Drogen

Wie mein Vater seine Karriere als Zahnarzt aufgab, um LSD-Schmuggler zu werden

Meine Mutter hatte keine Ahnung.

von Esmee Schenck De Jong
21 Januar 2017, 3:45am

Eines Tages im Jahr 1988 hielt die Polizei meinen Vater am französisch-belgischen Grenzübergang an. Mein Vater drehte die Scheibe seines dunkelgrauen Volvos runter und die beiden Beamten fragten ihn nach seinen Papieren. Er reichte dem misstrauischer dreinschauenden von den beiden seinen Pass. "Würden Sie bitte aussteigen?", fragte er nach einem kurzen Blick auf das Ausweisdokument. Meinem Vater schlug das Herz bis zum Hals, aber sein Gesicht verriet keinerlei Angst. Er wusste, was zu tun war. Er hatte sich auf solche Situationen vorbereitet.

Er hatte sich allerdings nicht darauf vorbereitet, dass der Polizist plötzlich fünf kleine Papierquadrate mit aufgedruckten Sternchen in der Hand hielt. Sie sahen aus wie Miniaturbriefmarken, aber der Beamte wusste, welchen Fund er gemacht hatte. Er wusste, dass mein Vater versehentlich LSD-Pappen in seinem Pass gelassen hatte. Was er noch nicht wusste, war, dass jede Ritze und jeder Winkel seines Volvos mit LSD vollgestopft war.

"Können Sie mir sagen, was das ist? Die sind aus Ihrem Pass gefallen." Mein Vater versuchte ein entspanntes Lachen und sagte dem Polizisten, dass es sich um fünf Glückssterne handelt. "Ich habe die von einem Guru in Goa geschenkt bekommen, als ich letztes Jahr in Indien Urlaub gemacht habe. Er meinte, die würden mir Glück bringen", erklärte er. Die Beamten baten ihn, sich auf einen Stuhl an der Straßenseite zu setzen, während sie sein Auto durchsuchten. Mein Vater fühlte, wie sich in ihm alles zusammenzog. Auf ein französisches Gefängnis hatte er wirklich keine Lust. Dann drehten sich der Beamte aber zu ihm um und sagten ihm, er könne weiterfahre. "Aber bitte lassen Sie ihre Glückssterne das nächste Mal in Goa."

Die kriminelle Karriere meines Vaters hatte Mitte der 80er begonnen, als er plötzlich seine Familie zurückließ und alleine von London nach Amsterdam zog. Ich war da noch nicht auf der Welt, meine Halbbrüder aber schon – sie waren sieben und neun. Mein Vater war ein sehr erfolgreicher Zahnarzt in London gewesen und hatte dort seine eigene, schicke Praxis. Er hatte eine Frau, zwei Söhne, ein schönes Haus, Autos und ein Motorrad. Eines Tages ließ er all das zurück, um LSD-Dealer in einem anderen Land zu werden. Weil ich nie wirklich verstanden habe, was damals passiert war oder warum es passiert war, entschloss ich mich vor Kurzem dazu, ihn danach zu fragen.

Er fängt seine Geschichte damit an, mir von seiner ersten Erfahrung mit LSD zu erzählen: "1971 kam ein amerikanischer Freund von mir, Toby, mit seiner Freundin nach London. Er hatte 10.000 LSD-Pappen bei sich, die er sich an zwei Kartonstücken befestigt um die Beine gebunden hatte. Darüber trug er dicke Socken und spazierte damit einfach durch die Sicherheitschecks und den Zoll. Drogenhandel und Flugsicherheit wurden damals noch nicht so ernst genommen wie heute. Toby verkaufte die Drogen in London, kaufte sich ein weißes Kabrio und schmiss diese ganzen wilden Partys, bei denen Menschen einen Haufen Drogen nahmen und Sex hatten. Seine Partys zogen einen Haufen cooler Leute und Künstler an – in den 1960ern und 70ern war London eine tolle Stadt."

Bei einer dieser Partys gab Toby meinem Vater und seiner damaligen Frau etwas LSD. "Wir hatten keine Ahnung, was es war. Meine Frau hatte einen tollen Trip, sie sah überall wunderschöne Farben", berichtet mein Vater. "Meiner war extrem düster. Der erste war der schlimmste meines Lebens. Auch danach hatte ich noch oft Flashbacks von diesem grauenvollen Trip – vor allem, wenn ich sehr banale Dinge tat wie Zahnfüllungen. So unangenehm diese Erfahrung aber auch war, sie erweckte in mir ein tiefes Verlangen, ein anderes Leben zu führen. Trotzdem dauerte es noch Jahre, bevor ich tatsächlich alles hinter mir ließ und wegzog."

Zum großen Leid meiner Brüder verließ mein Vater die Familie, ließ sich von ihrer Mutter scheiden und zog nach Amsterdam. Das Erste, was er allerdings nach seiner Ankunft in der aufregenden neuen Stadt tat, war, eine Zahnarztpraxis aufzumachen. Wie zu erwarten interessierte ihn die Arbeit aber nicht mehr wirklich. "Mein Zahnarztdasein passte nicht zu meinem neuen Leben in Amsterdam. Es galt, interessante Menschen kennenzulernen, Niederländerinnen zu daten und Joints zu rauchen. Ich wollte mich richtig in den Freiheiten verlieren, die die Stadt zu bieten hatte."

1985 lernte er in einem Coffeeshop Tony kennen, einen amerikanischen Schauspieler. Kurz nachdem sich beide miteinander angefreundet hatten, fand mein Vater heraus, dass Tony ins Drogengeschäft verwickelt war. "Nach einer Weile fragte er mich, ob ich mir vorstellen könnte, Geld mit LSD-Handel zu verdienen." Es dauerte nicht lange und mein Vater plante seine erste Drogen-Geschäftsreise. "Es kam mir so aufregend vor – dieses kriminelle Leben war neu für mich. Und ich musste mich gegenüber niemandem verantworten. Ich lebte allein."

Illustrationen von Ben van Brummelen

"Ich fing mit kleineren Ausflügen an und in den ersten beiden Jahren war ich eher mäßig erfolgreich. Danach begann ich aber, ziemlich gutes Geld zu verdienen. Auf einer Reise nach Spanien hatte ich eine Tasche voller Platten bei mir. Das waren Alben von den Rolling Stones, den Beatles, Bob Dylan ... alles Doppel-LPs, in denen ich insgesamt 22.000 Pappen versteckt hatte. Es war Weihnachten und der Flughafen entsprechend leer. Die Beamten beim Zoll waren froh, endlich was zu tun zu haben, also nahmen sie sich meine Tasche, um einen Blick auf den Inhalt zu werfen. Sie schauten sich die Platten an, drehten sich zu mir um und sagten, dass sie große Fans der Stones und der Beatles seien. Dann gaben sie mir die Tasche einfach zurück. Später fand ich heraus, dass ich dafür mindestens acht Jahre im Gefängnis gelandet wäre."

Mein Vater fühlte sich sichtlich wohl in der Welt der LSD-Produzenten und -Händler. Ende der 80er reiste er regelmäßig in die USA. "Die Geschäftsmänner, mit denen ich zu tun hatte, trugen alle Hawaiihemden. Sie holten mich vom Flughafen ab und warteten dort mit Schildern mit meinem Namen drauf auf mich. Damals versteckten sie es nicht groß. Diese Typen nannten sich Rainbow oder Sunshine und brachten mich immer zu wunderschönen Villen, die randvoll mit Kunst und umgeben von riesigen Gärten waren. Ich fand, dass die Menschen im LSD-Geschäft damals insgesamt sehr nette und interessante Leute waren – das waren nicht diese zwielichtigen Kriminellen, mit denen man es bei anderen Drogen zu tun hat. Zumindest sah das für mich so aus."

Nach einigen Jahren im LSD-Geschäft begann die Polizei dann aber, gegen meinen Vater zu ermitteln. 1991 hatten die Behörden schließlich genug Beweise zusammen, um ihn zu verhaften.

Wenn ich mit meiner Mutter über den Berufswechsel meines Vaters in die kriminelle Schattenwelt spreche, sagt sie, dass sie davon nichts gewusst habe. Ich glaube ihr – und wenn du sie kennen würdest, würdest du das auch. Seit ihrem 21. Lebensjahr hat sie im öffentlichen Dienst gearbeitet. Sie gehört zu dieser Sorte Mensch, die niemals eine rote Ampel missachten würde. "Wir hatten damals eine sehr freie Beziehung. Wir sahen uns nur ein paar Mal die Woche", erzählt sie. "Er sagte immer, dass er auf Zahnarztfortbildungen oder Geschäftsreisen ins Ausland fährt." Von seiner kriminellen Ader erfuhr sie erst, als eine Tageszeitung einen Cartoon auf der ersten Seite abdruckte, in dem ein Zahnarzt seinen Patienten LSD-Pappen verabreicht. Die Medien stürzten sich auf den Fall meines Vaters – vor allem die Zeitung De Volkskrant zog die Sache damals besonders groß auf. "Rückblickend hätte ich wahrscheinlich misstrauischer wegen seiner vielen Reisen sein sollen, aber zur gleichen Zeit war auch meine Mutter todkrank. Sie war meine Hauptsorge."

Während mein Vater in Untersuchungshaft saß, fand meine Mutter heraus, dass sie mit mir schwanger war. Das war hart für sie. Mein Vater musste schließlich ein Jahr ins Gefängnis – eine extrem schwere Zeit für ihn. Er erzählte mir, dass er seinen Mithäftlingen Englisch beibrachte. Seinen Wärtern hatte er glaubhaft gemacht, dass er unter Klaustrophobie leidet, und so durfte er die Tür seiner Zelle immer ein kleines Stück offen lassen. Im Gefängnis entdeckte mein Vater sein Talent fürs Zeichnen und wurde nach seiner Freilassung Künstler. Er habe nie wieder ein Verbrechen begangen, sagt er. 

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