Menschen

Ich habe 24 Stunden allein in einer Berghütte verbracht

Ich hatte viele Erwartungen an die Einsamkeit. Doch die ließ auf sich warten. Denn erst kamen die Erinnerungen – und dann die Gefühle.

von Anna-Sophie Dreussi
21 Mai 2020, 2:30am

Alle Fotos: Anna-Sophie Dreussi

Auf der Fahrt in die Höhe sehe ich, wie sich einige Kühe auf der Wiese unter mir hingesetzt haben. Das bedeutet, dass es bald regnen soll. So steht das auf jeden Fall in einem Buch über das Wetter aus meiner Kindheit. Unter mir sitzen also die Kühe und vor mir liegt die Jochen Schweizer Experience für Menschen mit Angststörungen jeglicher Art. 24 Stunden allein in einer Berghütte. Nur ich und meine Gedanken. Gruselig. "Mut ist die Fähigkeit, die eigene Angst zu überwinden", sagt Jochen Schweizer. Und ich sage, Mut ist anstrengend. Und Funktionskleidung auch.

Die Isolation ist mir nicht fremd. Das Social Distancing habe ich zuerst in Berlin, dann bei meiner Familie in der Schweiz erlebt. Doch was passiert mit mir ohne die Ablenkung eines unaufgeräumten Küchenschranks oder Boris Beckers Instagram-Präsenz? Allein zu sein, das behaupten zurzeit ja viele. Ich möchte erleben, was es wirklich bedeutet. Wie ist es, 24 Stunden wirklich komplett alleine zu sein? Einsam, schutzlos, von allen guten Sozialen Medien verlassen.

Die Hütte liegt im Graubünden in der Schweiz und gehört einem älteren Ehepaar. Sie zeigt mir, wie ich das Feuer im Ofen anmache. Für den Anfang ein paar dünne Stücke Brennholz mit einem Anzünder-Würfel entfachen und nicht vergessen, immer wieder Holz nachzulegen, sonst würde ich heute Abend frieren. Er führt mich in den angrenzenden Stall und zeigt mir, wo ich mehr Holz finde, sollte es mir ausgehen. Sie sehen beide so zuvorkommend und gastfreundlich aus, dass ich ihnen für einen Moment glaube, als sie sagen, dass morgen früh einen halber Meter Schnee liegen wird. "Hast du denn keine Angst nachts?", fragt sie mich. "Anrufen kannst du immer!"

Und ich solle unbedingt etwas ins Gästebuch schreiben. Ich wäre die Erste und ich sei doch Journalistin.

Die Küche einer Berghütte wäre des Corona-Lockdowns

Als die Tür hinter ihnen zufällt, bin ich kurz ratlos. So viel nichts und es gehört alles mir. Ich mache das Radio an, doch als Maroon 5 verkündet "You got the moves like jagger!" klingt mir das zu fordernd. Das Display verabschiedet sich mit einem "Goodbye". Und ich verabschiede mich von meiner geistigen Gesundheit und warte auf den Hüttenkoller.

So viel nichts und es gehört alles mir.

Aber er kommt nicht. Stattdessen stelle ich mich vor den Spiegel und betrachte mich im kalten Licht des Badezimmers. Mein Outfit habe ich auf mein Unterfangen abgestimmt. Ich trage einen Trainingsanzug in den Farben Schwarz, Hellgrün und Pink. Warum? In Maine wurde 2017 ein Mann gefunden, nachdem er für 27 Jahre im Wald in kompletter Isolation gelebt hatte. Wegen zahlreicher Einbrüche wurde er dann verhaftet. Vielleicht gefällt es mir auch, abgeschieden von anderen Menschen zu leben. Sollte mich die Polizei nach 27 Jahren finden, möchte ich in der Presse dann gerne in diesem Outfit abgeführt werden. Der Mann sagt, dass jede Interaktion mit anderen Menschen sich für ihn wie eine Kollision anfühlte. Genau das erwarte ich von der Einsamkeit. Doch diese lässt auf sich warten. Das Holz knackt in den Flammen und die Hütte fühlt sich lebendig an. Alleine bin ich nicht. Denn erst kommen die Erinnerungen und dann die Gefühle.

Mit der analogen Kamera in der Hand versuche ich, das Gleichgewicht nicht zu verlieren, während ich den steilen Hügel hinaufsteige. Von hier oben aus sieht man, wie sich die Häuser über den gegenüberliegenden Hang auf der anderen Seite des Tals streuen. Weiter oben flacht die Wiese etwas ab und ich setze mich hin. Seit Corona kann ich nicht einfach nur sitzen. Ich muss mich gleichzeitig sorgen oder sehnen.

Manchmal brate ich Lachs in meiner Küche in Berlin. "The Irish Organic Salmon Company – Lachs aus 6 ausgesuchten Aquakulturen vor der irischen Westküste", steht auf der Verpackung. Ich schaue dabei aus meinem Küchenfenster. Da ist dann keine irische Westküste, nur ein dreckiger Innenhof. Dann bin ich neidisch auf den Lachs und seine irische Westküste. Neidisch bin ich jetzt nicht. Jetzt sitze ich ja hier, schaue mir die schneebedeckten Gipfel an und frage die Berge, was zu tun ist. Die Grillen zirpen laut und das Geräusch verschmilzt zu einem Rauschen. Das Stillsein überlassen sie uns. Den Bergen und mir.

Eine Blumenwiese

Vor der Hütte esse ich Wassermelone. Ich überlege, wie viele E-Mails ich beantworten könnte. Vielleicht soll ich einfach eine Liste machen mit den Namen der Leute, deren Instagram-Nachricht ich noch beantworten soll. Einige Freunde hätte ich auch noch anrufen sollen dieses Wochenende. Das habe ich versprochen. Doch mein Handy ist aus und andere Menschen sind weit weg. Wenigstens geht hier keiner an meinem Erdgeschosszimmer vorbei und liest das offene Fenster als Einladung, mich zu fragen, ob ich mit ihm in der Bar die Straße runter in netter Runde was trinken möchte.

Seit Corona kann ich nicht einfach nur sitzen. Ich muss mich gleichzeitig sorgen oder sehnen.

Hinter der Hütte erstreckt sich ein Hügel bedeckt mit Löwenzahn und Butterblumen. Ein Freund von mir war neidisch, als ich ihm vor ein paar Tagen von diesem Artikel erzählte. "Ein bisschen Ruhe wäre gerade das Paradies für mich."

Vor ein paar Wochen ist meine Ur-Großmutter gestorben. 108 Jahre alt war sie und der älteste Mensch der ungefähr 75.000 Einwohner der Stadt, in der sie lebte. Sie war eine kleine Frau mit viel zu viel Kraft in ihren dünnen Fingern. Das fühlt ich, wenn sie meinen Kopf packte, um mir etwas ins Ohr zu flüstern. So gehört es sich für italienische Großmütter und Urgroßmütter. Die Hände meiner Großmutter sind rau und genau so kräftig. Zärtlich ist sie nicht und das finde ich gut. Ich erinnere mich, wie ich ihr mal am Telefon erzählte, wo ihre Mutter, meine Urgroßmutter, jetzt wohl gerade sitzt. Am Strand. Die Zehen im Sand und der Sonnenbrand am nächsten Tag kommt nicht. Meine Großmutter hat laut gelacht. "Im Paradies gibt es keinen Strand." Und Berge wahrscheinlich auch nicht. Ich stimmte ihr zu. Schließlich kennt sie sich besser aus. Wenn es für mich einen Ort nach dem Tod geben würde, gäbe es da auch keine Berge oder Strand. Es wäre eine Autobahnraststätte.

Blick aus der Hütte auf eine Berglandschaft

Für mich ist das Paradies eine Autogrill-Raststätte auf der Fahrt nach Lido di Jesolo im April 2007. Ich trage meinen Schlafanzug und frühstücke auf dem Parkplatz vor dem Eingang. Das Tramezzino al Tonno schmeckt künstlich, genau so wie der Pfirsich-Eistee aus dem Plastikbecher. Aber das ist egal, weil man sich nicht fragt, was die E-Nummern bedeuten, sondern nur, wer denn all die Rinden von den Toast-Scheiben abschneidet.

Als ich zurück in die Hütte komme, brennt das Feuer noch. Das erste Mal in dieser Hütte fühle ich mich wie eine Expertin für Selbstversorgung, als ich ein weiteres Stück Holz in die Flammen lege.

22. So alt bin ich. Nicht mehr ganz das Mädchen, das übermüdet und aufgeregt vor einer Autogrill-Theke steht und sich nicht zwischen einem Nutella-Brioche und einem Tramezzino entscheiden kann. Eigentlich wartet man ja nur auf den Tag, an dem man Dinge weiß und alt genug ist. Wofür? Wahrscheinlich alt genug, um zu wissen, wie man ein Spannbettlaken faltet. Erwachsen halt. Vor ein paar Tagen bin ich erwachsen geworden. Es war ein Geruch.

Eigentlich wartet man ja nur auf den Tag, an dem man Dinge weiß und alt genug ist. Wofür? Wahrscheinlich alt genug, um zu wissen, wie man ein Spannbettlaken faltet. Erwachsen halt.

Ich habe mir das Parfüm, das meine Mutter vor ein Paar Jahren eine Zeit lang trug, gekauft. Als Kind roch es für mich nach frischem Salat ohne Dressing. Nach Gurke und Erde. Ganz verstanden hatte ich das nicht. Damals dachte ich mir: So ist wohl das Erwachsen sein. Man riecht nach Salat und findet das gut so. Jetzt rieche ich auch so. Erwachsen. Und nach den Brandbeschleunigerwürfeln, obwohl ich mir schon mehrere Male die Hände gewaschen habe, seit ich das letzte Mal einen in den Ofen geworfen habe. Mittlerweile kriege ich ein Feuer ohne hin. Ich bin etwas stolz auf mich und schaue den Flammen zu, wie sie das Brennholz verschlingen. Endlich mache ich die Pfadfindererfahrungen, die ich als Kind nie machen wollte.

Ich zucke zusammen, wenn der Zeiger der Uhr seine Position auf dem Zifferblatt mit einem Klicken verschiebt. Der rote Einkaufskorb, in den der Vermieter das Holz gestapelt hat, ist leer. Im anliegenden Stall will ich Nachschub holen. Mein Vater sagt, dass ich die Mutigste in unserer Familie bin. Als Kind habe ich drei Saltos geschafft auf dem Trampolin, das im Garten meiner Cousinen stand, bis mich die Angst einholte. Seither habe ich keinen mehr gemacht und ich frage mich, wie mich das jetzt für die bevorstehende Aufgabe qualifizieren soll. Mit dem Lichtschalter bringe ich die elektrische Laterne, die an der Hüttenwand hängt, zum Erleuchten. Im Stall riecht es nach Skiurlaub. Feucht wie Socken, die sich aus Skischuhen schälen.

Als ich nach zwei Stunden In-die-Sonne-blinzeln zurück zur Hütte runtersteige, ist das Feuer ausgegangen. Kalt ist es trotzdem nicht. Ich merke, dass ich einen Teil meines Essens im Tal vergessen habe, und habe kurz schlechte Laune bei schönem Wetter und es fühlt sich an wie Urlaub. Lange wird es nicht mehr hell bleiben. Ich nehme meine schlechte Laune und zwei Aprikosen und setze mich hinter der Hütte auf eine Treppe. Ich warte darauf, dass ich in eine Gedankenspirale reinrutsche. Es gibt ja schließlich sonst nichts zu tun.

Ich nehme meine schlechte Laune und zwei Aprikosen und setze mich hinter der Hütte auf eine Treppe.

Ein Drittel der 24 Stunden ist überstanden. Vielleicht sollte ich mir jetzt ein paar Notizen machen. Ich frage mich, wo die Panik bleibt. Eigentlich ist Schreiben für mich ein Aufatmen. Eine Antwort auf alles. Doch manchmal, wenn ich anfange, kommt sie. Die Angst, nicht die richtigen Wörter zu finden. Aber für solche Gedankenspiralen ist hinter der Hütte kein Platz. Hier bin ich ganz zufrieden, sogar mit schlechter Laune. Hier ist schlechte Laune nur schlechte Laune und keine Panik. Hier verstehen wir uns. Die schlechte Laune und ich.

Die Sonne geht über dem Hügel hinter der Hütte unter und blendet mich. Meine Großmutter meint: "Im Paradies gibt es keinen Strand. Nur ganz viel Licht."

Eine Wieder in den Bergen, die Sonne scheint

Während ich dusche, lasse ich die Tür zum Wohnzimmer geöffnet. So fühle ich mich sicherer. Als könnte ich so, nackt und unbewaffnet, einen potentiellen Eindringling abwehren. Es dauert einen Moment, bis das Wasser warm wird. Immer wenn ich die Temperatur höher stelle, ertönt ein dumpfes Geräusch aus dem Boiler. Ich fahre jedes Mal zusammen. Der plötzliche Temperaturwechsel vom kalten Stall in die heiße Dusche überrumpelt meine Nase und ich blute. Für einen Moment fürchte ich mich nicht vor dem Geräusch aus dem Boiler, sondern davor, dass gleich ein Film-Erstsemester die Tür zur Hütte eintritt, um mir zu sagen, wie geil er Pulp Fiction und Frauen mit Pony findet. Doch in der Isolation gibt es nur einen Grund, eine Tür einzuschlagen: Hüttenkoller. Und die einzige, die hier Hüttenkoller bekommen könnte, bin ich. So ist das mit der Einsamkeit, man muss irgendwie hinkriegen, Shelley Duvall und Jack Nicholson gleichzeitig zu sein.

Der Ofen der Berghütte

Mit Tuch-Turban auf dem Kopf koche ich mir Nudeln. Einige davon wollen nicht weich werden, weil ich den Wasserkocher zu früh vom Herd nehme. Wenn ich zu Hause in meinem Zimmer in Neukölln im Bett liege, höre ich manchmal, wie der Nachbar über mir seine Möbel hin und her schiebt, meistens nach Mitternacht. Seit Corona spielen ein anderer Nachbar und seine Kinder Dart im Innenhof, manchmal höre ich, wie sie sich freuen. Hier höre ich nur mich selbst. Das Feuer, das ich angemacht habe, das Pfeifen des Wasserkochers, den ich auf den Herd gestellt habe.

Während ich im Bett liege, verspüre ich den Drang, mein Handy einzuschalten. Dieser Digital-Detox hat seine Nachteile. Ob Pitbulls weibliche Eroberungen wohl enttäuscht sind, wenn er sie nur ins HolidayInn einlädt? Eine Beispiel für eine Frage, die mir hier niemand beantworten kann.

Obwohl ich die große Kuhglocke, die von der Decke hängt, immer wieder für einen Kopf halte und ich dann immer wieder das Licht anknipsen muss, um sicherzustellen, dass dem nicht so ist, nicke ich ein. Als ich drei Stunden später wieder erwache, fühle ich mich wie eine Packungsbeilage, die jemand versucht, falsch gefaltet zurück in die Verpackung zu stopfen. Der Regen will noch nicht kommen. Unter den Vorhängen dringt Licht in die Hütte. Zum Frühstück esse ich ein Aprikosenyoghurt. Im Ofen liegt nur noch Asche. Ich öffne den oberen Teil der Eingangstür und friere.

Die Holzhütte von aus außen in einem Berg-Panorama

Mein Mitbewohner sagte in der Berliner Quarantäne zu mir, dass wir wohl anfangen müssten zu rauchen. Denn dann wüssten wir immer, was wir tun können, wenn es nichts zu tun gibt: Wir gehen eine rauchen. Wir gehen eine rauchen, weil uns die Leere überfordert. Aber während der letzten Stunden saß ich mit ihr am Tisch. Wir haben zusammen Instant-Nudeln gegessen und vielleicht verstehen wir uns. Nebel wabert um die Gipfel und kalter Wind weht durch die Hütte, während ich meine Sachen packe. Als ich die Tür der Hütte hinter mir schließe, fängt es an zu regnen. Ich betrachte mein Spiegelbild in der dunklen Scheibe meines Smartphones. Meine Haarbürste habe ich gestern zu Hause vergessen. Von denen gibt es bestimmt auch keine im Paradies.

Ich bin auf dem Weg zurück ins Tal, zurück zu den Menschen. Ich warte ich auf die Kollision.

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