Wir haben mit einer Escort-Fotografin über ihre Arbeit gesprochen

DannyGirl lichtet jetzt schon seit fast zehn Jahren Escort-Damen ab. Und in diesem Zeitraum hat sich doch einiges geändert.

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08 April 2016, 4:00am
Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von DannyGirl

Egal ob die Regierungen dieser Welt Sexarbeit nun als legitimes Geschäft ansehen oder nicht, es gibt trotzdem Zehntausende Frauen, für die der Escort-Service etwas ganz Normales ist. Im kanadischen Montreal stellt eine Frau, die sich selbst als DannyGirl bezeichnet, dabei einen integralen Teil dieser Industrie dar: Im Laufe der vergangenen zehn Jahre hat sie Tausende Escort-Damen fotografiert. Diese Bilder nutzten deren Agenturen dann für Werbezwecke, um Kunden anzulocken und so ordentlich Geld zu machen.

Obwohl DannyGirl vorher auch kurz in der Fashion-Szene unterwegs war, konzentriert sie sich nun schon seit knapp einem Jahrzehnt auf Escort-Damen: „Immer wenn ich die Inhalte meiner Festplatten durchgehe, sehe ich quasi nur Fotos von Frauen in Unterwäsche—und da bei den meisten der Kopf nicht mit drauf ist, weiß ich nicht mal, wer sie eigentlich sind." Wir haben uns mit DannyGirl unterhalten, um herauszufinden, wie der Alltag einer inzwischen lange tätigen Escort-Fotografin aussieht und wie sich ihre Ansichten bezüglich dieser komplexen Industrie über die Jahre verändert haben.

VICE: Wie kamst du zur Escort-Fotografie?
DannyGirl:
Am Anfang war ich mir noch gar nicht darüber bewusst, dass es so etwas überhaupt gibt. Ich bin damals auf eine Kunstschule gegangen und habe bereits mit 14 Jahren meine Freundinnen oben ohne fotografiert. Das war irgendwie einfach normal. Als dann diese ganze MySpace-Welle kam und ich die Fotos von meinen heißen, tätowierten Bekannten online hochladen konnte, kontaktierten mich plötzlich irgendwelche fremden Menschen und fragten, wie viel ich für ein Shooting verlangen würde. Und so entwickelte sich das Ganze von bezahlten Foto-Shootings unterschiedlicher Frauen hin zu bezahlten Foto-Shootings von Escort-Damen. Im Grunde sehe ich diese Sache als eine kontinuierliche Einkommensquelle an, die mir richtig viel Spaß macht.

Ab wann genau zählten dann auch Escort-Damen zu deiner Klientel?
Das muss so 2006 gewesen sein, als ich von einer kleinen Escort-Agentur den Auftrag bekam, ein paar ihrer Frauen abzulichten. Damals war mir noch gar nicht klar, wie groß diese ganze Sex-Industrie überhaupt ist. Inzwischen kann ich von meinen Aufträgen leben—und das können nicht viele Fotografen von sich behaupten. Ich mache genau das, was ich will, habe Spaß dabei und kann meine Arbeit entspannt angehen.

Da ich jetzt schon seit vielen Jahren im Internet präsent bin, ist es für meine Kunden immer sehr leicht gewesen, mich zu finden. Und weil ich manche Frauen schon seit fast einem Jahrzehnt fotografiere, kommt da auch noch die Mundpropaganda dazu. Ich selbst muss eigentlich gar nicht mehr wirklich viel Werbung betreiben.

Ist bei den Shootings auch schon mal irgendetwas Bizarres oder Komisches passiert?
Oh Gott, quasi jeden Tag. Vor den Shootings stelle ich im Allgemeinen nicht viele Fragen und deswegen weiß ich auch gar nicht, was dann auf mich zukommt. Letzte Woche habe ich zum Beispiel zwei sehr hippie-eske, Tee trinkende und vegane Mädels mit kurzen Haaren fotografiert. Die beiden sind eigentlich gar keine Escorts im eigentlichen Sinn, sondern führen spirituelle Reinigungen durch und betreiben Nackt-Yoga. Bei diesem Shooting ging es dann mehr um sehr natürliche und wunderschön anmutende Körperaufnahmen. Eine von ihnen hatte dann auch einen Wolfsschwanz-Buttplug am Start. Das war echt witzig.

Die einzige Sache, die ich nicht mache, sind Hetero-Pärchen-Aufnahmen. Das habe ich einmal probiert und dann ging das Ganze schnell in die Fetisch-Richtung. Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass sie mich nur engagiert hatten, um es vor einer fremden Person treiben zu können. Ich bin zwar nicht verklemmt, aber irgendwie finde ich Hetero-Pärchen komisch. Zwei Frauen können vor meiner Kamera hingegen machen, was sie wollen, und es wird mich nicht stören. Der weibliche Körper ist einfach immer wunderschön.

Du bist ja selbst eine Frau. Hilft dir das bei deinem Job?
Ja. Da draußen gibt es eine ganze Menge unheimliche Fotografen, die einfach nur halbnackte Frauen bei sich zu Hause ablichten wollen. Zwar haben Escort-Damen kein Problem damit, sich mit Männern zu treffen und sich vor ihnen auszuziehen, aber sie sind trotzdem vorsichtig. Natürlich fühlen sie sich dann bei mir sicherer, weil ich ja auch eine Frau bin, nicht creepy rüberkomme und auch immer für einen offenen Dialog bereit bin.

Dazu kommt dann noch, dass ich als Frau kleine Körpermakel bemerke, die ein Mann vielleicht übersehen würde—zum Beispiel ein kleines Fettpölsterchen in der Achselhöhle oder ein bisschen Cellulite. Meine Kundinnen können sich sicher sein, dass ich mich genau mit ihren Körpern auseinandersetze und alles korrigiere, was das Gesamtbild zerstören könnte.

Wie schaffst du es, die Fotos so ansprechend zu gestalten, dass sie einem Escort neue Kunden bringen, aber nicht so heiß sind, dass sich der Typ einfach glücklich einen dazu runterholen kann, ohne irgendetwas zu bezahlen?
Das ist eine gewisse Kunst auf beiden Seiten. Diese Typen schreiben den Mädchen E-Mails und SMS, um auszutesten, was sie umsonst bekommen können: „Sag mir, was du mit mir anstellen wirst", und solche Sachen. Es geht alles darum, genug Anreize zu schaffen, ohne zu viel preiszugeben. Auf vielen Portalen kannst du sowieso keine Bilder zeigen, auf denen eine Vagina zu sehen ist—oft sind nicht mal Nippel erlaubt. Es ist also eigentlich relativ einfach.

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Wie war es, deiner Familie oder deinem Kind von deinem Beruf zu erzählen?
Ich habe riesiges Glück! Ich bin Einzelkind einer alleinerziehenden Mutter und die ist unglaublich cool! Ich bin mit einer Art Wonder-Woman-Mutter und meiner Oma aufgewachsen—zwei unglaublich starken Frauen, die einfach wollten, dass ich mache, was ich will. Beide sind auch sehr business-orientiert. Ich glaube nicht, dass sie sich irgendwann mal darum gesorgt haben, dass ich selber Escort werde.

Mein Sohn ist, seit er zwei Jahre alt ist, in einem Haus aufgewachsen, in dem ständig Frauen in Unterwäsche und oben ohne rumlaufen. Mein Haus ist auch randvoll mit Vintage-Pornos und Fotos. Frag mich noch mal, wenn er 13 ist, aber bislang ist eigentlich alles sehr normal. Ich finde, dass es eigentlich keine große Sache wird, wenn das alles normalisiert wird. Das ist ein Punkt, bei dem ich mich immer rechtfertigen muss—nicht nur als Frau, sondern auch als Mutter. Ich bin total auf der Seite der Frauen: Ich will auch keine Frauen, die von ihren Zuhältern geschlagen werden.

Hast du jemals mit Frauen zusammengearbeitet, um die du dir Sorgen gemacht hast?
Nein, aber das hat auch mit meiner elitären Stellung zu tun. Damit sich jemand meine Dienste leisten kann, muss man schon auf einem gewissen Niveau verdienen. Tendenziell ist das schon eine besondere Gruppe Frauen, die sich so ein Fotoshooting leisten kann. Früher haben Frauen noch in Zeitschriften annonciert, jetzt betreiben manche eine eigene Website. Die Kostenpunkte haben sich verlagert. Momentan verdiene ich pro Stunde, was die Escorts pro Stunde verdienen. Ich arbeite meistens mit Frauen aus der oberen Preiskategorie.

Wie hat sich deine Wahrnehmung von Escorts durch deine Arbeit geändert?
Wenn man so lange in diesem Bereich arbeitet, wird man zu allem, was mit Sex und nackten Menschen zu tun hat, richtig desensibilisiert. Es wird zu etwas sehr Menschlichem und Normalem. Ich sage immer, dass man bloß nicht in diesem Bereich arbeiten darf, wenn man Pornos, Stripper und dieses ganze Fantasiegebilde mag. Das ist wie der Blick hinter den Samtvorhang in Der Zauberer von Oz. Du bekommst diese Naivität nie wieder zurück und das alles verliert seinen sexuellen Reiz. Du erkennst die Normalität, mit der das alles geschieht. Am Ende ist es nur ein Beruf und alles, was du dir in deinem Kopf dazu ausgemalt hast, ist nicht mehr als Schall und Rauch: Photoshop und günstige Beleuchtung. Es ist total normal für mich geworden, einem Mädchen zu sagen: „Pack deine Schamlippen wieder ein, Babe", oder den G-String über einem Arschloch zu justieren. Es ist sehr schwierig, wieder zurückzugehen und diese Hochglanzbilder als eine wie auch immer geartete ultimative Fantasie zu sehen.