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GAMES

Mit diesen Games zeigt ihr dem Heuschnupfen und Sonnenallergien den Mittelfinger

Die Reviews aus unserem neuen Heft werden euch helfen, das entblößend helle Licht des Sommers zu meiden, und wir klären, ab wann man zu alt für Videospiele ist.
21.6.15
'Wolfenstein - The Old Blood' Screenshot vom Autor

Da gibt es ein Spiel und es ist das Sinnbild meines Verfalls. Ich fühle mich alt. Im Gegensatz zu nervtötenden 23-jährigen BWL-Studenten, die am Vortag vielleicht einfach zu viel Wodka erwischt haben, darf ich das mittlerweile auch wirklich behaupten.

Meine Knie schmerzen öfter als früher, meine Nasenhaare wachsen schneller und Sex ist nicht mehr die einzige Lösung für einen angebrochenen Abend. Und viel schlimmer—langsam merke ich, dass ich bei Videospielen motorisch nicht mehr mitkomme.

Mortal Kombat X

Diese so verdammt haarfein kalibrierte Steuerung von Mortal Kombat X hat mir diesen Umstand sehr ernüchternd klar gemacht, als ich bei einem der ersten Story-Fights schon abgekackt bin, wie Shao Kahn in seinemletzten Kampf der ehrwürdigen Spielreihe.

Die Jungs aus Netherrealm, Outworld und der ständig von interdimensionalen Gottheiten belagerten Earth Realm sind aber auch älter geworden, ganze 25 Jahre. Die grauen Haare stehen Johnny Cage aber vorzüglich, seine Grashüpfer-Tochter Cassie hat den grün schimmernden Spagat mit Uppercut in den gegnerischen Genitalbereich geerbt.

Und auch die anderen neuen Gesichter von MKX sind ein spielerischer Genuss—besonders im narrativen Kontext. Tatsächlich haben die Macher, die schon mit Injustice- Gods Among us und dem neunten Mortal Kombat-Teil allumfassendes Lob eingefahren haben, es wieder geschafft, aus einer Gruppe von absurden Figuren—bestehend aus überreizten Comic-Klischees, 80er Protz und mittlerweile auch Insektenattributen—eine kohärente Geschichte zu basteln.

Wenn Filme wie The Raid, Mad Max: Fury Road, oder Furious 7 immer mehr wie Videospiele werden dürfen, warum dann nicht den Umkehrschluss machen und sich dramaturgisch ein bisschen Mühe geben mit den Gaming-Plots—so wieMKX es tut?

Und auch, wenn der gehörnte Shinnok nicht annähernd mit Goro mithalten kann und der gesamte Vertrieb—mit teils nutzlosem DLC, Zerstückelung der Spielinhalte und viel bemühtem Online-Multiplayer-Getöse—von MKX ein wenig fehlgeleitet erscheint, hat sich dieses essentielle Gefühl von damals erhalten. Schwer. Brutal. Befriedigend. Ja, das ist die alte Schule. Und das ist eigentlich alles, was ihr wissen müsst.

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Der Kult und Mythos hinter Mortal Kombat bleibt trashig und ziemlich idiotisch, aber im Fundament steckt einfach der purste, ungestreckteste, kolumbianischste und lupenreinste Spielspaß. Es ist einfach fantastisch, in die obligatorische Lernkurve zu kippen und meinem dementen Gehirn zum Trotz plötzlich mit Leichtigkeit dem pensionierten Sub Zero eine Machete in den Hals zu wuchten, Raidens Electric Fly zu meistern oder mit Sonya Blade die Vasektomie von Quan Chi durchzuführen.

Der blasse Metal-Head und seine Zombie-Pläne haben übrigens in der neuen Storyline ziemlich die Arschkarte gezogen—besonders wenn du den unmaskierten Scorpion fragst. Das mag vielleicht überromantisierend klingen, besonders aus dem Mund eines faulen und von Unterhaltungsmedien aufgezogenen Infanten, aber: Mortal Kombat bringt die Leute zusammen.

Ich erinnere mich an lange Abende mit Freunden, Bier, Erdnussflips und aufgebrachtem Grölen, dicht gefolgt von der Weitergabe des Controllers. Ich mochte Fußball nie so gerne und Mannschaftssport als Ganzes war einfach nie meine Welt, aber mit diesen Spielen gibt es immer eine Form von Gemeinschaftseuphorie, mit der man sich anfeuert, beschimpft und High Fives austauscht.

Die Schlagwörter einer Hashtag-Review von MKX müssten wohl lauten: „Integrität", „Schweiß" und „Anatomielehre". Jetzt kümmere ich mich mal um die vielen Challenge Towers und probiere vielleicht sogar den einen oder anderen Online-Gegner. Dann fühl ich mich wahrscheinlich wieder steinalt, so wie die unschuldig zusehende Seniorin, die mir Rain gerade an den Kopf geworfen hat.

Josef Zorn vergibt 5 von 5 fatalen Group Hugs.

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Publisher: Warner Bro. Interactive
Platform: PS4, Xbox One, Xbox 360, PS3, PC, Mac, iOS, Android

Wolfenstein: The Old Blood

Dieses Spiel macht es einfach immer richtig. Kauft euch das vom letztjährigen Release unabhängige und komplett neue The Old Blood. Das klingt jetzt wahrscheinlich wie übertriebene Schleichwerbung, aber diese echt preiswerte Auskopplung ist alles, was man sich nur von erhoffen konnte.

Zumindest erfüllt The Old Blood alle Wünsche in Bezug auf spielerischer Herausforderung und stimmigen Prequel-Charakters. Es gibt sogar eine kleine aber feine optische Referenz auf den Klassiker „Mecha-Hitler". Die Ausflüge ins Traumland, das wie Wolfenstein 3D aus den 90ern aussieht, sind kein einfacher Gameplay-Gag mehr, sondern an mehreren Stellen die Möglichkeit, Spezialinhalte zu erbeuten.

ACHTUNG—auch diese ewiggestrigen (pun intended) Pixel-Levels sind sauschwer. Natürlich fehlen wieder die Hakenkreuze und das Wort „Führer" wird in gefundenen Dokumenten ernsthaft mit „Staatsoberhaupt" kaschiert. Dieser an sich makellose Ego-Shooter läuft dadurch leider ziemlich in sein eigenes Prügelrohr.

Josef vergibt keine Wertung, da wegen der Zensur Inhalte vorenthalten werden und man nicht guten Gewissens eine Review über ein unvollständiges Spiel abgeben kann.

Publisher: Bethesda Softworks
Plattform: PS4, Xbox One, PC

State of Decay: Year One Survival Edition

Vor langer Zeit, als Nerds noch nicht cool und überall waren, gab es unter ihnen im Wesentlichen drei große emotionale Diskussionsthemen. Erstens: Kirk oder Picard? Zweitens: Beste Linux-Distribution? Drittens: Valide Überlebensstrategien im Fall einer Zombie-Apokalypse? Da die ersten beiden mystischen Fragen wohl niemals definitiv beantwortet werden dürften, versucht State of Decay immerhin bei Frage 3 zu helfen und legt uns eine ausgeklügelte Zombie-Survival-Sandbox zum Ausprobieren in die Hände.

Dabei kann man niemandem böse sein, wenn er das Spiel im ersten Moment mit den Worten „Toll, ein Open-World-Game mit mittelmäßiger Grafik und Zombies. Na endlich!" zurück ins Regal knallt. Eben deshalb braucht es ja verantwortungsvolle Rezensenten wie uns, die darauf hinweisen, dass unter der Haube von State of Decay ein Arschvoll ausgeklügelter Systeme steckt, die das Spiel zu einem wirklich gelungenen Zombie- Apokalypse-Simulator machen.

Offizieller Screenshot von Microsoft Studios

Man schlüpft dabei in die Rolle verschiedener Überlebender, metzelt und schleicht durch Horden hungriger Untoter, etabliert aber auch Basen, balanciert soziale Dynamiken, sammelt Ressourcen und handelt. Oder auch nicht. Wie man in der höchst lebendigen Spielwelt überlebt, ist einem nämlich im Prinzip selbst überlassen. Auch, wenn es eine Haupthandlung gibt, der man folgen kann, schreiben sich die besten Geschichten im Spielverlauf selbst. Game happens when you make other plans: Vielleicht willst du einfach „gemütlich" die Lager verwalten oder du wirst zum einsamen Streuner.

Es ist letztlich wie Day Z als Solo-Erfahrung und seriöser als Dead Rising 3. Endlich kann ich meinen hoffentlich wasserdichten postapokalyptischen Überlebensplan auf die Probe stellen. Ihr solltet State of Decay keinesfalls unterschätzen, gerade in der schönen Year One Survival Edition mit aufpolierter Grafik und allen Add-Ons. Auf die Beschaffenheit der Verrottung!

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Andreas Capek vergibt 4 von 5 verbarrikadierten Waldhütten.

Publisher: Microsoft Studios
Plattform: Xbox One, PC

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Alle Screenshots von den Autoren (außer anders angegeben)