprechen, da es immer über die Kinder an die Eltern und damit an die Trainer geht. Im Normalfall fühlt und grübelt man aber eh nicht viel, weil das gesamte Denken von klein auf so sehr auf den Sport gedrillt wird, dass nicht anderes als der Erfolg zählt.

Ich hatte im Zentrum einmal die „Frechheit" besessen, gegenüber einem Trainingskameraden Zweifel bezüglich unseres Sports zu äußern. Am Tag darauf kam die Leiterin des Zentrums zu mir und hat mir einen Einlauf verpasst. Die Wechselwirkung aus Angst, Disziplin und Gehirnwäsche lässt viele Eiskunstroboter heranwachsen, die im Grunde genommen keine Kindheit erleben dürfen. Meine Eltern interessierten sich kaum noch für die Schule oder mich selbst, es ging nur um das Training. Jedes Gespräch mit ihnen verursachte mehr Leistungsdruck und glich einer Nötigung: Ich hatte zu beweisen, dass ich all das investierte Geld auch wert war. Wenn nichts vorwärts ging, fraß mich das regelrecht auf. Manchmal erfand ich auch Trainingserfolge, einfach um ein wenig Ruhe zu haben. Es staute sich etwas in mir an, das ich erst später verstehen sollte. Aber jetzt weiß ich, dass all der Druck und Frust für ein pubertierendes Kind einfach nicht das Richtige sind. Ich durfte, wie die meisten in diesem Sport, nie richtig Kind sein, mich austoben oder mal herumspinnen. Ich war gefangen in einem goldenen Käfig, der langsam zu klein für mich wurde.

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Mein Fehler—oder vielleicht mein Segen—war, dass ich mich schon in meiner frühen Jugend von diesem Roboterdasein wegbewegte. Meine ersten eigenen Denkprozesse begannen mit etwa 12 oder 13—und daran war möglicherweise meine erste feste Trainerin im Leistungszentrum „schuld". Die war mit nur einem Arm auf die Welt gekommen und trotzdem so erfolgreich und lebensfroh wie kein anderer Mensch, den ich zu dieser Zeit kannte. In dieser menschenfeindlichen Umgebung war sie ein absoluter Lichtblick. Umso schlimmer war es, als sie das Zentrum nach nur einem Jahr wieder verließ. Ich wurde von Trainer zu Trainer gereicht, bis ich die Gelegenheit bekam, bei einem—wie mir und meinen Eltern gesagt wurde—äußerst renommierten Trainer anzufangen.

Der (Alb)Traum

Was uns keiner gesagt hat: Dieser Trainer war in den 90ern zu einigen Jahren Berufsverbot wegen sexueller Nötigung und Misshandlung von Schutzbefohlenen verurteilt worden. Er war ein osteuropäischer Trainer der alten Schule: Hartes Training, leichter Kampf. Anfangs war er noch wie ein Onkel, später wie eine seltsame Vaterfigur, nach deren Anerkennung alle Schüler lechzten, gerade weil er uns fast nie welche gab. Seine Methoden waren sadistisch und krank.

Wenn ich mal einen guten Lauf hatte, gab es zur Belohnung einen tätschelnden Klaps auf den Hintern. Wenn ein Sprung nicht klappte, musste ich ihn immer und immer wieder wiederholen, bis das Training nach zwei Stunden vorbei war. Immer und immer wieder stürzen, immer und immer wieder seinen Hohn über mich ergehen lassen und seine fehlende Empathie spüren. Gedemütigt wurde man natürlich lautstark und vor all den anderen Läufern, die sich innerlich darüber freuten, nicht selbst so fertig gemacht zu werden. Viele der Eislaufeltern und -kollegen waren von diesen Methoden absolut überzeugt. Ich selbst fand sie furchtbar erniedrigend. Mein Trainer war nicht nur ein sadistisches Arschloch, er war auch verdammt oft extrem schlecht gelaunt. Wenn das der Fall war, erschien er entweder gar nicht am Eis, ließ sich aber trotzdem bezahlen, oder er schrie uns so hart und beleidigend an, dass manch einer, auch ich, weinend auf dem Eis zusammengebrochen ist. Und immer wieder kamen dieselben grausamen Sätze: „Du bist nichts wert", „Du fette Kuh", „Beweg deinen fetten Arsch!", „Du kannst überhaupt nichts". Immer wieder musste ich mir diesen Mist anhören, immer wieder weinte ich und dachte, ich will sterben

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Und der Mut verließ mich langsam. Irgendwann stürzte ich nur noch. Ich hatte keinerlei Antrieb mehr, ich ließ mich regelrecht fallen, weil ich diese bösen Sätze so verinnerlicht hatte, dass ich dachte, sie entsprächen der Wahrheit. Und das machte alles nur noch schlimmer. Die Wende kam, als ich eines Winters begann, mit meinem Vater snowboarden zu gehen. Wir entwickelten nach all den Jahren endlich ein menschliches Verhältnis zueinander und die Abwesenheit meiner versessenen Mutter bewirkte, dass ich mich ihm gegenüber öffnen konnte. Ich erzählte ihm als erstem Menschen überhaupt, wie es mir ging und wie es hinter den Kulissen aussah. Ich hatte schließlich immer nur Fragen zum Training beantwortet, für meine Gefühle und Gedanken hatte sich bis dahin keiner interessiert. Wir saßen bei diesem Gespräch im Auto, ich erzählte leise weinend, und mein Vater schwieg mich einige Minuten an. Dann sagte er die Worte, die mich endlich befreien sollten: „Ich denke, es ist besser, wenn du aufhörst, oder?"

Das „Danach"

Meine Mutter reagierte, wie ich erwartet hatte: völlig hysterisch und ablehnend. Aber zum ersten Mal besaß ich den Mut, „nein" zu sagen. Und brach meine „Karriere" einfach ab. Viele Leute wollten eine Erklärung für mein Aufhören, und die Standardantwort lautete, dass mir Sport und Schule zu viel wurden und Bildung nun mal vorhing. Damit gaben sich die meisten zufrieden. Meine Mutter drängte mich aber immer wieder, weiterzumachen und mein Können nicht wegzuwerfen. Mitten in der Pubertät begann ich, unberechenbar aggressiv zu werden, sobald das Thema angesprochen wurde. Bis meine Mutter irgendwann dann doch aufgab. Nur noch vereinzelt äußerte sie ihren Wunsch. Und ich verschloss mich immer mehr vor ihr. Diese Wunde ist bis heute nicht verheilt.

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Aber ich arbeite, jetzt, nach all den Jahren, endlich daran. Nachdem ich den Sport aufgegeben hatte, fing für mich eine harte Zeit an. Ohne Freunde, ohne Prestige, ohne die Anerkennung meiner Eltern, ohne gute Noten. Ich ließ mich erneut fallen, rutschte in einen schlechten Freundeskreis und hörte mit dem Lernen auf. Ich wollte die Schule abbrechen und machte mich mehr und mehr selbst zu einer Außenseiterin. Schließlich musste ich eine Klasse wiederholen und diese Erniedrigung „weckte" mich irgendwie auf. Ich machte mein Abi mit einem Einserschnitt und fand in meinem Jahrgang endlich einige gute Freunde. Nach der Schule zog ich mit meinem Freund zusammen und studierte meine wahre Leidenschaft: Kunst. Mein Freund war der erste Mensch, der mich liebevoll zwang, mich zu öffnen und nicht immer alles in mich reinzufressen.

Und dennoch: Auch nach all den Jahren habe ich oft mit schweren Depressionen, Selbstverachtung und Mutlosigkeit zu kämpfen. Die Sätze, die ich mir in meiner Kindheit und Jugend so oft anhören musste, haben sich ganz tief eingebrannt. Wenn ich heute das Gefühl habe, zu versagen, bricht ein unbeschreiblicher Schmerz in mir aus und ich bin nicht mehr in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen—außer dass ich nicht mehr leben will, damit dieser Schmerz endlich aufhört. Diese Anfälle habe ich dank einer langjährigen Therapie zwar einigermaßen in den Griff bekommen, aber sie werden mich dennoch mein restliches Leben begleiten. Und hätte es meinen Vater und sein Machtwort nicht gegeben, wäre ich vielleicht gar nicht mehr am Leben, hätte nicht die Chance gehabt, mich nach oben zurück zu erkämpfen.

Ich stand schon mehrmals auf einer Brücke, war kurz davor, zu springen. Hätte es meinen ehemaligen Trainer interessiert? Oder die ganzen fanatischen Mütter im Leistungszentrum? Oder die Leiterin? Hätten sie sich überhaupt an mich erinnert, nach all den Jahren? Ich bezweifle es. Ich denke, wie mir geht es vielen. Die meisten siebt dieser Sport aus, manche früher, manche später. Was bleibt, sind tiefe Narben in der Seele und eine kaputte Denkweise, die man kaum loswird. Wie viele Ex-Eiskunstläufer wählen den Freitod? Ich glaube kaum, dass es eine Statistik dazu gibt, aber ich denke, dass die Dunkelziffer hoch ist. Ich werde oft als „stark" bezeichnet. Wäre ich nur einen Tick „schwächer" gewesen, ich bin mir sicher, ich wäre gesprungen.

Resümee

Der Sport, die gesamte Szene ist krank. Sadisten, die Kinder misshandeln, werden in den Himmel gepriesen. Für Empathie und Pädagogik gibt es keinen Platz, sie gelten als zu langsam und erfolglos. Kinder werden in diesem Sport nicht zu mitdenkenden Erwachsenen erzogen, sondern zu Maschinen, die einem Traum hinterherjagen. Ein Traum, der—selbst wenn er in Erfüllung geht—mit spätestens Mitte dreißig vorbei ist. Und für was? Für eine kaputte Psyche? Für ein bisschen Anerkennung vonseiten einer verkorksten Jüngerschaft? Ist es das wirklich wert, so viele Kinderseelen zu misshandeln, nur für Prestige und Erfolg?

Ich sage nein. Es ist ein Verbrechen. Es ist für mich unvertretbar, dass im Eiskunstlauf und anderen Leistungssportarten Trainer mit einer kriminellen Vergangenheit stillschweigend akzeptiert werden. Dass diesen kranken Schweinen weiterhin Kinder von überehrgeizigen Eltern anvertraut werden. Und deswegen schreibe ich diesen Text: Um zumindest ein paar Menschen klar zu machen, dass es grausam ist, Kinder so früh in so eine Szene zu zwingen, in der es nur Druck und Konkurrenz gibt. Kinder sollten Freunde haben, Spaß haben und frei sein. Sie sollten nicht misshandelt, gedemütigt und für ihr Leben geschädigt werden. Kinder sollten das größte Gut sein, das es zu schützen gilt, nicht eine Projektionsfläche für perverse Erfolgssehnsüchte ihrer Eltern.

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