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Das Schreiben der Westbahn ist ein Schlag ins Gesicht jedes Flüchtlings

Die Westbahn möchte aufgrund der Flüchtlingskrise Zahlungen an die ÖBB einstellen. Sie rechtfertigt sich, nun ist aber das ganze Schreiben aufgetaucht.
21.10.15

Foto von Christopher Glanzl, Collage von VICE Media.

Die Westbahn hat wahrlich schon bessere Tage gesehen. Die Tage, an denen sich alle aufgeregt haben, dass man dort rauchen darf oder die, als sich alle aufgeregt haben, dass man dort jetzt nicht mehr rauchen darf oder die, an denen sich alle aufgeregt haben, dass man jetzt doch wieder rauchen darf. Wie der Kurier heute morgen nämlich berichtet, droht die Westbahn den ÖBB damit, die Zahlungen von Bahnhofsgebühren aufgrund der Flüchtlinge einzustellen.

Während ÖBB-Chef Kern aufgrund seiner Hilfsbereitschaft in der Flüchtlingssituation als neuer Bundeskanzler, -präsident, -messias gefeiert wird, hat der Westbahn-Chef Forster nun durch einen Brief wohl einige Fahrgäste verloren (oder vielleicht auch ein paar dazugewonnen). In diesem Brief fordert er von den Vorständen der ÖBB-Infrastruktur Rabatte für das Unternehmen.

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Die andauernde Flüchtlingskrise führe zu „völlig unzumutbaren und unbeschreiblichen" Zuständen für Bahnreisende, zu Überbelastungen, mangelnder Reisesicherheit und Verschmutzungen. Bis auf Weiteres würde sich die Westbahn weigern, die Kosten, deren Minderung oder gar Aufhebung sie fordert, an die ÖBB zu zahlen.

Das Rating der Westbahn sinkt seit der Veröffentlichung dieses Briefes auf Facebook stetig: Mittwoch Vormittag waren noch 3,8 Sterne, sind es im Moment dieser Veröffentlichung nur noch 3,0.

Heute Mittag hat die Westbahn ein Statement veröffentlicht, in dem sie ihre Aussagen rechtfertigt. Der Kurier habe dadurch, dass er nur Teile des Schreibens veröffentlicht habe, ein verfälschtes Bild vermittelt. Die ÖBB habe Vorbildliches in der Flüchtlingsthematik geleistet. „Aus diesem Grund bitten wir nun die ÖBB-Infrastruktur auch beim Thema Sicherheit um konstruktive Lösungsvorschläge."

Damit die Menschen sehen können, ob das Bild, das der Kurier von der Westbahn vermittelt, wirklich falsch und tendenziös war, wäre es natürlich wünschenswert, wenn die Westbahn selbst das Schreiben in seiner vollständigen Form veröffentlichen würde. Das hat die Westbahn nicht getan. Aus gutem Grund, wie man jetzt an der Veröffentlichung durch Falter-Chefredakteur Florian Klenk sieht. Das Schreiben zeigt, dass der Brief des Privatunternehmen keinesfalls falsch verstanden wurde. Es wird hier angeprangert, dass Kunden keine Sitzplätze hätten und Bahnhöfe verschmutzt seien.

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Man kann darüber diskutieren, ob es verwerflich ist, dass die Westbahn Geld einfordert oder nicht bezahlen möchte. Was indiskutabel ist, ist der Brief, den ihr Vorstand an die ÖBB verfasst hat.

Europa befindet sich derzeit in einer Ausnahmesituation. Es gibt jene Menschen und Unternehmen, die an konstruktiven Lösungen arbeiten. Jene, die für die gesamte Gesellschaft einen Weg suchen, der nicht nur den Horror ein bisschen mindert, den geflohenen Menschen im Krieg erleben müssen, sondern der auch die Versäumnisse auszugleichen versucht, die in den letzten drei Monaten von offizieller Seite begangen wurden. Kurz: Es gibt jene Menschen und Unternehmen, die einsehen, dass vieles nicht ganz so weiterlaufen kann wie noch vor drei Monaten. Und es gibt jene, die das nicht tun.

Hanna auf Twitter: @HHumorlos