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Dieser Mann will sich einen Vibrator in den Intimbereich implantieren

Der berüchtigte DIY-Transhumanist Rich Lee nennt sein aktuelles Projekt ‚Lovetron9000' und hofft, dass er sich diesen Sommer den ersten Prototypen seiner sexuellen Körpermodifizierung unter die Haut setzen kann.

von Rich Lee, aufgezeichnet von Mark Hay
18 April 2016, 10:28am

Eine Cyborg-Liaison | Bild: Lia Kantrowitz

Bei Rich Lee handelt es sich um einen doch recht progressiv denkenden Transhumanisten. Die meisten „H+"-Vertreter träumen davon, das menschliche Leben mithilfe von Technologie zu verlängern, aber diese kybernetischen Hoffnungen liegen wohl noch irgendwo weit entfernt in der Zukunft. Lee gehört allerdings einer doch recht extremen Subkultur an, die als Biohacker oder Grinder bekannt ist und mit DIY-Body-Modifications herumexperimentiert.

Lee wurde 2013 als Grinder bekannt, nachdem er sich Magnete ins Knorpelgewebe an der Ohröffnung implantiert und diese mit einer Kupferspule um seinen Hals verbunden hatte. Diese internen Kopfhörer ermöglichen es ihm, Geräusche wahrzunehmen, die andere Menschen nicht hören können. Jetzt hat er sich jedoch ein neues Ziel gesetzt und will seinen Körper so modifizieren, dass das sexuelle Vergnügen gesteigert wird. Dieses Projekt—das auf den Namen Lovetron9000 getauft wurde—ist nun schon seit fünf Jahren in der Mache. Lee hofft jedoch, dass er seinen Traum diesen Sommer endlich verwirklichen und die erste subdermale Sexualmodifikation der Welt in seinen Körper einbauen kann. Im folgenden Text beschreibt der Grinder seine Vision einer transhumanistischen Sexzukunft. – Mark Hay

Rich Lee | Foto: bereitgestellt von Rich Lee

Mein Interesse am Biohacking kam 2008 so richtig ins Rollen. Ich weiß noch, wie ich während der Beerdigung meiner Großmutter dachte: „Vielleicht entwickelt die Wissenschaft in ein paar Jahren ein Gerät, das das Altern verhindert und meine somit Oma gerettet hätte." Sie hinterließ mir einen ganzen Haufen an Magazinen, die wie Spam aus den 50er bis 80er Jahren anmuteten. Viele davon waren Wissenschaftszeitschriften. Beim Durchblättern fielen mir dann diese ganzen absurden Versprechen auf—zum Beispiel, dass es 1999 möglich sein wird, 200 Jahre alt zu werden, oder dass Roboter uns die Grundlage für eine 20-Stunden-Woche schaffen und so weiter. Futuristen versprechen uns so Zeug also schon seit Jahrzehnten. Anschließend beschäftigte ich mich eingehend mit der rechtlichen Durchführbarkeit von Veränderungen, die keinen medizinischen Zwecken dienen und auch nicht das Leben verlängern—und damit eigentlich gar nicht meiner Vorstellung einer perfekten Zukunft entsprachen. Und siehe da: Alles ist möglich, es unternimmt bloß niemand irgendwelche Schritte in diese Richtung. Man kann sein Ziel also nur erreichen, wenn man die Sache selbst in die Hand nimmt.

Schon bevor ich mir die Magnete in meine Ohren implantierte, habe ich mich am Lovetron9000 und anderen Designs versucht. Der gemeinsame Nenner meiner Ideen ist dabei immer eine verbesserte Lebenserfahrung. Extrafunktionalität, erweiterte Sinneswahrnehmung—all das hebt das menschliche Dasein auf ein neues Level.

Da ich allerdings keinen Ingenieurshintergrund habe, muss ich mir mein Wissen selbst aneignen oder auf die Ratschläge von Profis oder diversen Internetforen hören. So lerne ich nie aus. Es gibt jedoch nicht viele Leute, die mich finanziell unterstützen wollen. Deshalb mache ich einfach weiter, bis ich nicht mehr kann oder ich mein Implantat verwirklicht habe.

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Ich habe eine gute Vorstellung von der Zukunft des Sexlebens. Ich hoffe, dass nach der Vorstellung des Lovetron9000 irgendjemand zu mir kommt und fragt: „Welche anderen Ideen hast du noch und können wir hier irgendetwas bauen, das keinen so großen kommerziellen Nutzen hat und gleichzeitig richtig cool rüberkommt? Irgendetwas, das sich der modernen Technologie bedient, aber trotzdem nicht zu sehr nach Science-Fiction aussieht?" Ich bin davon überzeugt, dass ich etwas erschaffen kann, das die Leute vom Hocker haut.

In meinem Kopf war Lovetron9000 als Pionierprojekt ein einfach zu erreichendes Ziel. Es sollte sich jedoch herausstellen, dass man für diese Art der heftigen Vibrationen an dieser Körperstelle doch viele Faktoren bedenken muss. Und so war das Ganze letztendlich schwieriger als anfangs gedacht.

Der erste Prototyp bestand aus in einem Elektronik-Fachmarkt gekauften Bauteilen und Kugelschreibern. Der Plan sah vor, das Ganze dann mit Silikon zu umhüllen und in den Körper zu implantieren. Wir hatten sogar schon einen Weg gefunden, das Gerät mithilfe von Induktion mit Strom zu versorgen. Die Vibration war allerdings nicht stark genug. Als ich das Ganze dann intensivierte, brauchte ich einen kleineren Motor. Schließlich hatte ich ein Exemplar entwickelt, das zwar längere Zeit lief, dabei aber winzige Kunststoffteilchen abbrachen, die für Reibung zwischen dem Vibrator und der Silikonummantelung sorgten. Bei einem anderen Prototypen war die Bio-Beschichtung dann porös, wodurch Blut und andere Körperflüssigkeiten in das Gerät eindringen und damit die Elektronik lahmlegen konnten. Im Grund war der ganze Prozess komplett auf dem Trial-and-Error-Prinzip aufgebaut. Ein anderes Exemplar ging direkt kaputt, als sich meine Frau draufsetzte. Wir wurden oft zurückgeworfen und keiner der bisherigen Entwürfe konnte wirklich implantiert werden.

Inzwischen habe ich jedoch ein Gerät konzipiert, das ich im August hoffentlich einsetzen kann. Ich hasse es jedoch auch, mir Deadlines zu setzen.

Vielen Menschen geht das ganze Thema komplett am Arsch vorbei, aber viele sind auch so enthusiastisch, dass sie mir ständig Mails schreiben. So hat mich auch eine ganze Reihe an Frauen kontaktiert, die wollen, dass ihre Männer sich ein solches Implantat holen. Das war für mich doch recht überraschend, weil mir auch von vielen Frauen gesagt wurde, dass sie das Ganze gar nicht mal so spektakulär finden würden. Ich denke mir häufig, dass sich viele Leute ein solches Implantat eigentlich nur holen, um darüber reden zu können. Ich meine, es würde sich mit Sicherheit herumsprechen, wenn man als Mann einen Vibrator unter der Haut hat.

Eine weitere Cyborg-Liaison | Bild: Lia Kantrowitz

Derzeit arbeite ich auch an einer weiteren Sexapparatur, die ich sehr aufregend finde. Im Grunde handelt es sich dabei um mehrere Klebeelektroden, die am unteren Teil des Rückens angebracht werden. Diese Elektroden isolieren dann die Lustsignale, die ins Rückenmark geschickt werden, und dämpfen gleichzeitig anderen Reize. Wenn man diese Signale isolieren kann, dann ist es auch möglich, sie per Bluetooth an ein anderes Gerät zu senden, das einen Vibrationsmechanismus eingebaut hat. Wenn der Sexpartner bzw. die Sexpartnerin die Elektroden beim Geschlechtsverkehr anlegt, dann verspürt man selbst eine Vibration, wenn er oder sie große Lust empfindet. So weiß man direkt, ob man seine Sache gut macht oder nicht, und Rätselraten wird vorgebeugt.

Dann gibt es da auch noch einen kanadischen Arzt, der ein Gerät namens Orgasmatron erfunden hat. Erstaunlicherweise wurde das Ganze von der Gesundheitsbehörde jedoch nicht abgenickt. Ich bin sowieso der festen Überzeugung, dass es in der Regierung eine Verschwörung gegen Orgasmen gibt, denn unglaublich viele Sexpatente bekommen keine Genehmigung. Besagter Arzt hat ein Rückgratimplantat entwickelt, das im Grunde sehr einfach aufgebaut ist. Außerdem kann jeder Fachmann, der einer Epiduralbehandlung mächtig ist, auch den Orgasmatron implantieren. Ich weiß, wie freakig das alles anmutet, weil es ein Rückgratimplantat ist, aber eigentlich besteht dieses Gerät nur aus ein paar Elektroden, die gelähmten Leuten bei sexuellen Funktionsstörungen helfen sollen. Damit werden elektrische Impulse auf die gleiche Art und Weise ins Rückgrat gesendet wie normale Lustimpulse. So ist es dann auch ohne funktionierende Genitalien oder Nerven möglich, einen Orgasmus zu haben oder eine Erregung zu verspüren. Und letztendlich ist Lust ja auch nur ein Signal, das in Richtung Gehirn geschickt und dort zu einem Orgasmus verarbeitet wird.

Und genau damit will ich eine Feedbackschleife erzeugen. Wenn sich zwei Menschen dieses System implantieren lassen und dann per WLAN oder Bluetooth verbunden werden, dann ist hier eine kreative Feedbackschleife möglich. Durch diese Schleife kann man fühlen, was der Gegenüber verspürt, und somit intensiviert sich die ganze sexuelle Erfahrung. Man wird quasi eins mit seinem Partner oder seiner Partnerin. Außerdem ist es so möglich, die sexuelle Erfahrung aufzuzeichnen und direkt im Rückenmark nach Belieben erneut abzuspielen. All das ist mit bereits existierender Technologie möglich. Das Material für die Elektrode selbst kostet knapp 70 Cent und eigentlich braucht es nur einen fähigen Programmierer, der die Software schreibt.

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Damit ist auch der Weg für alle möglichen verrückten und ausgefallenen Sachen wie zum Beispiel synchronisierte Riesenorgien geebnet. Oder wenn man etwa den Rasen mähen muss und dafür belohnt werden will, dann kann man sein Handy so einstellen, dass nach getaner Arbeit ein Signal ins Rückenmark gesendet wird und man für seine Mühen tatsächlich etwas zurückbekommt.

Die amerikanische Forschungsbehörde DARPA arbeitet derzeit auch an einer Technologie für Amputierte, die meiner Meinung viel sexuelles Potenzial birgt. Bei dieser Technologie handelt es sich um ein Nerven-Maschinen-Interface, das eine Million Signale auf einmal verarbeiten kann. Durch dieses Interface sollen Amputierte mit ihren Prothesen fühlen können. Die dafür hergestellte Nervenverbindung kann jedoch auch kabellos erfolgen. Das Ergebnis dieser Forschung könnte einfach ein künstlich hergestellter Nervenstrang sein. Und genau dieser Nervenstrang kann dann theoretisch auch an eine Wand geklatscht werden, damit man das spürt, was die Wand fühlt. In Verbindung mit den Sexnerven könnte das Ganze ebenfalls als Dildo fungieren. Die Technologie wird wohl so in fünf Jahren fertig entwickelt sein.

Ich bin nicht unbedingt darauf aus, neue Leute für das Feld der sexuellen Biohacks zu gewinnen. Ich glaube jedoch auch, dass eine solche Rekrutierung gar nicht nötig ist, denn viele Männer, mit denen ich über mein Lovetron9000-Projekt rede, zeigen von sich aus Interesse und meinen, dass sie damit viel mehr Frauen klarmachen könnten. Außerdem sind viele Mitglieder aus der Schwulen-Community wie versessen auf das Implantat. Es gibt jedoch auch viele Menschen, die instinktiv sagen, dass sie so etwas auf keinen Fall wollen. Meiner Meinung nach wird es vielleicht noch so 15 Jahren dauern, bis meine Technologie weit verbreitet ist und jeder dabei sein will. Ich meine, man hat ja schließlich keine Lust darauf, der Typ in der Bar zu sein, der kein Lovetron9000-Implantat besitzt und deswegen einen riesigen Nachteil bei der Frauenwelt hat.

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