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Das waren Osama bin Ladens Pläne für Deutschland

Die US-Geheimdienste haben hunderte von bin Ladens geheimen Dokumenten freigegeben—darunter auch ein Strategiepapier für den Dschihad in Deutschland.

von Alexander Nabert
22 Mai 2015, 2:32pm

Osama, zu besseren Zeiten. Foto: imago/ZUMA Press

Osama bin Laden war knapp 10 Jahre der meistgesuchte Terrorist der Welt. Zeitweise betrug das Kopfgeld, das die USA auf ihn ausgesetzt hatten, 50 Millionen Dollar, bis er 2011 bei der Stürmung seines Anwesen in Pakistan von einer Navy-Seals-Spezialeinheit erschossen wurde.

Bei dieser Operation nahmen die Special Forces Dokumente und Publikationen aus dem Versteck des Terrorfürsten mit. Jetzt gab der Koordinator der US-Geheimdienste Hunderte Dokumente frei—als Original-Scans und mit einer englischen Übersetzung. Außerdem gibt es eine sortierte Bibliografie über Aufsätze und Bücher aus dem Fund. Darunter findet sich vieles, das Aufschluss über die Ideologie und Methoden bin Ladens bietet, aber auch Triviales wie ein Sammelkartenspiel zu Verschwörungstheorien.

Auch interne strategische Debatten der Terrororganisation können mittels Briefen nachvollzogen werden: Während viele Terroristen auf kleine Anschläge setzen wollten, plädierte bin Laden bis zuletzt für Aktionen im großen Stil gegen die USA. Die zentrale Aufgabe al-Qaidas sah der Anführer darin, „die US-Bevölkerung und ihre Vertreter zu ermorden und zu bekämpfen". Aber auch Deutschland war ein Thema in der Villa des Top-Terroristen.

Das zentrale Dokument, das sich mit Deutschland befasst, ist eine Art Mischung aus Factsheet und Strategiepapier. Der Text wurde frühestens 2009 geschrieben. Der Autor ist unbekannt, es könnte sich genau so gut um bin Laden handeln oder auch um einen anderen Dschihadisten. Jedenfalls gibt das kurze Papier unter der Überschrift „The German Economy" Einblick in die Haltung des Terrornetzwerkes gegenüber Deutschland. Angetrieben ist es vor allem von dem strategischem Ziel, dass die Bundeswehr aus Afghanistan verschwinden soll. Wir sind das Dokument durchgegangen und haben die wichtigsten Punkte rausgesucht:

Automobilindustrie und Boykott

Das Papier arbeitet zunächst die wirtschaftliche Stärke der Bundesrepublik heraus: Deutschland sei der Motor Europas und Export-Weltmeister. Der Autor wirft mit Zahlen zur Volkswirtschaft nur so um sich, insbesondere der Außenhandel mit arabischen Staaten ist für ihn von Interesse. Das nicht ohne Grund. Im Papier wird ein möglicher Boykott der deutschen Automobilindustrie angeregt. Dieser würde „zu einem Verlust von Jobs, niedrigeren Steuereinnahmen und anderen Schäden" führen. Das würde einen Dominoeffekt auslösen, der dann auch andere Branchen wie die Chemie- oder Stahlkonzerne treffen könnte. Spannend dabei: Das Wort „Dominoeffekt" steht im arabischen Papier auf Deutsch.

Jedoch stand der Boykott offenbar nicht kurz bevor. Es findet sich der Gedanke in den Ausführungen, dass es sinnvoll wäre, einen Ersatz für die deutsche Technologie zu haben. Hier werden Japan und Südkorea als mögliche Ersatzlieferanten ins Spiel gebracht, jedoch gibt der Autor des Papiers freimütig zu: „Ich weiß gar nichts über Japan."

Israel und Juden

Geraten wird in dem Strategiepapier, dass man mit Deutschen nicht über Israel reden sollte: „Mein Rat: Vermeidet es, mit Deutschen über Juden und Palästina zu reden. Bei diesem Thema sind sie sehr empfindlich. Gespräche werden negative Folgen für unser Ziel haben." Als Ziel in diesem Kontext wird der Abzug der deutschen Truppen aus Afghanistan angegeben. „Die Leute werden unsere Position verstehen. So Gott will." Offensichtlich war der Autor noch nie auf einer Mahnwache für den Frieden—sonst wüsste er, dass nicht alle Deutschen so super zimperlich mit „Juden und Palästina" umgehen, wie er sich das ausmalt.

Schäuble und Mohammed

Während die Kanzlerin mit keinem Wort erwähnt wird, hatten die Terroristen offenbar Wolfgang Schäuble auf dem Radar. Dieser hatte als Innenminister nach der Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen in Dänemark und der Aufdeckung von Mordplänen gegen den Zeichner 2008 gefordert, dass alle europäischen Zeitungen aus Solidarität die entsprechende Karikatur nachdrucken sollten. Und Schäuble, so heißt es weiter, sei ja nun mal nicht irgend ein Minister, sondern „der Innenminister des Landes mit dem größten Verlag in Europa". Der Name taucht dann wieder als deutscher Begriff zwischen arabischen Schriftzeichen auf: der Axel-Springer-Verlag.

Ein Screenshot aus dem Dokument

Journalisten und Afghanistan

Da man sich nicht so ganz auf Gottes Willen verlassen will, bringt das Papier noch als weitere Strategie ins Spiel, Angst unter Journalisten zu verbreiten, indem man sie zum Ziel von Terroranschlägen macht. „Wenn die Medien Angst haben, wird die Barriere zwischen der Wahrheit und den Menschen fallen. Aus Angst um ihre Leben werden die Medien das veröffentlichen, was die Leute dazu bringt, diejenigen zu wählen, die den Abzug der Truppen fordern." Wenn man diese Zeilen heute liest, muss man unweigerlich an den Anschlag auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo Anfang des Jahres denken, der von Tätern durchgeführt wurde, die sich zu al-Qaida im Jemen bekannt hatten.

Fazit

Es sieht so aus, als hätte das Terrornetzwerk al-Qaida keinen ausgeklügelten Master-Plan für Deutschland gehabt—zumindest lassen sich in den aktuellen Veröffentlichungen keine Hinweise darauf finden. Deutschland wurde zwar eine entsprechend wichtige Position in Europa zugerechnet, war aber augenscheinlich weniger interessant im Versteck des Terrorführers. Wichtiger waren akute Vorgänge im Nahen und Mittleren Osten, außerhalb davon die Vereinigten Staaten von Amerika. Selbst zu Frankreich finden sich wesentlich mehr Dokumente in „ Bin Ladens Bücherregal".

Sowohl ein groß angelegter Boykott als auch Terror gegen Journalisten in Deutschland waren bei al-Qaida noch im theoretischem Stadium. Mittlerweile hat das einstige Terrornetzwerk Nummer 1 mit Bedeutungsverlusten zu kämpfen. Zur Zeit bindet der Bürgerkrieg mit dem Islamischen Staat Kräfte vor Ort. Doch so wie diese Überlegungen in bin Ladens Schublade lagen, werden sie auch in den Köpfen von anderen Dschihadisten sein, deren Zeit vielleicht noch kommt. Es gibt auch vier Jahre nach der Tötung des Terrorfürsten keinen Grund zur Entwarnung. Die Anschläge auf Charlie Hebdo und den koscheren Lebensmittelladen in Paris führten das dem Westen jüngst wieder vor Augen.

Mehr von Alexander Nabert gibts auf Twitter: @nabertronic

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