Coronavirus und psychische Erkrankung: Eine Frau sitzt am Fenster und schaut raus
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Menschen

Warum ich Angst davor habe, allein in Quarantäne zu sein

Körperlich bin ich gesund und fürchte das Coronavirus nicht. Aber ich bin emotional instabil und wohne allein.
17 März 2020, 1:29pm

Donnerstag, wenige Tage vor dem Corona-Shutdown: Ich bin freie Journalistin und habe frei. Eines der Büros, in denen ich kurz zuvor noch als Freelancerin gearbeitet habe, ist zu. Ein anderes wird seine Mitarbeitenden am Nachmittag ebenfalls ins Homeoffice schicken. Es sind Vorsichtsmaßnahmen. Doch als ich die E-Mail lese, wird mein Magen schwer. Ich mache mir wegen des Coronavirus zum ersten Mal Sorgen.

Ich bin 27 Jahre alt, körperlich gesund und rauche nicht. Ich habe keine Angst davor, mich mit dem Erreger zu infizieren oder gar zu sterben. Vor den Maßnahmen, die ich im Falle einer Infektion treffen müsste, schon. Ich bin emotional instabil und wohne alleine. Mit meiner Katze. Quarantäne und soziale Distanz würden für mich bedeuten, dass wichtige Anker für meine psychische Gesundheit wegfallen. Und dass meine ohnehin immer auf einem Drahtseil balancierende Stimmung in einen sehr dunklen Abgrund fallen könnte.

Auch für Menschen ohne psychische Probleme ist die aktuelle Isolation eine Herausforderung – egal, ob sie alleine wohnen oder im Homeoffice arbeiten müssen, während zwei Kinder im Schulalter um sie herumtollen. Für psychisch Erkrankte ist eine solche Situation allerdings potenziell gefährlich: Ängste können sich durch die Nachrichtenlage verstärken, Gedankenspiralen können sich ohne Routinen und Ablenkungen wie Sport oder soziale Kontakte in Gang setzen. Das begünstigt depressive Episoden oder Schlimmeres.

Nicht rauszudürfen, schnürt mir den Brustkorb zu

Als ich am Donnerstag aufwache, lese ich den ersten Corona-Liveticker, sehe die leeren Supermarkt-Regale auf Twitter und beobachte quasi live, wie immer mehr Orte des öffentlichen Lebens geschlossen werden. Das trübt meine Stimmung.

Ich weiß, dass ich meinen Partner, meine Freundinnen und meine Familie per Videoanruf leicht erreichen kann und dass es den meisten von ihnen eigentlich gut geht, so wie mir. Aber allein das Wissen, dass ich gerade nicht die Freiheit habe, mich auch draußen auf einen Kaffee zu treffen, zum Sport zu gehen oder mich einfach unter Menschen zu begeben, schnürt mir den Brustkorb zu.


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Meine psychische Gesundheit ist wie ein Baum, und ich bin der Stamm. Wenn der Stamm geschwächt ist – durch Krankheit, PMS, Stress, Müdigkeit oder, wie jetzt, Probleme in der Außenwelt –, ist er manchmal nicht stark genug, um die Äste zu tragen. Dann wird es für mich schwer, die gute Stimmung zu halten. Auch an diesem Donnerstagmorgen merke ich, wie sich die ersten Unsicherheiten und Selbstzweifel wie ein dunkler Filter über meine Gedanken legen.

Es ist möglich, in einer Ausnahmesituation wie einer Pandemie eigene Ängste und Stress zu haben und dabei trotzdem empathisch für Menschen in schlimmeren Situationen zu sein. Das schreibt auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in einem Ratgeber für den psychischen Umgang mit dem Coronavirus-Ausbruch: Dort heißt es etwa, man solle den Konsum negativer Nachrichten eingrenzen und auf sich achten, indem man gut schläft, isst und Übungen macht. Von Alkohol und Zigaretten als Bewältigungsstrategien rät die WHO ab. Und auch in dieser Zeit sollen Menschen mit psychischen Problemen die Hilfe in Anspruch nehmen, die sie brauchen.

Was kann ich zu Hause tun, um mir selbst Freude zu bereiten?

Zum Glück hatte ich an jenem Donnerstag noch einen Termin bei meiner Therapeutin. Ich erzähle ihr, dass ich Angst habe, wegen des Coronavirus allein sein zu müssen. Dass mich die viele Berichterstattung und die Panik zum Thema grundsätzlich eher nerven. Dass ich mir gerade eingestehen muss, angesichts des drohenden Shutdowns nun doch etwas nervöser zu werden. Sie versteht, dass die Situation schwierig ist und rät mir, ganz genau auf mein Inneres zu hören: Was brauche ich, um mich gut zu fühlen? Was kann ich hier und heute selbst tun, um Freude zu haben?

Mit diesem Input gehe ich nach Hause und fühle mich etwas besser. Die negativen Gedanken liegen wie in einem alten Umzugskarton immer noch in meinem Hinterkopf herum, und ich weiß, dass sie jederzeit ausbrechen könnten. Doch ich entschließe mich, mich mit Dingen zu beschäftigen, die mir positive Gefühle bereiten.

In den nächsten zwei Tagen telefoniere ich mit meiner Familie, putze die Fenster meiner Wohnung, stelle ein paar Klamotten zum Verkauf ins Internet. Ich schaffe drei Sachen, dann habe ich keine Lust mehr und widme mich etwas Aufregenderem. Ich glätte meine Haare, schminke mich, trage Lippenstift auf und laufe zum Supermarkt, um mir viele schöne Lebensmittel für die Isolation zu kaufen. Mein Motto: Wenn schon isoliert, dann mit guten Augenbrauen und ausreichend Snacks.

Ich verpasse den Geburtstag meines Bruders – zur Sicherheit

Ich bin ziemlich sicher, dass ich bei einer zweiwöchigen Quarantäne allein zu Hause auch viele schlechte Tage haben würde. Am Freitag trete ich eine Reise in mein Heimatland Luxemburg nicht an, weil ich nicht weiß, ob ich wieder nach Deutschland komme. Ich bin traurig, weil ich den 18. Geburtstag meines Bruders verpasse, aber auch erleichtert: Würde ich den Erreger in mir tragen, hätte ich womöglich meine Familie gefährdet. So ist an diesen Tagen gefühlsmäßig alles ein Auf und Ab.

Am Samstag erlebe ich schließlich eine schöne Überraschung – und das Ende meines vorläufigen Alleinseins: Mein Freund reist nach Berlin, damit wir in dieser Zeit zusammen sind. Isolation zu zweit – das macht es leichter.

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