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Warum ich beim Amoklauf von München so viel Unsinn erzählt habe

Der Journalist Christian Jakubetz wohnt neben dem Anschlagsort und hat Freitagnacht stundenlang Interviews gegeben—und viel Falsches gesagt. Er hat daraus gelernt.

von Christian Jakubetz
25 Juli 2016, 12:57pm

Titelfoto: privat

Dieser Text ist zuerst auf Christian Jakubetz' Blog erschienen, der Autor hat ihn für VICE aktualisiert.

Inzwischen sind fast drei Tage seit dem Amoklauf in München vergangen und die digitale Welt (und natürlich auch ihre analoge Ausgabe) fühlt sich noch ein bisschen verschobener an als ohnehin schon.

Zwischendrin haben wir uns routiniert durch einen Machetenmord in Reutlingen und einen Bombenanschlag in Ansbach gehangelt. Das eine war eine Beziehungstat, das andere ein Anschlag, bei dem nur der Täter umkam—und trotzdem liefen die Medien heiß. München und Würzburg sind wieder Schnee von letzter Woche. Schon wieder vorbei, diese Welt braucht Nachrichten, Neues, Spannung, Drama, Tweets und Hashtags.

Sonntagabend, 23 Uhr, hat mich BBC Radio noch zu einer Art Wochenrückblick geschaltet, die 40 wichtigsten Netz-Ereignisse der Woche. Drei Stunden später läutet mein Handy, es ist 2 Uhr in der Nacht, eine Stimme fragt mich, ob ich nicht für BBC schnell was zu Ansbach sagen könne. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Kollegen bewundern soll ob ihrer Rund-um-die-Uhr-Professionalität. Oder ob ich mich wundern soll, wie routiniert man inzwischen irgendwo auf der Welt anruft, um dieser Welt live mitzuteilen, dass eine Bombe explodiert ist. Ich sage, es sei 2 Uhr in der Nacht und dass ich erst durch diesen Anruf von einer Bombe ins Ansbach erfahren und außerdem gerade geschlafen habe. OK, lässt mich die nette Stimme wissen, das sei ein Argument, aber für die Frühnachrichten um 7 Uhr, da könne ich doch bestimmt was machen, oder?

So ist das inzwischen in der Welt der digitalen Raserei, Nizza, Istanbul, Würzburg, München, Ansbach, das nächste Ding steht vor der Tür, sooner or later, wie mich ein Kollege lakonisch wissen lässt.

Irgendjemand baut gerade vermutlich eine #prayfor...-Vorlage für Photoshop.

Trotzdem habe ich immer noch keine echte Antwort auf die Frage, warum ich mich letzten Freitag habe von diesem Strom mitreißen lassen. Innerhalb weniger Minuten bin ich Bestandteil des Geschehens am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) geworden, über das fast die ganze Welt gesprochen hat. Als Betroffener ebenso wie als Journalist. An diesem Abend habe ich so viel wie noch nie über Journalismus und den Menschen als solchen gelernt.

Meine Münchner Wohnung liegt im Stadtteil Moosach. In der unmittelbaren Nähe ist die U-Bahn-Station Olympia-Einkaufszentrum. Im OEZ war ich etliche Male, im nebenan liegenden McDonald's habe ich letzten Dienstagabend nach einem Konzertbesuch noch schnell ein paar Pommes gegessen. Ich kenne Moosach in- und auswendig. Und ich habe mir immer gedacht: Hier ist München wie eine nette Kleinstadt. Manchmal, wenn ich vom Flughafen oder vom Hauptbahnhof kam, dachte ich mir zudem: Hier bist du sicher. Man greift einen Flughafen an, oder einen Bahnhof. Aber Moosach? Den McDonald's da? Oder das OEZ? Moosach ist ein stinknormaler Stadtteil, in dem stinknormale Leute ein stinknormales Leben führen.

Als am Freitagabend die ersten Push-Meldungen kamen, da wirkte das alles: surreal. Schüsse, womöglich Terrorismus, vielleicht Todesopfer in meiner Nachbarschaft? Ich war nicht da, als es passierte, umso unwahrscheinlicher wirkte es, als die ersten Bilder im TV und in den sozialen Netzwerken zu sehen waren. In meinem Moosach drehte die Welt plötzlich durch. Und die Menschen in den sozialen Netzwerken auch.

Man muss soziale Netzwerke großartig finden, wenn sie so funktionieren wie in ihren besten Momenten. Etliche Münchner boten bei Twitter unter dem Hashtag #offeneTür Unterkünfte für Menschen an, die gestrandet waren. Die Polizei München zeigte, wie man digitale Informationen in solchen Zeiten macht. Ausführlich, eindringlich und trotzdem so unaufgeregt, wie es in einer solchen Situation nur geht. Bei Facebook gab es eine Funktion, in der man sich selbst und andere markieren und durchgeben konnte, dass man in Sicherheit sei.

Man kann soziale Netzwerke aber auch hassen für den Dreck, den sie in solchen Momenten auskotzen. Die Gerüchte haben sich im Sekundentakt ins Absurde gesteigert, innerhalb weniger Minuten war unter anderem die Rede von einem Bombenanschlag mit 250 Toten. Dass sich auch die üblichen Hetzer zu Wort meldeten, die meinten, jetzt müsse aber endlich mal Schluss sein mit dieser Willkommenskultur, war kaum anders zu erwarten. Was war eigentlich mit Frau von Storch und ihrem Adjutanten? Besser wird sowas leider auch nicht durch die Kollegen vom Münchner Merkur, die am Abend kommentierten, wie perfide es sei, ausgerechnet München zum Ziel des bestialischen islamischen Terrorismus zu machen.

Auf der anderen Seite: So funktioniert der Journalismus nun einmal im Zeitalter der rasenden Live-Berichterstattung. Ich war am Freitagabend und Samstagnacht für Stunden bei BBC World und der Deutsche Welle TV on air. Jeden zweiten Satz musste ich mit "not confirmed" beenden. Und obwohl ich mich natürlich bemüht habe, ausschließlich (vermeintliche) Fakten zu schildern, habe ich Falschmeldungen in die Welt gepustet: nämlich die, dass es auch am Stachus zu einer Schießerei gekommen sei und dass drei Männer am OEZ geschossen haben.

Jetzt, mit etwas Abstand, weiß ich nicht mehr, warum ich diese Meldungen abgesetzt habe, ohne sie gegenzuchecken. Allerdings, ohne dass das eine Ausrede sein soll: Man steht da plötzlich mehr oder weniger unvorbereitet und Radio- und TV-Stationen aus der ganzen Welt wollen von dir im Minutentakt etwas Neues haben. Heute wissen wir, was passiert ist: Ein 18-jähriger Deutsch-Iraner hat neun Menschen getötet, darunter fünf Jugendliche, und dann sich selbst. Laut Polizei wurden insgesamt 35 Menschen verletzt.

Freitagabend hätte ich aber ernsthaft nicht mehr sagen können außer: Es gab eine Schießerei, es gibt wohl Tote, nein, wir wissen nichts über den oder die Täter. Aber so kann man natürlich keine Live-Schalte bestreiten und außerdem: Ich war an dem Abend beides, Betroffener und Journalist. Und ich habe an mir selbst festgestellt, wie groß mein Bedürfnis nach irgendwelchen Informationen ist, wie ich alles aufgesaugt habe ohne jegliche professionelle Distanz. Wie soll man auch distanziert und ruhig bleiben, wenn in deiner Nachbarschaft neun Menschen erschossen wurden?

Trotzdem muss man das, zumindest als Journalist (als Betroffener kann man das von mir schlecht verlangen, finde ich). Freitagabend haben sich über Stunden Gerüchte und Spekulationen überschlagen, obwohl die Polizei immer wieder über die sozialen Netzwerke versucht hat zu beruhigen. Ich weiß nicht, ob es eine gute Idee ist, wenn man dann als Journalist noch snappt und twittert und haufenweise eher unbestätigtes Zeug in die Kanäle haut, immer wieder versehen mit einem relativierenden "offenbar". Natürlich, die Maschinerie Fernsehen braucht lange, bis sie läuft (siehe hierzu auch diesen Text von Stefan Niggemeier), aber wenn sie läuft, dann halbwegs verlässlich. Die Dinge, die ich Freitagabend in den sozialen Netzwerken gefunden haben, waren eben zu einem beträchtlichen Teil auch falsch, spekulativ und irreführend. Davon abgesehen wird sich die Polizei sicher gefreut haben, wenn sie in einer solchen Situation irgendwelche Handy-Reporter davon abhalten muss, den Einsatz zu stören.

Trotzdem, dieser dringende Wunsch von Menschen nach irgendwas Neuem ist so überwältigend groß, dass man als Journalist geneigt ist, ihm nachzugeben. In irgendeiner Schalte in der Nacht des Attentats bin ich gefragt worden, ob es nicht erwartbar gewesen sei, dass der Terror auch nach Deutschland kommt. Sagen hätte ich müssen: Wir wissen ja noch gar nicht, ob es sich um Terror handelt. Aber wenn alle etwas Neues hören wollen, ist die Antwort, man müsse erstmal abwarten, nicht sehr gefragt.

Natürlich steht man nach dem Amoklauf von Freitag wieder vor der Frage: Was darf man zeigen, was nicht? Was ist Information, Dokumentation—und was ist blanker Voyeurismus, wo beginnt die Journalisten-Show? Einige Fragen konnte ich relativ leicht beantworten: Ich will—weder als Journalist noch als Betroffener—keine Bilder von abgedeckten Leichen sehen. Ich halte es für skandalös, wenn Journalisten trotz mehrfacher eindringlicher Bitte der Polizei, keine Bilder zu posten, die dem Täter potentielle Informationen geben könnten, genau das tun. Schon klar, wacklige Handy-Aufnahmen, die eine Straßenkreuzung in Moosach zeigen, sind wenig spektakulär. Trotzdem ist es kein Journalismus, wenn man wahl- und atemlos irgendwas postet. Dass die Polizei noch dazu auffordern musste, keine Bilder der Opfer zu zeigen, was soll man dazu noch sagen?

Mein persönlicher Zwiespalt ist auch jetzt nicht aufgelöst. Als Betroffener möchte man an einem solchen Tag einfach nur in Ruhe gelassen werden. Und als Journalist trägt man trotzdem dazu bei, dass sich dieses Rad aus Information, Spekulation und Ratlosigkeit immer weiter dreht. Warum habe ich damals nicht einfach gesagt: Gebt mir Zeit, die Fakten zu checken. Mein Kumpel Kristian sagt: Du hattest keine andere Chance wegen der sozialen Netzwerke. Auch wenn ich sozialen Netzwerken grundsätzlich eher positiv gegenüberstehe: Da ist was dran.

Und trotzdem: Wenn tausend Gerüchte in sozialen Netzwerken sind, muss man sie dann nicht wenigstens aufgreifen und versuchen zu klären, dass es Gerüchte sind? Macht man in dieser aufgeheizten Stimmung irgendetwas besser, wenn man sagt, man brauche jetzt mal ein bisschen Zeit zum Nachdenken? Zumal Journalisten, insbesondere bei den Öffentlich-Rechtlichen, immer nur verlieren können. Reagieren sie schnell (wie in München), dann heißt es, sie versenden nur heiße Luft. Tun sie es nicht (wie im Fall Türkei) können sie am nächsten Tag zuverlässig lesen, sie seien verbeamtete Schnarchzapfen.

Und jetzt? Am Dienstag diskutiere ich im ORF über Medienethik und es wird gewiss eine Debatte auf hohem Niveau.

Aber das nächste Ding steht vor der Tür. Sooner or later.

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