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Wenn Frauen ihren Ehemännern bei Vergewaltigungen und Morden helfen

Auch wenn Frauen oft nicht so hart bestraft werden, heißt das nicht zwangsläufig, dass sie weniger sadistisch und brutal vorgehen.

von Mish Way
05 Oktober 2015, 10:17am

Foto: Darren Muir | Stocksy

Dieser Artikel ist zuerst bei Broadly erschienen.

Als die Serienmörderin und Sexverbrecherin Karla Homolka Anfang der 90er Jahre für die Entführung, Folterung, Vergewaltigung und Ermordung von drei Teenagerinnen (darunter auch ihre eigene kleine Schwester) zu einer Haftstrafe von nur 12 Jahren verurteilt wurde, bezeichnete man ihr Schuldbekenntnis im Anklagepunkt Totschlag sofort als "Deal with the devil". Homolka wurde schnell zu einer der meistgehasstesten Blondinen Nordamerikas und sie und ihr Ehemann Paul Bernardo, der an den schrecklichen Verbrechen ebenfalls beteiligt war, bekamen die Bezeichnung "Ken and Barbie Killers" verpasst.

Homolkas Anwälte konnten das Gericht davon überzeugen, ihrer Klientin als Gegenleistung für die detaillierten Aussagen zu den sexuellen Übergriffen und Morden Teilimmunität zu gewähren. Seit der Verlobung des Paares befand sich Bernardo auf dem Radar der Polizei, weil vermutet wurde, dass er in seiner ehemaligen Heimat um die kanadische Stadt Scarborough herum mehrere Frauen vergewaltigt hat (später sollte sich Bernardo zu allen 14 angezeigten Übergriffen bekennen). Schließlich entluden sich die Spannungen zwischen Ehefrau und Ehemann, als Bernardo Homolka so heftig auf den Hinterkopf schlug, dass sie eine Contre-coup-Verletzung davontrug – ihr Hirn also gegen die Schädelinnenseite prallte. Sie flüchtete daraufhin zu ihren Eltern, die sie in die Notaufnahme brachten. Außerdem behauptete sie, dass Bernardo hier nicht zum ersten Mal handgreiflich geworden wäre. Später zeigte sie ihn dann noch an und er wurde festgenommen.

Homolka und ihr Team von Anwälten gaben an, dass Bernardo für die Brutalität der Taten verantwortlich war, während sie sowohl mental als auch körperlich zu Gehorsam gezwungen wurde. Schließlich wurden auch noch Homolkas weiße Weste, ihr "normales Großwerden in der Mittelschicht", ihr gutes Aussehen und ihr fester Job als Tierarzthelferin herangezogen und schon hatten die Anwälte den Schuldbekenntnis-Deal unter Dach und Fach gebracht. Später entdeckten die Ermittler dann allerdings eine riesige Sammlung an Videokassetten, die die sexuellen Eskapaden, die Gewalt und die Vergewaltigungen des Paares zeigen. Da wurde den Anwälten schließlich bewusst, dass Homolka bei den Folter-Sexualverbrechen aktiv involviert war: Auf den Aufnahmen ist zu sehen, wie sie ihrer kleinen Schwester mit der Chemikalie Halothan die Atemwege blockierte, während Bernardo das wehrlose Mädchen sowohl anal als auch vaginal vergewaltigte. Aber auch Homolka selbst missbrauchte und folterte alle drei Opfer. So entsetzlich diese Beweise jedoch auch sein mögen, sie kamen schlichtweg zu spät: Die Bilder von Homolka, wie sie die drei Frauen mit Weinflaschen penetriert und Sex mit ihnen hat, hatten keinen Einfluss mehr – weder auf den Schuldbekenntnis-Deal noch auf die relativ kurze Haftstrafe.

Peter Vronskys Buch Female Serial Killers: How and Why Women Become Monsters zufolge hat der historische Mangel an Interesse und Erkenntnis gegenüber von Frauen begangenen Verbrechen die Art und Weise geprägt, wie Frauen vor Gericht behandelt werden. Unserer Kultur fällt es schwer, einzusehen, dass auch Frauen mehrere Menschen umbringen können – und wenn, dann höchstens mit Gift (und die Täterin muss die Opfer gekannt haben). Vronsky teilt Serienkillerinnen in drei Kategorien ein: Alpha-Frauen (Frauen, die zur Selbstverteidigung und zum Schutz anderer Gewalt anwenden), Beta-Frauen (Frauen, die durch Emotionen wie Eifersucht oder Hass impulsiv handeln) und Omega-Frauen (Frauen, die erst ihre Sexualität und Freundlichkeit einsetzen, um ihre Opfer hereinzulegen, und dann trotzdem völlig emotionslos und kaltblütig morden, um sich selbst zu bereichern).


Auch bei VICE: Die Geschichte des 'Cleveland Stranglers' und seiner Opfer


"Serienmörderinnen scheinen für viele von uns eine komische oder spannende Vorstellung zu sein", schreibt Vronsky. "Gewalt wird auch weiterhin fast immer nur mit dem männlichen Geschlecht in Verbindung gebracht. Dieses Konzept scheint wie auf den männlichen Körperbau zugeschnitten und vom Testosteron gesteuert zu sein. Männer wenden Gewalt an, Frauen und Kinder haben darunter zu leiden." Das kann zwar auch als Paradebeispiel für Doppelmoral herhalten, aber Statistiken zeigen dennoch, dass Frauen im Allgemeinen keine Serienmörder sind. Laut Vronsky waren im Zeitraum von 1800 bis 1995 von 400 verurteilten Serienkillern nur 16 Prozent weiblich. Außerdem fügt er noch hinzu, dass Frauen oft vor allem "expressive Gewalt" anwenden: "Eine unkontrollierbare Äußerung von angestauter Wut oder Angst, oft als Resultat langjähriger Misshandlungen durch einen Mann." In einer Studie von Patricia Pearson zum Thema weibliche Gewalt heißt es: "Ab den 80er Jahren waren die Zeiten der offenen Auflehnung der Frau vorbei. Stattdessen war es viel angesehener, sich bei einem Therapeuten behandeln zu lassen. Deswegen konnten Frauen so etwas Antisoziales und Abstoßendes wie ein Verbrechen doch gar nicht begehen wollen. Frauen wurden im Bezug auf das Thema Boshaftigkeit mit Männern nicht auf eine Stufe gehoben, sondern eher als deren Opfer dargestellt."

Männer wenden Gewalt an, Frauen und Kinder haben darunter zu leiden.

In den Fällen der Pärchen, die zusammen Verbrechen begehen, handelt es sich meistens um ein "gut durchorganisiertes" Team aus Mann und Frau. Selbst in den eher weiblichen Mörder-Clans – wie zum Beispiel der Manson-Familie – stand ein Mann an der Spitze. "Der Mann ist typischerweise der Aggressor und die Frau seine Komplizin, die oft als Lockvogel für die nichtsahnenden Opfer agiert", schreibt R. Barri Flowers in seinem Buch Serial Killer Couples: Bonded by Sexual Depravity, Abduction, and Murder . "Nichtsdestotrotz sind Serienmörderinnen bei diesen Verbrechen oftmals genauso unbarmherzig und brutal."

"Bis vor Kurzem wurden Komplizinnen fast ausschließlich als misshandelte Opfer ihrer männlichen Partner angesehen", merkt Vronsky an. "Diese Einstellung spiegelt sich dann auch in den Urteilssprüchen wider." Homolka ist wohl die berüchtigtste Serienmörderin, die von dieser Dynamik profitiert hat – ein weiteres Beispiel wäre Charlene Williams Gallego.

Williams und ihr Lebensgefährte Gerald Gallego ermordeten in den späten 70er und frühen 80er Jahren zehn Jugendliche, nachdem sie diese erst als Sexsklaven gehalten hatten. Williams lockte die zufällig ausgewählten Opfer mit Marihuana in ihren Van, wo Gallego dann mit einer Waffe wartete, sie fesselte und Williams dann anwies, in eine abgelegene Gegend zu fahren. Dort musste sie dann im Auto warten, während ihr Mann die Opfer erst brutal vergewaltigte und anschließend umbrachte. Williams behauptete, sich selbst nie an den Opfern vergangen zu haben. Laut ihr hatte Gallego die volle Kontrolle über die Handlungen – und auch über sie. Letztendlich wurden die beiden geschnappt, als sie telefonisch Geld von Williams' Eltern anforderten. Als Gegenleistung für ihre Aussage gegen Gallego bekam Williams einen Schuldbekenntnis-Deal und musste 16 Jahre und 18 Monate in einem Gefängnis in Nevada verbringen. Wie ein echter Psychopath vertrat sich Gallego während der Gerichtsverhandlung selbst und nahm seine Ex-Frau und Komplizin ins Kreuzverhör.

Nichtsdestotrotz sind Serienmörderinnen bei diesen Verbrechen oftmals genauso unbarmherzig und brutal.

Genauso wie Homolka stammt auch Williams aus einer normalen Mittelschicht-Familie und trotz seiner gewalttätigen und eigensinnigen Tendenzen und der herrischen Natur verliebte sie sich Hals über Kopf in Gallego. Sowohl Homolka als auch Williams erzählten von wildem Sex der härteren Gangart und die beiden spielten mit Freude die untergeordnete Rolle in der Beziehung – dabei schien sie auch die Tatsache nicht zu stören, dass ihre Ehemänner sie und andere Frauen vergewaltigten (im Falle von Gallego handelte es sich dabei sogar um seine eigene Tochter und ihre Freundin). Weder Homolka noch Williams hatten in ihren Kinder- und Jugendjahren unter sexuellem Missbrauch oder Inzest zu leiden. Gallego hingegen wurde als Kind von seinen kriminellen Eltern brutal geschlagen und Bernardo musste regelmäßig dabei zusehen, wie sein Vater seine Schwester ab deren neunten Geburtstag sexuell missbrauchte. Außerdem spähte besagter Elternteil nachts auch immer im Schlafanzug durch das Fenster seiner Tochter – ein Verhaltensmuster, das Bernardo später bei seinen Opfern ebenfalls an den Tag legte.

2002 wurde in einer Studie des FBI, bei der man inhaftierte Mörderinnen zu ihren Pärchen-Verbrechen befragte, herausgefunden, dass "diese Männer und ihr Verhalten nicht das extremere Ende des Verhaltensspektrums von 'Frauenschlägern' widerspiegeln. Es gibt zwar auch Männer, die ihre Ehefrauen verprügeln und gleichzeitig sexuelle Sadisten sind, aber es scheint doch so zu sein, dass das eher die Ausnahme darstellt."

Homolka und Williams sind beide schon seit Jahren wieder auf freiem Fuß: Homolka kam 2005 und Williams 1997 aus dem Gefängnis. 2013 war Williams wieder in Sacramento wohnhaft und arbeitete für eine "wohltätige Stiftung". Homolka wollte sich zuerst in Montreal niederlassen, aber als die Presse Wind davon bekam, setzte sie sich in die Karibik ab. Beide haben erneut geheiratet, Homolka sogar den Cousin ihres damaligen Anwalts; inzwischen haben sie drei Kinder und ihre Namen geändert, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Komischerweise haben sich beide nach ihren jeweiligen Freilassungen trotzdem interviewen lassen – Williams von Sacramento CBS Local und Homolka erst von CBC Canada und später noch von Paula Todd.

"Natürlich habe ich schreckliche Dinge getan, daran besteht kein Zweifel. Und es kommt auch nur selten vor, dass eine Frau solche Dinge tut."

"Die Öffentlichkeit sieht in ihr eine brillante und bösartige Frau", meinte Todd 2012 ein paar Tage nach ihrem Interview mit Homolka gegenüber Global News. "Ich habe mich da jedoch nicht mit einem Genie unterhalten. Ich weiß nicht, wie gefährlich sie wirklich ist… Das war total surreal. Auf mich wirkte sie einfach nur wie eine gestresste und abgemagerte Mutter."

Ich habe Stunden damit zugebracht, mich durch alle zu Homolka und Williams verfügbaren Dokumentationen, Gerichtsunterlagen, Interviews, Filme, Bücher und Psychoanalysen zu arbeiten, denn ich wollte herausfinden, wie viel Schuld man diesen Frauen wirklich zumessen konnte und ob ihr Verhalten wirklich nur das Resultat ihrer Rolle als "fügsames Opfer" war. Mir stellte sich vor allem die Frage nach dem Warum. Warum schenkte Homolka Bernardo die Jungfräulichkeit ihrer kleinen Schwester zu Weihnachten und warum hielt sie die Schlaftabletten und das Halothan bereit, um sie während der Vergewaltigung unter Drogen zu setzen? Warum saß Williams einfach so am Steuer und schoss den Highway entlang, während ihr Ehemann zwei seiner Opfer auf dem Rücksitz des Autos missbrauchte?

In der bereits erwähnten Studie des FBI haben 75 Prozent der 20 Ex-Frauen von sexuellen Sadisten angegeben, dass sie "aus Liebe und Hingabe zu ihrem Ehemann" bei den Sexualverbrechen mitmachten. Erst nachdem die Zuwendung, die Freundlichkeit und die Geschenke abrissen, verwandelte sich diese Liebe in Angst.

Laut der Hirnforscherin Dr. Helen Fisher wird ein verliebter Mensch durch Glücksgefühle hervorrufende Zuneigung im Zusammenhang mit veränderter Hirnchemie beeinflusst. Der Serotonin-Spiegel geht zurück, während die Dopamin- und Noradrenalin-Level nach oben schießen. Nach sechs bis achtzehn Monaten Beziehung normalisieren sich diese Werte jedoch wieder (ungefähr so lange braucht es auch, bis sich verbaler und körperlicher Missbrauch in den Beziehungsalltag einschleichen). In der FBI-Studie heißt es zum Abschluss: "Auf die Frage, warum sie die Beziehung nicht beendet hätten, gaben nur drei von zwanzig Komplizinnen Liebe als Hauptgrund an. Acht sprachen davon, entweder naiv oder dumm gewesen zu sein, während einmal auch finanzielle Abhängigkeit und einmal emotionale Abhängigkeit genannt wurde."

In dem CBS-Interview, das zwei Stunden nach Homolkas Freilassung aufgenommen wurde, fragt die Moderatorin, ob Journalisten Homolka zum Studio gefolgt wären, denn es hieß, dass die Presse vor dem Gefägnis gewartet hätte. Daraufhin lächelt die Mörderin, schaut zu ihrem Betreuer und bejaht dann die Frage.

"Verstehen Sie, warum die Leute so interessiert an Ihnen sind?"

"Ja und nein", antwortet Homolka auf Französisch. "Natürlich habe ich schreckliche Dinge getan, daran besteht kein Zweifel. Und es kommt auch nur selten vor, dass eine Frau solche Dinge tut. Andererseits werden doch jeden Tag viele Leute aus dem Gefängnis entlassen, die ebenfalls schreckliche Dinge getan haben."

Sie lässt sich bei ihren Antworten Zeit und ihre Augen sind dabei halb geöffnet, halb geschlossen. "Ich glaube aber, dass ich es schon verstehe."

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