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Nationalismus und der Glaube an Gott lassen sich mit magnetischen Impulsen reduzieren

Die Versuchspersonen zeigten eine 28,5 Prozent positivere Reaktion auf Einwanderer und einen 32,8 Prozent reduzierten Glauben an Gott.
18.10.15

Illustration von Kathrin Fahrngruber, via VICE Media

Am Samstag veröffentlichten die österreichischen Identitären ein Propaganda-Video, das ein paar Vertreter der rechten Gruppe dabei zeigt, wie sie unter dem Slogan „Wir sind die Grenze" am Grenzübergang Nickelsdorf aufmarschieren, um die Refugee-Realität mit plumper PR zu verhindern.

Wie genau das gehen soll, was ein paar populistische Zaun-Aufsteller an der geopolitischen Gesamtsituation ändern können und warum nicht mal die Regieanweisung „Geht!" aus dem Video geschnitten wurde, kann ich euch leider auch nicht beantworten.

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Etwas anderes ist es seit kurzem mit der Frage, woher diese ideologische Angst und der identitäre Neo-Nationalismus kommen. Die Antwort liegt nämlich anscheinend im hinteren Frontallappen—und die Ursache lässt sich vermutlich mit magnetischen Impulsen beseitigen.

Das sind die Ergebnisse einer Untersuchung, die die University of York vergangene Woche in einer Pressemitteilung präsentierte. Laut der Studie, die im Wissenschaftsmagazin Social Cognitive and Affective Neuroscience publiziert wurde, gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen magnetischer Gehirnstimulation und der Bereitschaft, Ideologie zur Problemlösung heranzuziehen.

Konkret haben Wissenschaftler der University of York und der University of California, Los Angeles (UCLA) den hinteren Frontallappen von Versuchspersonen mit magnetischen Impulsen beeinflusst und anschließend getestet, wie sich die Einstellung der Teilnehmer zu Ideologie—besonders Nationalismus und Religiosität—verändert. Der Frontallappen ist unter anderem für die Erkennung von Bedrohungen und Problemlösungsstrategien zuständig.

„Menschen wenden sich zur Problemlösung häufig Ideologien zu", sagt Dr. Keise Izuma vom Institut für Psychologie an der University of York. „Wir denken, dass auch die Kritik gegenüber bestimmten Gruppen-Werten im Gehirn als eine Art ideologische Bedrohung verarbeitet wird. Besonders, wenn sie von Personen kommt, die wir als Außenstehende wahrnehmen."

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Eine mögliche Art, auf solche Bedrohungen zu antworten, besteht darin, diese Gruppen-Werte bei stärkeren Angriffen noch stärker zu verteidigen. „Man kann gewissermaßen ,den Einsatz erhöhen' und noch negativer auf Kritiker reagieren", so Dr. Izuma.

Unter gewissen Bedingungen kann man das Neue aber auch positiv aufnehmen, wie Dr. Izumas Studie zeigt—und zwar nicht dann, wenn man eine andere Ideologie als Nationalismus verfolgt, sondern eher, wenn man Ideologie generell ausblendet.

Um die These zu überprüfen, bekamen die Teilnehmer des Experiments zwei Essays von Immigranten zu lesen, von denen sich ein Text wohlwollend über die neue Heimat äußerte und der andere kritisch auf Probleme im Land aufmerksam machte.

„Als wir die entsprechende Gehirnregion mit magnetischen Strömen gestört haben, die normalerweise Bedrohungen erkennen und bekämpfen sollen, haben wir eine deutlich positivere Reaktion erlebt."

Bei Personen, deren Frontallappen mit magnetischen Reizen stimuliert wurde, bemerkten die Wissenschaftler nicht nur eine um 28.5 Prozent positivere Reaktion auf die Kritik von Einwanderern an ihrem Land—und auf Einwanderer generell. Die Versuchspersonen zeigten außerdem einen um 32.8 Prozent reduzierten Glauben an Gott, Engel und den Himmel.

Die Studie bestätigt damit experimentell, dass Abgrenzung gegenüber dem, was man als Bedrohung empfindet, nur in unserem Kopf eine Lösung ist.

Auch, wenn die Versuchspersonen nach magnetischer Stimulation an den Tod erinnert wurden, suchten diese seltener Zuflucht in Religion und Glauben (für die Studie wurden die Teilnehmer nach ihrer Religiosität ausgewählt).

Dr. Colin Holbrook von der UCLA sagt zu seiner Studie: „Diese Ergebnisse sind erstaunlich. Sie untermauern die Idee, dass neurologische Mechanismen, die eigentlich für simple Bedrohungsreaktionen entwickelt wurden, inzwischen auch für die Produktion ideologischer Reaktionen zuständig sind."

Das heißt, stark ausgeprägte Ideologien sind nichts anderes als Abwehrreaktionen unseres Gehirns, wenn dieses mit Bedrohungsszenarios überfordert ist. Die Studie bestätigt damit auf experimenteller Ebene, was man sich auf intellektueller auch davor schon denken konnte: Nämlich, dass die Angst vor dem Fremden und die Abgrenzung gegenüber dem, was man als Bedrohung empfindet, nur in unserem Kopf eine Lösung sind.

Markus auf Twitter: @wurstzombie