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Der lange Schatten von Tschernobyl

Alina Rudya war ein Baby, als vor 29 Jahren das Unglück von Tschernobyl geschah. Für uns hat sie den deutschen Fotografen Gerd Ludwig interviewt, der 20 Jahre lange die Folgen der Katastrophe dokumentiert hat.

Vor 29 Jahren war ich ein Jahr alt und lebte mit meinen Eltern in einer kleinen Stadt etwa 100 km von Kiew entfernt in der ukrainischen UdSSR. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn das Städtchen nicht auch fünf Kilometer vom Kernkraftwerk Tschernobyl entfernt gewesen wäre. Mein Vater arbeitete dort als Ingenieur und war für den Betrieb eines der Reaktoren zuständig.

Am 26. April 1986 explodierte der vierte Reaktor während eines Systemtests und entließ eine hoch radioaktive Wolke in die Atmosphäre, die sich über ein riesiges Gebiet bewegte—noch immer die größte Nuklearkatastrophe in der Geschichte. Die Bevölkerung von Pripjat, 50.000 Menschen, wurde erst 36 Stunden später evakuiert. Das Durchschnittsalter in der Stadt war 26.

Diese Katastrophe hat mein Leben sowie die Leben Tausender anderer Menschen geprägt. Viele von ihnen, darunter mein Vater Konstantin, sind heute aufgrund der Gesundheitsschäden nicht länger am Leben.

Gerd Ludwigs neues Buch Der Lange Schatten von Tschernobyl (Edition Lammerhuber, 2014) enthält Bilder, die der Fotograf im Laufe von 20 Jahren und 9 Besuchen in der Sperrzone aufgenommen hat. Ich hatte die Ehre, mit ihm über seine Arbeit zu sprechen und mich mit ihm über unsere Erfahrungen in der Zone auszutauschen.

©Gerd Ludwig. Gerd Ludwig wird mit Schutzkleidung ausgestattet.

VICE: Du arbeitest viel in den ehemaligen Sowjetstaaten. Woher kommt dieses besondere Interesse?
Gerd Ludwig: Das fing in meiner frühen Kindheit an. Mein Vater war im Zweiten Weltkrieg in die Wehrmacht eingezogen worden und gehörte zu den Invasoren der Sowjetunion. Er kämpfte den ganzen Weg bis Stalingrad. Als er zurückkehrte, wurden seine Erfahrungen zu meinen Gutenachtgeschichten. Doch als ich älter wurde, fing ich an, Fragen zu stellen. Seine Erklärungen reichten mir nicht und ich wuchs mit einem unglaublich tiefen Schuldgefühl gegenüber Russland und anderen Sowjetrepubliken auf. Das ging so weit, dass ich mir bei meinem ersten Auftrag in Russland fürs GEO Magazin nicht erlaubte, kritische Fotos von Russland und der Sowjetunion zu machen—von diesem Land, das so schrecklich unter der deutschen Invasion gelitten hatte.

Wie kam es dazu, dass du in Tschernobyl fotografiert hast?
Bei meinem zweiten großen Auftrag für National Geographic in der ehemaligen UdSSR ging es um Umweltverschmutzung in den Post-Sowjetrepubliken im Jahr 1993. Während dieser Arbeit spürte ich, dass es nötig war, Tschernobyl mit aufzunehmen. Es sollte nur ein kleiner Beitrag sein, doch es wurde zur eigentlichen Story. Ich entwickelte ein großes Interesse an Tschernobyl als Motiv und wusste, dass ich wieder dorthin zurück musste. Allerdings brauchte ich dafür 11 Jahre. Ich kehrte 2005 dorthin zurück, dann 2011 und 2013, jedes Mal für längere Zeit. Ich fotografierte die Opfer, die Geisterstadt Pripjat, die Sperrzone, den Reaktor selbst und die Gebiete in Weißrussland und der Ukraine, die vom radioaktiven Niederschlag betroffen sind.

©Gerd Ludwig (Wesnowa, Weißrussland, 2005) Der fünfjährige Igor ist körperlich behindert, geistig zurückgeblieben, emotional geschädigt, taub und stumm. Isoliert und ängstlich verbringt er die meiste Zeit versteckt hinter einer Gardine in einem Kinderheim. Die Anstalt für geistig behinderte Kinder könnte ihrer Aufgabe ohne die Unterstützung von Chernobyl Children International nicht gerecht werden.

Ich war selbst in Tschernobyl, um meine eigene Geschichte zu fotografieren. Der Unfall im Kernkraftwerk hat unsere Leben drastisch verändert. In vielerlei Hinsicht sind all meine Wünsche und all meine Leidenschaft im Leben aus den Trümmern von Tschernobyl gewachsen. Ich frage mich manchmal, wie mein Leben wohl verlaufen wäre, wenn es den Unfall nie gegeben hätte. Ich würde vermutlich immer noch dort leben, einen Mann und ein paar Kinder haben und vielleicht sogar selbst Atomphysikerin sein.
Du hast also dort gelebt, als es passierte?

Ja, wir lebten in Pripjat und mein Vater bediente den zweiten Reaktor des Kraftwerks. Er hatte in der Unfallnacht die Spätschicht. Seine Freunde waren im Leitstand für Reaktor 4, und er erzählte mir, dass er sah, wie sie rannten und versuchten, die Sache in Ordnung zu bringen—obwohl es nichts mehr gab, das man noch hätte tun können. Mein Vater rief nach Schichtende meine Mutter an und sagte ihr, sie solle die Fenster schließen und in der Wohnung bleiben, er könne nicht sagen, warum. Ich weiß, dass sie eine Geheimhaltungsvereinbarung unterschreiben mussten. Meine Mutter erinnert sich, dass ihre Freundinnen an jenem Tag entgegen ihrer Warnung an den Strand gingen; sie waren sich einfach keiner Gefahr bewusst. Hattest du Angst, als du zum ersten Mal dort warst? Hattest du das Gefühl, deine Gesundheit aufs Spiel zu setzen?
Vor der ersten Reise hatte ich vier Wochen lang recherchiert, um mich vorzubereiten. Ich reiste mit einer ganzen Kiste Schutzausrüstung, darunter Geigerzähler, Gasmasken, Dosimeter, Schutzanzüge und Schuhschutz. Doch als ich in Tschernobyl ankam, sagten mir die Beamten dort, ich solle in bestimmten Gebieten keine Schutzkleidung tragen, um den Leuten, die dort ungeschützt arbeiteten, keine Angst zu machen. Als ich den Friedhof von Pripjat besuchte, ein hoch kontaminiertes Gebiet, oder die Zurückgekehrten in ihren Häusern, trug ich keine Schutzkleidung. Als Fotograf musst du diese Gratwanderung schaffen: Du willst sicher sein, doch du musst die Leute zum Kooperieren bewegen, damit du deine Arbeit machen kannst. Ich aß in Tschernobyl Eier, Fisch und Kartoffeln, die in der kontaminierten Zone entstanden waren. Ich war besorgt, aber Angst hatte ich keine.

Bist du der Meinung, dass eine gute Aufnahme das Risiko wert ist?
Als Journalisten begeben wir uns in gefährliche Situationen. Doch wir tun das im Namen unschuldiger Opfer, um ihre Geschichten zu erzählen, um ihre Geschichten zu hören, die ansonsten nie jemand hören wird. Mit diesen Leuten Zeit zu verbringen—mit ihnen zu essen und zu trinken—heißt, ihren Schmerz zu hören und ihre Seele zu sehen.

Gab es Leute, die dir als Eindringling feindselig gegenüberstanden?
Egal, wohin du gehst, es gibt immer hier und da jemanden, der feindselig ist. Allgemein sind die Leute, die ich fotografiert habe, sehr dankbar gewesen. Wenn ich für National Geographic dort bin, dann bin ich nicht nur für ein paar Stunden dort. Ich komme nicht einfach mit einer Kamera vor dem Gesicht in ihr Leben. Ich begegne jedem Einzelnen erst als Mensch. Erst wenn ich mit ihnen geredet und meine eigene Geschichte geteilt habe, erwarte ich von ihnen, dass sie sich öffnen. Dann fange ich an zu fotografieren. Ich sehe sie als heldenhaft, wenn sie ihre Geschichten teilen. Ich muss mir bewusst sein, dass ich meine Kamera auf leidende Menschen richte und damit kurz ihr Leid intensiviere und ihre Erinnerungen schmerzhafter mache.

©Gerd Ludwig (Oktjabrski, Weißrussland, 2005) Bei ihren Besuchen in Dörfern und Städten verwandeln die Teams Schulräume und Verwaltungsbüros in behelfsmäßige Arztpraxen, in denen die Sorgen und Ängste der Patienten wie auf ihren Gesichtern eingeätzt scheinen. Das Auftreten von Schilddrüsenveränderungen und Krebs ist eine unbestrittene Folge des Cäsium-Niederschlags.

Du hast viel Zeit damit verbracht, die gesundheitlichen Folgen der Strahlung auf die Menschen in der Zone und die betroffenen Gebieten zu fotografieren. Die Bilder von den Kindern mit Behinderungen haben mich am meisten bewegt ...
Die Gesundheitsschäden, die aus dem Unfall von Tschernobyl resultierten, sind unter Wissenschaftlern umstritten. Doch es gibt Statistiken, die nicht von der Hand zu weisen sind—Leukämie und andere Krebsarten kommen in den betroffenen Gebieten häufiger vor. In Gomel, einer stark betroffenen Region im Süden Weißrusslands, lernte ich eine junge Frau aus der kontaminierten Zone kennen, die große Angst um die Gesundheit ihrer zukünftigen Kinder hatte. Und allein diese Angst und der Stress können der Gesundheit schaden, ganz zu schweigen von der radioaktiven Belastung. Ich weiß, dass als Folge des Sowjetsystems Eltern behinderte Kinder häufiger aufgeben als in westlichen Ländern, doch die weißrussische Regierung spielt auch die Rate der Entwicklungsstörungen herunter. Allerdings sehen die wenigen Menschen in medizinischen Berufen, die sich trauen, frei zu sprechen, eine deutliche Verbindung zwischen zunehmenden Gesundheitsproblemen und der radioaktiven Verschmutzung durch die Katastrophe.

Was war deine einprägsamste Erfahrung in der Zone?
2005 gelang es mir, tiefer in Reaktor 4 vorzudringen als jeder andere westliche Fotograf. Ich fotografierte Bereiche, in denen Arbeiter trotz Schutzkleidung nur eine Viertelstunde am Tag arbeiten konnten. Mein Adrenalinspiegel war unglaublich hoch. Dann ging ich 2013 sogar noch weiter hinein. Mitten in einem langen, dunklen Korridor stemmte der Techniker, der mich begleitete, eine schwere Metalltür auf. Ich konnte nur ein paar Mal den Auslöser drücken, bevor er mich wieder herauszog, doch ich hatte die Uhr an der Wand eingefangen. Sie war um 1:23 Uhr eingefroren, dem Augenblick, als der Reaktor explodierte und die Zeit in Tschernobyl für immer stehenblieb.

©Gerd Ludwig. Im Block # 4 ist die Strahlung immer noch so hoch, dass mir nur wenige Sekunden bleiben, um eine Uhr zu fotografieren. Am 26. April 1986 ist die Zeit für immer stehen geblieben, genau um 1:23:58 Uhr früh.

Wie stehst du zu Atomenergie und was willst du den Menschen mit deinen Bildern mitteilen?Ich gebe mir selbst ungern eine Aufschrift oder laufe mit einem „Atomkraft? Nein danke"-Anstecker am Kragen durch die Gegend. Die Leute nehmen sonst zu schnell an, ich sei voreingenommen. Ich will stattdessen meine Bilder sprechen lassen. Ich fotografiere, was ich sehe und ich möchte, dass Betrachter ihre eigenen Schlüsse ziehen. Allerdings bezweifle ich, dass sie Atomenergie immer noch für sicher halten, wenn sie all meine Bilder gesehen haben.

Hast du vor, nach Tschernobyl zurückzukehren, oder ist dieses Kapitel für dich geschlossen? Was ist mit anderen Nuklearkatastrophen wie Fukushima?
Ich habe nicht vor, nach Fukushima zu gehen. Ich werde nicht allen Nuklearkatastrophen der Welt nachjagen. Ich habe vor, am 30. Jahrestag ein weiteres Buch über Tschernobyl zu veröffentlichen, eine kleinere Sammlung von Stillleben. Doch ich weiß, dass meine Arbeit dort noch nicht getan ist. Das aktuelle Buch ist eine Zäsur, eine Pause, um zurückzublicken und dann weiterzumachen.


Mehr von Gerd Ludwigs Arbeit sowie signierte Ausgaben seines Buchs Der Lange Schatten von Tschernobyl gibt es auf seiner Website Seine preisgekrönte iPad-App wird im Moment überarbeitet, doch bald ist sie wieder im iTunes-Store erhältlich. Ihr könnt ihm außerdem auf Instagram folgen.

Hier findet ihr Alina Rudyas Fotos und ihr Instagram.

©Gerd Ludwig (In der Nähe von Prypjat, Ukraine, 2011) Ein Straßenschild warnt vor der Gefahr radioaktiver Verstrahlung. Die romantische Stille starken Schneefalls in einer Winternacht l.sst einen die überall in der Landschaft lauernde Gefahr beinahe vergessen.

©Gerd Ludwig (Prypjat, Ukraine, 1993) Wissenschaftler messen regelmäßig die radioaktive Strahlung im Gebiet des sogenannten Roten Waldes, einem der h.chst kontaminierten Areale in Reaktornähe. Sein Name stammt von der ingwerbraunen Farbe der Bäume. Sie starben den radioaktiven Tod infolge der enormen Strahlendosis unmittelbar nach dem Unfall. Ein Großteil des Roten Waldes wurde verbrannt, seine Überreste in „Abfallfriedhöfen" begraben.

©Gerd Ludwig (Kiew, Ukraine, 1993) Die in der Nähe von Tschernobyl geborenen Kinder müssen für die Gutgläubigkeit in die Technik und die Unwissenheit ihrer Elterngeneration die Rechnung zahlen. In dieser Hautklinik wird die Dermatitis eines Jungen behandelt. Sie ist nur ein Beispiel von vielen für die massive Zunahme allergischer Erkrankungen.

©Gerd Ludwig (Kiew, Ukraine, 1993) Während gleichaltrige Freunde ihre ersten Partys erleben, verbringt dieses Mädchen schmerzhafte Wochen im Krankenhaus, um mit Injektionskuren ihre Dermatitis behandeln zu lassen. „Ist es nicht verständlich, dass ich meinen Körper hasse?", fragt sie.

©Gerd Ludwig (Minsk, Weißrussland, 2005) Oleg Schapiro, 54, leidet ebenso an Schilddrüsenkrebs wie Dima Bogdanowitsch, 13. Sie werden in einer Klinik in Minsk behandelt, wo täglich operiert wird. Als Liquidator war Schapiro hoher Strahlung ausgesetzt. Es war bereits seine dritte Schilddrüsenoperation. Dimas Mutter macht den radioaktiven Niederschlag für den Krebs ihres Sohnes verantwortlich, aber seine Ärzte sind vorsichtiger: Die Regierung in Weißrussland sieht solche Offenheit nicht gerne.

©Gerd Ludwig (Rossocha, Ukraine, 1993) Tausende hoch kontaminierte Fahrzeuge, wie Lastwagen und Hubschrauber, Panzer und Bulldozer, die während der Aufräumarbeiten nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl benutzt wurden, warten noch immer auf ihr überfälliges Begräbnis auf „Friedhöfen für radioaktives Material".

©Gerd Ludwig (Prypjat, Ukraine, 2011) Es vergingen 36 Stunden, bevor die Behörden begannen, die Bürger von Prypjat zu evakuieren. Man sagte ihnen, dass die Evakuierung nur vorübergehend sei und sie nur ihre Dokumente und ein paar wichtige persönliche Gegenstände mitnehmen sollen. Im Laufe der Jahre haben sich Prypjats verlassene Gebäude wie von Geisterhand stark verändert.

©Gerd Ludwig (Prypjat, Ukraine, 2011) 25 Jahre später wurde der Freizeitpark zu einer Attraktion für Touristen, die in Scharen zu Besuch kommen.

©Gerd Ludwig (Paryshev, Ukraine, 2011) Weinreben überwuchern ein Bauernhaus in der Sperrzone.

©Gerd Ludwig (Lubjanka, Ukraine, 2011) Erst 54 Jahre alt, zeigt die Haut des Rückkehrers Vladimir Bychkovsky einen absurden Alterungszustand, den sich seine Ärzte nur mit der hohen Strahlenbelastung erklären können. Seit dem Tod seiner Frau im Jahr 2006 lebt er einsam und allein in der Zone.

©Gerd Ludwig (Prypjat, Ukraine, 2005) In jüngster Zeit tauchten vermehrt Berichte auf, dass sich die Sperrzone in ein Naturschutzgebiet verwandeln würde. Viel davon ist stark übertrieben, wie im Fall dieser streunenden Hunde auf der Suche nach Nahrung in einem verlassenen Forschungszentrum. Wegen ihres wilden Aussehens wird gerne fälschlicherweise behauptet, dass sie eine Kreuzung aus Wölfen und Schäferhunden seien.

©Gerd Ludwig (Tschernobyl, Ukraine, 2005) Jedes Jahr, am Jahrestag der Katastrophe, versammeln sich die Schichtarbeiter im Kerzenschein in Tschernobyl zu einer Mahnwache. Noch mehrere hundert Jahre wird der Schatten von Tschernobyl das Leben dieser Menschen und vieler kommender Generationen weiter verdunkeln.

Der Lange Schatten von Tschernobyl
(The Long Shadow of Chernobyl – L'ombre de Tchernobyl)
Essay von Michail Gorbatschow
29 x 31 cm, 252 Seiten, 127 Fotos
Englisch, Deutsch, Französisch
Gebunden im Schuber
Erschienen bei Edition Lammhuber, Baden, Österreich
ISBN 978-3-901753-66-4