Menschen

Ich wollte etwas Selbstloses tun, also habe ich meine Eizellen gespendet

Vielleicht ist echter Altruismus gar nicht möglich, aber ich war nah dran.
22.10.20
Die Autorin im Urlaub und im Krankenhaus. Da sie keine Kinder bekommen möchte, entschied sich Milly ihre Eizellen zu spenden
Alle Fotos von der Autorin

Ich bin 33 Jahre alt und Single. Lange dachte ich, dass ich mal Kinder haben möchte, nur scheint es mir unvorstellbar, dass ich mich verlieben und eine Beziehung führen könnte. Ein Kind wollte ich nicht, aber ich wollte anderen Menschen die Möglichkeit geben. Also habe ich, während meine Freundinnen und Freunde ihr Insta-Stories mit Fotos von ihren Neugeborenen überschwemmten, meine Eizellen an die Frauenklinik in Birmingham gespendet.

Keine Ahnung, ob echter Altruismus überhaupt möglich ist. Meistens tun wir Dinge doch einfach nur, um uns besser zu fühlen. Selbst die guten Dinge. Vor Jahren habe ich meinen Job als Musikredakteurin gekündigt, um Krankenschwester zu werden. Ich wollte mit meiner Arbeit etwas Gutes bewirken und liebe meinen neuen Job – aber ich mache es eben auch für mich und meinen Selbstwert. Und das ist kein Altruismus mehr.


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Bei meinem ersten Termin in der Klinik im November 2018 wurde mir erklärt, dass ich kein Geld für meine gespendeten Eizellen bekommen würde. Das ist in Großbritannien illegal. In anderen Ländern wie Deutschland ist die Eizellenspende sogar komplett verboten. Für mich war das aber OK, um Geld ging es mir ja überhaupt nicht. Meine Reisekosten und sonstigen Ausgaben würde ich erstattet bekommen, aber mehr nicht. Es soll ein Geschenk sein und kein Geschäft. Ich wurde darüber aufgeklärt, dass ich keinerlei Rechte an meinen Babys haben würde, sobald sie geboren sind. Die Eizellenspende erfolgt anonym. Die zukünftigen Eltern erfahren nicht, wer sie gespendet hat – und ich nicht, wer sie bekommen hat. Meine Eizellen sind nach der Entnahme nicht mehr länger meine, sie gehören dann anderen Menschen.

Die nächsten Monate waren hart: Jeden Morgen um 8 Uhr musste ich in die Klinik und meinen Uterus scannen lassen. Da drinnen sah es aus wie in einer Honigwabe. Ich musste Fragen zu meiner psychischen Gesundheit und der Gesundheit meiner Eltern beantworten. Eine falsche Antwort und ich hätte meine Eizellenspende vergessen können. Am schlimmsten aber waren die Hormonspritzen. Einmal wachte ich mitten in der Nacht mit wehenartigen Schmerzen auf. In Panik rief ich meine Ärztin an. Das sei eine bekannte Nebenwirkung, sagte sie, ich müsse da durch.

Ein Fragebogen für Eizellenspenderinnen

Ein Fragebogen für die Eizellenspende | Foto von der Autorin

48 Stunden, bevor meine Eizellen entnommen werden sollten, spritze ich mir ein Hormon, das die Entnahme erleichtern sollte. Am Tag des Eingriffs stand ich um 5 Uhr auf und fuhr mit dem Zug ins Krankenhaus. Die ganze Fahrt musste ich daran denken, wie es wäre, nicht nur klumpige Eizellen in sich zu haben, sondern ein richtiges Baby. Ich streichelte meinen Bauch und stellte mir vor, wie jemand gerade das gleiche tut – mit einem Baby im Körper.

Im OP-Saal sah ich noch das Narkosemittel milchig-weiß in mich hineinlaufen und schloss die Augen mit der Gewissheit, einen Sinn gefunden zu haben.

Als die Narkose nachließ, kam als Erstes der Schmerz. Alles tat weh. Ich hatte Schmerzen beim Atmen, ich hatte Schmerzen beim Essen und ich hatte Schmerzen beim Pinkeln. Ich hatte auch Schmerzen, als ich in einen anderen Raum verlegt wurde – voll mit jungen Frauen in meinem Alter, die gerade Besuch von ihren Partnern oder Eltern hatten. Ich tat so, als würde ich ein Magazin lesen. In Wahrheit weinte ich und wusste noch nicht einmal, warum. Das müssen sie wohl sein, die Hormone. Fast wie bei einer richtigen Mutter.

Ich habe meine Eizellen im Oktober 2019 gespendet und es ist das Größte, was ich bisher in meinem Leben geleistet habe. Ich hatte nichts davon, nur Schmerzen und ein kurzes Hochgefühl, bevor die Narkose einsetzte. Was bleibt, ist ein großer Respekt vor jeder Frau, die sich entscheidet, ein Kind zu bekommen und vor den Strapazen, die sie auf sich nimmt – vor allem, wenn es auf natürlichem Weg nicht klappt.

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