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Kranker Scheiß aus dem Leben eines Nachtlieferanten

Als rettender Party-Engel wird man auch schon mal zum Mitfeiern eingeladen. Oder eben zum Gangbang.
23.10.15
Foto: VICE Austria

Foto von VICE Media

Bier ist so wichtig. Wirklich. Ich meine das keineswegs spaßhalber, wie eines dieser Plakate mit „13 guten Gründen, warum Bier besser ist als Frauen", die dein Vater in seinem Hobbykeller hängen hat, weil er denkt, das wäre lustig. Nein, Bier ist auf einer ganz anderen Ebene wichtig. Man braucht es immer dann am meisten, wenn man es gerade mal wieder nicht hat und wir beide wissen, dass das nur zu oft der Fall ist.

MUNCHIES hat Bier aus dem Weltall probiert

Und genau dann, wenn Kühlschrank und Kehle der großen Dürre ins Auge blicken müssen, ist es Samstag und nach 18:00 Uhr. Weil Wien nicht Berlin ist, bedeutet das, dass du entweder eine halbe Stunde zu dem einen Greißler fahren musst, der hier so was wie einem Späti noch am nächsten kommt, oder eben—genau so wie du es auch mit Pizza, Sushi und Booty Calls machst—bestellst.

Nicolas Klein hat als Geschäftsführer des Wiener Nachtlieferservice Bierundso nicht wenige solcher Bestellungen entgegen genommen und könnte laut eigenen Aussagen mittlerweile ein ganzes Buch mit krankem Scheiß, den er dabei erlebt hat, vollschreiben. Bevor er das wirklich noch macht, haben wir ihn erst mal gebeten, uns ein paar seiner Geschichten zu schildern. Die folgenden Anekdoten sind den Sichtweisen der Lieferanten und Lieferantinnen nachempfunden.

Gangbang

Foto: Cliff | Flickr | CC BY 2.0

Es war eigentlich eine normale Bestellung wie jede andere, nichts Ungewöhnliches. Nur ein paar Spirituosen. Als ich an der Lieferadresse angekommen war und brav anklopfte, machte eine Dame auf und fragte leicht verwirrt, wer ich denn sei. Ich konnte nur ihren Kopf sehen, den Rest versteckte sie recht offensichtlich hinter der Tür. Ich wusste erst nicht so recht, was genau da passierte, aber schließlich war ich dort, um Alkohol abzuliefern, und genau das würde ich auch tun. „Äh, ich bin der Getränkelieferant"—das war schon Beruhigung genug, daraufhin wurde ich nämlich auch schon reingebeten.

In der Wohnung wurde mir dann schnell klar, warum die Frau sich zuvor hinter der Tür versteckt hatte. Die war splitternackt. Und alleine war sie auch nicht. Gesehen habe ich zumindest zwei Männer, beide nur mit Handtüchern über ihren Dingern. Den Geräuschen nach zu urteilen dürften da irgendwo noch mehr Leute gewesen sein, ich kann es nicht genau sagen.

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Jedenfalls wurden die Waren übergeben und bezahlt. Die nackte Dame lobte mich sogar noch dafür, ihr in die Augen gesehen zu haben. Meine guten Manieren kamen wohl dermaßen gut an, dass ich anschließend noch zum Bleiben aufgefordert wurde, um „gemeinsam den Abend zu feiern". Dieser war aber noch jung und es gab noch viel zu tun. Also lehnte ich höflich ab und verließ die Wohnung.

Dass Lieferanten eingeladen werden, ist übrigens keine Seltenheit—schließlich bringen wir den Alkohol, also sind wir automatisch Sympathieträger. Eine andere Kundin wollte mal mit einem meiner Kollegen baden gehen. Also so richtig, in die Badewanne. Wieder eine andere wollte wohl sichergehen, dass der Lieferant auch ausreichend über ihre Abendgestaltung informiert ist und schoss bei der Verabschiedung noch ein lautes „Wir feiern eine Sex-Party!" hinterher.

Mädchenspielzeug

Foto: Anthony Easton | Flickr | CC BY 2.0

Eines Nachts kam eine Bestellung für einen Haushalt im Sechsten rein, mehrere Flaschen Sekt. Bei der Adresse angekommen, muss ich das ganze Zeug erst mal durch einen ewig langen Hof zerren, bis mir dann, nach gefühlten fünf Türklingeln, im ersten Stock eine junge Frau die Tür öffnete.

Sie trug Boxershorts und Trägertop, wirkte ganz nett. Wir machten den üblichen Lieferanten-Kunden-Smalltalk, „Viel los heute?", diese Dinge. Als sie gerade zahlen wollte, trat aus der Tür schräg hinter ihr eine Blondine hervor, ebenfalls in Boxershorts und Trägertop. Einziger Unterscheid: Sie war mit einem prügelartigen Umschnall-Dildo ausgerüstet. „Kommst du denn bald wieder?", fragte sie sehnsüchtig.

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Ich weiß bis heute nicht, wem die Situation peinlicher war—ihnen oder mir. Die Kundin war jedenfalls leicht errötet und hatte es plötzlich ziemlich eilig damit, mich loszuwerden. Zu ihrem Glück hatten sie mich als Lieferantin, ein männlicher Kollege hätte wohl sein Leben nicht mehr gepackt.

Promis

Foto: Eva Rinaldi | Flickr | CC BY-SA 2.0

Die Bestellung ging in einen der „guten" Bezirke. Als ich mit dem Zeug an der Gegensprechanlage angekommen war, bekam ich die Anweisung, in einen Aufzug zu steigen, der sich gleich öffnen würde. Mittels Schlüssel würde ich dann nach oben geholt werden. Das war schon mal ziemlich fancy und mysteriös. Noch an der Gegensprechanlage sagte ich ganz cool: „Witzig, hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Sie klingen wie Promi, den ich an dieser Stelle aus Gründen des Datenschutzgesetzes nicht nennen darf?". Er lachte nur deppert.

Nachdem mich dieser Geister-Fahrstuhl nach oben brachte, stand ich plötzlich Promi den ich an dieser Stelle aus Gründen des Datenschutzgesetzes nicht nennen darf gegenüber. Jetzt ergab auch sein Lachen einen Sinn. Mit einem Mal wurde ich total hibbelig und versuchte irgendwie, so wenig peinlich wie möglich zu wirken, was erwartungsgemäß ordentlich danebenging.

Beim Versuch, mich lässig in Richtung Stiegenhaus zu verabschieden, scheiterte ich kläglich an meinen Wackel-Knien, woraufhin Promi den ich an dieser Stelle aus Gründen des Datenschutzes nicht nennen darf sich abermals dazu erbarmte, mir den Geister-Fahrstuhl mit seinem magischen Schlüssel zu rufen. „Net dass ma da jetz' vor lauter Aufregung die Stiegn owefoin! I schick si nomoi mim Aufzug."

Telefonate

Foto: starmanseries | Flickr | CC BY 2.0

Manchmal passieren schon am Telefon die skurrilsten Dinge. Ich wurde beim Aufnehmen einer Bestellung mal gefragt, ob es eh OK wäre, wenn man mit Amazon-Gutscheinen bezahlen würde. Nein? Was zur Hölle? Es ist nicht OK. Der Kunde hat sich dann doch für die Kreditkarte entschieden.

Immer wieder aufs Neue fasziniert mich auch die Orientierungslosigkeit mancher Anrufer. Die haben oft nicht mal die geringste Ahnung, in welchem Bezirk sie sich überhaupt befinden. Mal ganz abgesehen davon, wie viele nicht mal ihre eigene Türnummer wissen. Die müssen dann immer rausgehen und nachsehen. Es ist ein Trauerspiel.

Am meisten freuen wir uns als Lieferanten natürlich, wenn wir schnell abgewimmelt werden. Nicht etwa, weil wir unsere Kunden nicht mögen, im Gegenteil, sondern weil wir uns für sie freuen—wenn einem das Sackerl mit dem bestellten Champagner förmlich aus der Hand gerissen und das Geld durch die Luft geschleudert wird wie Konfetti, dann weiß man sofort, was Sache ist. Und dann wissen wir, warum wir diesen Job machen.