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Ein Foodora-Lieferant macht aus euren Essensbestellungen Internet-Poesie

Foodoraboi erzählt auf seinem Twitter-Account von den Menschen, die er täglich beliefert und schafft damit ein kleines Stückchen Internet-Kunst.

Wenn man Essen bestellt, ist man in den meisten Fällen nicht gerade die beste Version des eigenen Ichs. Zuhause steht man nicht unter dem Druck, schön sein zu müssen, muss sich nach niemandem richten und sich vor niemandem dafür rechtfertigen, dass man schon seit drei Wochenenden dasselbe Shirt von einer Band trägt, die man nichtmal kennt. Man kann die durchgesessene Bugs-Bunny-Jogginghose anziehen, ohne von jemandem dafür verurteilt zu werden. Alternativ dazu kann man auch einfach mal zwei Tage lang gar keine Hose tragen und den Allein-zuhause-Look mit Palmenfrisur rocken und zelebrieren. Und mit "man" meine ich natürlich mich. Und jeden von euch, der sich angesprochen fühlt.

Kommt der Essenslieferant, stecke ich oft in der Zwickmühle. Soll ich mir eine Hose anziehen? Reicht ein Bademantel als Überwurf? Muss ich mich frisieren und so tun, als wäre ich ein funktionierender Mensch? Essenslieferanten erwischen uns in den Momenten, in denen wir wirklich wir sind. Sie kommen in (oder vor) unser zu Hause, den Raum, den wir so gestalten können wie wir wollen und in dem nur unsere Regeln gelten. Wahrscheinlich sind wir selten so ungekünstelt wie dann, wenn wir dem Foodora-Lieferanten die Tür öffnen und gierig warten, bis er endlich seine Box geöffnet hat: Hungrig, echt und in unserem natürlichen Habitat. Und nein, niemand von uns ist damit allein.

Das zeigt ein neuer Twitter-Account, der seit wenigen Wochen unsere Newsfeeds infiltiert: foodoraboi. In der Beschreibung des Accounts steht ziemlich treffend geschrieben, worum es auf dem Account geht: "Ich bringe hungrigen Leuten Essen und erzähle davon. Keine Leaks von privaten Infos oder Unternehmen und auch sonst top seriös."

Seit seinem ersten Tweet am 14. Oktober erzählt foodoraboi also von den Menschen, denen er täglich Essen bringt—und schafft es, dabei immer nett zu bleiben. Das klingt an sich weder wahnsinnig spannend noch bahnbrechend, dennoch schafft foodaraboi es, die Banalität unseres Lebens in maximal 140 Zeichen zu verpacken und bringt einen mit seinen Tweets dazu, sich ein bisschen ertappt zu fühlen und die Welt ein bisschen zu lieben. Denn so ziemlich jeder, der von foodoraboi beschrieben wird, könnte man selbst oder jemand, den man kennt, sein:

Wer foodoraboi ist, weiß keiner so genau—auch im Gespräch mit VICE gibt er seine Identität nicht preis und antwortet auf die Frage, wer er denn sei, mit "Ich bin ein Boi in den besten Jahren seines Lebens aus München und bringe den Leuten leckeres Essen mit dem Fahrrad." Auch die Frage, ob foodoraboi wirklich bei Foodora arbeitet, steht im Raum. Als Beweis, dass alles der Wahrheit entspricht, sieht foodoraboi die Screenshots, die er oftmals aus der App postet. "Außerdem kann man sich solche Sachen nicht ausdenken, außer man ist vielleicht verrückt oder ein guter Pop-Literat, aber sowas ist selten", so foodoraboi weiter.

Inspiriert wurde er von einem Account, dessen Namen er nicht verraten will: "Die Person hat eine Weile in einem Kiosk gearbeitet und zu jedem Kunden einen Tweet verfasst. Es war richtig genial poetisch. Zudem ist es schön, wenn man so einsam durch die Straßen fährt und ein paar Follower in der Jackentasche hat, die Spaß an dem haben, was man erzählt. Die Schichten werden dadurch viel angenehmer."

Foodoraboi erzählt in seinen Tweets aber nicht nur über seine Kunden, sondern auch darüber, wie viel Trinkgeld sie geben.

Böse ist er aber niemandem, wenn er kein oder wenig Trinkgeld bekommt—zumindest nicht lange: "Klar ärgert man sich, wenn man gerade drei Kilometer gefahren ist und einen dicken Batzen Essen auf dem Rücken hat und dann sagt jemand einfach 'OK danke' und macht die Türe zu. Aber ich kenn die Leute ja nicht, vielleicht haben sie selbst nicht viel."


Generell scheint es im Leben von foodoraboi viele Höhen und Tiefen zu geben. Das schlimmste in seinem Leben als Essenslieferant sind aber weder hosenlose Kunden noch zu kleines Trinkgeld, sondern der Regen. "Am zweitschlimmsten sind Restaurants, die zwar wollen, dass ihr Essen geliefert wird, die es aber für eine Zumutung halten, dass dazu auch Lieferanten ihren Laden betreten müssen."

Als wir ihn nach seinem Lieblingskunden fragen, erzählt er die Geschichte von dem kleinen Mädchen, über das er auch getwittert hat:

"Ich hab mich tatsächlich ehrlich gefreut, als ein kleines Mädchen mir Trinkgeld gegeben und voller Begeisterung 'Essen ist da!' gerufen hat. Wahrscheinlich hat sie ihre Eltern vorher gefragt, ob sie diese Aufgabe übernehmen darf. Richtig süß."

So richtig schlimme Kunden hatte foodoraboi noch nie. Es sei zwar manchmal irritierend, wenn einem Leute in Unterhose die Tür öffnen, aber er sieht das Ganze pragmatisch: "Sie sind zuhause und sitzen auf der Couch, sollen sie sich gönnen." Ärgerlich sei es nur, wenn man sich als Fahrer entschuldigen muss, weil eine Lieferung zu spät kommt, obwohl man nie etwas dafür kann: "Selbst wenn man fährt wie verrückt, kann man nicht kompensieren, dass ein Restaurant eine halbe Stunde länger mit dem Kochen braucht."

Es scheint, als wäre Foodoraboi mindestens genau so ein Ehrenmann wie diejenigen von uns, die ihm zwei Euro Trinkgeld geben. Man könnte auch sagen "richtig genial poetisch". Wenn ihr das nächste Mal einem foodoraboi die Türe öffnet, seid nett zu ihm. Dann wird er euch auch verzeihen, dass ihr ausseht wie hosenlose Landstreicher.

Verena auf Twitter: @verenabgnr

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