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‚Fett‘ ist sehr wohl ein Gefühl

Nach Druck mehrerer Nutzer und einer Petition entfernt Facebook seine „Ich fühle mich fett"-Statusmeldung. Was genau soll das bringen?

Foto: I .. C .. U | Flickr | CC BY-ND 2.0

Es mag dir noch nicht aufgefallen sein, aber Facebook hat nicht nur großes Interesse an deinen wiederverwertbaren Daten, sondern auch an deinen Gefühlen. Mit jeweils passendem Smiley kannst du deinen sowieso schon stark geplagten Freunden und Followern mitteilen, ob du dich müde, glücklich, ermutigt oder—Achtung—fett fühlst. Zumindest letzterer Ausdruck ging Pro-positive-Körperwahrnehmungs-Aktivisten allerdings zu weit. Weil diese Funktion Frauen in ihrer negativen Selbstwahrnehmung noch bestärken würde, riefen sie eine Aktion ins Leben: #FatIsNotAFeeling, Fett ist kein Gefühl. Facebook reagierte jetzt und entfernte den pausbäckigen Smiley samt zugehöriger Emotion aus dem Menü.

Ist das ein Sieg gegen zumindest für große Teile der Bevölkerung unrealistische Schönheitsideale? Ich bin übergewichtig—soll ich jetzt in die Hände klatschen und mich dafür bedanken, dass mir niemand mehr mit einem Smiley mitteilen kann, dass er sich gerade unattraktiv fühlt? Geht es da draußen irgendjemandem, der Probleme mit seinem Körper hat, besser, weil diese Option fehlt? Es würde mich wundern. Und—sorry, all ihr tapferen Frauen, die ihr euch gegen Fat-Shaming und für ein positives Selbstbild einsetzt, wenn ihr das anders seht—„fett" ist sehr wohl ein Gefühl.

Ich stehe nicht auf und denke mir „Ich bin fett", das ist kein permanenter Mind-State von mir—und hoffentlich auch sonst von möglichst wenigen Menschen da draußen. Ich bin übergewichtig, ja, klar. Aber egal wie elementar dieses Thema für die Öffentlichkeit scheint und wie sehr auch immer wieder darauf herumgeritten werden muss: Es definiert mich als Person ebenso wenig wie meine Haarfarbe. Jeder, der sich im Alltag immer wieder selbst mit der Tatsache konfrontieren muss, dass er brünett ist, tut mir ehrlich leid.

Der Kampf für eine gesellschaftlich größere Akzeptanz aller Körperformen ist richtig und wichtig. Nicht, weil ungesunder Lebensstil und Faulheit romantisiert oder erhöht werden soll, sondern weil es eben Menschen gibt, die mit mehr Kilos leben. Das ist OK. Das macht sie nicht zu ständig schwitzenden und schnaufenden Untermenschen, die null Motivation für irgendwas haben. Auf cnn.com gab es mal einen ganz wunderbaren Artikel, in dem alte Menschen gefragt wurden, was sie in ihrem Leben am meisten bereuen, so retrospektiv. Eine Frau sagte, dass sie sich habe einreden lassen, dass sie sich in ihrem Körper nicht wohlfühlen darf. Dieser Satz hängt mir seither im Kopf und hat mich in dem Umgang mit meinem Körper, der für Teile der Bevölkerung anscheinend anstößig, falsch und ein Bild meines menschlichen Scheiterns sind, geprägt.

Es tut mir Leid, aber ich laufe nicht durch die Gegend und sage mir ständig „Hey, Ilona, falls du es vergessen hast: Du bist übrigens übergewichtig." Da draußen gibt es genug Leute, die diesen Job zuverlässig für einen erledigen, ich muss mich nicht noch selbst runterziehen. Diesen Moment habe ich auch in den seltensten Fällen beim Einkaufen. Ich ärgere mich dann eher über die Modehäuser, die irgendwann mal beschlossen haben, dass Klamotten in Übergröße immer sehr kurz geschnitten und möglichst sackartig aussehen sollten. Ganz so, als würden sie sich sagen: „Wenn schon unförmig, dann richtig!" Vom BH-Kauf müssen wir erst gar nicht anfangen. Wer auch immer superzynische Körbchengrößen wie 70DD produziert, hat den weiblichen Körper nicht verstanden und ist ein soziopathischer Hurensohn.

Nein. Fick dich, Glückskeks. Foto: Scott | Flickr | CC BY-ND 2.0

Vielleicht bin ich damit die einzige übergewichtige Person, aber: „Fett" ist für mich durchaus eine Emotion. Ich fühle mich fett, wenn ich allgemein einen schlechten Tag habe und sogar die Wahl meiner Socken mich in eine mittlere Lebenskrise stürzt. Ich fühle mich fett, wenn ich mehr gegessen habe, als ich wollte, und das Gefühl habe, dass mein Magen platzt (und ich denke, dieses Gefühl lässt sich universal auch auf normal- oder untergewichtige Leute anwenden. Vielleicht sogar auf deinen Hund, wenn er deine kurze Abwesenheit genutzt hat, um die komplette Wurstplatte leerzuräumen). Ich fühle mich fett, wenn ich unvorteilhafte Partyfotos von mir sehe, auf denen ich aussehe wie eine Meth-Version von Miss Piggy. Und vor allem fühle ich mich dann fett, wenn von mir verlangt wird, mich blind mit allem zu solidarisieren, was grob in den Bereich Fat-Appreciation fällt. Ganz so, als wäre Übergewicht ein Attribut, das Menschen zwingend miteinander vereint.

Du frittierst Mars-Riegel? Ich habe nichts mit dir gemein. Du ernährst dich in regelmäßigen Abständen nur von Gurkenscheiben und verbringst deine komplette Freizeit im Fitness-Studio, weil du dich mit deinem Körper einfach nicht wohlfühlst? Good for you, aber das hat nichts mit mir zu tun. Wir sind Individuen, jeder Mensch sollte sich einzigartig und wertvoll fühlen, heißt es im Großteil der Beitrage, die sich für ein positiveres Selbstbild aussprechen. Warum also müssen sich oberhalb einer gewissen Gewichtsgrenze alle zu einer gleichgeschalteten Kampfeinheit formieren? Es betrifft mich nicht, wenn jemand sich gerade „fett" fühlt—warum also sollte ich ihm den Wunsch zu genau dieser Äußerung absprechen?

Übergewichtigen hilft es nicht, wenn sie Anderen eine No-Go-Agenda aufzwingen. Manchmal fühlt man sich fett, manchmal nicht. Manchmal guckt man eine Freundin schräg an, wenn die trotz Normalgewicht der Meinung ist, in einer Jeans zu breit auszusehen, manchmal bringt einen genau diese Freundin dazu, ein positives Gefühl zu sich selbst zu entwickeln. Ich brauche keine Petition, die mir sagt, was richtig und was falsch ist. Das Problem mit einem gesellschaftlich geschürten Selbstbild löst sich nicht durch unwichtige Nebenkriegsplätze wie eine optionale Facebook-Funktion. Es ist mein Körper und ich lasse mir nicht vorschreiben, wie ich mich mit ihm zu fühlen habe. Egal wie oft ihr mir erzählen wollt, dass ihr es gut meint.