Politik

Wir haben mit Menschen gesprochen, die unter Klima-Angst leiden

"An manchen Tagen fühle ich mich, als würde ich ein Videospiel spielen, dessen Ende ich kenne. Nämlich: Wir werden alle sterben."

von Marlene Halser
13 Januar 2020, 4:00am

Collage: imago images | Panthermedia | WikimediaU.S. Department of Agriculture | CC BY 2.0

Achtung: Das Lesen dieses Textes kann dazu führen, dass du weniger positiv in die Zukunft blickst. Klima-Angst ist nämlich ansteckend, so wie viele Gefühle.

Klima-Angst ist eine Angst, die auf wissenschaftlichen Prognosen für die Zukunft basiert; "ein Zustand der dauerhaften ängstlichen Erregung, ausgelöst durch die Beschäftigung mit den Folgen der Erderwärmung". Auf Englisch unterscheidet man neben eco anxiety noch climate grief, also "ökologische Trauer". Sie ist definiert als "anhaltende Niedergeschlagenheit über den Verlust von Lebensräumen durch Umweltzerstörung", wie die Hamburger Psychotherapeutin Katharina van Bronswijk erklärt.

"Angst ist eine durchaus nützliche Emotion", sagt Julia Scharnhorst, die Vorsitzende der Sektion Gesundheitspsychologie im Bundesverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen. "Angst hat eine Schutzfunktion. Sie will uns vor Gefahren bewahren." Jedoch sei Angst meist insofern irrational, als das, was man fürchtet, in der Zukunft liegt und in genau diesem Moment, im Hier und Jetzt, eigentlich gar keine unmittelbare Gefahr besteht. Für Menschen, die sich sorgen, die grübeln, panisch werden oder vor Furcht erstarren, macht das die Angst nicht weniger schlimm.


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Eine offizielle, von den Krankenkassen anerkannte Diagnose ist Klima-Angst (noch) nicht. Jedoch wird diese Möglichkeit in Fachkreisen diskutiert. Die deutsche Bundespsychotherapeutenkammer hat im November 2019 eine Resolution verabschiedet, in der sie die "direkten und indirekten Folgen des Klimawandels" für die menschliche Psyche als Problem beschreibt.

"Die Klimakrise hat nicht nur Auswirkungen auf die körperliche, sondern auch auf die psychische Gesundheit: Aufgrund der Bedrohung nehmen Ängste, Depressionen, Stress, Posttraumatische Belastungsstörungen, aber auch Pretraumatische Belastungen zu", sagt Mareike Schulze, Psychotherapeutin aus Rheinland-Pfalz, die ebenso wie van Bronswijk zu den Gründerinnen von Psychotherapists for Future gehört.

Klima-Angst entsteht oft aus einem Dilemma – zumindest in unseren Breitengraden. Auf den ersten Blick scheint alles ganz normal zu sein. Leben, Lernen, Lieben, Einkaufen, Arbeiten, Feiern, Politik – alles wie gehabt. Nur wer die Studien zum Klimawandel liest, und sich in die Materie vertieft, weiß: Das wird nicht für immer so sein. Egal, ob es uns Menschen gelingt, noch radikal umzusteuern, dafür, dass wir weltweit gar keine Folgen der Erderwärmung spüren, ist es längst zu spät. Studien zeigen außerdem: Je mehr ein Problem gesamtgesellschaftlich anerkannt ist, je mehr Gleichgesinnte sich also finden, die zusammenarbeiten und umso stärker auch von der Politik Rahmenbedingungen geschaffen werden, um das Problem zu lösen, umso hoffnungsvoller werden Menschen, die das Problem betrifft. Kein Wunder also, dass sich mehr Betroffene bei uns gemeldet haben, als wir in diesem Text unterbringen konnten.

Wir haben Menschen, die unter Klima-Angst leiden gefragt, was sie bewegt.

Ein Mann hält sich aus Angst die Hände über dem Kopf zusammen, im Hintergrund Industrietürme
Collage: imago images | Panthermedia | Nature Picture Library | Olaf Döring

Ben, 28, Physik-Doktorand aus Dossenheim bei Heidelberg

"Eine Metapher, die ich dazu kürzlich in einem Artikel gelesen habe, fasst es für mich am besten zusammen: Stell dir vor, du wüsstest, dass ein Komet auf die Erde zurast, aber niemand schaut nach oben. Niemand unternimmt etwas. Du weißt aber, dass er unausweichlich einschlagen und alles zerstören wird. In diesem Wissen verliert alles, was dir mal wichtig war, seine Bedeutung. Collaps dispair wurde das Phänomen in dem Artikel genannt, also 'Verzweiflung wegen des bevorstehenden Zusammenbruchs'.

Das Krasse ist, dass es sich anfühlt, als wäre ich bipolar, also manisch-depressiv. An manchen Tagen kann ich das alles wegschieben und es geht mir super. Aber an anderen Tagen fühle ich mich, als würde ich ein Videospiel spielen, dessen Ende ich kenne. Nämlich: Wir werden alle sterben. Dann fällt es mir schwer, glücklich zu sein oder positiv zu denken. Und ich fühle mich schuldig, weil ich denke, an den guten Tagen prokrastiniert zu haben. Mein Unterbewusstsein signalisiert mir: Du musst gegen dieses schlimme Schicksal ankämpfen, du musst etwas unternehmen und dich diesem Problem zuwenden. Aber ich weiß nicht wie. Vor allem deshalb, weil in der Politik niemand etwas unternimmt. Trump ist ja sogar aus dem Pariser Klima-Abkommen ausgestiegen. Ich glaube, wenn es in meiner Macht stünde, wirklich etwas zu verändern, hätte ich keine Klima-Angst. Aber mit meinen kleinen individuellen Schritten allein werde ich das Ruder nicht herumreißen.

Glücklicherweise gibt es Strategien, um mit all dem fertig zu werden. In meinem Fall sind das meine Freunde und meine Frau. Mit ihr rede ich sehr viel darüber. Natürlich habe ich auch etwas an meinem Lebensstil geändert. Wir leben vegan und verzichten auf das Auto. Aber ich bin Amerikaner. Meine Familie lebt in den USA. Um sie zu sehen, muss ich fliegen. Immer, wenn ich das tue, fühle ich mich wie der größte Heuchler, den es gibt."

Sirius*, 23, arbeitet bei einem Verein für Stadtplanung und Stadtentwicklung in Dortmund

"Für mich fühlt sich das alles lähmend und beklemmend an. Wie ein Druck, der auf einem lastet, und dem man nicht entweichen kann. Wie ich damit klarkomme, muss ich für mich erst noch herausfinden.

Den Gedanken 'Wenn es so schlimm ist, warum tut denn keiner was?' hatte ich schon als Kind. Aber früher ist es mir besser gelungen, das alles zu verdrängen. Mittlerweile fühle ich nicht nur Ohnmacht und Angst, sondern auch Trauer und große Wut auf andere Menschen, die sich für all das nicht interessieren. Am liebsten würde ich mich irgendwo einsperren und mich nicht mehr damit befassen. Aber das ist ja auf Dauer keine Option.

Also versuche ich, meinen Medienkonsum zu kuratieren. Auf Twitter stundenlang Bilder und Videos von den Buschbränden in Australien anzusehen, hilft nicht weiter. Besser sind Hintergrundrecherchen, bei denen man was lernt. Außerdem vernetze ich mich mit anderen Klima-Aktivisten und -Aktivistinnen. Diese Bestätigung von außen bringt unheimlich viel: zu wissen, dass man nicht spinnt und nicht alleine ist mit dieser Angst. Sonst fühle ich mich in der Alltagswelt wie Kassandra in der griechischen Mythologie: Ich sage voraus, was passieren wird. Aber niemand will es hören."

Sabine*, 25, studiert Soziale Arbeit in Wien

"Mir wurde vor etwa drei Jahren eine generelle Angststörung diagnostiziert. Los ging's mit einer Agoraphobie. Ich kann also nicht gut in großen Räumen mit vielen Menschen sein. Sonst bekomme ich schwer Luft und stehe kurz vor der Panikattacke. Ich mache deshalb eine Verhaltenstherapie und lerne, mit all dem umzugehen. Das dauert, aber man kann es bewältigen. Seit die Klimadebatte in den Sozialen Medien derart überhand genommen hat, geht es mir wieder schlechter.

Ich bin sehr viel auf Instagram unterwegs, weil ich sonst das Gefühl habe, etwas zu verpassen. Dort folge ich vielen Accounts, die sich mit Nachhaltigkeit und Klimaschutz befassen. All die schrecklichen Bilder und Nachrichten lösen in mir starke Zukunftsängste aus. Ich fühle mich hilflos, und das Gefühl, absolut keine Kontrolle über das zu haben, was passiert, lässt mich verzweifeln und macht mich depressiv.

Im Gegensatz zu meinen anderen Ängsten ist der Klimawandel ein realer Fakt, eine echte Bedrohung. Das finde ich richtig schlimm. Die anderen Ängste lassen sich durch Therapie wenigstens in den Griff bekommen. Aber der Klimawandel lässt sich nicht wegtherapieren. Der kommt einfach unkontrolliert auf uns zu."

Veronika*, 38, freiberufliche Coach in Berlin

"Wenn man sich gewahr wird, was da auf uns zukommt, dann kann das sehr lähmend wirken. Bei mir kommt das in Wellen. Im Sommer ist es schlimmer, weil man dann auch bei uns den Klimawandel und die zunehmende Hitze spürt. Aber die Bilder, die gerade aus Australien kommen, sind natürlich auch total schrecklich. Gedanken über die Klimakatastrophe sind bei mir seit 2018 fast jeden Tag präsent. Ich nenne es Klimadepression.

Am meisten quält mich der Gedanke, was mein knapp zweijähriger Sohn wohl noch alles erleben wird. Das ging schon so weit, dass es mir schwer fiel, mit ihm fröhlich zu sein. Ich war einfach so voller Sorge. Letztes Jahr habe ich mich deshalb eine Zeit lang bei Fridays for Future und Extinction Rebellion engagiert. Das hat mir geholfen. Die Vorstellung, dass mich mein Sohn irgendwann fragt 'Mama, was hast du gemacht, um das aufzuhalten?' und dass ich dann antworte 'Ach weißt du, da war diese coole Party …' habe ich nicht ausgehalten.

Die Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross hat mal fünf Phasen der Trauer festgelegt. Phase eins bis drei sind Leugnen, Zorn und Verhandeln. Ich glaube, ich bin mittlerweile in Phase vier bis fünf angekommen: Depression und Akzeptanz. Ich bin nicht mehr so panisch wie noch 2018. Bilder von verbrannten Koalas kann ich mir zwar immer noch nicht anschauen. Aber ich glaube, ich akzeptiere langsam, dass ich irgendwie in dieser Welt leben muss, die alles kaputt macht. Dass ich abgesehen von meinen individuellen Entscheidungen nicht wirklich eingreifen kann, um die Zerstörung aufzuhalten, und dass die Zukunft scheiße wird. So als hätte ich eine unheilbare Krankheit. Dabei nicht komplett die Hoffnung zu verlieren, ist echt eine Gratwanderung für mich."

Annegret, 35, arbeitet im Vertrieb und lebt in Wandlitz bei Berlin

"Vor fünf, sechs Jahren war mir das Thema Klimawandel noch total egal. Aber seit ich vor fast zweieinhalb Jahren mein zweites Kind bekommen habe, denke ich plötzlich: Ach du scheiße! Was haben wir getan? Jeden Tag neue Hiobsbotschaften. Nach der Geburt bin ich in eine regelrechte Angststarre verfallen, weil man so überhaupt nicht weiß, was da am Ende auf uns und unsere Kinder zukommen wird. Unsicherheit und Panik, ob der Ohnmacht, die das alles mit sich bringt.

Ich habe schon viel umgestellt: kein Fleisch, viel weniger Müll, Seife statt flüssigem Shampoo, keine Fast Fashion mehr. Dabei bin ich bei Weitem nicht perfekt und das ist auch nicht mein Anspruch. Was mich aber wirklich deprimiert, ist, wie schräg man für all das von anderen Menschen angesehen wird. Wie viele Menschen einfach ganz genauso weiterleben wie bisher. Dass man sich dafür rechtfertigen muss, sein Leben zu verändern.

Auf Instagram bin ich in einer Nachhaltigkeits-Bubble, die mir einerseits hilft, weil ich dort anderen nachhaltigen Accounts folgen und selbst zum Thema Nachhaltigkeit posten kann. Andererseits merke ich aber schon im unmittelbaren Umfeld, dass das nicht die Realität der meisten Menschen ist. Da höre ich dann gern mal: 'Annegret, chill einfach mal.'

Und ich denke: Wenn ich es nicht mal schaffe, mein unmittelbares Umfeld zu überzeugen, wie soll das dann bitte mit der großen Masse an Menschen gelingen? In solchen Momenten fühle ich mich echt allein."

Lena, 28, Physiotherapeutin aus der Nähe von Hannover

"Was ich nicht kontrollieren kann, macht mir Angst. Und die Klimakatastrophe ist ja der absolute Kontrollverlust. Meine schlimmste Befürchtung im letzten Sommer war, dass wir irgendwann kein Trinkwasser mehr haben und dass wir alle sterben. Ausgelöst wurde das, weil es bei uns an ein paar sehr heißen Tagen tatsächlich Trinkwasser-Engpässe gab.

All die negativen Gedanken türmen sich in solchen Momenten vor mir auf. Dürre, Wasserknappheit, Bienensterben, Hungersnöte, Kriege. Es werden immer mehr negative Gedanken, die sich gegenseitig hochpeitschen. Das ganze logisch zu durchdenken, fällt mir in solchen Momenten schwer.

Irgendwann bin ich dann letzten Sommer zum Arzt gegangen und der hat mich an einen Verhaltenstherapeuten verwiesen. Dort lerne ich, meine Ängste differenzierter zu sehen und vernünftiger anzugehen. Wir alle haben ja Ängste, aber nicht alle Menschen geraten derart in Panik wie ich.

Wenn mir das jetzt passiert, lege ich zuallererst das Handy weg, damit meine Angst keinen neuen Input bekommt. Dann versuche ich, mich auf einen einzigen Gedanken zu konzentrieren und den zu Ende zu denken. Ich frage mich: Wie realistisch ist meine Befürchtung? Und ist sie im Hier und Jetzt akut?

Auch im Alltag aktiv zu werden, hat mir sehr geholfen. Mein Mann und ich haben viel geändert. Wir sparen Wasser, wo wir können, wir sammeln Müll, wir fahren mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, wir verzichten auf Fleisch – und wir haben uns dazu entschieden, ein Kind zu adoptieren, statt selbst eines in die Welt zu setzen."

Psychotherapistst for Future vermittelt unter Beratung@psychologistsforfuture.org kostenlos geeignete TherapeutInnen und bietet Workshops und Coachings an. Updates zur Selbstfürsorge und Motivation gibt es in der Psy4F-Telegram-Gruppe und auf dem Instagram-Account @klimaangst.

*Namen von der Redaktion geändert

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