Interviews mit den Dealern an der Thaliastraße
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Interviews mit den Dealern an der Thaliastraße

Der Drogenhandel rund um die U6 ist in Wien Hauptgesprächsthema. Wir wollten von den Dealern selbst erfahren, wie sie die Situation erleben.
1.4.16

Seit Wochen ist der Drogenhandel entlang der U6 in Wien eines der meistdiskutierten Themen. An den Eingängen zur U-Bahn-Station Thaliastraße tummeln sich mittlerweile manchmal so viele Dealer gleichzeitig, dass sie sich gegenseitig fast auf den Füßen stehen. Und wie mein Kollege Jonas vor kurzem festgehalten hat, ist die Debatte praktisch nicht von der Hautfarbe der Dealer zu trennen, denn die meisten von ihnen kommen aus Westafrika—besonders oft aus Nigeria.

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Die Debatte um die dealenden Nigerianer hat in Wien ja bereits jahrzehntelange Geschichte. Der Kampf gegen die „nigerianische Drogenmafia" war bereits in den Neunzigern eine Sache, mit der unter anderem die FPÖ in Wien auf Stimmenfang ging—obwohl ich damals ein Kind war, kann ich mich sogar noch ein bisschen an diese Debatte erinnern, weil mein Vater zu jener Zeit selbst einer dieser nigerianischen Dealer war (und dafür letztendlich für einige Jahre ins Gefängnis gewandert ist). Nigerianer und Drogendealerei, das sind zwei Begriffe, die in vielen Wiener Köpfen so sehr Hand in Hand gehen, dass man sich nicht mal als Halb-Nigerianer noch sicher ist, ob es sich dabei um ein Stereotyp oder um eine Tatsache handelt.

Dabei ist der Drogenhandel bei weitem nicht in so einem Ausmaß in Händen der Nigerianer, wie es oft dargestellt wird. Wie der Falter erst kürzlich berichtete, werden die meisten Drogendelikte hierzulande von Österreichern begangen, gefolgt von Deutschen, Türken, Serben und Afghanen. Aber eines stimmt schon: Die Dealer, die man hier in der Öffentlichkeit sieht—am Schottenring, früher am Schwedenplatz, oder jetzt eben an der Thaliastraße—, sind überdurchschnittlich oft Asylwerber aus Nigeria oder benachbarten Ländern—und sie werden besonders oft von der Polizei aufgegriffen. Wenn man verstehen will, warum gerade so viele Nigerianer auf der Straße dealen, hilft es, sich zumindest ein bisschen vor Augen zu führen, was für ein Land Nigeria ist: Mit etwa 180 Millionen Menschen ist es das einwohnerreichste Land Afrikas—alleine Lagos, die größte Stadt des Landes, hat ungefähr doppelt so viele Einwohner wie Österreich und ist eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt. Nigeria hat selbst unter Westafrikanern den Ruf, das Land zu sein, in dem es besonders drunter und drüber geht—und da ist gar nicht zwingend die Rede vom Norden des Landes, der von Boko Haram terrorisiert wird. Die Nigerianer, die dort an der Thaliastraße stehen, kommen oft aus den schlechtesten Vierteln, die die nigerianischen Städte zu bieten haben.

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Was aber besonders wesentlich ist: In Westafrika spielt sich das Leben zu einem viel größeren Teil draußen ab, als hier in Europa. Wenn du keine Arbeit hast, dann verkaufst du in Nigeria eben irgendwas auf der Straße. Und wenn ich sage irgendwas, dann meine ich irgendwas—mein Bruder war erst vor einigen Wochen in Lagos, und ihm wurden dort von den Straßenverkäufern Scheibenwischer genau so angeboten wie Hundewelpen. Selbst in Wien kann es dir passieren, dass dir ein Nigerianer auf der Straße einfach eine Sim-Karte verscherbeln will. Aber bei uns gibt es nur wenige Dinge, nach denen es auf der Straße wirklich Nachfrage gibt—außer eben Gras, und in einem geringeren Ausmaß auch härtere Drogen. So lässt es sich vielleicht auch ein Stück weit erklären, dass besonders viele Nigerianer in der Öffentlichkeit und für alle ersichtlich dealen, und nicht, so wie viele andere Dealer, versteckt oder aus einer Wohnung heraus.

Und es wirkt dem Dealer-Image der Nigerianer nicht gerade entgegen, dass der Drogenhandel rund um die Thaliastraße so absurd offensichtlich passiert. Jeder, der dort hin und wieder zusteigt, weiß, was da vor sich geht, wenn an jedem Ausgang fünf schwarze junge Männer in nicht nur ähnlichen, sondern teilweise identischen Outfits stehen und alles und jeden mustern. Die Polizei weiß es. Die Dealer wissen, dass die Polizei es weiß. Aber sie wissen eben auch, dass die Polizei ihnen fast nichts anhaben kann, wenn sie dort einfach nur stehen. Denn seitdem eine neue Gesetzesnovelle in Kraft getreten ist, ist es notwendig, jemanden drei mal beim Dealen zu erwischen, bevor man ihm gewerbsmäßigen Drogenhandel nachweisen kann.

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In den letzten Wochen habe ich einige Zeit an der U-Bahn-Station Thaliastraße verbracht und mich mit den Dealern dort über das unterhalten, womit sie ihr Geld verdienen. Dabei habe ich durch die Bank sehr höfliche junge Männer (oder teilweise viel eher Burschen) kennengelernt, die oft nicht einmal annähernd so bedrohlich wirkten, wie es ihre Attitüde im Vorbeigehen vielleicht nahelegen würde. Manche von ihnen waren zwar schon ziemlich abgeklärt, andere wirkten aber eher wie etwas planlose Jugendliche, die in Wirklichkeit gar nichts in so einem Milieu verloren haben sollten.

Gleichzeitig bin ich bei einigen der Gespräche aber auch auf diese „Die ganze Welt gegen uns Nigerianer"-Weltanschauung gestoßen, mit der ich schon öfter konfrontiert wurde und die ich auf der einen Seite auch ein Stück weit nachvollziehen kann: Sie kommen mit großen Hoffnungen und landen als Asylwerber wirklich in einer perspektivenlosen und frustrierenden Situation und vielen von ihnen widerstrebt es ganz offensichtlich, beschäftigungslos in einer Asylunterkunft herumzusitzen und auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. Es ist für sie eigentlich nicht einmal wirklich eine Option. Für uns mag es naiv wirken, zu glauben, dass man nach Österreich kommt und innerhalb von ein paar Tagen seinem Traumjob gefunden hat—viele dieser jungen Männer sind aber offensichtlich genau in diesem Glauben hierher gekommen, oder hierher gelockt worden. Auf der anderen Seite weiß ich aber auch aus eigener Erfahrung, wie sehr diese „Keiner-mag-uns-Nigerianer"-Einstellung ab einem gewissen Punkt auch einfach zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden kann: Wenn du sehen willst, dass die Leute hier alle Rassisten und gegen dich sind, dann wirst du letztendlich natürlich auch immer Bestätigung dafür finden. Das ist mir vor allem beim ersten dieser Interviews wieder einmal bewusst geworden.

Michael*, 23

VICE: Wie hast du angefangen, hier Drogen zu verkaufen?
Michael: Ich habe einen schnellen Weg gesucht, hier an Geld zu kommen, denn für uns gibt's hier keine Perspektive, vor allem nicht für uns Nigerianer. Bevor ich nach Wien gekommen bin, habe ich in Italien gelebt, aber dort ist es mir nicht gut gegangen. Ich habe dort aber viel Gutes über Österreich gehört, und dass man hier Aussichten hätte. Also bin ich nach Österreich gekommen, in der Hoffnung auf eine Perspektive. Aber als ich hier angekommen bin, wurde ich in eines dieser verdammten Asyl-Lager gesteckt, und dort war es unglaublich grauenhaft. Wie ein Tier lebt man dort.

Wie lange warst du in dem Lager?
Einen Monat war ich dort. Wir waren dort fast zu zwanzigst in einem Raum und eines Tages bin ich dort mit einem Syrer aneinandergeraten. Er hat mich provoziert, und am Ende hab ich mich mit ihm geprügelt. Also wurde die Polizei gerufen. Die Polizisten haben mich erst gar nicht nach meiner Version der Geschichte gefragt, sondern mich aufgefordert, meine Sachen zusammenzupacken und zu gehen. Ich fragte sie, wo zum Teufel ich denn bitte hingehen soll. Sie meinten, das sei nicht ihre Angelegenheit. Und so fand ich mich auf der Straße wieder. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich weit davon entfernt, auf der Straße zu leben und Drogen zu verkaufen.

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Wann war das?
Das ist erst einige Wochen her. Seitdem schlafe ich am Bahnhof. Die Polizisten haben mich dort liegen gesehen und ich habe ihnen daraufhin versucht, meine Geschichte zu erzählen, aber die meinten einfach, ich soll das Weite suchen. Vor kurzem wurde ich vorgeladen, dort haben sie mich gefragt, warum ich obdachlos sei. Ich hab es ihnen erzählt, und trotzdem bekam ich keine Adresse, an die ich mich wenden konnte, obwohl ich wirklich gewillt gewesen wäre. Als Nigerianer wirst du hier wirklich mies behandelt, die haben keinerlei Respekt für uns.

Warum hast du Nigeria eigentlich verlassen?
Nigeria wäre ja eigentlich ein gutes Land—viele glauben, dass wir dort alle Voraussetzung haben, um uns eine gute Zukunft zu schaffen. Und theoretisch stimmt das sogar. Aber mit den Politikern und der korrupten Polizei dort funktioniert das ganz einfach nicht—die sind alle verdammte Diebe. Jeder kämpft dort um sein eigenes Überleben, es ist ein jeder gegen jeden. Für mich gab es dort keinerlei Zukunft—ich komme aus dem Ghetto und musste irgendeine Möglichkeit auf ein besseres Leben finden. Das war der Grund, aus dem ich nach Europa gekommen bin.

Mir wurde gesagt, dass einem hier geholfen wird, sich eine eigene Zukunft aufzubauen, und jetzt bin ich hier und kein Mensch hilft mir.

Mir wurde gesagt, dass einem hier geholfen wird, sich eine eigene Zukunft aufzubauen, und jetzt bin ich hier und kein Mensch hilft mir. Wenn du dein Land nie verlassen hast, dann weißt du ganz einfach nicht, wie andere Länder wirklich aussehen. Das einzige, was hier jetzt erlebe, ist Rassismus—die Leute hier können Schwarze offensichtlich nicht ausstehen, und ganz besonders keine Nigerianer. Und schon gar keine, die so eine Attitüde haben wie ich. Sie hätten alle am liebsten solche Marionetten, die genau so sind, wie sie sich das vorstellen. Die Schwarzen, die hier ihre Chance und Möglichkeiten bekommen, sind meistens diese verdammten Somalis. Aber die Typen sind in meinen Augen komplett dumm.

Gibt es unter den Dealern sehr viel Rivalität zwischen den unterschiedlichen Landesgruppen?
Schon, ja. Hier in Wien gibt es viele Türken, mit einer Gruppe sind wir erst letzte Woche aneinandergeraten. Wir haben ihnen die Ärsche versohlt. Die glauben, dass sie Gangster sind, aber ganz ehrlich: Wir Schwarzen sind die richtigen Gangster, die sind nur Baby-Gangster. Das kannst du gern so in deinen Bericht schreiben. Wenn ich sage, dass ich Gangster bin, meine ich damit, dass ich mich nicht von der Polizei fürchte oder einschüchtern lasse. Und ich hab auch keine Angst, hier auf der Straße loszugehen und mir einen Joint anzuzünden. Aber erst vor ein paar Tagen ist hier ein schwarzer Kerl von einem anderen schwarzen Kerl angestochen worden. Darüber kann ich dir leider nicht viel erzählen, außer dass ich kein Teil davon sein will, ich unterstütz das nicht. Aber ich bin halt auch nicht der Erfinder der Straßenkriminalität, das ist eben so.

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Ist es sehr gefährlich, diese Arbeit zu machen?
Ja, für uns ist es hier mittlerweile absolut gefährlich. Denn du weißt nie, wer auf dich zukommen wird, wenn du hier herumstehst—du weißt nicht, was er dabei hat, welche Absichten er hat. Das ist ehrlich gesagt kein gutes Gefühl. Gestern ist hier ein Türke auf einen meiner Freunde zugekommen und hat ihn bedrängt—plötzlich holte er ein Messer raus—ein Küchenmesser, riesengroß. Daraufhin haben wir die Polizei gerufen. Aber die Polizisten haben uns gesagt, dass wir scheißen gehen sollen—das sei unser eigenes Problem. Da siehst du mal, wie rassistisch das alles ist. Oft hab ich auch das Gefühl, dass einige der anderen Migranten-Gruppen auch einfach Rassisten sind. Aber ich mach das hier auch nicht, um die Sympathie von irgendjemandem zu gewinnen, ich mach einfach mein Ding. Ehrlich gesagt, sind mir die Tschetschenen und die Türken, die Probleme mit uns haben, ziemlich egal.

Drogenhandel wird hier in Wien ja sehr oft mit Nigerianern in Verbindung gebracht. Findest du das gerechtfertigt?
Ich glaube, die Polizei sagt zwar gerne, dass diese ganze Drogendealer-Sache mit den Nigerianern zusammenhängt, aber sie erwähnen dabei nicht, wie es überhaupt dazu kommt, dass Nigerianer Drogen verkaufen. Wenn man keine Hilfe bekommt, worauf soll man dann bitte warten? Der Grund, warum unter den Dealern viele Nigerianer sind, ist, dass wir keine andere Perspektive haben. Worauf soll ich mich verlassen? Soll ich mich für immer von der Caritas oder irgendwelchen Hilfsorganisationen verpflegen lassen? Ich will einfach nicht ewig noch tiefer sinken. Und deswegen tu ich eben was ich tun muss, um zu überleben. Und ganz ehrlich, wir Nigerianer sind doch bei weitem nicht die einzigen, die hier Drogen verkaufen. Hier in Wien gibt es so viele andere Gruppen, die das auch machen: Türken, Albaner, Tschetschenen, Araber, alle möglichen Migranten. Ich weiß nicht, warum man das immer nur mit den Nigerianern verbindet. Das ist absurd.

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Ich hab eine Frage, die mir bis jetzt keiner beantworten wollte: Bei wem kauft ihr eigentlich eure Drogen?
Das kann ich dir schon beantworten: Bei Österreichern, die haben ihre eigenen Plantagen zuhause. Wir Schwarzen hier kaufen das Gras bei denen—wenn du 20, 50 oder 100 Gramm Gras brauchst, bekommst du es bei denen. Auch das Kokain, teilweise sogar das Heroin. Diese Tatsache erzählt die Polizei den Leuten nie. Die Wahrheit ist, die meisten Afrikaner, die hier dealen, sind erst vor ein paar Wochen oder Monaten über Italien, Griechenland oder Spanien nach Österreich gekommen und haben kaum Kontakte. Und dann heißt es immer, wir sind die, die die Drogen hergebracht haben. Dabei kaufen wir es von den Leuten hier.

Glaubst du, dass du es aus deiner Situation in absehbarer Zeit wieder rausschaffst?
Sicher, warum nicht. Ich weiß sogar, dass ich das schaffen werde. Ich bin 23, ich strebe doch nicht an, den Rest meines Lebens Drogen zu verkaufen.

Daniel, 24

VICE: Wer sind die Leute, die zu dir kommen, um Gras zu kaufen?
Daniel: Das sind ganz unterschiedliche Leute—meistens sind es junge Österreicher, aber auch Leute von überall anders her. Hier in Wien sind aber auch so viele Leute aus anderen Ländern, damit hätte ich davor überhaupt nicht gerechnet.

Seit wann arbeitest du hier, und warum hast du damit angefangen?
Seit etwa vier Monaten—Ich lebe in einem Flüchtlingscamp und fahre untertags hierher. Das Essen dort im Camp schmeckt furchtbar, ich will es nicht essen. Ich bekomme nur 40 Euro im Monat, aber irgendwie muss ich trotzdem an Geld für Essen kommen, verstehst du? Nicht zu essen ist eben auch keine Option. Ganz ehrlich, ich will das hier überhaupt nicht machen. Viel lieber würde ich einen normalen Job haben. Daheim in Nigeria bin ich Lastwagen gefahren. Keine riesigen, sondern solche mit sechs Reifen. Das würd ich am liebsten wieder machen. Ich fahre einfach gerne. Wie schafft man es eigentlich, nicht von der Polizei erwischt zu werden? Hier sind doch permanent Polizisten unterwegs.
Ganz einfach, du musst sehr vorsichtig sein und die Augen offen halten. Hier werden eh jeden Tag Leute erwischt. Aber ich hab eine Frage an dich: Kannst du mir erklären, wie das mit den Gesetzen hier aussieht? Ich habe gehört, wenn ich hier einmal mit Gras erwischt werde, dann muss ich für zwei Jahre ins Gefängnis. Stimmt das?

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Na ja, es gibt ein neues Gesetz, laut dem du dreimal erwischt werden musst, damit sie nachweisen können, dass du gewerblich dealst. Dieses Gesetz soll aber wieder geändert werden–ich dachte aber, ihr hier kennt die Gesetze vermutlich besser als ich.
Nein Mann, keiner konnte mir das bis jetzt ordentlich beantworten. Mir hat letztens einer gesagt, wenn ich hier einmal beim Dealen erwischt werde, dann muss ich in den Knast.

[Auf der anderen Straßenseite sprintet plötzlich eine Gruppe junger Männer vorbei.]

Siehst du das? Das sind die Afghanen, die uns hier immer Stress machen. Die haben oft Messer dabei. Einen Freund von mir haben sie vor Kurzem am Arm aufgeschnitten. Ich versuche immer, mich mit ihnen gut zu stellen, aber das funktioniert nicht so wirklich. Manche von denen sind auch sehr rassistisch. Das passiert einem auch bei Österreichern immer mal wieder, dass Rassisten zu einem herkommen. Aber die meisten Österreicher sind nette Leute, denke ich.

[Auf der anderen Straßenseite fährt ein Polizeiauto mit Blaulicht vor. Aus der Station werden zwei junge Männer in Handschellen von Polizisten zu dem Polizeiauto gebracht] Schau, jetzt haben sie jemanden erwischt. Das mit der Polizei geht hier die ganze Zeit so dahin. Und ich glaube, wir stehen hier ziemlich ungünstig herum. Wenn sie uns hier zu zweit so stehen sehen, dann werden sie sagen, ich war gerade dabei, dir was zu verkaufen.

Ich schätze, das heißt, ich suche jetzt am besten das Weite, oder?
[grinst] Ich schätze auch, dass das am sichersten wäre.

John, 17

VICE: Seit wann bist du in Österreich und warum bist du hergekommen?
John: Letzte Woche am Montag bin ich hergekommen. Davor war ich sechs Monate in Italien. In Abuja, wo ich herkomme, gibt es Banden mit richtig üblen Typen—und die wollten, dass ich mich ihnen anschließe. Aber ich habe mich geweigert, weil ich Christ bin. Das ist gegen meine Überzeugungen. Würden mich diese Leute finden, würden sie mich töten. Sie haben mich sogar angeschossen, am Arm, aber Gott sei Dank war es nur ein Streifschuss. Also bin ich abgehauen.

Bist du übers Mittelmeer nach Europa gekommen?
Ja, mit einem dieser riesigen Schiffe, groß wie ein Haus. Über 350 Leute waren wir auf dem Boot. Die Überfahrt hat acht Stunden gedauert, dann sind wir in Sizilien angekommen. Alles zusammen war ich aber einen Monat unterwegs. Dann war ich in Italien—ohne Job, ohne einen Schlafplatz. Ein Freund hat mir zu dieser Zeit gesagt, dass ich nach Österreich kommen sollte. Ich will nämlich einen Barbershop aufmachen und Haare schneiden.

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Kannst du gut Haare schneiden?
Sehr gut sogar! Das ist mein Beruf, damit hab ich in Nigeria mein Geld verdient. Aber jetzt bin ich hier in Europa und es geht nicht, ich kann nicht arbeiten. Ich bin nicht glücklich, verstehst du?

Na ja, du bist ja auch erst eine Woche hier, so schnell geht hier nichts. Was mich interessiert, wie bist du schon in deiner ersten Woche hierher zur Thaliastraße gekommen?
Ein Freund hat mir gesagt, dass ich hierher kommen soll. Aber hier ist es auch ziemlich ungemütlich—die Polizei ist die ganze Zeit da und schaut einem auf die Finger. Was ich nicht verstehe: Ich hab ja Dokumente. Wenn ich arbeiten dürfte, hätte ich dieses Problem hier gar nicht. Wenn ich zumindest ein bisschen Geld bekommen würde, müsst ich das nicht machen.

Aber jetzt bin ich hier in Europa und es geht nicht, ich kann nicht arbeiten. Ich bin nicht glücklich, verstehst du?

Aber du bist Asylwerber, oder? Da müsstest du doch zumindest monatlich ein wenig Geld bekommen.
Vierzig Euro bekommen wir im Monat, das wars. Schlafen tu ich in dem Flüchtlingsheim aber die Sanitäranlagen und das Essen dort sind widerlich. Ich verbringe dort so wenig Zeit wie möglich. Hey, wo bist du eigentlich her? Italien?

Ich? Ich bin Österreicher. Mein Vater kommt aber auch aus Nigeria.
Nigeria? Wirklich? Woher genau?

Er kommt aus Lagos.
Echt jetzt? Verarschst du mich? Nein, wirklich.
Das ist großartig, Mann, das gefällt mir. Lagos ist eine tolle Stadt. Aber manche Gegenden dort sind gefährlich. Aber gefährliche Ecken gibt's in jeder Stadt, sogar hier.

Verkaufen die meisten Leute hier nur Gras?
Ich weiß es ehrlich gesagt nicht einmal, ich persönlich weiß nur von Gras. Ich kenne selbst erst ein paar wenige Leute hier. Ich rauche selber nicht einmal Gras. Ich will mir nur ein bisschen Geld verdienen. Ich mach das hier jetzt vielleicht noch ein paar Monate und früher oder später kann ich hoffentlich endlich als Friseur arbeiten.

Tori auf Twitter: @TorisNest

* Die Namen wurden von der Redaktion geändert. Viele der Aussagen—etwa Michaels Erlebnisse mit der Polizei—ließen sich nicht überprüfen.