Popkultur

Die Playlist zur Amtseinführung von Joe Biden ist eine flauschige Ohrfeige für Trump

"Now or Never", "Whatta Man", "Find Your Way Back" – Diese Songs sollen die Nation einen und gute Laune machen. Und den Opa cool.
20.1.21
US-Präsident Joe Biden und Vizepräsidentin Kamala Harris vor einer Illustration der Freiheitsstatue
Bild: Biden: imago images / UPI Photo || Harris: imago images / The Photo Access || Freiheitsstatue: imago images / Addictive Stock

Heute Abend knallt der Pathos. Die amerikanische Politiktradition will es so: Amtseinführungen von Präsidenten sind ein mediales Spektakel. Nun hat das Team um den angehenden Präsidenten Joe Biden und seine Vizepräsidentin Kamala Harris den Soundtrack zum Machtwechsel veröffentlicht. Und Donald Trump kriegt dabei den ein oder anderen Hieb ab.

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46 Songs sind auf der Playlist, die das präsidiale Beraterteam mit der Hilfe von DJ D-Nice und dem Unternehmen The Raedio zusammengestellt hat. Und wie es sich für eine gute Playlist gehört, bedient sie verschiedene Referenzen auf denjenigen, der sie erstellt hat. Denn natürlich soll eine Playlist auch zeigen, wie exquisit der eigene Musikgeschmack ist. Diese Liste repräsentiert vor allem die Minderheiten der USA, sie wirft einen Blick zurück auf fast 60 Jahre schwarze Musikgeschichte.

Ein erster Mittelfinger für Donald Trump

Am Anfang und Ende sind Skits, gesprochene Stücke. Das erste ist "Lupita’s Interlude" von Kota the Friend. Die Schauspielerin Lupita Nyong’o formuliert darin zu einem smoothen Beat ihre Wünsche und Hoffnungen, die dabei offensichtlich stellvertretend für die gesamte Nation stehen sollen. Sie will etwas bewegen, mit anderen zusammen. Sie will wieder vertrauen können, jeden Tag wachsen und nicht gegaslightet werden. 

Nyong’o ist mexikanisch-kenianischer Herkunft. Wer in ihrer prominenten Poleposition keinen Mittelfinger an Donald Trump erkennt, der hat ein wahrhaft reines Herz. Denn dessen fast schon pathologischer Hass auf die Menschen aus dem südlichen Nachbarland und seine peinliche Kampagne gegen seinen Vorgänger Barack Obama, dem er unterstellte, in Kenia geboren worden und damit nicht rechtmäßiger Präsident zu sein, definierten die populistische Menschenverachtung, für die er in die Geschichtsbücher eingehen dürfte.

Es geht gemütlich weiter. Ein paar Songs zum eingrooven. "Come Together" von The Internet, "They gon’ get us come together" – Das Ziel Bidens, das hat er oft genug gesagt, ist, das Land zu heilen. "Forget my pride / stronger than your lies." Die Zeit der Lügen ist vorbei, so die Message. Aber das ist noch keine Party. Wir wollen den Change feiern, die Befreiung vom Lügner. Der soulige Beat will aber einfach nicht pumpen. Das ist nicht Fight Music. Es ist die Musik eines fast 80-Jährigen, der uns die Welt erklärt. 

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Es gibt eine leichte Steigerung: "Pick Up the Pieces" von Average White Band hat ein bisschen mehr Funk, immerhin. Das Lied ist fast nur instrumental, ab und zu brüllt eine Stimme den Titel. PICK UP THE PIECES! Ein bisschen tut das Biden ja auch mit dieser Playlist. Ob die Message ankommt? 

Ein Arschtritt für Amerika

Dann wird es wilder. Bruce Springsteen ist ein Garant für Gesellschaftskritik, die immer dort tief in das faulige Fleisch der USA schneidet, wo es am stärksten modert. "We Take Care of Our Own" – die süße Melodie täuscht nicht darüber hinweg, dass die Wahl des Songs als Arschtritt angelegt ist. Amerika hat sein Versprechen gebrochen. "Where’s the promise from sea to shining sea"? "Wherever this flag is flown"? Donald Trump hat die Flagge zwar ab und zu begrapscht und unangenehm berührt, aber geholfen hat er niemandem. 

Und dann, bei Track 5, geht für jene, die bisher noch nicht weggenickt sind, die Party los. Kendrick Lamar und Mary J. Bliges "Now or Never" machen endlich gute Stimmung. Denn hey, da wird jetzt einer Präsident, der nicht Donald Trump ist, was kann man daran nicht feiern? Jetzt oder nie! Wir hören also: Joe und Kamala haben Bock. Aber nur gerade genug, nicht zu viel, alles im Rahmen. Die beiden sind so high, dass sie den sky berühren könnten – das ist fair und nachvollziehbar. Und dass Lamar auch einer der Lieblingsmusiker von Barack Obama ist, macht eine schöne Kontinuität auf zu.

Man möchte sich gern vorstellen, wie die beiden abends nach getaner Arbeit im Weißen Haus am Kamin sitzen, ein Glas Scotch in der Hand, und der schon etwas müde Joe den Ausführungen Obamas lauscht, der ihm von den tollen Rappern mit ihrer klugen Sozialkritik erzählt, den ausgefeilten Rhyme Patterns und Beat-Strukturen.

Ein lupenreiner Demokrat

Aber jetzt ist nicht einschlafen am Kamin! Jetzt ist Party! "You make my Dreams (Come True)" singen Hill and Oates. Ein bisschen Liebe, ein bisschen gute Laune, ein bisschen Sex. Bidens Traum wird wahr und er Präsident, aber "like the flame that burns the candle / the candle lights the flame". Er braucht alle Menschen an ihren Empfangsgeräten, die jetzt die Inauguration schauen oder einfach nur auf ihren Hometrainern zu seiner Playlist schwitzen. 

Dann ein bisschen Freude über die neue Freiheit und Ehrfurcht vor der Verantwortung, die damit einhergeht mit "Free" von Sault und Reue für das Bild, das die USA in den letzten vier Jahren abgegeben haben in What You Need von Kayatranada und Charlotte Day Wilson. 

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Und dann ein Song, der uns unter die Nase reibt, dass Joe Biden ein reinlicher Typ ist, dem nicht der Gestank des Autoritarismus anhängt: "Give the People What They Want" von The O’Jays. "They’re ready for a change", "We want the truth and no more lies", "we want freedom, justice and equality" – also all das, wofür die USA noch stünden, wenn sie einfach bei Kennedy die Zeit angehalten hätten. 

Der Song ist der bislang politischste und zählt allerlei Polit-Ressorts auf, in denen Verbesserungen eintreten sollen. Bessere Education, housing und food, mehr money. Schon Obama spielte ihn bei seiner Kampagne 2008. Und es tut auch Biden und Harris nicht weh, wenn sie sich die Forderungen des Songs zu eigen machen. 2021 oder 1975, in Zeiten von Black Lives Matter werden derlei Wünsche nicht alt. Die Schlagwörter bleiben dabei schön inhaltslos. Damit kann sich ein Präsident, der noch gar nichts geleistet hat, am Tag seiner Amtseinführung schon mal schmücken, ohne zu viel versprechen zu müssen. Denn das Schöne am heutigen Tag ist ja, dass er egal ist. Der wichtige Teil des Jobs beginnt erst morgen.

Der triumphale Einzug in Washington

Spannender ist sowieso der folgende Song, "Blue World" von Mac Miller, der 2018 an einer Überdosis Drogen und verschreibungspflichtiger Medikamente gestorben ist. Wer nämlich möchte, kann darin eine Anspielung auf die Opioid-Krise sehen. Also der Sucht nach eben diesen Opioiden, an der zahlreiche Amerikaner sterben und die ganze Regionen veröden lässt. In dem Song gibt es die Zeile "I ain’t politickin’, I ain’t kissin’ no babies", was fast selbstironisch klingt, weil Biden ja nun dafür berühmt ist, dass er ständig alles küsst, ob Baby oder nicht.

Im alten Rom durften siegreiche Feldherren nach erfolgreichen Kriegszügen mit ihren Soldaten in der Hauptstadt einreiten und allen zeigen, wie toll sie sind. "Award Tour" von A Tribe Called Quest ist nichts weiter als der musikgewordene Triumphzug, mit dem Biden und Harris in Washington einreiten. Und was wäre eine vielfältige Playlist ohne ein bisschen Golden Era-Hip-Hop? In die gleiche Kerbe schlagen später auch andere Songs. Dua Lipas "Levitating", Bill Whithers "Lovely Day", "That’s the Way of the World" von Earth, Wind and Fire. 

Bob Marleys Klassiker "Could You Be Loved" klingt dagegen schon wieder reflektierter. Dass man als Politiker geliebt wird, ist nicht gewiss, darf aber auch nicht zur Maxime werden. "Don’t let them change ya", singt er. Auch Bob Marley steht dabei für eine Befreiungsbewegung, Selbstermächtigung und ein wirres Glaubenskonstrukt, was einigen Amerikanern vielleicht bekannt vorkommen könnte.


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Heiße, geile Bodies knutschen

Was Biden mit "Whatta Man" von Salt’N Peppa ausdrücken wollte, können wir, wie bei den anderen Songs auch, nur vermuten. Aber dass es darin um einen mighty good man geht, der kein Wannabe ist, der sich nicht als Zuhälter gibt, rumhurt, und billige Anmachen bringt, kann vieles bedeuten. Dass Joe in dem Kontext aber einer von den besseren Männern sein muss, zeigt sich schon daran, dass er den wohl softesten Salt’N Peppa Song ausgewählt hat. Oder war es doch Harris, die hier ein bisschen Feminismus streuen wollte?

Es folgt mehr Hip Hop, Motown und mit Dua Lipa auch topaktueller Pop, in dem einfach zwei heiße, geile Bodies Bock aufeinander haben wie Biden/Harris und die USA. Hier wird geschwitzt und getanzt und geknutscht und wenn man dabei wäre, dann wäre das schon okay. 

Wirklich zuhause dürfte sich Joe aber wohl erst bei Led Zeppelins "Fool in the Rain" fühlen. Endlich ein bisschen alte Musik für die weiße Mittelschicht. Im Song geht es um einen armen Tropf, der im Regen auf sein Girl wartet, das aber einfach nicht kommt – hat es ihn nie geliebt? Wer ist hier wohl der Fool im Regen, der nicht anerkennen will, dass die Liebe seiner Frau nicht (mehr) ihm gilt? 

Wenn Mary J. Blige "Work That" singt, geht es zuerst um Empowerment von Frauen of Colour, aber auch wieder darum, dass die Chauvinisten in den USA jetzt die Fresse zu halten haben. Es sei egal, wie sehr man versucht, sich ihnen anzupassen, "They’ll never be happy ‘cause they’re not happy with themselves." Auch Jill Scott ruft mit "Golden" zur Selbstermächtigung auf. 

Und jetzt alle zusammen!

Denn das ist eins der Themen, die die Playlist immer wieder aufgreift. Dass jetzt alle mit anpacken müssen. Pessimismus ist Quatsch, es geht voran, wenn alle wollen. No hard feelings auch denen gegenüber, die politisch woanders stehen. Gemeinsam wird geheilt. "Move On Up" von Curtis Mayfield, "We’re a Winner" von The Impessions, "Optimistic" von Sounds of Blackness, "You Get What You Give" von New Radicals, "We the People" von The Staple Singers, "(Your Love Keeps Lifting Me) Higher and Higher" von Jackie Wilson. Und dann natürlich "Find Your Way Back" von Beyoncé. Hier spricht die Playlist die ganze Nation an. Kommt zurück dahin, wo ihr herkommt. Der weise alte Vater und die coole nicht ganz so alte Mutter werden euch dabei leiten.

Dass das alles nicht einfach wird, singt Marvin Gaye in "Got to Give It Up Pt. 1". Wer auf der Party nur rumsteht, wird sicher nicht knutschen. Man müsse aus sich rauskommen, die Komfortzone verlassen. "Let me step into your erotic zone", singt er und man fragt sich schon, wer Joe Biden in seiner erotic zone haben wollen könnte.

Überhaupt, kann man sich vorstellen, dass Joe Biden, 78, Musik hört von Menschen, die 60 Jahre jünger sind? Die wenigsten hören doch Musik, die nach ihrem 16. Geburtstag veröffentlicht wurde. Wenn Biden die Musik also selbst ausgewählt haben sollte, dann ist er nicht nur eine Ausnahme, sondern vor allem einer, der viel Zeit damit verbracht haben muss, Charts zu hören. Das passt ja auch irgendwie zu einem Typen, der so glatt ist, dass Kritik an ihm einfach abperlt.

Der letzte Song ist dann wieder ein Skit, "Steps 8 & 9: Nature vs. Nurture" von Sylvan LaCue. Es geht um einen der zwölf Schritte der Anonymen Alkoholiker. Ein Gespräch, in dem die Frage gestellt wird, wie viel Gewicht die Sozialisierung eines Menschen im Gegensatz zu seiner Veranlagung hat. Hier heißt es: viel. Das ist ein Versöhnungsangebot an Trump-Anhänger. Ihr seid nicht böse, ihr habt nur auf die falschen Leute gehört. Lauft wieder ins Licht. Aber die zwölf Schritte verlangen auch, dass Wiedergutmachung ein aktiver Prozess sein muss. Fördern und Fordern. Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann, sondern hört die Musik, die euer Präsident für euch ausgewählt hat und ihr werdet wissen, was zu tun ist.

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