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Wiener Originale

Günter Reichart schaut in seiner Freizeit am liebsten in die Sonne

Im Augarten, zwischen Kiffern und kasigen Wadeln, habe ich nicht erwartet, von einem weißhaarigen Mann über Sonnenstürme, Astronomie und Protuberanzen zu lernen.
8.12.14
Bild von VICE Media

​Wenn man wie ich manchmal in speziellen Spandex-Laufhosen den Bauchspeck durch den Augarten schleift, um der unausweichlichen Herzverfettung zu entgegnen, fällt einem früher oder später ein Mann an der immer selben Stelle auf der Hauptwiese am Fuße des großen Flakturms auf.

Zwischen Kiffern, Graffitis und käsigen Bräunungsversuchen steht Günter Reichart mit seinem Sonnenteleskop und zieht so manchen perplexen Blick auf sich—ein ​echtes Wiener Original mit genauso echten Eigenheiten. Anstatt das Ende der Welt auszurechnen, wie ich im ersten Moment befürchtet habe, beobachtet Günter seit fünf Jahren mit hoher Regelmäßigkeit die Sonne und ihre Ausbrüche. Wir haben uns mit ihm unterhalten, um dieses Hobby etwas besser zu verstehen.

VICE: Was machst du eigentlich genau im Augarten mit deinem Teleskop?
​Günter Reichart: Hauptsächlich ist es so, dass wenn mich wer auf der Wiese nach meinem Teleskop fragt, erkläre ich es kurz, aber ich habe noch nie „offiziell" darüber gesprochen. Ich verwende ein Coronado PST, ein Solarteleskop mit Filter von einem Astrohändler, um Protuberanzen auf der Sonnenoberfläche zu beobachten. Protuberanzen sind Ausbrüche die man am Rand der Sonnenscheibe vor dem Himmelshintergrund wie rote Fäden sieht oder sich als feine dunkle Linien, sogenannte Filiamente, auf der Oberfläche abzeichnen. Diese erkennt man als ein wenig dunkler vor der Sonnenscheibe, weil sie kühler sind. Für diese Sonnenbeobachtungen gehe ich meistens in den Augarten, der ist am nähesten. Zuhause kann ich das Solarteleskop aus Platzgründen nicht wirklich aufstellen und die Sonne scheint vielleicht gerade mal eine Stunde durch mein Fenster, was zeitlich nicht wirklich reicht.

Im Augarten herrschen für dich also Optimalbedingungen?
Da ist wirklich freie Sicht und es gibt keine Turbulenzen. Also wenn ein Haus in der Nähe ist und im Winter beheizt wird, vielleicht der ​Wind dann auch noch den Rauch in die Sichtlinie bläst, ist das eher schlecht. Das gibt es an dem Platz im Augarten, wo ich mich immer aufstelle, eigentlich nicht. Im Sommer kann ein starker Föhnwind, der zwar zu dieser Jahreszeit zu einem wolkenlosen Himmel mit guter Durchsicht führt, allerdings die Bildqualität mindern, durch das Verwackeln des Bildes im Fernrohr.

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Wie nennt sich dein Hobby genau?
H-Alpha Beobachtung nennt sich das. Das ist das gefilterte Rotlicht, die sogenannte Wasserstoff Alpha-Linie. Das weiße Licht, so wie wir das mit dem normalen Auge sehen würden, kann man natürlich auch entsprechend mit einem Lichtschutzfilter auf der Linse abschwächen um damit in die Sonne zu schauen. Ohne den H-Alpha-Filter sieht man dann aber nicht viel mehr als manche Sonnenflecken. Die roten Bilder sind mit dem H-Alpha-Filter aufgenommen und kehren die dunkleren Linien viel besser heraus.

Und so kann man diese Ausbrüche am Rand und direkt auf der Oberfläche beobachten?
Beides geht leider nicht gleichzeitig, da der Helligkeitsunterschied so stark ist, dass man mit verschiedenen Filtern fotografieren müsste und dann das Ganze mit Bildbearbeitung am Computer übereinanderlegen um die Helligkeitsgradkurven entsprechend zu bearbeiten.

Gibt es andere schöne Plätze in Wien für die Sonnenbeobachtung, Hohe Warte oder so?
Ich trage das Gerät nicht gerne so weit, auch wenn mein PTS-Teleskop das kleinste dieser Art ist, gibt es Kollegen mit noch ein viel größeren Geräten, die dann stationär aufgestellt sind. Meines kostet so 600 Euro, vergleichbar mit einer besseren Spiegelreflexkamera.

Gibt es für dieses Hobby auch noch anderes Equipment?
Von der ​Teleskopgröße gibt es eigentlich keine Einschränkung, nur sind die größeren Geräte für die Beobachtung des Nachthimmels gedacht und man muss den Filter dafür extra dazu kaufen. Für die Sonnenbeobachtung habe ich nur das eine Gerät, aber ich habe auch ein größeres Linsenfernrohr, mit dem ich Mond und Planeten schaue.

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Ach so, also bist du schon an allen Himmelskörpern interessiert, egal ob Tag oder Nacht?
Im Prinzip schon, bei mir ist es eingeschränkt dadurch, da ich in der Stadt wohne. Der Augarten ist nachts zugesperrt und überhaupt schränkt das Stadtlicht—die Lichtverschmutzung—die Sicht ziemlich ein. Das ist dann trüb und man sieht nur die hellsten Sterne. ​Kugelsternhaufen, bei denen ganz ​viele Sterne nahe bei einander sind, löst man mit dem freien Auge sowieso nicht auf, weil sie zu lichtschwach sind. Das Auge hat 6mm Pupillendurchmesser und im Gerät verwendet man dann 10cm. Wenn man mit einem Lichtsammelgerät wie meinem Linsenfernrohr arbeitet, erkennt man diese Kugelsternhaufen dann aber schon.

Machst du auch Bilder vom Nachthimmel?
Ja, aber für den Nachthimmel braucht man doch eine andere Ausrüstung, bessere Kameras, Videokameras, und müsste mehrere Bilder auf einmal machen. Auch die Nachbearbeitung ist aufwendiger. Man könnte sagen, die Sonne ist mehr oder weniger billiger zu beobachten. Das wirklich Spannende ist, dass dieser Rotlichtfilter, um die Protuberanzen auf der Sonne zu erkennen, in dieser Form erst seit zehn Jahren existiert. Davor war das nur mit riesigen Geräten und aufwendigen sowie sehr teuren Filtern möglich. Und die Lagerung war noch komplizierter—wenn es da Feuchtigkeit gab oder die Temperatur nicht gestimmt hat, war es schlecht für die feineren Mechanismen. Mittlerweile kann man das einfacher steuern und deshalb gibt es diese Filter für privaten Gebrauch erst seit zehn Jahren.

Woher kommt die Faszination?
Früher bei Bekannten in Gänserndorf, um 1980 oder so, hatten wir immer einen sehr schönen klaren Himmel. Mittlerweile sieht man es wegen Bratislava nicht mehr so schön, da die Stadt so ausgebaut wurde. Man merkt das schon, die Lichtglocken, wenn man auf einem freien Feld ist. Wien hat man eh schon immer gesehen, das ist aber auch heller geworden. Ich kenne viele der wesentlichen Sternkonstellationen und habe viele Sternenkarten angeschaut.

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Ich verwechsle das immer. Wir reden von Astronomie, oder?
Ja, genau, das kann man sich bei den Wörtern eh leicht merken. „Astro" ist der Stern und „Nomos" das Gesetz, wogegen „Logos" in der Astrologie für die Deutung steht.

Also ist durch die technischen Möglichkeiten, die leistbarer geworden sind, dein Interesse an der Sonne, dem größten Stern, der der Erde am nähesten ist, gewachsen?
Stimmt genau. Der ist am nähesten und den sieht am besten. Die Sonne kann man dadurch bequem anschauen und tagsüber ist es schön warm.

Foto von VICE Media

Ist es besser im Augarten, wenn nicht so viele Leute sind?
Mich stört dort eigentlich überhaupt niemand. Mein Teleskop ist so klein, ich beobachte zwei Drittel der Zeit einfach nur und mache eh nur manchmal Fotos. Bei fliegenden Fußbällen muss man vielleicht etwas Abstand halten. Mai, Juni oder September, wenn schönes Wetter ist, da wird es schon manchmal ein bisschen eng auf der Wiese. Dann fragen auch sicher täglich Leute, was ich denn eigentlich mache mit meinem Solarteleskop.

Gibt es eine Community von Leuten, die in die Sonne schauen—hier in Wien?
In Wien gibt es einen Verein, aber die machen verschiedene Sachen mit Himmelsbeobachtung—fahren auch auf die Sophienalpe—und ich bin ich eher nur am Rand dabei. Die Spezialisierung auf die Sonne gibt es eher nicht so in der Stadt. Ich habe andere Vereine in Kärnten und Oberösterreich. Bei denen gibt es einmal oder zweimal im Jahr ein Treffen um sich mit Leuten auszutauschen. Es ist interessant, dass viele, die Himmelskörper als Hobby haben, sich ein bestimmtes Feld aussuchen—Planeten, Mond, Oberflächendetails, Sternbilder oder eben die Sonne—und dann auch wirklich dabei bleiben. Ist ja auch eine Zeitfrage wegen der nachträglichen Bildbearbeitung und so weiter.

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Wie viele Bilder hast du schon gemacht in den 5 Jahren Sonnenschauen?
Das ist schwierig einzuschätzen. Um alle Bereiche abzudecken, alle verschiedenen Belichtungszeiten, für Bilder von den äußeren Protuberanzen und auch von den dunkleren Filamenten, muss man schon pro Tag 10 bis 20 Aufnahmen machen. Pro Jahr bin ich dann vielleicht 100 Tage im Augarten und mache Bilder.

Das sind dann circa 10 000 Bilder in den fünf Jahren und ein Drittel jedes Jahres, das du im Park verbringst?
Sobald es auffrischt, bin ich draußen. Obwohl ich jetzt im Herbst gerade mal ein Zeitfenster von 3 Stunden habe, bei Schönwetter. Im ​Sommer hat man dann schon mehr als 8 Stunden Zeit.

Wenn ich fragen darf, was machst du beruflich?
Es ist so, dass ich Mathematik und Physik studiert habe, aber nicht weitermachen konnte, weil ich durch meine linksseitige Spastische Hemiparese feinmotorisch eingeschränkt bin, gerade bei den damals noch größeren, fein justierten optischen Mess- und Spektralanalysegeräten. Das muss man beide Hände koordiniert verwenden können.

Gäbe es heutzutage, gerade mit modernen Geräten, nicht Überbrückungen oder die Möglichkeit, dass du diese Richtung weiterverfolgst—mit Computern und anderen technischen Hilfsmitteln?
Es wird durch die Verwendung von Computern eher schwieriger, da die Vorgaben der Studienrichtungen viel genauer geworden sind und alles so schnell gehen muss. Damals hatte man eine Woche um Testergebnisse auszuwerten, jetzt müssen Statistiken sofort verarbeitet werden, und Leute warten dabei schon, um die Geräte nach dir zu benützen. Und meine neurologische Erkrankung, die vom Rückenmark ausgeht, ist auch eher schlechter und auffälliger geworden. Da kann ich leider nicht mehr wirklich mithalten. Ich habe später auch probiert, Mathematik weiter zu studieren, wie mir nahe gelegt wurde, doch dann habe ich auch noch eine chronische Magenentzündung bekommen. Dann konnte ich auch immer weniger Vorlesungen besuchen und verlor wieder ein Jahr. Die Behandlungen haben geholfen, aber ich wäre mit dem Studienplan nicht mehr zurechtgekommen. Ich hätte wieder von vorne anfangen müssen und habe es dann gelassen.

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Vielleicht findet sich ja jemand über diesen Artikel, der in deiner Interessensrichtung Hilfe braucht und Beschäftigung bieten könnte—Datenverarbeitung oder ähnliches.
Ich habe auch Lehramt angedacht, was aber damals so überlaufen war und erst jetzt wieder gefragt wäre. Wenn man dann beruflich länger nicht aktiv ist, ist es sehr schwierig wieder einzusteigen, besonders in wissenschaftlichen Feldern.

Du hast ja einige Fotos mitgebracht. Hast du da ein Lieblingsbild von der Sonne?
Ja, es gibt einen Sonnenzyklus, in dem die Sonnenaktivität zu oder ab nimmt. Der dauert immer um die 11 Jahre und vor 5 Jahren habe ich angefangen, den zu dokumentieren.

Wie entsteht so eine Aktivität oder so ein Zyklus?
Das liegt an den Magnetfeldern. Die Sonne hat Materie, die von innen nach außen dringt aufgrund eines sich ständig ändernden Magnetfelds. Alle circa 11 Jahre polt sich dieses um und dadurch wird die Aktivität stärker oder schwächer. Zur Zeit ist dieser Zyklus am Abschwächen, aber in 5 Jahren sollte es wieder aufwärts gehen.

Was passiert dann? Gibt es dann größere Ausbrüche?
Ja, teilweise führt das zu erkennbar größeren Ausbrüche und schnelleren Veränderungen auf der Oberfläche.

Sind sie zu spüren auf der Erde?
Spürbar werden nur die großen Ausbrüche. Die müssen ja dann die Sonnenschwerkraft verlassen und bis zur Erde kommen. Strahlungstechnische Veränderungen nennen sich Sonnenstürme. Davon hast du vielleicht schon gehört. Die beeinflussen dann das Magnetfeld der Erde, können zu Störungen im Funkverkehr und bei Satelliten führen. Wenn die Sonnenstürme richtig stark sind, kann das auch zu einer Gefahr für Flugzeuge werden, aber hier sind die Vorhersagen auf der Erde sehr gut.

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Wow, man sollte sich also eher nicht mit der Sonne anlegen. Wer macht bei uns die Sonnenbeobachtung im großen Stil?
In Österreich ist dafür die Kanzelhöhe in Villach zuständig. Aber es gibt „im Notfall" auch noch das SOHO (Solar and Heliospheric Observatory) Weltraumteleskop das auf die Sonne gerichtet ist. Die Erde hat mehrere solare Beobachtungsstationen und mindestens ein Teleskop zeigt immer auf die Sonne, um solche Sonnenstürme rechtzeitig vorhersagen zu können. Das wäre sicher auch eine schönes Motiv, über eine Woche hinweg bei klarem Wetter und im Zuge der Sonnenrotation so einen Sonnensturmausbruch vom Ostsonnerand zum Westsonnenrand mitzuverfolgen.

Du bist eigentlich ja einer hellerer Hauttyp. Hast du manchmal auch genug von der Sonne?
Ich bin 44 und muss nur ein bisschen am Kopf vorsichtig sein, weil es da schon etwas lichter geworden ist und wegen den weißen Haare—die auch schon länger habe—aber sonst tut mir die Sonne eigentlich nichts. Im Gesicht mag ich sie sehr gerne und da muss ich mich nicht groß schützen. Nur beim Fotografieren blocke ich die Umgebungshelligkeit aus. Dafür habe ich so ein schwarzes Tuch, ähnlich wie die ganz frühen Fotografen wegen ihrer kleinen Blende das benutzt haben.

Ist die Sonnenbeobachtung dein Hobby oder findest du, dass diese Bezeichnung nicht so passt?
Sicher, das trifft es genau. Es ist ein Hobby, obwohl es sicher schön wäre, daraus eine Profession zu machen. Aber mit den kleinen Geräten kann man keine Messungen durchführen. Ich mag jedenfalls die frische Luft und auf die Sonne kann man sich verlassen, dass sie jeden Tag wieder kommt.

​Folgt dem solidarischen Sonnenfreund Josef auf Twitter: @theZeffo

Alle Fotos, Solar- und Nachthimmelaufnahmen stammen von Günter Reichart