Sex

Warum niemand mehr unter der Woche Sex hat

Na ja, fast niemand. In festen Beziehungen sieht es besonders finster aus.

von Ana Iris Simón; illustriert von Eduard Taberner Pérez
25 Februar 2020, 4:00am

Ein Kollege hat letztens gesagt, es sei unmöglich für Menschen in Beziehungen, unter der Woche Sex zu haben. Ich meinte zu ihm, er habe keine Ahnung und sei einfach faul. Ein paar Unterhaltungen mit meinen vergebenen Freundinnen später musste ich die Aussage meines Kollegen überdenken. Sie alle sagten, dass unter der Woche im Bett so gar nichts läuft – höchstens eine müde Nummer. Wenn sie Glück haben. Eine von ihnen bezeichnete Sex an einem Wochentag sogar als "eine Errungenschaft".

Wir leben in einer Welt, in der alle ständig über Sex reden. Es gibt immer weniger sexuelle Tabus und die Geschlechterrollen weichen auch beim Sex zusehends auf. Aber wie du vielleicht schon gehört oder sogar selbst gemerkt hast, wird immer weniger gebumst. Millennials haben sechsmal weniger Sex als ihre Großeltern. In den USA zumindest.


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Das soll jetzt nicht heißen, dass wir alle unbedingt mehr Sex haben müssen. Viele Menschen führen gerne ein sexarmes Leben oder verzichten komplett darauf. Aber was ist mit denen, die in ihrer Beziehung lieber mehr Kontakt mit Körperflüssigkeiten hätten?

Eine andere Person in unserem Büro meinte, dass unsere Libido heutzutage einfach nicht mehr hinterherkomme. Wenn du um 6 Uhr morgens aufstehst, dich ins Fitnessstudio schleppst, dann zur Arbeit, anschließend zum Yoga und dann zum Einkaufen, alles in überfüllten Bussen und Bahnen versteht sich, ist es vielleicht wirklich etwas viel verlangt, deinem oder deiner Liebsten auch noch die angemessene körperliche Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen.

Andererseits: Unsere Großeltern haben auch gearbeitet und sind einkaufen gegangen. In unserem Alter mussten sie sich wahrscheinlich sogar schon um diverse Kinder kümmern. Aber im Gegensatz zu uns war ihr Arbeitstag nach Feierabend auch wirklich vorbei. "Die Freizeitmöglichkeiten sind heutzutage viel vielfältiger. Sex ist für uns nur eine weitere Aktivität in diesem zunehmend übersättigten Angebot", erklärt Carme Sánchez Martín, klinische Psychologin und Sexologin am Serrate & Ribal Institut für Urologie in Barcelona.

Prokrastination und Freizeitstress

"Im Laufe meiner knapp 30 Jahre Berufserfahrung sehe ich, wie sich Beziehungen über die Zeit verändert haben", sagt sie. Laut Sánchez Martín hat sich vor allem verändert, wie wir unsere Freizeit verbringen. Grob zusammengefasst: Wir könnten die Zeit, die wir damit verbringen, Sex Education zu gucken und über Sex Education zu tweeten, auch dazu verwenden, in die Praxis umzusetzen, was wir bei Sex Education gelernt haben.

"Sex", sagt die Sexologin, "erfordert nicht nur Zeit, sondern auch Einsatz. Im Halbschlaf auf dem Sofa vor dem Fernseher zu hocken und Händchen zu halten, ist viel leichter, passiver und körperlich weniger fordernd." Und dann ist da noch der Prokrastinationsfaktor: Wenn ihr ohnehin viel Zeit als Pärchen miteinander verbringt, sagt man sich schnell, dass man auch später Sex haben könnte. Die Person ist ja immer da.

Wenn Paare keinen Sex mehr haben
Foto: imago images | PhotoAlto

Freizeit kann auch Arbeit sein, wenn du bei allen angesagten Serien, Filmen und Podcasts mithalten möchtest, in jeder WhatsApp-Gruppe und allem, was auf Twitter passiert. In diesem Wust nie enden wollender Aufgaben haben wir vergessen, wie gut es sein kann, Lust zu bereiten und zu genießen.

"In diesem Kontext ist das Sexspielzeug The Satisfyer zu einem Phänomen geworden", erklärt Sánchez Martín. "Wir sagen unseren Partnern nicht, was uns im Bett gefällt. Stattdessen kaufen wir uns diese Erfahrung, damit wir so schnell wie möglich zum Orgasmus kommen. Dann können wir einen weiteren Punkt von unserer To-Do-Liste streichen."

Was die Emanzipation damit zu tun hat

Dann spielt laut Sánchez Martín auch noch die veränderte Stellung der Frau in der Gesellschaft eine Rolle. Von Frauen wird nicht länger erwartet, allen Wünschen ihres Partners nachzukommen – ob im Alltag oder im Schlafzimmer. Das ist natürlich eine gute Sache. Aber für die Sexologin gibt es damit auch neue Situationen: "Der Sex muss entweder super sein oder er ist es nicht wert. Und es kann nur Sex geben, wenn beide absolut scharf sind." Daran müsse sie immer wieder mit Paaren arbeiten.

Sánchez Martin denkt, dass wir uns in Beziehungen – klares und eindeutiges Einvernehmen vorausgesetzt – von der Vorstellung entfernen sollten, dass Sex nur passieren kann, wenn beide gleich heiß darauf sind. Viel eher sei es so: "Man trifft Vereinbarungen, man verhandelt. Das bedeutet es letztendlich, ein Paar zu sein."

Wenn Sánchez Martín Paaren, die gerne mehr Sex wollen, von diesem Konzept erzählt, bekommen sie Angst. Sie befürchten, das Aushandeln würde dem Sex die Magie rauben. "Und das ist absolut nicht der Fall", sagt sie. "Nicht jedes Mal, wenn du mit deinem Partner oder deiner Partnerin ins Kino gehst, willst du unbedingt auch den Film sehen. Du tust es der anderen Person zuliebe. Das gleiche gilt in gewisser Weise auch für Sex. Es gibt natürlich Grenzen. Ich rede hier nicht von Überredung oder gar Missbrauch. Aber Sex ist auch etwas, das sich verhandeln lässt – etwas, über das man spricht und Vereinbarungen trifft."

Und wie schaffen wir es jetzt, inmitten all der nichtfleischlichen Verlockungen der modernen Zeit die Energie für Sex an einem Mittwoch oder gar Montag aufzubringen? "Behalte deine Sexualität im Alltag im Kopf. Genau wie du dir auch vornimmst, eine Serie zu gucken, solltest du dir überlegen, was du mit deinem Partner oder deiner Partnerin machen willst", empfiehlt Sánchez Martín.

"Und sei nicht faul. Faulheit kann zu Gleichgültigkeit führen. Wenn ihr mit Handy in der Hand auf dem Sofa Netflix guckt, ist das keine geteilte Zeit, sondern nur ein geteiltes Sofa."

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